So ein glücklicher Baum, dachte die steinalte Sophia auf ihrem Spazierweg, er trägt ein Zeichen, das genau das heutige und das morgige Datum erwischt. Der 2. August verliert schon ein wenig an Sättigung und der 3. August verspricht ein geheimnisvolles Glühen. Beschwingt ging sie weiter – rund um den See in der regenreichen Waldlandschaft. Da brach die Sonne durch die Wolken. Sophia nahm Luft und Licht tief auf und empfand eine große Dankbarkeit ob ihrer kleinen Erlebnisse.
Kostbare Sockel für seltene Dinge
Da ist es – mein Buch.
Es ist in Leinen gebunden, hat 172 Seiten mit 76 farbigen Bildern. Sie zeigen Mineralien, Fossilien, Artefakte aus meiner Sammlung auf eigens dafür erfundenen Sockeln. Im Buch verteilt stehen auf 23 (!) Seiten Gedichte und Sätze von Nora Gomringer und Gedichte von Steffen Popp den Bildern gegenüber.
Ein Dialog zwischen mir und meinem Bruder Gregor J. M. Weber führt in die Thematik des Sammelns seltener Dinge und in die Geheimnisse der Kunst- und Wunderkammern ein.
Gestaltet hat das Buch Anke Berßelis. Es erscheint im Salon Verlag & Edition, Köln und über die Buchhandlung Walther König kann man es erwerben.
https://www.salon-verlag.de/book/kostbare-sockel-fuer-seltene-dinge/
Herzstärker, Hirnleuchter

Ein Bild finde ich ohne großen Aufwand, ich selektiere wissenden Auges. Den Ausschnitt, das Componere, kann ich hinterher allerdings noch manipulieren. Auf meine Vorlieben für Kontraste, Farben, Formen, Rhythmen, Ordnungen und ureigene Archetypen verlasse ich mich blind. Blind trifft für mich in diesen Tagen zu, da die Reichweite mit dem Körper aufsuchbarer Bilder klein ist, wogegen die immense Bilderflut medialer Art zu groß geworden ist.
Aufgefundenes Bild vom Rheinufer, Fotografie RW, Juli 2021
Fremdkörper
Komm her tilo komm tilo komm tilo tilo schreit der mann am rhein bei drückender temperatur es ist kühl aber schwer der graue tag die kleine scherbe macht ein gesicht wie sieben tage regenwetter ein hohn angesichts der flutkatastrophe ich gab ihr einen roten thron trotzdem weil es mir gefiel die kleinen augen so nah am rand.
Porzellanscherbe in Lilie, Fotografie RW, 24. Juli 21
23 Koprolith
Ob in meinem Koprolith aus Utah, USA auch mikroskopisch kleine Insektenteile enthalten sind? Dazu müsste ich tief in den versteinerten Dinodung hineinschauen können. Gewaltig große Tiere fraßen vor Millionen von Jahren mannshohe Gräser, rissen mit ihren Mäulern Blätter von haushohen Bäumen und nahmen dabei Käfer, Fliegen und Spinnen auf. Wie ich las, gab es in ihrem Zeitalter Rieseninsekten mit Flügeln bis zu 20 Zentimetern lang, zugleich aber auch wenige Millimeter große Tierchen. Der Saurier aus dem Artikel war allerdings ein nicht so imposanter Vertreter der Gattung Silesaurus, der auf dem Gebiet des heutigen Polens lebte – nicht sehr groß und von einem viel früheren Zeitabschnitt als die Dinosaurier aus Utah, von denen die meisten ja wohl Fleischfresser waren.
Koprolith, Sammlung RW, und Zeitungsausschnitt 23 Dino-Kot, Fotografie RW 23. Juli 2021
Nicht vorstellbar
Vor einem Jahr, Anfang August, war ich an der Ahr, fotografierte dieses Haus in Walporzheim wegen seiner altertümlichen, schönen Loggia.
Etwas Schreckliches ist passiert. Die Flutwelle, so hoch wie das Halteverbotsschild im Bild, wälzte sich an dem Haus vorbei, in unmittelbarer Nähe des alten berühmten Weinhauses, wo wir gerne aßen und tranken. Das Wasser kam mit einer unvorstellbaren Gewalt, führte Baumstämme, Autos, etliche Weinfässer, große Bauteile mit sich. Das alles stapelte sich meterhoch in der relativ schmalen Straße. Ich sah dies auf einem im Internet veröffentlichten Foto. Dabei liegt das Haus nicht unmittelbar an der Ahr. Nach immensen Regenfällen von zwei Tagen stieg das Wasser im Fluss am 15. Juli fast sechs Meter hoch, noch am 10. Juli maß die Höhe nur 70 cm. Nicht nur das ganze Ahrtal ist betroffen. Schlimme Bilder von Überschwemmungen und Erdrutschen an den Flüssen des Rheinlandes und der Eifel sehen wir in den Nachrichten. Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben inzwischen 141 Todesopfer zu beklagen.
Noch habe ich nicht begriffen, wie so etwas möglich ist. Die Schnelligkeit der Naturgewalten, zu späte oder zu langsame Evakuierungen? Unvorhersehbare, unvorstellbare und unterschätzte Kräfte? Die Wetterstationen sollen wohl gewarnt haben.
Haus in Walporzheim, invertierte Fotografie RW, August 2020
Aby Warburg 23a
Im Bilderatlas Mnemosyne von Aby Warburg gibt es insgesamt 63 Tableaus. Ich habe sie mir angeschaut in der Bundeskunsthalle zu Bonn. In einer großen, abgedunkelten Halle sind sie eindrucksvoll nach ursprünglichem Zustand mit originalem Bildmaterial aufgebaut. Die Zeit zu genauem Betrachten und Lesen dieses weitreichenden Kosmos nahm ich mir nicht, das hätte Tage gedauert. Ich ging punktuell von Tafel zu Tafel, so dass die freundliche Aufseherin sich gemüßigt sah, mich zu ermahnen, ich ginge nicht in der richtigen Reihenfolge des Betrachtens vor. Es gibt ein riesiges Buch zur Ausstellung, worin man in Ruhe alles ansehen kann, außerdem ist es möglich, den Bilderatlas online zu studieren. Neben zahlreichen mir vertrauten Kunstwerken in Scharzweißfotografien, Nachzeichnungen und frühen Papierkopien fand ich auf einem Tableau geometrische Körper. Davon wurde mein Blick angezogen. Der Pentagondodekaeder gehört hier zu the amusing game of dodecahedron of fortune (1560, Paris). Ein lustiges Spiel zum Auffinden des Glücks. Die Allegorien der Fortuna, der Occasio (die man beim Schopfe packen muss) des Kairos (des glücklichen Augenblicks) fand ich auf anderen Tafeln. Später schaute ich mir das in der Vorhalle des Museums ausliegende Riesenbuch an, und sehr schnell hatte ich die Seite mit dem Pentagondodekaeder gefunden. Da sah ich zu meiner allergrößten Freude, dass es Tableau 23a war.
https://www.bundeskunsthalle.de/aby-warburg.html
«In den 1920er Jahren entwickelte der Kunst- und Kulturwissenschaftler Aby Warburg (1866–1929) seinen Bilderatlas Mnemosyne, der wiederkehrende visuelle Themen, Gesten und Muster von der Antike über die Renaissance bis zur Gegenwartskultur nachzeichnet.» Zitat Bundeskunsthalle Bonn
Aby Warburg, Tafel 23a, Fotografie RW, 13. Juli 21
ruth23weber.de
Im Studio
Alles geht mir kaputt am Arbeitstisch.
Das alte Glasauge aus Marburg, zersprungen.
Der Zweig von gediegen Kupfer, zerbrochen.
Das Bergkristallhändchen aus Antwerpen, entzwei.
Jetzt pass nur auf, das die Korallenästchen heil bleiben.
Die kleinen Lebensadern.
Und der violette Oktaeder nicht zerspringt.
Arbeitstisch im Wintergarten, Fotografie RW, 10. Juni 2021
Der Chinese auf Platz 24 hört Beethoven
Heute hat mich ein Foto sehr beeindruckt: Ein junger Chinese sitzt mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen in einem Konzertsaal. Sein Platz trägt die Nummer 24. Seine Hände sind aufrecht gefaltet, die Spitzen der Finger enden unter der Nase. Obwohl er sich nach vorne beugt, seine Ellbogen auf den Knien abstützt, wirkt er aufrecht, konzentriert gespannt, in geraden Linien. Seine Finger verlängern die Senkrechte der Nase, unter den gefalteten Händen zeigen die hellen Knöpfe seines dunklen Hemdes eine weitere Senkrechte. Die jeweils zwei Knöpfe an den Ärmelabschlüssen rechts und links bilden zusammen mit den aufrecht gefalteten Händen den Abschluss eines umgekehrten Ypsilons. Die Lidränder der geschlossenen Augen heben sich zur Nase leicht an, so dass sein Blick tatsächlich nach innen zu gehen scheint.
乐 木 水
Ich sehe chinesische Schriftzeichen in der Symmetrie seiner Erscheinung.
乐 Glück 音 Klang
水 Wasser 木 Holz 土 Erde 金 Metall 火 Feuer
Das Wort für Musik ist aus den Zeichen Glück und Klang zusammengesetzt. Die fünf chinesischen Elemente tauchen im System der chinesischen Fünftonmusik auf. Auch fünf Himmelsrichtungen, Planeten, Jahreszeiten und Temperamente werden in diesem System bedacht.
Der junge Chinese hört allerdings Beethoven, gespielt von europäischen Musikern, ein wunderbares Bild.
Der Fotograf Andreas Herzau begleitete die Bamberger Symphoniker 2019 auf ihrer letzten Tournee durch China. Sein Foto des Musik hörenden Chinesen ist auf dem Cover des BAMBERG DIARY #2 (Nimbus Verlag, 2021) zu sehen. Herausgeber ist Holger Noltze.
Rezension zu diesem Buch von Jan Brachmann heute in der FAZ. https://www.nimbusbooks.ch/sites/default/files/faz_5.7.21_bamberg_diary_china.pdf
Meteorit aus Sibirien auf Feuersteinknolle von der Ostsee, Fotografie RW, Sammlung RW, 2021
Aus der Zeit gefallen
Gestern Abend sah ich die weiße Frau von Düsseldorf. Sie kam mir ziemlich spanisch vor. Weiß und Grün sind die Farben einer bekannten Düsseldorfer Waschmittelmarke. 1922 erfindet diese Firma eine weiß gekleidete Frau als Werbefigur. Meine weiße Frau ist dagegen womöglich Künstlerin, vielleicht schon betagter als die steinalte Sophia. Sie geht im beginnenden Regen durch den Park des altehrwürdigen Künstlervereins Malkasten. Ihre weißen Kleider kaufte sie wahrscheinlich in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts während einer ihrer ersten Reisen auf die Balearen. Ein weißer Schirm und weiße Schuhe komplettieren ihren Auftritt. Sie geht allein, obwohl in den anderen Bereichen des Parkes sehr viele Künstlerinnen zusammenstehen, um die Kunst und Kultur von Frauen in einem Jubiläum feiern. Nach fast zwei Jahren sehr eingeschränkter Kontakte will die weiße Frau es wohl nicht übertreiben.





