#Lifegoeson

Die steinalte Sophia hat sich, um nicht in Trübsinn zu verfallen, vorgenommen, mit ihrem wahren Alter zu schummeln. Ab jetzt werde ich vor mir und meinem tiefsten Innern behaupten, ich sei erst in der Mitte des Lebens angekommen und nicht an seinem Ende. Vor wenigen Tagen ist eine Freundin gestorben, die sie seit den Studienjahren kannte. Bei den Todesanzeigen in den Tageszeitungen nimmt die Anzahl der Personen ihres wahren Alters zu. Wie freut sie sich, wenn sie dort liest, dass ein Verstorbener in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts geboren wurde. Neulich fand sie sogar eine Frau von 1917. Seit sie ihre Eltern und deren Geschwister beerdigen musste, ist das Thema des Abschieds nicht mehr aus ihrem Kopf zu vertreiben. Da hilft auch das Fotografieren nicht. Und doch fotografiert die eine die andere auf den zahlreichen Geburts- und Festtagen und der Herbst ist sowieso die dunkle Zeit, auch wenn er golden ist und die Spinnweben fliegen durch die Luft. Altweiberfäden.

Fotografieren auf dem 65. Geburtstag der verstorbenen Freundin, Fotografie RW 2012

Die Equilibristin


Um aus Heterogenem ein Gleichgewicht auszutarieren,
bedarf es der Kombination einiger Dinge aus unterschiedlicher Herkunft.
Erstens: einer alten Garnrolle aus Frankreich
Zweitens: eines abgerollten Stiels aus Glas vom Rheinufer
Drittens: eines Korallenästchens aus dem Mittelmeer
Viertens: eines Paars von Rotwildzähnen in Silber gefasst.
Von einer überschaubaren Anzahl kleiner Eingriffe
zum Tanz aufgefordert, führt die Equilibristin ihr Kunststück vor.

Sockelobjekt RW, Fotografie RW, Oktober 2021

Gedichte, Gedichte und ein Baum

In jüngster Zeit lese ich mehr und mehr Gedichte. Und bin den Autorinnen und Autoren auf ihren Lesungen begegnet. Die großartige Nora Gomringer traf ich in Düsseldorf. Wir kommunizierten bislang nur per mail  – sie hatte ja für mein im August erschienenes Buch «Kostbare Sockel für seltene Dinge» zwölf Sätze und zwei Gedichte zur Verfügung gestellt. Bei ihrer Lesung war ich tief beeindruckt von ihrer kraftvollen schönen Stimme – einmal sang sie sogar – von ihrer Wandlungsfähigkeit auf der Bühne und ihren klugen Einlassungen im Gespräch mit Christoph Buchwald. Sie signierte mir ihre «Gottesanbieterin» und unser gemeinsames Buch und wir machten mindestens hundert Erinnerungsselfies.
Den ebenso großartigen Michael Krüger traf ich am darauffolgenden Tag. Er las aus seinem Gedichtband «Im Wald, im Holzhaus». Wie er erzählen kann – an kleine Beobachtungen Großes zu binden, gelingt ihm scheinbar mühelos. Und er zeichnete mir drei Wolken mit kleinen Kernen in sein Buch als Widmung für mich.
Marion Poschmann las am gestrigen Abend aus ihrem Gedichtband «Nimbus». Hier hörte ich ihre hinreißenden «Seladon-Oden». In den Farbton Seladon habe ich mich auch verliebt, der Leinenumschlag meines neuen Buches hat genau dieses unbestimmbare Graugrünblau  «…ein zaubrisches Grau…verhaltene Prachtentfaltung eines antiken Chinas».
Ich kaufte dann am Büchertisch noch das schöne Bändchen «Proben von Stein und Licht» von Anja Kampmann und ließ mir von Christoph Buchwald  sein (letztes) «Jahrbuch der Lyrik» 2021 signieren. Er schrieb hinein: «Gedichte für jeden Tag».

Fußboden in Gross-St. Martin, Köln, Fotografie RW, Aschermittwoch 2013
Link zu den Lesungen im Heinrich Heine Haus Düsseldorf
https://www.youtube.com/watch?v=vm3XKVcUYLo

Macroglossum stellatarum


So einen schönen lateinischen Namen hat das Taubenschwänzchen – ein eigenartiger Schwärmer mit sehr langem Rüssel, den er dekorativ einrollt oder lang streckt, um in die schmalsten Blütenkelche zu gelangen. Wie ein Kolibri schwirrt er mit sehr schnellem Flügelschlag umher, so dass man seine prächtigen Farben nicht genau studieren kann. Seinen deutschen Namen hat er von den zweigeteilten, schwarzweißen Büscheln am Hinterleib. Auf den Flügeln leuchtet es ockerorange neben einem rosabelasteten Karamell. Unvorstellbar, wie er es vermag, die winzige Öffnung der violetten Blüten mit der Fühler-dünnen Zunge genau zu treffen. Warum er auch noch stellatarum heißt, kann ich mir nicht erklären. Dass er als Bestirnter mir aber genausoviel Freude macht wie das nächtliche Firmament, ist ja wohl sternenklar.

Taubenschwänzchen in einem Oberkasseler Vorgarten, Fotografie RW, September 2021

Kristall, Licht und die 23

Einem Zuhörer vor Jahren, dem ich meinen Traum von der 23 erzählte, fiel auf, dass ich ja eigentlich auf der Suche nach der Eins sein müsse. Die unbekannte Frau in meinem alten Traum hatte mich aufgefordert die Zahl 24 zu finden, das bringe Glück und dann aber gesagt:
»Deine Zeit ist verstrichen! Hier aber ist die Lösung:
Nimm das Wort
IDEE
Jeder Buchstabe im Alphabet
hat gemäß seiner Stellung
eine ihm zugeordnete Zahl.
Die Quersumme von Idee ist demnach 24.«
Das stimmt nun aber nicht, wie ich beim Aufwachen nachrechnete, die Quersumme ist 9455 und das ergibt 23. Der Zuhörer vor Jahren kam aus England und nun fiel mir neulich mitten in der Nacht auf, dass ich das englische Wort für Idee nehmen könnte, was hat das wohl für eine Quersumme?
IDEA ist 9451 ist 19 ist 10 ist 1

Das Licht auf Kristallen, digital veränderte Fotografie RW, 22. September 2021
Der vollständige Traum zur 23 unter der Kategorie Wort auf ruth23weber.de

Sonntags im Gebirge


Fährt man am Sonntag mit der Bergbahn auf den Hausberg Mittag bei Immenstadt, um dort am ökumenischen Gottesdienst teilzunehmen? Oder nimmt man den Bus nach Hirschegg ins Kleinwalsertal, um in der Pfarrkirche Sankt Anna eine heilige Messe zu feiern?
Nein, man wandert stattdessen nach dem Frühstück in Oberstdorf an der milchig blaugrauen Stillach entlang bis in den Wald bei Schwand, kehrt kurz hinter den Kiesgruben um, da ein Wind sich hebt, die Blätter von den Ebereschen heruntertrudeln, ganze Ästchen sich fallend schnell um die eigenen Achsen drehen. Der Himmel hat sich längst bewölkt, die Gipfel der Berge sind verborgen. Gerade zurück im Haus – setzt der Regen ein. Müde und verschwitzt lässt man sich auf die Betten fallen.
Der Schlaf der vergangenen Nacht war nur von kurzer Dauer. Am Geburtstagsabend davor hatte ein freundlicher Gastgeber wieder und wieder den Wein nachgeschenkt, bis man sich an den immer abstruser werdenden Gesprächen über lokale Dialekte nur noch mit schwerer Zunge beteiligen konnte. Auf dem nächtlichen Weg nach Hause war der Himmel ungewöhnlich klar gewesen und man konnte den Blick nicht abwenden – überwältigt von der Vielzahl der sichtbaren Sterne. Der Orion zeigte sich riesig am Firmament. Solch große Himmel war man im Rheinland nicht mehr gewohnt.

Hinterglasmalerei aus Miltenberg, Fotografie RW, 2021

Im Nass

Der Wald ist nass. Das Wasser trieft von den Bäumen, fließt die Stämme entlang. Der Waldelefant hebt den Rüssel, um ganz langsam die nassen Blätter vom Baum zu ziehen. Er verursacht dabei ein ächzendes Geräusch. Der Puls der steinalten Sophia klopft schneller, aber sie ruft dem Geist nichts zu, ganz langsam, ein wenig keuchend steigt sie den dunklen Weg weiter hinauf. Die aufkommende Dämmerung ist ihr zunehmend unheimlich. Das ächzende Geräusch wird leiser, nun hört sie das Gurgeln und Plätschern eines kleinen Baches, der rechts vom Berghang herunterfließt. Eine schwach schimmernde Kaskade auf steinschwarzen und erdenbraunen Stufen, die ihr so sehr gefällt, dass sie lange dort verweilt. Das Wasser findet seinen Weg, ohne ihr Zutun, fortwährend fließend.

Im Regenwald bei Oberstdorf, Fotografie RW, September 2021

Zeit

So gehts mit der zeit
wird festgehalten
auf deubel komm raus
das haus das fachwerk der brunnen
der markt am schnatterloch in miltenberg
winters wie sommers
vor jahrhunderten erbaut

Der Markt in Miltenberg mit dem Hotel «Schmuckkästchen», Fotografie RW, 2021,
Ausschnitt aus dem Gemälde «Miltenberg Markt» von Jakob Fischer-Rhein, 1947, Museum der Stadt Miltenberg

Brieflesendes Mädchen – mit Amor

Das Bild ist nun ganz anders: hinter der jungen Frau ist das große Wandbild mit dem Amor freigelegt worden. In einem sehr aufwendigen Verfahren wurde unter dem Mikroskop Farbpartikelchen für Farbpartikelchen abgetragen. Die alte weißgraue Übermalung ist nun historisch, historisch ist aber auch, dass sie nicht von Vermeers Hand war. Als das Bild 1742 angekauft wurde, war sie schon da. Der Amor ist uns schon als Bild im Bild bei zwei weiteren Gemälden Vermeers vertraut. Im Londoner Vermeer hält der gleiche Cupido eine kleine Karte in der Hand. Diese und auch die Darstellung eines Liebesgotts mit Masken zu Füßen ist aus alten Emblembüchern bekannt. Im Emblem hält der Amor eine Karte mit der Zahl 1 hoch, auf eine Tafel mit weiteren Zahlen tretend 2 3 4 5 6 7 8 9 10 … Will sagen, nur die eine Liebe zählt. Der Amor, der im Dresdner Bild auf das Innere einer Maske tritt, meint wohl, dass jede Liebe ohne Falsch sein soll, wahre Liebe keine Verkleidung brauche. Im Emblembuch hält er jedoch auch einen Ring hoch in der Hand. Nun ist interessant, was der Amor auf dem Dresdner Bild in der linken Hand halten könnte. Einen Ring oder eine Karte? Und warum tritt er auf die innere Seite einer dunklen Maske, während die zweite goldene, halb verdeckt, richtig herum liegt. Warum verbirgt Vermeer das Bild mit dem Vorhang, der auch auf einen Raum außerhalb des Bildes verweist, das heißt, vor dem eigentlichen Bild hängt?
Ich sehe in diesem Zusammenhang den Vorhang, der das Bild ganz verhüllen könnte, die Spiegelung des brieflesenden Mädchens im Fenster und die beiden Masken in einem Motivkontext. Hier gibt es eine Analogie zwischen Innerem und Äußerem. Zwischen der Möglichkeit einerseits – Innerstes – Gedanken im Kopf – Verborgenes ahnen zu können, oder nur das Abgewandte, das Äußere, die Erscheinung einer Person betrachten zu können.

Ich freue mich auf den Katalog zur Dresdner Ausstellung, die das neue Bild feiert. Habe ihn schon bestellt, leider ist er noch nicht angekommen, bin aber so gespannt auf die Beiträge im Buch.
Es ist von einigen kritisiert worden, dass man den gewohnten Vermeer nicht in seiner seit Jahrhunderten bekannten Gestalt belassen hat. Dass der Amor anwesend ist, wusste man schon seit Röntgenaufnahmen aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Hätte man das nun freigelegte Bild nicht rein digital rekonstruieren können und den Vermeer damit nicht solchen Strapazen aussetzen müssen? Ich glaube, so ist es gut jetzt, Vermeer ist wieder der Wahre.

„Johannes Vermeer. Vom Innehalten“ in der Gemäldegalerie Alte Meister Dresden
https://www.skd.museum/besucherservice/presse/2021/ein-liebesgott-taucht-auf-vermeers-brieflesendes-maedchen-am-offenen-fenster-vollstaendig-restauriert/