Westöstlicher Turmbau

Das Fundament des Turmes bildet ein Backsteinfragment, ein behauener Stein, fast wie das Bruchstück einer neogotischen Pfeiler-Ecklösung. Vielleicht sogar älter? Gefunden am Ufer des Niederrheins sehr nahe bei der Bieslicher Insel, wo viele römische Funde gemacht werden. Das nahe Xanten war ja Garnisonsstadt – Colonia Ulpia Trajana. Auf dem Backstein sind nun Eisenkiesel mit Achat- und Jaspisanteilen vom Düsseldorfer Rheinufer aufgetürmt. Als Zwischengürtel fungieren sogenannte Fuchi. Diese Fuchi sind antike japanische Messergrifffassungen, aus einer Kupferlegierung geschmiedet, mit Ornamenten versehen und vergoldet. Ich habe zu den Fuchi auch noch die passenden Kashira, das sind die verzierten Endstücke der Messergriffe. Heuschrecken und Blüten kann man entdecken und die Wellen der Flüsse und des Ozeans.

Der Turm, Kombination aus Steinen und Fuchi, Fotografie RW, Sammlung RW, 16. Dezember 2022

Bergkristallkugel

In der Ausstellung Magie Bergkristall im Kölner Museum Schnütgen ist auch ein kleines Tafelbild mit dem Salvator Mundi zu sehen. Es war ursprünglich der rechte Teil eines später verloren gegangenen Diptychons, links war die Mutter Gottes abgebildet. Der Weltenretter hat die eine Hand segnend erhoben, die andere legt er auf die Kristallkugel. In ihr erscheint eine nächtliche Küstenlandschaft im Mondschein, aber auch die Reflexion eines Fensters und die Spiegelung der Fingerkuppen des Erlösers. Die Materialität des Kristalls wird dadurch deutlich, zunächst als spiegelnder Körper. Aber auch als durchsichtiger, der zum Ort einer imaginären Welt wird. Die Kugel ist also ganz real von dieser Welt und doch ein Mysterium. Das gibt eine große Verwirrung. Die Realität des segnenden und die Kugel haltenden Salvators ist ja eigentlich die göttliche Sphäre, aber mit irdischen physikalischen Gesetzen. Die dunkle Nacht in der Kugel ist die irdische Welt der Menschheit, die der Erlösung bedarf. Einen deutlichen Hinweis auf den Opfertod des Erlösers gibt die goldene Gewandschließe mit der Dornenkrone. Darin Moses, der auf die zehn Gebote hinweist.

Salvator Mundi, Ausschnitt, Südliche Niederlande, Antwerpen um 1500, Katharinenkonvent Utrecht, Fotografie RW, im Museum Schnütgen, Köln, Dezember 2022
siehe auch meine weiteren Beiträge
zum Salvator Mundi in diesem Blog 

In der Kunstkammer


Mit 23 Gelehrten besuchte der indische Prinz die Ausstellung Magie Bergkristall im Museum Schnütgen in Köln am Rhein. Unter den Gelehrten waren Mineralogen, Gemmologen, Kunstwissenschaftler, Historiker, Geologen, Religionswissenschaftler und Philosophen. Er diskutierte mit ihnen die einzelnen Exponate, so dass sie fast fünf Stunden in der Ausstellung verweilten.
Die beiden Löwenköpfe, jeweils hohl wohl aus einem Bergkristallblock geschnitten, erkannte der Prinz als königliche Symbole, womöglich als Pfostenbekrönungen eines Throns. Er erinnerte sich an die berühmte Fotografie des Maharaja Yadavindra Singh of Patiala aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Armlehnen seines Throns war mit silbernen Löwen geschmückt, deren Köpfe eine ähnliche Anmutung wie die der Bergkristall-Löwen haben. So sah der Prinz die Löwen in alter orientalischer, vielleicht sogar indischer Tradition. Gefunden wurden sie allerdings in einem Grab im Rheintal, zusammen mit einer Ariadnefigur aus Elfenbein, wohl auch zur Zierde eines Möbels gedacht. Die Forschung vermutet, dass die Bergkristall-Löwenköpfe in der Steinschneide-Werkstatt am Hofe Kaiser Konstatins (reg 306 – 337) in Trier gefertigt worden sein könnten. Für das Museum Schnütgen wurden sie aus dem Musée de Cluny – Musée National du Moyen Age in Paris ausgeliehen.
Nach dem Besuch der Ausstellung lud der indische Prinz seine gelehrten Freunde in ein Kölner Restaurant ein und sie verabredeten sich für 2023 zu weiteren Forschungstreffen über das Gesehene.

Löwenköpfe aus Bergkristall, Exponate der Ausstellung «Magie Bergkristall» im Museum Schnütgen in Köln, (bis 19. März 23), schöner Katalog! Fotografie RW, 8. Dezember 2022

Quarzvarietäten

Der indische Prinz kann es kaum erwarten nach Köln zu reisen, um dort im Schnütgenmuseum die Ausstellung Magie Bergkristall zu besuchen. Es erwarten ihn nicht nur eindrucksvolle Quarzstufen aus aller Welt, sondern vor allem Kunstkammergegenstände, Reliquiare und andere Heiltümer mit und aus Bergkristall, Edelsteinen und Gold. Zu Haus bereitet er sich seit Wochen schon auf die Ausstellung vor, besieht sich nicht nur seine Quarze, sondern auch sämtliche Quarzvarietäten wie Achat, Jaspis, Carneol und den Opal. Heute legt er den Schwarzopal aus Lightning Ridge, Australien auf eine Bergkristallstufe von der Furka in der Schweiz, um den amorphen Aufbau des Opals mit seinem muscheligen Bruch neben der kristallinen Struktur der Bergkristallnadel zu sehen. Aus dem Innern des Opals schimmern azurblaue Farbwolken, vergleichbar mit der Farbe des Lapislazuli aus Afghanistan. Der Bergkristall hier ist nicht klar, zum Teil bedeckt mit gelblichem Limonit. Die Steinschneider des Altertums hätten ihn nicht weiter beachtet, sie verarbeiteten für die kostbaren Gefäße und Skulpturen nur die wasserklaren, reinsten Steine. Und trotzdem liebt der indische Prinz seine Kristallstufe – der Quarz ist für ihn auch Zeichen für den Dezember, dessen ersten Tag wir heute feiern.

Quarz und Opal aus der Sammlung RW, Fotografie RW 2020

Archive

Bin ein bisschen aus der Zeit gefallen, schien es mir heute. Der erste Advent 2022. Ein Novembertag mit grandiosem Sonnenaufgang, aber dann lieber grau, auch kalt. Ein paar Tropfen Regen fielen bei unserem Spaziergang rund um die ehemalige Zollfeste Zons – schöne Weiden und Pappeln, auch ein paar Schafe in den Rheinauen vor den alten Stadtmauern aus Basalt und Trachyt. Fegato di vitello fritto con cipolle aßen wir beim Italiener. Alla prossima sagte ich zum Abschied. Zu Hause suchte ich in meinem Archiv nach einem Novemberfoto der vergangenen Jahre. Ich wurde fündig im Jahr 2016. Paris. Am Abend vor dem Essen bei Bofinger saßen wir in einem Grand Café in der Nähe der Place de la Bastille und tranken einen Coup de Champagne. Hochschauend sah ich die verspiegelte Decke und machte eine Aufnahme, noch mit der Kamera, nicht mit dem Handy wie heute. Paris. Notre Dame war noch nicht in Brand geraten, einfach hineingehen war möglich, zwar mit Kontrollen am Eingang, aber doch leicht hinein. Die Nachmittagssonne leuchtete durch die westliche Fensterrose. Eine große Dorflandschaft mit Weihnachtskrippe war im Kirchenschiff aufgebaut. Es gab bewegliche Szenen. Ich erinnere mich an einen Schmied, der auf seinen Amboss schlug und eine Bäuerin, die einen Korb füllte, ein Mühlrad drehte sich. Das Vieh wurde nach Hause getrieben. Maria und Josef fand ich nicht, sie waren noch auf der Suche nach einer Unterkunft.

Im Café in Paris, Fotografie RW, Winter 2016, bearbeitet 27. 11. 2022

 

Symmetrielehrgang der Spinne


Ein Rad mit 24 Speichen
Tausende von Querachsen
Reihe um Reihe besetzt
mit unzähligen Kristallkügelchen
einige davon größer, die will ich nicht zählen
im Zentrum eine 8
das ist die Zahl der Spinne
rechts imitiert sie Chromosomenpaare
ich zähle 11 von 23
in ihrem Netz.

Spinnennetz mit Tautropfen, Herbst in Reptich, Fotografie RW 2021,
Fotografie für den Symmetrietag 22 11 22

Novembernacht

Des Nachts schaute die steinalte Sophia aus einem Fenster in der Stadt. Es war nicht das vertraute Fenster ihrer Wohnung. Hier war sie fremd. Es war kälter geworden, vielleicht sogar in Richtung Null Grad. Sie dachte an die Stimmung der kommenden Wintertage, das Nikolausfest, die Adventszeit und Weihnachten. Gegenüber fiel ihr ein Kamin auf – ganz sanft drehte sich der aufsteigende Rauch in den Himmel. Unwillkürlich wollte sie daraus wieder Figuren deuten. Ein Kopf, eine Blume, der Buchstabe G – nein, dachte sie, ich nehme das Ganze als gegenstandsloses Bild. Wie die Erfindung eines Malers.

Blick aus dem Krankenhausfenster, Fotografie RW, 18. November 2022

Der gute Hirte von Goa

Der indische Prinz muss ein paar Tage in Quarantäne bleiben. Er muss sich keine Sorgen machen, es sind reine Vorsichtsmaßnahmen. Um der Trübsal zu entkommen, begibt er sich in seine Bibliothek. Ganz besonders gern studiert er heute den Pastor bonus aus dem indischen Goa. Diesen findet er in einem kostbaren Buch über Bergkristall. Der gute Hirte sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen auf einem Kissen. Seinen Kopf stützt er in die rechte Hand. Auf der Schulter kauert ein kleines Tier und seine linke Hand umfasst ein weiteres Tier, das auf seinem Schoß sitzt. Die Tiere sehen seltsam aus. Sollten es Schafe sein? Durch einen mehrstufigen Sockel wird die gesamte Figur erhöht. Alles ist von einem unbekannten Steinschneider aus Bergkristall geschnitten. Aus puren Gold sind die kordelartigen Verzierungen an seinem Gewand, dann folgen Bänder besetzt mit Rubinen, Saphiren und Smaragden. Die Gürtelschließe besteht aus einem kompliziert geschlungenen Knoten. Ganz besonders gefallen dem indischen Prinzen die goldenen Sandalen des Hirten, deutlich ist zu sehen, wie ein Goldsteg den großen Zeh von den übrigen trennt. Wie gern würde er dieses schöne Objekt einmal in Wirklichkeit sehen. Aber nach London reisen, um die Wallace Collection aufzusuchen, darf er zur Zeit nicht. Das Kissen, auf das sich der gute Hirte stützt, erinnert ihn in der Form an eine große Meeresschnecke. Diese Vermutung könnte er besser vor dem Original überprüfen. Als der Schnitzer das kleine Objekt schuf, etwa um 1600, war Goa portugiesische Kolonie und das christliche Motiv des Guten Hirten wurde von den die Händler begleitenden Missionaren in der heimischen Bevölkerung verbreitet. Es freut den indischen Prinzen, dass sich die Ähnlichkeit zu einem sitzenden Buddha nicht verleugnen lässt.

https://www.wallacecollection.org/art/collection/collection-highlights/good-shepherd/
Anton Legner, Faszination Bergkristall, Greven Verlag Köln, 2021

Kein Symmetrietag, aber eine Schnapszahl

Neuerdings bietet der Himmel jeden Abend atemberaubende Farben zur Zeit des Sonnenuntergangs. Danach erwacht der staubige Abdruck einer verirrten Taube zu neuem Leben, fliegt in unwirkliches Blau. Die Sterne ordnen sich zu den vertrauten Bildern und ich addiere die Zahlen des heutigen Datums 11 11 22. Die Acht mag ich nicht und lege sie daher quer zur Schleife der Unendlichkeit.

Abdruck am Fenster, digital bearbeitete Fotografie RW, am 11. 11. 2022