Golden Glow

Der indische Prinz betrachtet den goldenen Wächter, der umgeben ist von kleinen Kostbarkeiten. Ganz rechts sieht er einen gläsernen Messingschrein, in diesem ein Ziegelfragment mit dem Wort Bel. Daneben einen großen Quarz mit goldenen Rutilnadeln, darauf eingeklemmt in einer Messingschelle ein Goldnugget, geschmolzen aus der alten Brosche der Tante. Weiter ein schlangenförmiger Pyrit aus China in einem winzigen Töpfchen in der Art des Cloisonnés mit Drachenmotiv, ebenfalls aus China. Auf einem kleinen Holzsockel ein Maasei, gefunden am Rhein, bekrönt von antiken, golden verzierten Messerendstücken aus dem Japan des 19. Jahrhunderts, womöglich älter – vorne noch vergoldete Steinformen von Nana Hirose & Kazuma Nagatani. Das alles auf einem Spiegeltisch, der nicht nur jedes Objekt, sondern auch die goldenen Bilder an der Wand reflektiert.

Ausstellungsansicht mit Arbeiten von Ruth Weber und Hirose_Nagatani in der Galerie boa-basedonart in Düsseldorf, Fotografie RW, 25. Mai 2023

23-5-23

In der balance im wartestand in der vorfreude in der zwischenbilanz in erwartung auf der kommode liegt der text man kann ihn nicht lesen an der wand ein foto sehr klein aber man sieht die waage die intarsien flecken waagerecht der boden scheint schief dreiundzwanzig

Ernte 23, Ausstellungsdetail, Ruth Weber im Künstlerverein Malkasten Düsseldorf 23-5-23

Licht aus weiter Ferne

Das war lang vor meiner Zeit. Mein Großvater bat seine vier Töchter, sich für eine Photographie aufzustellen. Er bannte die Lichtzeichen auf die empfindliche Glasscheibe seiner Plattenkamera. So entstand ein Glasnegativ. Aus dem Nachlass des Großvaters besitze ich etliche solcher belichteten Gläser. Das fünfte Kind, der Sohn, war zur Zeit der Aufnahme noch nicht geboren. Ich schätze die Aufnahme auf etwa 1933 bis 1935. Die Kinder sind ernst, obwohl sie sich zum Karneval verkleidet haben. Das Rotkäppchen (1927), die Holländerin (1926), die Ungarin (1923) und die Biedermeierdame (1922). Das Häubchen der Holländerin trug ich etwa 23 Jahre später im Karneval. Der Großvater hatte sicher ein ernstes Wort gesprochen, damit die Mädchen stillstanden und die Aufnahme gelingen würde. Er hatte als Aufnahmeort die Terassen der Tonhalle, damals Planetarium hoch über dem Ehrenhof beim heutigen Kunstpalast gewählt, vermutlich. 1926 war die große Anlage am Rhein mit Gebäuden und Parks für die Ausstellung GeSoLei errichtet worden. Die Familie war wohl zu Fuß über die Oberkasseler Brücke gekommen, sie wohnten ja an der Luegallee. Die Großmutter hatte alle Kostüme von Hand genäht, sie war ausgebildete Schneiderin und nähte auch für eine vornehme Sängerin der Düsseldorfer Oper am Rhein. Die Schürzen und das Häubchen wurden gestärkt und geplättet. Meine Mutter ist das Mädchen ganz rechts, die verantwortungsvolle Älteste, sie starb heute vor neun Jahren. Links daneben das Mädchen wird dieses Jahr 100 Jahre alt, die einzige der Kinderschar, die noch lebt.

Düsseldorf 30er Jahre, Glasnegativ, digital umgewandelt, aus dem Archiv RW, Sammlung RW 2023

Who’s that girl

Was wollt ihr – ich werde von meinem Vater fotografiert. Es ist Ostern, etwa 1967, ich bin vielleicht 16 Jahre alt, ich zeige meine Zähne und ich finde sie schön. Auch die große Lücke zwischen den vorderen Schneidezähnen. Ich habe mir immer langes Haar gewünscht, aber nie durchgesetzt. Ich ließ sie erst wachsen, als ich zu studieren begann, auf der Kunstakademie. Die Brille war neu, ich mochte sie, sie betonte meine Augen. Später trug ich die Brille nicht mehr, niemand sagte mehr Brillenschlange. Den Rippenpullover mochte ich gern, er war warm und weich und roch nach mir nach mehrmaligem Tragen. Wer genau hinsieht, bemerkt auch meinen Lippenstift, er war leicht silbrigrosa glänzend, damals sehr modern. Auch hatte ich getuschte Wimpern und einen blassblauen Lidschatten. Ich trug eine dunkelrote Cordjeans und dunkelrote Penny-Loafer, ziemlich schick… Ich fühlte mich leidlich wohl zu Hause mit meinen fünf Geschwistern. Aber am Sonntag war es oft langweilig, weil wir zu Hause bleiben mussten. Und wir gewöhnten uns an, am Fenster nach Süden auf eine abenteuerliche Zukunft zu warten.

Porträt RW, Farbdia, circa 1967, Familienarchiv RW 2023

Coronation Park

Der indische Prinz war zur Krönung eingeladen worden. Nicht bis in den inner circle der working royals, aber immerhin als Gast bei Nachfahren des indischen Adels. Nach den offiziellen Feierlichkeiten, am Sonntagnachmittag, hatte er die Gelegenheit im Park der königlichen Familie besonders seltene uralte Gehölze zu sehen. Bei einem ausgedehnten Spaziergang erkannte er die sorgfältig geplante Ordnung von Bäumen, Sträuchern und Stauden. Hier glaubte er die Spuren von Maximilian Friedrich Weyhe zu erkennen, von dessen Reisen nach England er wusste. Besonders gefiel ihm die große Blickachse, die er von der Terrasse des Teehauses aus überblicken konnte. In einem eleganten Vor und Zurück standen vierhundertjährige Maulbeerbäume, rotblättrige Zaubernussgewächse und persische Seidenbäume mit ihren zarten roten Blütenwedeln. Der indische Prinz verglich die Farben mit seinen roten Edelsteinen – Rubin, Rubellit und Pyrop. In seiner Kunstkammer wollte er mit den Steinen eine Farbskala auslegen und in seinem Skizzenbuch die Farben der Bäume gegenüberstellend nachmalen.

Blickachse im Malkastenpark Düsseldorf, invertierte Fotografie RW, im Mai 2023

Fides


Auf dem Boden hat sich in Grün und Weiß der Glöckchenlauch einen Platz erobert. Mit dem Efeu zusammen bedeckt er die braungrauen Blätter des Vorjahres. Wie eigens für das neue Grün dahintergesteckt bilden die vielen schönen, dunklen Zweige eine kunstvoll geflochtene Bühne. Die Beobachtungen während des Spaziergangs ließen die steinalte Sophia nachdenklich werden. Wie treu doch alles wiederkommt. Und heute am ersten Mai, nein eigentlich schon gestern früh am Morgen, war sie auf den Rheinbalkon getreten, um das Lied eines Vogels genauer zu hören. Er saß nah gegenüber in der frischen Silberpappel und stieg bei jeder Strophe ein paar Ästchen höher. Der Himmel war so blau und klar wie lange nicht. Da sah sie den ersten Mauersegler am Himmel und bald darauf einen zweiten. Sie flogen die alte Nische unter dem Dach an, waren aber dann wieder verschwunden, um heute bei bewölktem Himmel wieder zu kommen. Gleich morgen wollte die steinalte Sophia auf den Markt gehen, um sich ein paar blaue Vergissmeinnicht zu kaufen. Zu Hause würde sie das Sträußchen vor die alten Fotografien ihrer Eltern stellen und eine kleine Kerze anzünden.

Glöckchenlauch, Fotografie RW Frühling 2023

ERNTE 23

Ich freue mich, dass ich die Gelegenheit habe, an dem besonderen Datum 23 – 5 – 23, ein paar Arbeiten zur 23 zu zeigen. Es werden kleine Objekte zu sehen sein aus Keramik, Holz, Pappmaché, Bronze, Glas und Mineralien. Die werden in den Vitrinen der ehemaligen Bibliothek des Malkastens stehen. Außerdem habe ich etliche Zeitungsschnipsel mit der Zahl 23 aus meiner fast 40-jährigen Sammeltätigkeit fotografiert und auf sogenannte «Lappen» drucken lassen in der Größe 100 x 70 cm. Die «Lappen» werden in den angrenzenden Räumen, im Treppenhaus und im Goethezimmer des Malkastens aufgehängt.
Alle sind herzlich zur Ausstellung eingeladen!

Einladungskarte ERNTE 23, Künstlerverein Malkasten Düsseldorf (Ruth Weber, 2023, Keramik, Metall, Kunststoff, Papier, Maße des Objektes, Höhe 23, 5 cm, Breite 19 cm, Tiefe 8 cm)

23-4-23

Das Bild, im großen Netz gefunden, muss natürlich in meine 23-Sammlung. Obwohl es besser zum 23. Mai gepasst hätte. Und noch eine Namen-Zahlenauffälligkeit – heute wird der kleine Louis von Wales 5 Jahre alt. 23-4-23 Ruth und Louis leben hoch!

Twitterfund, invertierte Fotografie RW, 23. 4. 23

Irrlichtern


Nach dem sonntäglichen Spargelessen in einem Liedberger Gasthof gingen wir hoch zur Burg. Das Liedberger Schloss, dessen Ursprünge ins 13. Jh. zurückgehen, die Grundmauern sogar bis ins 11. Jh., ist inzwischen restauriert und wird von der Besitzerfamilie bewohnt. Seine Lage ist einmalig, hoch auf einer großen Quarzitkuppe, dem Liedberg, liegt es über dem historischen Ortskern. In dem angrenzenden, bewaldeten Berg findet man Spuren von Steinabbau. Der Liedberger Sandstein wurde mindestens schon seit Römerzeiten abgetragen, auch große Teile des Schlosses sind aus diesem erbaut. Wir folgten dem kleinen Pfad links von der Burgmauer hinab, vielleicht der ehemalige Burgraben. Er führte uns zum tief am Berghang gelegenen Pfadfindergrab. Ein Steinkreuz sagt: Anno 22. Juni 1930 verunglückten im Felsenkeller die Pfadfinder Paul Schneiders, Albert Voigt, Heini Pöstges aus Düsseldorf. Ihre Geburtsdaten 1913, 1914 und 1916 sind auch aufgeführt. Die Jungens waren mit ihrer Gruppe unterwegs und weit in den Felsenkeller gekrochen. Dieser gehörte zu einem Höhlensystem, in dem bis ins späte 19. Jh. Quarzsand abgebaut wurde. Ein heftiger Steinsturz führte an dem Sommermorgen vor 93 Jahren zum tödlichen Unglück. Nach dem Bericht eines freiwilligen Feuerwehrmannes fand man zunächst nur die Leiche von Heini, sah unter den Felsen auch noch Knie und Hand eines zweiten Jungen, wahrscheinlich Albert. Paul, der älteste von den dreien, blieb unentdeckt. Lautes Rufen nach ihm – unbeantwortet. Nur den Körper des Jüngsten, den Heini, konnten die Helfer aus der Höhle heraustransportieren. Die Gefahr eines weiteren Felssturzes war zu groß. Die Gesteinsbrocken hingen lose über den Köpfen der grabenden Helfer. Die Höhle wurde kurz darauf mit Erdmassen und Beton verschlossen. Heini wurde in Düsseldorf auf dem Südfriedhof begraben.
In einem Märchen wäre der arme Paul noch lange in den Höhlen herumgeirrt, bis er ein schwaches Leuchten gesehen, das vor ihm her tanzend den Weg nach draußen gezeigt hätte – hinauf ins Licht durch den Brunnenschacht des im Dorf gelegenen Sandbauernhofs. Durch diesen wurde, nach dem Verbot des unterirdischen Sandabbaus von den Felsenkellern aus, illegal noch weiter Quarzsand nach oben gefördert.
Vom Schloss aus soll es einen geheimen Eingang zu den unterirdischen Höhlen geben – der dem Schloss vorgelagerte alte Wehrturm, später als Mühle umfunktioniert, ist jedenfalls heute in seiner Standsicherheit gefährdet, vielleicht auch die gesamte Schlossanlage. Dort wurden bei der Restaurierung acht eingemauerte Schuhe aus dem 18. bis 19. Jh. gefunden. Wenn als Abwehrzauber gemeint, hat dieser nicht geholfen. Zu allem Irrsinn ergibt die Quersumme des Unglücksdatums 2261930 die Zahl 23.

Schloss Liedberg, Liedberg Korschenbroich, Fotografie RW, Weißer Sonntag 2023
http://www.limburg-bernd.de/Neuss/DenkKor/rheinische-post-Liedberg.pdf
https://www.scheuburg.de/service/pfadfinder-wissen/das-pfadfindergrab-in-liedberg/feuerwehr/

Nummerologie

Jede Zahl, die mir begegnet, untersuche ich, als wäre sie nur für mich bestimmt. So wähle ich stets das Schrankfach 23, wo immer ich etwas verstauen muss. Das Armbändchen aus dem Rijksmuseum nahm ich mit nach Hause, in anderen Fällen werden die Museumskontrollbändchen zügig weggeschmissen. Zu Hause beim Auspacken aus dem Koffer gefallen, fiel mir die Zahl auf und ich war baff. Sie enthält genau meine Geburtstdaten. Das ist Wasser auf meine Nummernmühlen. Ich fotografierte das Bändchen und wandelte das Foto um – von Vermeermeisjejackengelb in meine Lieblingsfarbe Blau – natürlich auch eine Vermeerfarbe – Melkmeisjeschürzenblau.

Eintrittsarmband Rijksmuseum, Fotografie RW, invertiert, April 2023