Durch Hin- und Herschieben der Einzelteile auf dem Arbeitstisch entsteht manchmal ein Bild. Wer es erkennt, kann sich glücklich schätzen.
Menschmaschine
In der Mediathek meines Smartphones finde ich fünf neue Fotografien. Sie sind vollkommen schwarz. Nachtaufnahmen? Ich habe diese nicht aufgenommen. Beim Anklicken der letzten schwarzen Fotografie sehe ich, dass es sich um einen Film handelt. 20 Minuten lang. Ich spiele ihn ab und der Bildschirm bleibt schwarz, aber ich höre etwas. Ein rhythmisches Streichen und Schlagen wie von Besen auf einer Snare Drum, schleifend und raschelnd – a one a two a three a four – a one a two a three a four – und weiter so die schwarzen Minuten lang, manchmal stoppt der Sound und es legt sich ein Klackern und Klimpern darüber. Die dumme Maschine hat den Soundtrack meines Spaziergangs aufgenommen. In meiner Manteltasche scheint absolutes Dunkel zu herrschen. Aber das Schwarz allein genügt dem Gerät wohl nicht, es hat den guten Swingsound Schritt für Schritt für Schritt gehört und nimmt auf!
Versuch den Vollmond aufzunehmen, Fotografie RW 2009
Three Thin Lizards
Drei Eidechsen krabbelten hoch über mir an der dunklen Decke, kaum konnte ich sie ausmachen auf dem graugrünen Grund. Dann stürzten sie herab und landeten genau zwischen Haaransatz und Schulter auf meinem rechten Nacken. Ich spürte ihre Bewegungen und ihre kühle Haut. Voller Abscheu erstarrte ich am ganzen Körper. Das Aufwachen erlöste mich, aber das heftige Abwehrgefühl am Hals ist sogar jetzt noch sehr deutlich, jederzeit abrufbar. Thin Lizard kam mir in den Sinn, warum auch immer.
Eidechse in der Normandie, Fotografie RW, Sommer 2007
Ferragosto
Heute ist Ferragosto und Mariä Himmelfahrt.
Ich erinnere mich an zahlreiche Besuche in der Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venezia, um die Assunta von Tizian zu sehen und zu studieren. Und für mich fast noch wunderbarer die Madonna di Ca‘ Pesaro im linken Seitenschiff, ebenso von Tizian – besonders berührend ist der rechte Teil des Bildes. Etwas unterhalb der trohnenden Muttergottes hat der heilige Franz von Assisi, der das Jesuskind so innig anblickt, die Arme ausgebreitet und bittet um Schutz für die Familie Pesaro. Genau unterhalb der Spanne zwischen seinen stigmatisierten Händen kniet die Familie Pesaro. Ihr jüngstes Mitglied schaut uns unverwandt an.
Am blauen Himmel haben sich versammelt Altostratus, Cirrocumulus, Cumulus mediocris, Cumulus fractus und andere.
Himmel über Münzenberg, Fotografie RW, August 2019
Heiter
Immer wieder bekommen wir Exemplare für unsere 23-Sammlung geschenkt. Oben abgebildet ist der Titel einer kleinen Edition mit 23 Zeichnungen, die uns meine Schwester am Wochenende schenkte:
23 giorni romani del signor k
Das Büchlein wurde im November 1988 von Milan Kunc in Rom herausgegeben. In diesen Jahren gehörte der Künstler zu unserem Freundeskreis. Sehr lange hatten wir ihn dann nicht mehr gesehen. Erst vor ein paar Wochen entdeckten wir ihn auf Instagram wieder und teilen nun unsere Beiträge.
Das zweite Bild oben ist kein Porträt von ihm, sondern es sind Ausschnitte einer Illustrierten der 80er Jahre. Dieses zufällige Zusammentreffen der Schnipsel auf unserem Arbeitstisch hat uns sehr an Milan Kunc erinnert.
Perlenohrring
Eine junge Frau im Profil nach rechts.
Fast im Zentrum des Bildes hängt die Perle am Ohr,
Perlen trägt das Mädchen auch um Hals und Dekolleté,
das Haar geschmückt mit in Gold gefassten Granaten, Citrinen oder Topasen,
wieder im Wechsel mit glänzenden Perlen.
Hell und bläulich schimmert die Haut an Schläfen, Stirn und Hals.
Das Ohr ist gerötet, ebenso Wangen und Nasenflügel, Lippen und Augenlid.
Übergroß ihr Auge mit hellgrüner Iris, dunkler Pupille, weit geöffnet,
doppelt so groß wie der zierliche, rosenfarbige Mund.
Ihr blondes Haar wurde mit seidenen, durchsichtigen Bändern geflochten.
Federico Barocci malte sie vor dunklem Hintergrund, steigert damit ihr Leuchten, lässt das Profil im Sfumato verschwimmen, die Schärfe liegt in Auge und Ohrring.
Sie scheint zu atmen, zu duften, zu schwingen. Eigentümliches Bild.
Federico Barocci, Studie einer Frau im Profil, circa 1575,
Museum NO HERO in Delden NL, Fotografie RW 2. August 2019
Mimosa pudica
Die Nerven sind auf’s Äußerste gespannt. Jedes überraschende Geräusch, ob laut oder leise, lässt zusammenzucken, worauf blitzschnell ein kurzes Huch oder Hach folgt. Hab Acht! Der Atem wird oft angehalten, um sich später mit einem tiefen Stöhnen zu befreien. Was war es, was eben noch durch den Kopf ging? Ein Ruck – und in Sekundenschnelle ist weg, was in Gedankenbildern so lebendig war. Der lauten Medienschreierei kann man nicht mehr ausweichen, eingebildete Katastrophenszenarien ziehen in den eigenen Alltag ein.
In einem Alptraum heute Nacht konnte ich durch beherztes Stoßen mit dem Fuß eine gefährliche, bleiblaue, große Kugel, die auf mich zuflog, aus der Bahn bringen und damit eine große Explosion in meiner Welt verhindern.
Die Mimose zieht ihre fiedrigen Blätter bei zuviel Licht, Temperaturschwankungen und Berührung zusammen. Noli me tangere. So zart sieht sie aus mit ihren Pinselblüten. Sie bilden das Empfindliche dieser Pflanze im wahrsten Sinne ab. Sie scheint mit allen Sinnen zu reagieren und wird die keusche genannt, weil sie sich bei Berührung verweigert.






