Sieben Raben

Gestern gingen wir durch den herbstlichen Wald. Tiefer hineinkommend sahen wir zwischen den Bäumen sieben Raben. Ein ungewohnter, unheimlicher Anblick. Das Grimmsche Märchen der sieben verzauberten Brüder kam mir in den Sinn. Ihr Vater hatte sie zu Raben verflucht, weil sie das Krüglein mit dem Taufwasser für die ersehnte Tochter zerbrachen. Ihre einzige Schwester wußte lange nichts von dem Schicksal der Brüder, bis sie, herangereift zu einer schönen jungen Frau, die Heimat verließ und in der ganzen Welt nach ihnen suchte. Endlich bei den Sternen findet sie Hilfe. Der Morgenstern gibt ihr den Schlüssel, ein Hinkelbeinchen, mit dem sie den Glasberg aufschließen kann, in dem sich die Brüder verbergen. Das Mädchen hat das Hinkelbeinchen aber verloren, statt dessen schneidet sie sich in ihrer Not ein Fingerchen ab. Das Schlüsselchen passt und die sieben Raben sind erlöst.

Raben im Wald bei Fischen im Allgäu, Fotografie RW, 2019

Sonne am 23. Oktober

Idylle mitten im Kommerz.
Feriengrüße aus Oberstdorf im Allgäu.
Distelfalter unscharf erwischt.
Am Rande der unzähligen Shops, Lokale, Cafés.
Selbst die Nordsee gibt‘s.
Strandkörbe sind aufgestellt.
Aber der Herrgottschnitzer lässt sich nicht unterkriegen
und mischt Jesuskinder aus Kunststoff
unter sein Angebot.

Oberstdorf, Fotografie RW, 23. 10. 2019

«Rheinblick» Kunstverein Xanten

Gruppen-Ausstellung «Rheinblick» im Kunstverein Xanten vom 20. Oktober bis zum 21. Dezember 2019, kuratiert von Peter Tedden.
Zwei Arbeiten von Ruth Weber:
«Schiffsnamen, gesammelt an Rhein-Kilometer 742 ab März 2012», Digitaldruck auf Munken-Papier, 88,6 x 34,6 cm Auflage 1/5, gerahmt, 2019
«Tisch für Rheingerölle»
Metalltisch, Andrees Allgemeiner Handatlas von 1899, Glasplatte, darauf drei Keramiken:
ohne Titel, 7 x 18 x 8 cm, Keramik, Rheingeröll Quarzit mit Kreuzbänderung, 2019
ohne Titel, 17,5 x 12,5 x 9 cm, Keramik, Rheingeröll Pferdezahn, 2019
ohne Titel, 20 x 9 x 7 cm, Keramik, Rheingeröll Limonit mit Turritella-Abdrücken, 2019

Betrachter vor «Tisch für Rheingerölle» von Ruth Weber, invertierte Fotografie RW, 2019

Ausgewogenheit 191019

Die Farbe des Feueropals gleicht der der Lampionblume. Der Prasiolith ist die lauchgrüne Varietät des Quarzes, durch Erhitzen des violetten Amethysts entstanden. Orange, Grün und Violett sind die Sekundärfarben im althergebrachten sechsteiligen Farbkreis.
Die Figur habe ich durch Kneten und Drücken des Tons mit zwei Händen geformt. Die Eingriffe verraten das plastische Vorgehen. Nach dem Trocknen kam sie in den Ofen zum Schrühen, dann wurde sie mit einer dunkelroten Masse eingestrichen, um durch den Glasurbrand bei 1050 Grad einen metallischen Glanz zu erhalten. Die Figur hat etwas Anthropomorphes, in der Armnische liegt der schön geschliffene Prasiolith, der runde, leuchtende Feueropal auf dem Gewand am Boden, das sich links davon noch hochwölbt.
Die drei Lampions hängen übereinander einmal nach links und zweimal nach rechts. Der Zweig neigt sich in sieben Abschnitten nach links, gerade, links, rechts, fast gerade, rechts, rechts.

Keramik mit zwei Edelsteinen und Lampionblume, 2019, Sammlung RW, Fotografie RW 2019

Verschwundene Dinge

Im Laufe der Jahre wird die Liste der spurlos verschwundenen Dinge immer länger. Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum und bei welcher Gelegenheit sie verschwanden. In Erinnerung sind sie jedoch geblieben:
Eine altertümliche weiße Bettjacke aus Leinen, mit Rüschen an Ärmeln und Kragen.
Eine kleine selbstgemachte Puppe mit schwarzem Haar, rotem Kleid und weißem Schürzchen.
Ein weißer Hermelinpelzkragen mit Kopf und Pfötchen.
Eine silberne Brosche in Form eines Schmetterlings mit Türkisen und Markasit besetzt.
Eine Mineralienlupe mit 10facher Vergrößerung.
Eine dunkelblaue Bluse mit weißen Tupfen.
Ein wasserdichter grauer Anorak.

Tanz im Atelier, Fotografie RW, 2019

Admiral

In der Herbstsonne Wärme tanken.
Am Rhein, harmloses Vergnügen.
Der Flügelschlag dieses Schmetterlings,
– schöner Admiral, Wanderer in Europa –
wird in den Krisenregionen der Welt
keine helfenden Stürme verursachen.
Inkonsequenz Ereignis Kausalkette Chaos

Admiral am Rheinufer, Fotografie RW, 12. 10. 2019

Empor

The Lark Ascending
Hilary Hahn spielt die Violine.

Kein Thema für die jetzt aufkommende Dämmerung
und das Gewölk über dem Rhein.

Hört ihr mich?
Die Lerchen sieht man nicht mehr
über den Feldern am Niederrhein.
Die Augen werden voll.
Der Druck unter dem Brustbein steigt.

Da im Moment hebt sich
ein riesiger Schwarm Dohlen
vom anderen Rheinufer hoch in den Himmel,
kreisend, trudelnd, wiegend, schakkernd.

Ihre Geselligkeit bringt freundliche Realität ins Bild.

Szene aus einem Sommer in Mecklenburg Vorpommern, 2004, Fotografie RW
The Lark Ascending, Vaughan Williams, Hilary Hahn, London Symphony Orchestra
Sir Colin Davis, 2004

Zeugen

Das größere Stück wurde von meiner Schwester und mir in einer abenteuerlichen Aktion auf der Halde eines Steinbruches bei Bully-Feuguerolles gefunden. In dem nicht präparierten Exemplar sind Ammoniten, Brachiopoden und Belemniten verborgen. Seit inzwischen 10 Jahren ist die Fundstelle geschlossen. Heute wird der schöne Zeugenstein zum temporären Sockel für eine Amethyststufe. Ein Fenster des kugeligen violetten Quarzes wurde angeschnitten und geschliffen, so dass das bemerkenswerte Achatauge zum Vorschein kommen kann.

Handstück mit Ammoniten, Belemniten und anderen Fossilien , Unterjura, Feuguerolles-Bully, Dépt. Calvados, Frankreich, 2009, Sammlung RW
radialstrahlig gewachsener Amethyst mit Achat, Fundort Artigas Uruguay, 2014, Sammlung RW, Fotografie RW 2019

Kumulation

Heilige Narren
Das verlorene Kind
Heimweh nach Frankreich
Nur meine Augen können sprechen
Paris
Gottes Gasthaus
Es ist kein Zufall
Wie willst du mich haben
Alarmphase Rot
Der totale Roboter
Clownereien
Mit und gegen die Zeit
Traumreisen
Im Nichts
Das Jesus-Komplott
Wie Adam
Philosophieren mit Kindern
Der Handel mit Kunst und Antiquitäten
Im Namen Gottes und des Gewinns
Zurück in der Zeit
Sommerzeit

Schaufenster eines Buchantiquariats in Alkmaar, NL, 2005, Fotografie RW

Hexen- und Feuerring

Nach dem Regen hatten sich über Nacht merkwürdige Ringe auf den Rheinwiesen gebildet. Wie mit dem Zirkel gezogen stehen helle runde Pilze in einem verschwörerischen Kreis. So groß, dass man darin liegend Leonardos homo ad circulum nachbilden könnte. Das Myzel hat mit seinen unterirdischen Fäden zu einer Rheinkonferenz eingeladen.
Abends werfen wir einen Blick in das zentrale Bullauge der Restaurantküche und sehen wie in einem Feuerring den Koch, der die köstlichsten Pilzspeisen für uns zubereiten wird.

Segment eines Pilzkreises auf den Rheinwiesen, Fotografie RW, 2019
Spiegelung im Fenster von «Le Flair», Düsseldorf, Fotografie RW, 2019