Sie stehen zusammen
die Füße im Wasser
dazwischen das große I
Munchs I
wie oft malte er die senkrechte
Spiegelung von Sonne
oder Mond im Meer.
VOYAGE
Es ist Schalttag. Ein besonderes, mysteriöses Datum. Das erste Schiff an meinem Rheinfenster heute Morgen heißt VOYAGE. Allerdings unternehmen wir zur Zeit keine Reisen. Stattdessen betrachten wir voller Freude die kleine Zufallswelt auf dem Messerrücken. Es ist die Karte eines fernen Archipels mit schroffen Felsenküsten, aber auch langen sandigen Buchten. Mit dem Boot können wir die vielen Inseln erkunden, Gesteinsproben nehmen und vielleicht sogar ein abgerolltes Stück Korund am Strand finden. Manchmal schwimmen wir auch in die vielen Höhlen und tauchen nach Perlmuscheln. Im Nordwesten des Archipels, bei der Insel, die Great Britain ähnelt, liegt ein Schiffswrack aus dem 17. Jh., das wir bei Ebbe sogar schwimmend erreichen können. Im Bauch des Schiffes finden wir kaum erkennbare Teile der Ladung – dick mit Korallen und Seepocken überwachsen. Mit dem Tauchermesser öffnen wir eine Kiste und finden zwischen vielen Scherben gut erhaltene blauweiße Teller aus chinesischem Porzellan und einen sehr kleinen geschnitzten Jadedrachen.
Abgegessener Teller, Fotografie RW, Februar 2020
Das Geschenk der drei Schiffe

Gestern Nachmittag besuchte mich eine Künstlerin, deren Arbeiten ich sehr schätze. Ihre Fotografien zeigen zum Beispiel empfindliche, ephemere Dinge aus der Natur, die sie auf farblich delikate Untergründe legt. Spätere Arbeiten sind Fotogramme von Achatscheiben oder anderen flachen transluzenten Mineralien.
Sie hatte von meiner Sammlung gehört und ich war gespannt darauf, ihr meine Schätze zeigen zu können. Als sie nun vor meinem Rheinfenster stand, fuhr gerade das Schiff PROTECTION vorbei. Wir freuten uns über dieses schöne Wort für unser Zusammentreffen und ich erzählte ihr von meiner Schiffsnamensammlung.
Nicht alle Mineralien, Edelsteine, Fossilien, Rheingerölle und Artefakte meiner Kunstkammer konnten wir an diesem Tag anschauen und besprechen, manchmal war mir sogar der wissenschaftliche Name eines Exemplars entfallen. Mit dem Blick zum Rhein tranken wir später eine Tasse Tee und aßen dazu Aprikosenkuchen. Dabei sprachen wir auch über das Alter der Mineralien, die Vergänglichkeit der Dinge und Lebewesen. Draußen hatte es angefangen heftig zu regnen. Auf dem Fluss sahen wir das Schiff VITA DURA vorbeifahren. Ein wenig erstaunt schüttelten wir den Kopf über diesen Kommentar vom Rhein. So wechselten unsere Themen zu Natur und Kunst, insbesondere zur Natur als Schöpferin, Natura naturans und Natura naturata. Ich zeigte ihr das Buch von Jurgis Baltrušaitis «Imaginäre Realitäten», das ich vor einiger Zeit antiquarisch erwarb. In ihm fanden wir auch den Hinweis auf den Soziologen und Philosophen Roger Callois, der selbst eine wunderbare Sammlung von Achatsscheiben besaß und unter anderem die Abhandlung «Die Schrift der Steine» verfasst hatte. Im Gespräch war ich manchmal aufgeregt, viel mehr aber beschwingt über so viele Teilmengen in unserer Arbeit und unseren Leidenschaften.
Als es schon dunkelte und wir erneut zum Rhein sahen, kam ein Schiff vorbei und was soll ich sagen, es hieß PANTA RHEI.
Würdiger Sockel für ein Rheingeröll, Chalcedon, gefunden bei Düsseldorf, Keramiksockel RW 2019, Fotografie RW
Mehr über meinen Besuch: nataschaborowsky.de
Der lange Bart der Jugend
Junge mit Bart und Brille, invertierte Fotografie RW, Karneval 2011
Alles erfunden
Zwei Bilder hängen an der Wand, getrennt durch einen Pfeiler. Mit schwarzer Farbe sind hier ein Blatt und da ein Korb auf weiße Leinwand gemalt. Das dritte Bild, mit hellblauem Grund, wird von den Ausstellungsbesuchern verdeckt. Die Leute stehen in zwei Gruppen – definiert durch eine Lücke, über die jedoch weiter kommuniziert wird. Eine Frau in weißem Pullover wiederholt mit ihrem Ellbogen das Auf und Ab des Treppenhauses. Die Menschengruppe rechts baut sich vom Sitzenden hoch bis hin zum ausstellenden Künstler auf der Treppe, der zurückschaut, als ob er den Fotografen im Nacken spürte.
Ulrich Meister – Das Gelbe vom Ei. 16. Februar bis 5. April 2020. Kunsthalle Recklinghausen, Fotografie RW 16. 02. 2020
Sammelsurium am Rhein
Das erste Schiff heute Morgen auf dem Rhein bei Düsseldorf hieß NERODIA, der Name verheißt nichts Gutes. Gegen allen Aberglauben bekamen wir im Verlauf des Tages allerdings schöne Nachrichten und auch die allgemeine Lage beruhigte sich ein wenig, so dass wir uns elegant an den kommenden tollen Tagen vorbeischleichen werden. Die VIA NOVA, die jetzt gerade an Kilometer 742 vorbeifährt, weist uns die Richtung.
Drei Kronen in Köln am Rhein, Fotografie RW, Februar 2020
AMOUREUS
Heute Morgen fuhr als erstes Schiff die AMOUREUS an meinem Rheinfenster vorbei. Das deute ich als schönes Zeichen. Übersetzt in eine Zahlenreihe gemäß der Stellung im Alphabet hieße das Schiff 1 13 15 21 18 5 21 19. Addiert man die Zahlen, ergibt sich die Summe 113. Quersumme 5. Die Zahl 5 spielt in Blinky Palermos Arbeit von 1968 eine wichtige Rolle. Zieht man in jeder senkrechten Reihe die kleinere von der größeren ab, so ergibt sich immer 5. Außerdem sind es auch immer 5 Kästchen übereinander und 15 nebeneinander. Die 5 und die 1 stehen sich in den Ecken jeweils gegenüber. Ein glückliches Zusammentreffen, dass ich gestern diese Entdeckung im Museum Ludwig in Köln fotografierte und heute mit dem neuen Schiffsnamen in meine Sammlung aufnehmen konnte.
Blinky Palermo, Ziffernreihe 1 bis 0, 1968, Offsetdruck auf Offsetpapier, 4 Probedrucke, Auflage unbekannt, Museum Ludwig Köln, Schenkung Ulrich Reininghaus 2018, Fotografie RW 2020
Der Schatz
Als das Hochwasser zurückwich, wand sich eine breite Spur von Schwemmholz am Ufer des Rheins entlang. Riesige Baumstämme, aber auch Wurzelholz und feine Äste hatte der Fluss von den Ufern weggerissen und bis zu mir getragen. Ich durchsuchte den Saum und fand zwei schöne Wurzelknollen, die ich als Sockel für meine kostbarsten Mineralien einsetzen will. So wie die Asiaten ihren Gelehrtensteinen schöne Sockel schnitzen. Nun trocknen die Hölzer in meinem Atelier. Heute legte ich ein winzig kleines chinesiches Kupfergefäß in die Hand der einen Wurzel. Es hat drei Füßchen, auf dem Boden ist eine gelbgrüne Chrysantheme zu sehen. Um den Bauch des Gefäßes windet sich der kaiserliche Drache, um der flammenden Perle nachzujagen. In sehr feiner Cloisonné-Technik sind die Motive aufgebracht. Innen ist das Töpfchen blau emailliert. Eine Neuerwerbung für meine Kunstkammer.
Hölzerne Hand, Fotografie RW, Valentinstag 2020
Cloisonné-Schälchen erworben bei https://boa-basedonart.com
Pareidolie
selbst heilen
frühlings wehen
bleiben gehen
bilder hilfen
Dessert im Gourmetrestaurant, Schoorl, NL, Fotografie RW 2019
Der Fremde
Schwarzopal auf einer Bergkristallstufe, ungleiche Geschwister. Beide gehören zur Quarzgruppe, der eine amorph, die anderen kristallin.
Beide sind Siliziumdioxide – SiO2 – beim Opal jedoch mit Wasser – SiO2·nH2O –
Die Quarzkristalle sind mit Limonit überzogen.