Harm

Ganz klein, violett,
ich weiß nicht, wie es heißt.
Auf einer Wiese am Rhein,
jedes Jahr aufs Neue,
unbeachtet, unbekümmert.
Augentrost will ich es nennen.

Blaue Blume am Rhein, Fotografie RW, im März 2020

Nach Zeichen suchen

Alles wird bedeutsam in diesen Tagen. Zeichen, die uns womöglich die Zukunft voraussagen können, sind willkommen. Alles Humbug mahnt die Vernunft. Und trotzdem freuen wir uns über die 23 in der Skyline des Medienhafens in Düsseldorf. Wie aber soll diese Zahl ausgelegt werden? Wir nehmen sie in unsere 23-Sammlung auf und sind’s zufrieden.

Mehr zur 23 auf unserer Seite ruth23weber.de
Medienhafen Düsseldorf am Rhein, Fotografie RW, März 2020

Blick zurück nach vorn

Der Schwiegervater ist zu Gast beim Schwiegersohn. Dieser bittet ihn vor dem Bücherregal Platz zu nehmen. Er möchte ein Foto machen. Er ist stolz auf seine neue Wohnung im großen Haus. Der Kopf des Schwiegervaters ist noch gerötet vom festlichen Mittagessen zur Erstkommunion eines seiner Enkelkinder. Zum Schein nimmt er eine Lektüre in die Hand. Das Bücherregal wird in späteren Jahren noch um weitere vier Einheiten erweitert. Die schwarze Couch mit den gelben Sternen aus den 50er Jahren wird dann durch wuchtige Polstermöbel aus dem Casino des Konzerns ersetzt sein. In dem weiträumigen Wohnzimmer versammelt sich die Familie zu großen Festtagen, oder um nach väterlicher Erlaubnis in das neue Gerät zu schauen. Ab 1962 gibt es einen Fernseher, da dürfen die sechs Kinder dann ausgewählte Sendungen sehen. Sie sitzen dabei in den Sesseln oder liegen bäuchlings auf den Teppichen.
In diesen Tagen will ich nicht mehr in die Ferne sehen.

Der Großvater in Haus Dorgarten, Fotografie um 1960, Archiv RW

Multhöpen

In der Corona-Klausur lese ich in dem schmalen Bändchen «Wense» von Christian Schulteisz. Er befasst sich mit der historischen Figur des Hans Jürgen von der Wense (1894 – 1966), dessen «Wanderjahre» ich schon vor einiger Zeit las und darin von seinen Funden im Reinhardswald bei Kassel hörte, als er Reste von grünem Waldglas an den Orten verlassener Glashütten fand. Auch erzählte er von dem Alchemisten Johannis Kunckel, der um 1680 die Rezepturen des Goldrubinglases entscheidend verbesserte. Ich war damals mit meiner Schwester und meinem Bruder gleich in den Reinhardswald gegangen, um vielleicht auch Glasreste unter den Wurzeln der vom Sturm gefällten alten Bäume zu finden. Die Glashütten in diesem Wald produzierten wohl noch bis ins 19. Jahrhundert. Vom Reinhardswald Richtung Norden zum Schloss Schwöbber unweit von Hameln (einst Familiensitz derer von Münchhausen, weit verzweigt verwandt mit Wense) sind es 18 Stunden zu Fuß. Von der Wense hat all diese Gegenden durchwandert. In Schulteisz‘ Roman heißt es: «Wense durchstreift und verlässt den Garten, (von Schloss Schwöbber, Anmerkung RW) sucht weiter nördlich nach dem Sophienhof, der ihm aus einem zoologischen Aufsatz bekannt ist. Darin heißt es, dass sich beidseits der Humme, bis hinter Groß-Berkel, das Revier der weißen Maulwürfe erstrecke.» Hier trifft er auf den alten Staats von Wacquant-Geozelles, Autor des zoologischen Aufsatzes über die Maulwürfe. ««Staats von Wacquant-Geozelles hat sich aufgerichtet. »Sind Sie Zoologe?« »Nur ein begeisterungsfähiger Mensch. Bereits durch den etymologischen Exkurs zu Anfang hatten Sie mich gewonnen: ein Maulwurfsforscher in Multhöpen!« Und schon ist das Eis gebrochen und sie lachen und sprechen von Multhucken, von Mul und Mol, Müll und Möll, Mülm und Mulm.»»
Da erinnerte ich mich an einen Besuch in Winterthur vor etwa 18 Jahren, dort hatte ich im Naturkundemuseum Albinomaulwürfe gesehen und fotografiert.
Dank an Chris, der mir das schöne und kuriose Buch von Schulteisz schenkte.

Christian Schulteisz, Wense, Berenberg 2020
Jürgen von der Wense, Wanderjahre, Matthes und Seitz, Berlin 2006
Albino, Naturkundemuseum
Winterthur, Fotografie RW 2002
 
 

FUTURO

Die Sonne scheint. Der Himmel ist strahlend blau. Am Rhein gehen die Leute spazieren. Kinder lassen luftige Drachen steigen, spielen mit Bällen. Die Kleinsten laufen ungelenk über die sattgrüne Wiese und rupfen mit einiger Anstrengung am frischen Gras. Dazwischen zeigen sich in verstreuten Gruppen Gänseblümchen, Veilchen und gelbe Sternchen. Die beschnittenen Platanen sind noch kahl. Gegenüber in den Vorgärten blühen die Osterglocken, Tulpen und Narzissen. Magnolien und japanische Kirschen breiten ihre Pracht aus. Mit Blick auf den Fluss sitzen Mütter in gehörigem Abstand auf den Bänken und rufen ihren Kindern zu. Väter halten Miniaturfahrräder in den Händen. Hunde apportieren Stöckchen. Jugendliche halten beim Gehen inne und tippen und wischen auf ihren Handys herum. Sie tragen neonfarbenene Sneakers. Jogger sind noch bunter. Einer macht Dehnübungen an einer freien Bank. Große Schiffe fahren vorbei mit Containern aus China, oder Kohle aufgehäuft in schwarzen Bergen und Schrotthaufen, die in der Sonne glänzen. Eine Amsel beginnt ihren abendlichen Stadtteilgesang. Fetzen von Gesprächen steigen zu mir auf. «Man weiß ja nicht, wie sich das entwickelt…» «Du lenkst so …. bitte grade, grade….) Eine Krähe ruft, jetzt schreit ein Kind. Das Containerschiff, das nun vorbeifährt, heißt FUTURO.

Stamm einer Platane am Rheinufer, Fotografie RW, März 2020

Calcium, Phosphat und Eisen

Im Nachlass der Tante wurden 19 Milchzähnchen gefunden. Im ersten Gebiss hat der Mensch 20 Zähne. Da die Tante Kinderschwester war, liegt es nahe, dass sie so manches ausgefallene Zähnchen ihrer Schützlinge verwahrte. Oder ist es ihr eigenes komplettes Milchgebiss? Die Mütter verwahrten Haarlocken und Zähnchen ihrer Kinder auf, kleine Devotionalien, schutzbringende Amulette, als könnten sie kommendes Unheil abwenden. Die menschlichen Knochen und Zähne bestehen zum großen Teil aus Calcium und Phosphat. Im Bild liegt ein Zähnchen auf bläulichem Vivianit, ein wasserhaltiges Eisenphosphat, das manchmal in fossilen Knochen oder Zähnen gefunden wird. Es bilden sich schöne Kristalle in den vorhandenen Hohlräumen, wobei die Knochen selbst sich blau verfärben können.

Vivianit, Fe2+3[PO4]2·8H2O, Fundort Bolivien, Sammlung RW, Fotografie RW, Düsseldorf 2020

Der Traum

In einem Traum der letzten Tage drehte sich eine Person mit Sonnenbrille unerwartet zu mir um, nachdem ich sie vorher im Profil betrachtet hatte. Als sie die Brille abnahm, erschrak ich, weil ich sah, dass diese Person vollkommen symmetrische Gesichtshälften hatte.

Schaufenster in Düsseldorf, Fotografie um 1988 aus dem Archiv RW

Klausur

Wir werden uns hinter dicke Mauern begeben. Mindestens dreiundzwanzig Tage wollen wir in Klausur leben. Wir haben unsere Skizzenbücher dabei und werden jeden Tag aus der Erinnerung Kristalle, Edelsteine und Mineralien zeichnen. Das Aufkommen des Frühlings werden wir durch lange, einsame Spaziergänge in der unmittelbaren Umgebung der Burg studieren.

Burg Dringenberg, Kreis Höxter, Fotografie RW 2012

Augenblick

Im Alter von etwa sieben Jahren wurde das Kind von seiner Lehrerin als «Ganz Seele» charakterisiert. Die Mutter, die dies in der Elternsprechstunde hörte, hat es viel später dem jungen Mädchen mitgeteilt. War hier mit Seele Empfindsamkeit gemeint? Oder ein besonders empfindsames Bewusstsein? Ist das Gehirn der Ort und/oder ein Produkt des Bewusstseins? Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass das Bewusstsein zwar im Gehirn verortet werden kann, ja – sie können Bewusstseinsprozesse messen, aber das Bewusstsein ist nicht auf Prozesse der Hirnrinde reduzierbar. Ist Bewusstsein Gehirn plus X? Könnte das Bewusstsein des (aller) Menschen – auch nach dem Tode – eine Kraft sein, autonom, allumfassend, über allem stehend?

Porträt mit Kühlmaske, invertierte Fotografie RW, März 2020