Suchen und Schenken

Heute hat mir meine Freundin ein kleines Päckchen vor die Tür gelegt. Darin fand ich zwei Scherben, Henkelfragmente aus gebranntem Ton, sehr alt augenscheinlich. Meine Freundin hatte sie vor ein paar Tagen genau am gegenüberliegenden Rheinufer gefunden. Die Kanten der Bruchstücke sind über eine lange Zeit durch die Fließbewegungen des Wassers mit Hilfe von Geröll und Sanden sehr glatt geschliffen worden. Handschmeichler geradezu …
Überraschend hatte mir meine Freundin an jenem Tag per Wortbotschaft signalisiert, dass sie mit ihrem Mann gerade am Rheinufer auf der Suche nach Artefakten und seltenen Geröllen sei. Daraufhin schaute ich von meinem Rheinbalkon aus mit dem Fernglas hinüber und konnte dank weiterer Botschaften genau ihren Standort ausmachen. Schnell bekam ich auch Bilder der aktuellen Beute geschickt, worauf ich ein Foto von den beiden in der Fundsituation am Ufer zurücksandte.
In dem im Päckchen beiliegenden Briefchen übergibt meine Freundin mir nun die beiden Funde für meine Sammlung und notiert noch dazu, dass sie ja genau an KM 742 des Rheins gefunden wurden und zwar am 27. 4. 2020. Ein schöner Zahlenfund dazu! Danke liebe Freundin!

Suche am «Paradiesstrand» Düsseldorfer Rheinufer, Fotografie RW 27. 04. 2020
Henkelfragmente, Geschenk Margit Bauer für die Sammlung RW, Fotografie RW 2020
Instagram @margitbauer13

Verwandlung

Lichtspuren, die einst von einem Schauspieler abgesogen und dann konserviert wurden, durchlebten später noch etliche Verwandlungen. Sie wurden in Einser- und Nullerreihen umgeschrieben, durch den Äther gejagt, von Satelliten angezogen, an Sendemasten gebündelt, milliardenfach von Geisterhand kopiert, zurückverwandelt in Lichtpunkte, bis sie eines Abends aufgeblasen auf einer Wand am Rhein erschienen. Ein ungeheures Ding, das noch weiter wirbelt, bis zu dem Bild des heutigen Eintrags.

Filmstill mit Harald Leibnitz aus «Der unheimliche Mönch» von Edgar Wallace, Fotografie RW, 2020

CON AMORE


Heute am frischen Morgen kam von Osten ein grüngoldenes Licht über den Rhein. Der Wind ließ dazu die jungen Blätter der Pappeln in der Sonne zittern. Direkt am Ufer entdeckte ich einen großen Strauch mit duftenden Rosen. Am blauen Himmel bauschten die Wolken ihr Weiß und Grau.
Und siehe da – pünktlich zum ersten Mai jagen die Mauersegler durch die Luft, es sind mindestens zwanzig Vögel. Sie scheinen sich im raschen Flug zu begrüßen. Das Schiff mit dem Namen CON AMORE macht das Glück vollkommen.

Rose am Rheinufer, Fotografie RW, 2020

Tag X

Was war das für eine einzigartige Zeit des Stillstands!? Lockdown, social distance, stay home, Maskenpflicht, Quarantänemaßnahmen. Vorbei. Die Monate mit der Pandemie sind überstanden. Die zweite und dritte Welle kam nicht. Die Informationen der Medien stimmten nur teilweise. Die Regierung hat ihr Bestes versucht. Alle haben guten Willen gezeigt. Auch Gegenstimmen wurden gehört. Wir sind glimpflich davongekommen. Die schlimmsten Befürchtungen sind nicht eingetreten. Ein Impfstoff wurde gefunden und im nächsten Winter wird es eine Impfpflicht geben. Die Wirtschaft hat sich schneller erholt, als gedacht. Die Helden des Alltags haben eine Sonderzahlung erhalten, aber keine Gehaltserhöhung. – Der Regen heute hat Hoffnungen geweckt.

Computerbild, teilweise invertierte Fotografie RW, Walpurgisnacht 2020

LOUISA

Einen ganzen Tag blieb der kleine Falter am Rheinfenster sitzen. Drei Schiffe, die heute vorbeifuhren, trugen die Namen LOUISA, ALTER EGO und DEO GRATIAS.

Falter am Fenster, invertierte Fotografie RW, 28. April 2020, für meine Tante Luise, die heute 94 Jahre geworden wäre.

Grün als Auslöser


In den Auenwiesen der alten und der neuen Anger,
finde ich die Landschaft der Kindheit.
Es gibt sie noch, die künstliche Kaskade im begradigten Fluss.
Eine Familie hat sich dort niedergelassen,
die junge Mutter hat den kleinen Sohn auf dem Arm.
Der Vater fotografiert die beiden, wie sie in die Sonne blinzeln.
Im Ährenfeld Am Bruchgraben An der Evershecke
Die Straßennamen stimmen noch.
Die Hausnummer auch.
Die Ordnungen der Fenster, der Haustür und des seitlichen Gangs zum Garten
haben ihre Proportionen behalten, alles ist aber kleiner als früher.
Die breite Treppe aus Bergischer Grauwacke
führt noch in das Nachbarhaus wie eh und je.
An der Hofstatt haben wir drei Schwestern manchmal zaghaft gefragt:
«Dürfen wir schaukeln?»

Sonntagsspaziergang an der Anger, Fotografie RW 2020

Korona cupriana


Neue Zusammenstellung aus dem Atelier. Gediegen Kupfer mit Muttergestein, gefunden in Michigan USA, auf einem Schwemmholz, gefunden am Rheinufer in Düsseldorf.

Kupfer und Holz, Fotografie RW, 2020, mehr «pedestals for rare things» auf @ruth_und_louis

Jetzt schon zwei

Heute sind schon zwei Mauersegler da,
ich sah sie fliegen, ziemlich niedrig,
in schnellen Kurven Insekten fangend,
hörte auch ihre schrillen Rufe.
Ein bisschen diesig ist es heute,
aber es will nicht regnen.
DEO JUVANTE fuhr wieder vorbei,
gegenüber am anderen Ufer.
Man hatte zum Rhein hin
ein großes Banner aufgehängt,
um die Helden des Alltags zu ehren.

Düsseldorfer Rheinufer zu Altstadt hin, Fotografie RW April 2020
siehe auch den Beitrag vom 8. März 2019

Korrektur im Archiv

Das ist ja alles nicht wahr, was auf Fotografien suggeriert oder behauptet wird. Als Zeitzeugen sind wir in der Lage zu korrigieren. Der goldgelbe Hippie-Mantel, der farblich so schön, fast komplementär zu den Blautönen im Bild passt, gehörte ebenso wie die gelbe Tasche nicht der Dargestellten, sondern dem Studenten A, der sie auf einen Trip nach Amsterdam eingeladen hatte. Schmetterlinge in bunten Farben auf Papier gemalt und dann ausgeschnitten auf der Wand dekoriert – das wäre das Allerletzte, was die Studentin im zweiten Semester an der Kunstakademie Düsseldorf produziert hätte. Sie empfand das Motiv schon damals als abgegriffen … und so banal, die Assoziationskette junge Frau, Blumen, Hippie und Schmetterlinge… Auch der Raum, in den sie gebeten wurde, war nicht ihre Klasse, die war unten im Parterre in den Räumen 19 und 20, die Klasse von Professor Joseph Beuys. Der Fotograf hatte sie gebeten, in einem kleineren Raum im ersten oder zweiten Stock auf der blauen Kiste Platz zu nehmen. Er wanderte damals durch die Flure der Akademie, um Studierende (überwiegend Frauen) zu fotografieren. Einmal hatte sie beim Aufsteigen zu den Räumen der Maltechnik zufällig gesehen, wie er ein unbekleidetes Modell zwischen den Gipsen antiker Statuen unter dem Dach der Kunstakademie fotografierte.
Er wolle die Aufnahme mit ihr noch einmal wiederholen, deutete er an, als er die fertigen Ektachrome der oben Dargestellten zeigte. Man spüre den Fotografen zu sehr auf dem Bild, die Porträtierte sei also nicht ganz sie selbst gewesen. Sie hatte keine Lust auf ein weiteres Treffen, sie lehnte ab. Wahr ist aber ihre Kleidung auf dem Bild, das weiß sie genau, sie hatte sich nicht verkleidet. Dunkelbraune Cordjeans mit Schlag und ein selbst gefärbtes Baumwoll-Rippenhemd, der kleine blaue Madonnenanhänger, vom Großvater aus Rom mitgebracht, die wildledernen Boots. Die Haare wollte sie sich wachsen lassen und ihre Brille nur noch in den Seminaren der Kunstgeschichte tragen.

Studentin der Kunstakademie Düsseldorf, Fotografie von 1971,
Archiv RW 2020

Nachtmahr

Übungen nachts zwischen 2.30 Uhr und 5.00 Uhr

Das kleine Einmaleins aufsagen.
Die Besonderheit der 9er-Reihe erkennen.
Daraufhin das große Einmaleins versuchen.
Die Einfachheit der 19er-Reihe erkennen.
Das Nichts denken wollen.
Ganz kurz aufstehen, um am Himmel nach Sternen zu suchen.
Die Ohren spitzen, um Geräusche zu hören, die nicht da sind.
Das Rauschen im Ohr herausfiltern.
Um 3.38 Uhr den Zeitungsboten hören.
Alle Überlegungen zum Tage verbannen.
Das jede Stunde wiederkehrende Schleifen
der Straßenbahn zur Ruheformel werden lassen.
Das rote Licht des Rauchmelders alle 45 Sekunden als feindliches Signal werten.
Die Lage der herabhängenden Hand als gültig akzeptieren.
Nicht auf den Morgen warten.

Filmstill aus «Der Gorilla von Soho» von Edgar Wallace, Fotografie RW, 2020