«Christus auf dem kalten Stein», Abteikirche St. Michael in Thorn, Limburg Niederlande
Schiffsnamengeschenke
Heute ist die Anzahl der gesammelten Schiffnamen schon auf 654 angestiegen. Wir wissen nicht, wie viele Schiffe täglich an unserem Rheinfenster vorbeifahren. Aber sehen wir aus dem Augenwinkel einen Schatten in der hellen Frühlingssonne, so springen wir auf, nehmen Großvaters Fernrohr in die Hand und notieren fleißig per Hand die neue Beute, später wird sie in das digitale Archiv eingetragen. Und heute ein schönes Geschenk von Vater Rhein und zwar tatsächlich in dieser Reihenfolge:
SOMNIUM BREVE, MAGIC, TIAMO.
Rheingerölle aus der Sammlung RW, Fotografie RW 2008
Ein treffendes Bild
Edward Hopper, A Room in New York, 1932
Im Newsletter «Gemeinsam einsam» des Bochumer Kunstvereins hat unser Freund, der Kunstwissenschaftler Richard Hoppe-Sailer, auf den Maler Edward Hopper aufmerksam gemacht. Im Internet tauchen Bilder dieses Malers jetzt häufiger auf. Scheinen sie etwas mittzuteilen, Momente unseres social distancing in Covid 19-Zeiten widerzuspiegeln? Schon Anfang Januar hatte mir eine Freundin von der sehenswerten Ausstellung des Malers in der Fondation Beyeler erzählt und ich hatte mir fest vorgenommen, nach Basel zu fahren. Eigentlich reagiere ich auf die Hopper-Potenzierung ein wenig kritisch, zu oft gab es die Night Hawks oder Morning Sun auf Sofakissen und Kaffeetassen, auch als billige Reproduktionen. Aber dieses Bild A Room in New York, das Richard Hoppe-Sailer in seinem Text bespricht, hat es mir angetan. Wir schauen von draußen, von den Bewohnern unbemerkt, in das Innere eines Raumes. Die Architektur der Fensterumrandung weist uns aber einen gehörigen Abstand zu. Es gibt keine Reflektionen von einer Fensterscheibe. Das Paar wirkt seltsam kalt (trotz der sich wiederholenden Rottöne im Bild), grell von oben beleuchtet, die Gesichter verschattet, die Köpfe gesenkt. Musik erklingt (noch) nicht, vielleicht gleich – nur ein einzelner Ton, der Mann hat (noch) nicht aufgeblickt von seiner Lektüre. Eine senkrechte Holztäfelung an der Wand, vielleicht eine Tür in den nächsten Raum, trennt das Paar, obwohl beide diese Fläche überschneiden. Unheimlich – eine in der Zeit angehaltene Beziehung – wie in einer Art Filmstill werden Tausende von Bildern des Lebens komprimiert. Ein Bild im Bild an der Wand zeigt das Draußen wie aus einer fernen Erinnerung – eine Landschaft mit Bäumen.
Brief zur Krise von Richard Hoppe-Sailer
Edward Hopper in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel, vom 26. Januar bis zum 17. Mai 2020.
Rheinsonntag
Wie verrückt geworden kommen die Leute in Wind und Sonne an den Rhein, fahren Rad, Skateboard, joggen, packen ihre Surfbretter aus und rasen in die Flutwellen der großen Containerschiffe. Jagen bis zur Erschöpfung von einem Ufer zum anderen. Dort umkreisen die Spaziergänger, immer nur zu zweit, die Schafe mit ihren frisch geborenen Lämmchen.
Das Aufschreiben der Schiffsnamen ist durch das WirbleibenzuHause geradezu beängstigend angewachsen: 614 Einträge haben wir nun schon, von AARBURG bis ZEUS.
Dass heute Palmsonntag ist, bleibt uns trotzdem bewusst.
Windsurfer am Rhein, Fotografie RW, Palmsonntag 2020
LA PRIMAVERA auf dem Rhein
Heute hat die Rheinschifffahrt vor unserem Fenster etwas ganz Besonderes zu bieten: Es begann heute Morgen mit dem schönen Schiffsnamen EUPHORY, mittags fuhr LA PRIMAVERA vorbei und am Nachmittag VAGABOND. Das sind willkommene Zeichen, die unsere düsteren Gedanken etwas aufhellen. Ach könnten wir doch die Schönheit der jetzt aufblühenden Natur ganz ohne Sorgen sehen. NERODIA fährt nun am Abend vorbei und verdirbt uns gründlich das bisschen Verlangen nach Unbekümmertheit.
Narzissenblüte im Park von Schloss Dyck, Fotografie RW, 2011
Verlangen nach Reisen
Wir fahren in Gedanken nach Schottland. Auf dem Weg durch die Täler und Höhen der Trossachs sehen wir in der Ferne schon Loch Katrine liegen, einen sehr langen und schmalen See, Relikt aus Gletschern der letzten Eiszeit. Hier erinnern wir uns an Sir Walter Scott’s berühmtes Poem The Lady of the Lake. Franz Schubert vertonte daraus den dritten Gesang der Ellen, das Ave Maria, in Deutschland als Hochzeits- oder Beerdigungslied so oft missverstanden. Ellen richtet ihren Gesang an die Mutter Gottes, um Schutz für sie und ihren Vater in der Einsamkeit einer Felsenhöhle zu erbitten.
In den Trossachs, Fotografie RW, 2008
Laboremus et oremus
Die Schiffe, die heute vorbeifahren, heißen LABOREMUS und SINCERITY. Wir wollen aufrichtig sein und zugeben, dass wir die Arbeit noch nicht aufgenommen haben. Die Zeichenblätter sind noch weiß und die Collagen unentschieden und ungeklebt. Die Archive sind unsortiert, die Rechnungen aber bezahlt. Die notwendigen Spaziergänge am Rhein haben wir zu unserem täglichen Ritual gemacht. Heute morgen saß eine einzelne Gestalt am Fluß und blickte unbeweglich auf das gegenüberliegende Ufer. Von Ferne sah es so aus, als wäre sie aus einer anderen Zeit, aus einer unbekannten Fremde. Ich erinnerte mich, dass ich im Alter von etwa drei Jahren beim ersten Anblick einer Nonne rief: «Da ist die Mutter Gottes».
Verschleierte am Rhein, Fotografie RW März 2020
Scheinspaziergang
Drinnen habe ich meine Hausaufgaben gemacht. Die Zeit habe ich in Schärfe und Unschärfe geteilt. So kann ich Ereignisse und Farben besser zuordnen. Nah ist der Frühling und weit weg ist die Stadt. Dazwischen das blaugraue Band des geliebten Flusses, die frisch gemähten Uferwiesen mit geköpften Gänseblümchen. Um die gelben Ahornblüten tanzen die Scheinwespen.
Ahornblüte am Rhein, Fotografie RW, 2020
Im Wind
Der Frühling naht, die Forsythien am Haus sind noch nicht aufgeblüht, aber gelbe Knospen sieht man schon. Gerade als die Aufnahme gemacht wird, kommt ein Windstoß aus Richtung Süden. Der Vater muss den Hut festhalten, mit der anderen Hand den Mantel schließen. An dieser Hand trägt er einen goldenen Ring. Fast 23 schöne Jahre wird er mit seiner großen Familie in dem weitläufigen Haus wohnen, das umgeben ist von 137 italienischen Pappeln. Weiden und Ahorn, Apfel-, Kirsch- und Pflaumenbäume, sogar ein Pfirsichbäumchen wachsen im Garten. Auch gibt es üppige Rosenhecken und viele weißblühende Sträucher. Das ganze Haus ist im Sommer mit der dreispitzigen Jungfernrebe überwuchert. In derem dichten Laub wohnen dann unzählige große Spinnen. Auf den zwei Terrassen sind in Pfeilern, Wänden und Böden die schönsten Steine verbaut. Travertin und andere Sinterkalke mit ausgeprägten Verkrustungen, schneeweißer Mergel, roter und gelber, auch grüner Sandstein mit hohem Glimmeranteil, roter und gelber Marmor, Labradorit, Basalt und Trachyt. Ein Steinmetz hatte sich einst dieses Haus mit Walmdach im italienischen Stil erbaut.


