Heilige Messe


Vor Jahren nahm die steinalte Sophia an einer sehr festlichen heiligen Messe teil. Das Aschenkreuz wurde ausgeteilt. Es war der Aschermittwoch der Künstler in Köln. Wie jedesmal wurden auch die Namen der im Jahr Verstorbenen verlesen.
Sophia war sehr gerne mit den Künstlern zusammen, es gab im Anschluss an die Messe anregende Vorträge, musikalische Darbietungen, eine Ausstellung und eine kräftige Suppe. Später traf man sich zu einem gemeinsamen Museumsbesuch in der Kolumba.
In ihrer jetzigen, freiwilligen Isolation vermisste sie die feierliche Gemeinschaft sehr und sehnte sich nach dem Ausstauch mit den Künstlerfreunden.

Aschermittwoch der Künstler in Gross St. Martin zu Köln, Fotografie RW, 2013

Das Geschenk des indischen Prinzen


Das vom indischen Prinzen auferlegte Rätsel hatte ich gelöst. Zur Belohnung wollte er mir laut seines letzten Versprechens einen großen Rubin schenken. Stattdessen fand ich in dem von ihm genannten Versteck eine Kette. Sie lag in der fossilen Muschel, in der sich dunkelblauschwarze Vivianitkristalle gebildet hatten. An der Kette war eine Art gebauchte Linse befestigt, die mich mit ihren vielen zarten Kügelchen an ein kleines Seeigelgehäuse erinnerte. Zwischen den Kügelchen waren sechzehn unterschiedlich große, funkelnde Diamanten gefasst.

Weißgoldkette mit Brillanten auf fossiler Muschel, Fotografie RW 2020

Die Katze von Paul Klee

Der steinalten Sophia kam in den Sinn, dass eine mögliche wertvolle Folge des Schreibens der Trost sei. Das Bild einer Katze brachte sie auf diesen Gedanken. Es handelt sich um die Katze von Paul Klee, die der Künstler 1906 selbst fotografierte. Das Bild der struppigen kleinen Katze auf dem Teppich-gemusterten Sofa hat etwas Heimeliges und Wildes zugleich. Die Muster des Stoffes schreiben die Geschichten von Winter und Sommer, von den Pflanzen und Kristallen. Zufrieden beansprucht das Kätzchen den Platz inmitten der alten Erinnerungen. Von den vielen Millionen Katzenbildern der social media wußte Sophia nichts. Sorgfältig notierte sie heute: wenn mich wieder Weinanfälle am hellichten Tag überfallen, wenn mich die Sehnsucht nach den Verstorbenen überwältigt und wenn die Sorge um meine Nächsten zu groß wird, dann werde ich die Muster dieses Stoffes Faden für Faden beschreiben.

Klees Katze, invertierte und beschnittene Fotografie aus der FAZ von heute, Fotografie RW 2020

Blick aus dem Fenster

Die Sichel des zunehmenden Mondes steigert ihr Licht, je dunkler es wird. Sie steht genau gegenüber am dunstigen Himmel über dem Fluss, während ich schreibe. Ich sehe sie durch die geöffnten Türen des Rheinbalkons. Wie schnell die Dämmerung heute einbricht. Ich höre die raschelnden Laute der trockenen Platanenblätter, wenn Radfahrer oder Spaziergänger sie berühren. Ich höre die vorbeifahrenden Schiffe, ich höre die Stimme des Trainers, der jeden Dienstagabend seine kurzen Kommandos an die Sportgruppe gibt.
Die Vorhänge auf dem Foto oben – hierzu wollte ich eigentlich schreiben – geben den Blick auf den Kirchturm frei, aber ich kann nicht erkennen, was Stunde geschlagen hat.

Blick auf die Kirche von Martinsthal, Fotografie RW, September 2020

Im Wald


Im Wald treffe ich auf einen abgestorbenen Baum. Aufgebrochen ist die Rinde. Er steht noch aufrecht, seine Äste kahl emporgereckt. Moos hat sich auf ihnen angesiedelt. An einer Stelle hängt es allerdings herunter wie ein räudiges Fell. Wenn es abstürzt, wird es sicher dem nächsten Lebewesen sehr nützlich sein.

Auf dem Rheinsteig bei Rauenthal, Fotografie RW, September 2020

Festlich

Wie schön ist es, am Abend hoch auf dem Weinberg in der Laube zu Abend zu essen. Das Weingut bietet zu landesüblichen Speisen seine leckeren Weine an. Wenn die Sonne untergangen ist und es empfindlich kalt wird, werden warme Decken gereicht. Auf dem Rückweg nach Hause funkeln die Sterne vom klaren Himmel. So lässt es sich leben im Herbst.

Im Rheingau, Fotografie RW, 18. September 2020, für JK

Vanessa cardui

Gestern las ich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung den Artikel von Peter Henning über seine beglückenden Erfahrungen mit Schmetterlingen. Augenscheinlich ist es ihm gelungen, mit ihnen regelrecht zu kommunizieren. Er schildert, wie ein Admiral (Vanessa atalanta) auf seine Hand fliegt und dann auf seinen Kopf, wieder auf die Hand … und zwar immer dann, wenn Henning dem Schmetterling die Aufforderung dazu ausspricht. Er räumt ein, dass es eine besondere Fügung von Zufällen gewesen sein könne. Nun hat die Forschung aber herausgefunden, dass es durchaus Kommunikation zwischen Faltern und Menschen gibt. Allein der Gedanke daran macht mich so glücklich, dass ich, auch wenn es bei Henning Zufall und Poesie wäre, ich trotzdem dieses Glück behalten werde. Welche Gottesgeschöpfe die Schmetterlineg sind, wie sie weite Weltreisen unternehmen, welche wunderbaren Bilder sie auf ihren Flügeln durch die Kontinente transportieren – so atemberaubend, dass ich gar nicht aufhören kann, von ihnen und mit ihnen zu schwärmen.

Distelfalter (Vanessa cardui) in der Normandie, Fotografie RW 2008

Time lapse

Manchmal hatte die steinalte Sophia das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein oder dass die Tage nicht mehr von ihr selbst erlebt wurden. Die Wochen des Jahres vergehen wie im Fluge, was gestern war, hab ich heute vergessen. Vielleicht ist mir die Kunst der Rückbesinnung verlorengegangen. Anhand von Dokumenten konnte sie allerdings einiges rekonstruieren. Und so sah sie, dass es unzählige Erlebnisse waren, die sie bewahren wollte. Silvester Karneval Aschermittwoch Fastenzeit Ostern Christi Himmelfahrt Pfingsten Fronleichnam Sommerferien Erntedankfest Sankt Martin Nikolaus Adventszeit Weihnachten – waren meine Orientierungspunkte, die mich früher durchs Jahr geführt haben, dachte sie im Stillen, aber da war ich ja auch nicht ich, da war ich ja nur eine Dabeigewesene unter vielen.

Blick aus dem Fenster in Amsterdam, Fotografie RW 2013, invertiert 2020