Mai, Maggio, May, Mei, Mayo

Gundermann, Gundelrebe, Glechoma hederacea – Hasenglöckchen, Bluebells, Hyacinthoides
Auf ihrem täglichen Gang am Rhein betrachtet die steinalte Sophia besonders gern das sich stetig verändernde Wachstum der Pflanzen. Sie verlässt die asphaltierten Wege und geht direkt über die Wiesen der parkähnlichen Anlagen, taucht unter die schon grünen Dächer der Bäume und Büsche oben auf dem Deich. So kann sie sich fast einbilden, weit draußen in der Waldeinsamkeit zu sein. Das Rauschen der in den Rheintunnel einfahrenden Autos ignoriert sie, kann sogar die Vogelstimmen wieder richtig zuordnen. Manchmal bleibt sie an einer Stelle minutenlang stehen, um sich auf die Farben der Grüns, die Feinheiten der Blattformen und neue Blüten einzulassen. Irgendjemand muss die blauen Glöckchen einmal dort ausgesät (oder Zwiebeln gepflanzt?) haben. Denn es ist die spanische Sorte, da ich an diesem Standort auch weiße und rosafarbene Exemplare fand. Ein schöner, schattiger Standort, auch sehr hübsch der Gundermann davor, der kriechend ein gemütliches Kissenbett ausgebreitet hat für den schönen Glockenstrauß. Wie in einer Vase arrangiert hat sich dieser darin aufgestellt. Fast hätte sie sich im Grün einfach niedergelassen und ein wenig geschlafen, aber ein in einiger Entfernung sich bückender Hundebesitzer störte die steinalte Sophia, als er die Hinterlassenschaft seines Lieblings in einen schwarzen Beutel füllte.

Blumen am Rhein, Fotografie RW, 2. Mai 2021

 

 

Treue


Sie sind wieder da, die Mauersegler. Ihre schrillen Rufe provozieren unmittelbar das Gefühl des Sommers – und zwar das der schönen Sommer in Kinder- und Jugendzeiten, unbeschwert und frisch, nicht so heiß wie heute. Voller Sehnsucht, die Ferien möchten doch endlich beginnen, schauten wir in den blauen Himmel hoch über unserem großen Garten. Es roch nach gemähtem Gras und wenn die Sonne hinter den Wolken verschwand, froren wir leicht. Die Mutter rief von oben – Zieht eure Strickjacken an! – aber wir wollten lieber unsere blanken Arme ein wenig bräunen.
Vielleicht half der große Supervollmond den Vögeln bei der langen Reise. Vorgestern abend kamen zwei Vögel aus Afrika zurück, heute sind es schon sechs.

Apus apus, Fotografie RW 2020/21

Im Atelier des Malers

Je kleiner der Radius des Reisens, ja des Sich-Fortbewegens wird, um so intensiver werden die Träume. Beim täglichen Spazierengehen entdecke ich zwar immer wieder neue kleine Gewöhnlichkeiten, die sogar große Gedanken evozieren können. Das ist eine Bereicherung. Aber die fremdartigen Träume der vergangenen Tage verwundern mich doch sehr.
So war ich im Traum im Atelier eines französichen Malers . Vous êtes un peintre magnifique höre ich mich leise sagen. Es kann das Atelier von Manet, Delacroix oder Fantin-Latour gewesen sein. Ich bewunderte ein Bild mit Personen, darin auch ein gemalter Spiegel, der wunderbare Reflexionen zeigte. Ein Grünblau der Schatten, ein helles Grauweiß des Lichts, war da nicht auch ein Gesicht zu sehen? Und auf einmal veränderten sich die Farben, wenn ich den Kopf bewegte oder sogar einen Schritt zur Seite ging, um einen anderen Blickwinkel zu haben. Wie bei einem realen Spiegel verschoben sich die Reflexionen. Ich war plötzlich als Betrachter ins Gemälde selbst eingetreten, das Gemalte trotzdem noch durch Pinselzüge gekennzeichnet. Eigenartig, ich wunderte mich im Traum nicht darüber, sondern erinnerte mich an mein Schulfranzösisch Vous êtes un peintre magnifique. Aus diesem wahrhaftigen Traumerleben wachte ich auf und alles war noch sehr deutlich vor meinen Augen.

Henri Fantin-Latour, Hommage à Delacroix, 1864, Musée d’Orsay, Ausschnitt, Fotografie RW Paris 2017
Im Bild zu sehen ist Delacroix, im goldenen Rahmen, gemalt von Fantin-Latour (mit Palette, in diesem Ausschnitt nicht zu sehen) am linken Bildrand als einziger nicht im Anzug, über ihm der Maler Legros, vor dem Bild links stehend der Maler Whistler, vor dem Bild rechts sitzend der Schriftsteller Champfleury, flankiert von dem Maler Manet. Das Porträt des gerade gestorbenen Delacroix erinnert an eine Fotografie von Nadar, fast alle Dargestellten schauen den Betrachter an, als wollten sie den Hereintretenden begrüßen, oder fragen, warum er sich in diesem Bilde wiederfindet.

Numero fortunato

Zum Glück verlassen 23 untere Dienstgrade das Könighaus.
Uta, die junge Thronfolgerin, 23, verlässt das Könighaus nicht.
Fortunato fährt mit der U23 bis zur Haltestelle Könighaus.
23 Umstürzler im Könighaus werden von Fortuna verlassen.
Mit ein wenig Fortuna gibt es bald den 23. Thronfolger im Könighaus.

Zeitungsschnipsel aus der Sammlung 23 von RW, Fotografie RW 23. April 2021

Schritte auf dem Mond


Die Fußspuren des Malers auf der am Boden liegenden Leinwand gehen von oben in den Bildausschnitt hinein, vorbei an einem roten Fleck. Wie eine Faust oder ein Herz liegt er über einem Sohlenabdruck. Er wurde also zeitlich nach den Schrittspuren aufgetragen. Die große Aussparung rechts, ein sich neigender Kopf, wendet sich dem roten Fleck zu. Der Höhepunkt meiner Vision ist das fast fotografische, graurosa Gesicht, das sich in der Aussparung oben rechts befindet – ein Mephisto oder ein antiker Gott, der aus den Wolken herabschaut.

Im Atelier von Jan Kolata, Ausschnitt einer wandgroßen Malerei, Acryl auf Leinwand, Zwischenstand, Fotografie RW 2021

Vergissmeinnicht

Heute in den frühen Morgenstunden träumte die steinalte Sophia von ihren Eltern, die längst verstorben waren. Im Traum waren sie in einem dauerwährenden Elternalter. Die große Familie war hier zusammen und hatte Sophia nicht auch Freunde gesehen? Man war in verschiedenen Räumen, die Eltern saßen in heller Umgebung. Man sprach miteinander, sie hörte dann die Mutter schwer atmen, sich die Hand an die Brust haltend, fragte sie nach einem Arzt. Sophia sah den Schweiß auf ihrer Stirn. Eine ihrer Schwestern, die Ärztin geworden war, kam hinzu und beruhigte, das wäre gleich wieder vorbei und legte ihre Hand sachte auf die Mutter. Da wachte die steinalte Sophia auf, begab sich zum Rheinfenster, um tief Luft zu holen und sah das Schiff mit dem Namen PANTA RHEI auf dem Fluss vorbeifahren.

Vergissmeinnicht vom Rheinufer, Fotografie RW, 17. April 2021

Vorbei

Neuerdings sieht sich die steinalte Sophia jede Dokumentation über das englische Königshaus an. Sie trauert so sehr über den Tod von Prinz Philip, als wenn er ihr eigener Vater oder Großvater gewesen wäre, was allerdings von ihrem Alter her nicht gepasst hätte. Sie erinnerte sich noch genau an die Feierlichkeiten, als die Queen mit Prinz Philip 1965 nach Deutschland kam und auch die Hüttenwerke in Duisburg Huckingen besuchte. Mit dem Schiff Stadt Duisburg kam die Königin auf dem Rhein herangefahren und fuhr später weiter nach Düsseldorf. Die steinalte Sophia hatte sich eigens für den Empfang am Rhein ein hellblaues Kostüm mit einem weißen Nerzkragen gekauft, ohne zu wissen, dass auch die Queen in Hellblau kommen würde. Sie stand mit ihrem Mann, der damals einen führenden Posten in den Hüttenwerken innehatte, in der Nähe des Empfangskomittees, so dass sie Prinz Philip und Elizabeth II. genau sehen konnte. Leider sind nur wenige Fotografien, die ihr Mann von diesem Ereignis aufnahm, erhalten, aber immerhin, die Königin und (vielleicht?) der Prinz sind in der Mitte des Bildes zu sehen. Der steinalten Sophia wurde in jungen Jahren eine gewisse Ähnlichkeit mit Elizabeth der II. nachgesagt. Genau wie sie war sie auch am 21. April geboren – Dankbar bin ich, dass Prinz Philip fast 100 Jahre alt geworden ist und nun soll es gut sein.

Elizabeth II in Duisburg, Fotografie des Vaters, 1965