Ob in meinem Koprolith aus Utah, USA auch mikroskopisch kleine Insektenteile enthalten sind? Dazu müsste ich tief in den versteinerten Dinodung hineinschauen können. Gewaltig große Tiere fraßen vor Millionen von Jahren mannshohe Gräser, rissen mit ihren Mäulern Blätter von haushohen Bäumen und nahmen dabei Käfer, Fliegen und Spinnen auf. Wie ich las, gab es in ihrem Zeitalter Rieseninsekten mit Flügeln bis zu 20 Zentimetern lang, zugleich aber auch wenige Millimeter große Tierchen. Der Saurier aus dem Artikel war allerdings ein nicht so imposanter Vertreter der Gattung Silesaurus, der auf dem Gebiet des heutigen Polens lebte – nicht sehr groß und von einem viel früheren Zeitabschnitt als die Dinosaurier aus Utah, von denen die meisten ja wohl Fleischfresser waren.
Nicht vorstellbar
Vor einem Jahr, Anfang August, war ich an der Ahr, fotografierte dieses Haus in Walporzheim wegen seiner altertümlichen, schönen Loggia.
Etwas Schreckliches ist passiert. Die Flutwelle, so hoch wie das Halteverbotsschild im Bild, wälzte sich an dem Haus vorbei, in unmittelbarer Nähe des alten berühmten Weinhauses, wo wir gerne aßen und tranken. Das Wasser kam mit einer unvorstellbaren Gewalt, führte Baumstämme, Autos, etliche Weinfässer, große Bauteile mit sich. Das alles stapelte sich meterhoch in der relativ schmalen Straße. Ich sah dies auf einem im Internet veröffentlichten Foto. Dabei liegt das Haus nicht unmittelbar an der Ahr. Nach immensen Regenfällen von zwei Tagen stieg das Wasser im Fluss am 15. Juli fast sechs Meter hoch, noch am 10. Juli maß die Höhe nur 70 cm. Nicht nur das ganze Ahrtal ist betroffen. Schlimme Bilder von Überschwemmungen und Erdrutschen an den Flüssen des Rheinlandes und der Eifel sehen wir in den Nachrichten. Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben inzwischen 141 Todesopfer zu beklagen.
Noch habe ich nicht begriffen, wie so etwas möglich ist. Die Schnelligkeit der Naturgewalten, zu späte oder zu langsame Evakuierungen? Unvorhersehbare, unvorstellbare und unterschätzte Kräfte? Die Wetterstationen sollen wohl gewarnt haben.
Haus in Walporzheim, invertierte Fotografie RW, August 2020
Aby Warburg 23a
Im Bilderatlas Mnemosyne von Aby Warburg gibt es insgesamt 63 Tableaus. Ich habe sie mir angeschaut in der Bundeskunsthalle zu Bonn. In einer großen, abgedunkelten Halle sind sie eindrucksvoll nach ursprünglichem Zustand mit originalem Bildmaterial aufgebaut. Die Zeit zu genauem Betrachten und Lesen dieses weitreichenden Kosmos nahm ich mir nicht, das hätte Tage gedauert. Ich ging punktuell von Tafel zu Tafel, so dass die freundliche Aufseherin sich gemüßigt sah, mich zu ermahnen, ich ginge nicht in der richtigen Reihenfolge des Betrachtens vor. Es gibt ein riesiges Buch zur Ausstellung, worin man in Ruhe alles ansehen kann, außerdem ist es möglich, den Bilderatlas online zu studieren. Neben zahlreichen mir vertrauten Kunstwerken in Scharzweißfotografien, Nachzeichnungen und frühen Papierkopien fand ich auf einem Tableau geometrische Körper. Davon wurde mein Blick angezogen. Der Pentagondodekaeder gehört hier zu the amusing game of dodecahedron of fortune (1560, Paris). Ein lustiges Spiel zum Auffinden des Glücks. Die Allegorien der Fortuna, der Occasio (die man beim Schopfe packen muss) des Kairos (des glücklichen Augenblicks) fand ich auf anderen Tafeln. Später schaute ich mir das in der Vorhalle des Museums ausliegende Riesenbuch an, und sehr schnell hatte ich die Seite mit dem Pentagondodekaeder gefunden. Da sah ich zu meiner allergrößten Freude, dass es Tableau 23a war.
https://www.bundeskunsthalle.de/aby-warburg.html
«In den 1920er Jahren entwickelte der Kunst- und Kulturwissenschaftler Aby Warburg (1866–1929) seinen Bilderatlas Mnemosyne, der wiederkehrende visuelle Themen, Gesten und Muster von der Antike über die Renaissance bis zur Gegenwartskultur nachzeichnet.» Zitat Bundeskunsthalle Bonn
Aby Warburg, Tafel 23a, Fotografie RW, 13. Juli 21
ruth23weber.de
Im Studio
Alles geht mir kaputt am Arbeitstisch.
Das alte Glasauge aus Marburg, zersprungen.
Der Zweig von gediegen Kupfer, zerbrochen.
Das Bergkristallhändchen aus Antwerpen, entzwei.
Jetzt pass nur auf, das die Korallenästchen heil bleiben.
Die kleinen Lebensadern.
Und der violette Oktaeder nicht zerspringt.
Arbeitstisch im Wintergarten, Fotografie RW, 10. Juni 2021
Der Chinese auf Platz 24 hört Beethoven
Heute hat mich ein Foto sehr beeindruckt: Ein junger Chinese sitzt mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen in einem Konzertsaal. Sein Platz trägt die Nummer 24. Seine Hände sind aufrecht gefaltet, die Spitzen der Finger enden unter der Nase. Obwohl er sich nach vorne beugt, seine Ellbogen auf den Knien abstützt, wirkt er aufrecht, konzentriert gespannt, in geraden Linien. Seine Finger verlängern die Senkrechte der Nase, unter den gefalteten Händen zeigen die hellen Knöpfe seines dunklen Hemdes eine weitere Senkrechte. Die jeweils zwei Knöpfe an den Ärmelabschlüssen rechts und links bilden zusammen mit den aufrecht gefalteten Händen den Abschluss eines umgekehrten Ypsilons. Die Lidränder der geschlossenen Augen heben sich zur Nase leicht an, so dass sein Blick tatsächlich nach innen zu gehen scheint.
乐 木 水
Ich sehe chinesische Schriftzeichen in der Symmetrie seiner Erscheinung.
乐 Glück 音 Klang
水 Wasser 木 Holz 土 Erde 金 Metall 火 Feuer
Das Wort für Musik ist aus den Zeichen Glück und Klang zusammengesetzt. Die fünf chinesischen Elemente tauchen im System der chinesischen Fünftonmusik auf. Auch fünf Himmelsrichtungen, Planeten, Jahreszeiten und Temperamente werden in diesem System bedacht.
Der junge Chinese hört allerdings Beethoven, gespielt von europäischen Musikern, ein wunderbares Bild.
Der Fotograf Andreas Herzau begleitete die Bamberger Symphoniker 2019 auf ihrer letzten Tournee durch China. Sein Foto des Musik hörenden Chinesen ist auf dem Cover des BAMBERG DIARY #2 (Nimbus Verlag, 2021) zu sehen. Herausgeber ist Holger Noltze.
Rezension zu diesem Buch von Jan Brachmann heute in der FAZ. https://www.nimbusbooks.ch/sites/default/files/faz_5.7.21_bamberg_diary_china.pdf
Meteorit aus Sibirien auf Feuersteinknolle von der Ostsee, Fotografie RW, Sammlung RW, 2021
Aus der Zeit gefallen
Gestern Abend sah ich die weiße Frau von Düsseldorf. Sie kam mir ziemlich spanisch vor. Weiß und Grün sind die Farben einer bekannten Düsseldorfer Waschmittelmarke. 1922 erfindet diese Firma eine weiß gekleidete Frau als Werbefigur. Meine weiße Frau ist dagegen womöglich Künstlerin, vielleicht schon betagter als die steinalte Sophia. Sie geht im beginnenden Regen durch den Park des altehrwürdigen Künstlervereins Malkasten. Ihre weißen Kleider kaufte sie wahrscheinlich in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts während einer ihrer ersten Reisen auf die Balearen. Ein weißer Schirm und weiße Schuhe komplettieren ihren Auftritt. Sie geht allein, obwohl in den anderen Bereichen des Parkes sehr viele Künstlerinnen zusammenstehen, um die Kunst und Kultur von Frauen in einem Jubiläum feiern. Nach fast zwei Jahren sehr eingeschränkter Kontakte will die weiße Frau es wohl nicht übertreiben.
Frau im Malkastenpark, Fotografie RW 3. 7. 2021
In der Warteschleife
Der Junihimmel am Abend gibt sich zuckersüß in Violett und Rosa über dem Medienhafen am Pier One. In den Königskindern, so heißen die zwei Türme mit den grünen Abschlüssen tatsächlich, wohnen reiche Leute, sicher von hohem Rang und altem Adel. Eine Tiefgarage kostet dort allein schon 65000 Euro. Einige Wohnungen in den Türmen gab es zu kaufen, andere möbliert zu mieten, eingerichtet mit den erwartbaren Produkten globalen Hochglanzdesigns. Ein Concierge sitzt vor schwarzgrünem Marmor in der Lobby und leitet unter Umständen den neugierigen Besucher zu dem großen Dachgarten mit großzügiger Outdoorküche und atemberaubenden Blick über Düsseldorf. In den Restaurants der Erdgeschosse, direkt am Wasser, wo die Rennboote mit hoher Bugwelle vorbeirauschen, kann der Bewohner Gleichgesinnte treffen, ohne zugeben zu müssen, dass er eine nur 75 qm große Wohnung angemietet hat – und das nur für einen Tag.
Im violetten Schein drehe ich voller Vorfreude am gegenüberliegenden Ufer des Rheins noch ein paar Runden in der Warteschleife, denn bald erscheint mein neues blassgrünes Buch, gefüllt mit solchen Schätzen und Kostbarkeiten, dass ich es kaum erwarten kann, sie in gedruckter Form zu betrachten. Und sicher bin ich mir, dass sie drüben davon in keiner Ecke und in keinem Winkel eine Ahnung haben.
Juniabend in Düsseldorf, Fotografie RW, 29. Juni 21

23 kostbare Steine
Mit großer Freude traf sich der indische Prinz heute mit Freunden aus Seattle und München zu einem kleinen Spaziergang in seinem Stadtviertel, setzte sich danach mit ihnen zu einer Mahlzeit nieder – dies auf einem weiten Platz mit Häusern aus der Zeit um 1910 und großen, alten Kastanien am Rande zur Straße, darunter ein altes Fachwerkhäuschen, in dem man seit Generationen Blumen kaufen konnte. Der Prinz hatte hier ein Bouquet aus Hortensien bestellt, das den schön gedeckten Tisch schmücken sollte. Rosatöne, auch Weiß und Grün – die Farben leuchteten bei grauem Himmel besonders intensiv. Es war recht kühl, aber der Wein und die warmen Speisen halfen, die Temperatur von 17 Grad zu ertragen. Lange hatten die Freunde sich nicht gesehen, zuletzt im Januar des letzten Jahres. Ausgegangen zum Essen waren sie seit vielen Monaten nicht mehr, vielleicht im vergangenen Sommer einmal. Heute trugen den Mund-Nasen-Schutz nur noch die Kellner. Allerdings erinnerten die QR-Codes auf dem Tisch daran, dass man noch nicht in einer Post-Corona-Zeit angekommen war.
Der Prinz zeigte nach dem Essen eine Kollektion seiner neuen Steine, die er auf letzten Auktionen ersteigert hatte. Es waren genau 23 Stück, drei Diamanten in einem natürlichen Rosa, zehn Elbaite mit grünrosa Köpfen, fünf tiefgrüne Smaragde aus Russland und fünf Rubine aus Indien in hinreißendem Taubenblutrot. Die Freunde beglückwünschten den Prinzen zu seinen Steinen und bedankten sich bei ihm mit dem Versprechen, einige passende Entwürfe für ein besonderes Pektorale nach antikem Vorbild zu zeichnen, das all diese Steine in sich vereinen sollte.
Hortensien, vom letzten Jahr gerettet, blühen erst jetzt, Fotografie RW, 23. Juni 2021
Lange Tage, helle Nächte

Im Korallenwald suchte die steinalte Sophia das Gewitter, von dem sie sich Abkühlung versprach. Sie stieg über Jaspis, Achat und Rhyolith. Der Regen sollte die Farben der Steine zum Leuchten bringen, die Blitze das Blut in den Adern gefrieren lassen. Reckt euch, reckt euch, rief sie den roten Ästen zu, damit die Blitze euch treffen. Dann legte sie sich auf den schönsten Stein, der wie ein Lager geformt war. Weiße Quarzflüsse zogen über seine Oberfläche und trafen sich in ihrem Haar. Der Regen kam und sie sah deutlich die Bänder und Streifen der verborgenen Achate und die kleinen Nierenkurven der Chalcedone.






