Diamant und Fäkalie

Ein Schweizer Künstler will seine in Jahren nicht verkauften Arbeiten, dazu seine eigenen Fäkalien zu Diamanten machen. Und zwar so: aus Resten des Unrats wird Kohle gewonnen, in Graphit umgewandelt und ein Keim unter ungeheurem Druck und Hitze zu Kristallwachstum angeregt. Das kann ich nicht gutheißen, da es nichts Besonderes ist. Der Diamant ist chemisch gesehen reiner Kohlenstoff C genau wie Graphit. Eins der wenigen Mineralien, die aus einem einzigen chemischen Element bestehen wie auch Gold, Platin, Silber, Schwefel. Die Reinheit existiert ja nicht in des Künstlers Hinterlassenschaften, sie muss vorher durch Umwandlung erzeugt werden. Das Ergebnis hat wenig mit der Herkunft zu tun. Denn wo bildet sich in dem extrahierten C noch die DNA des Künstlers ab? Da können auch Bauzäune, entsorgte Tannenbäume und finnische Saunen zur Diamantenherstellung gedient haben. Und die dazugehörige Saga allein überzeugt mich nicht. Also alles Humbug, ich ziehe die merde d’artista, von dem Künstler Manzoni 1961 in eine Konservendose geschissen und zu Goldpreis verkauft, vor.

Zwei natürlich gewachsene Diamanten und ein Weißgoldnugget, Fotografie RW, Sammlung RW, 2022

Dem Rätsel auf der Spur


1934 fotografierte August Sander die Ansicht des Mühlenturms in Kaiserswerth bei Düsseldorf (oben links). Ein Baum wächst hoch oben neben der Mühle. Die Mühle wurde auf den Fundamenten der Bastion St. Maximilian gebaut, eine von fünf um 1600 errichteten Bastionen der Stadtbefestigung von Kaiserswerth – St. Suitbertus, St. Maximilian, St. Melchior, St. Balthasar und St. Casper – allesamt sehr vertraute Heilige. Für die Schifffahrt ist groß Kaiserswerth auf die Mauern zum Rhein hin gemalt. Das Bild von Sander rührt mich an, weil es einen wichtigen Ort der Kindheit benennt.
Ich erinnerte mich da an ein altes Familienfoto aus der Mitte der 60er Jahre (oben rechts), als der Vater die Kinder bei Hochwasser am Rhein fotografierte. Das schien dieselbe Stelle am Mühlenturm zu sein, aber von der anderen Seite aus fotografiert. Ich kenne Kaiserswerth gut, mir kam etwas seltsam vor. Die Sicht des Vaters schien flussaufwärts zu sein, Richtung Pfalz und Basilika. Die Bäume, große alte Pappeln im Hintergrund, sprachen eine andere Sprache, sie zeugen von der offenen Richtung nach Wittlaer mit Wiesen und Weiden. War nicht dieselbe Baumgruppe im Hintergrund auch auf dem Bild von August Sander? Nach mehr als dreißig Jahren zwischen den Aufnahmen doch vorstellbar. Mein Foto musste seitenverkehrt ins Familienarchiv gelangt sein. Dafür brauchte ich Belege. Ich untersuchte die Richtung der Knopfreihen der Kindermäntel, gendergerecht hatte der Junge eine andere Knopfseite als die Mädchen. Ich stellte mich im Mantel vor den Spiegel, um die Richtung der Knopfleiste zu überprüfen. Die Knopfleisten schienen richtig herum auf dem Familienfoto. Aber der Widerspruch zu den Bäumen im Hintergrund und dem Geländerstück im Vordergrund ließen mich zweifeln. Ich fand die Lösung nicht.
Ich fuhr daher am nächsten Tag nach Kaiserswerth, um direkt vor Ort Fotos zu machen. (unten rechts) Der Baum, wohl eine Kastanie, steht immer noch hoch oben neben den Anbauten der Mühle. Die Bäume im Hintergrund sehen anders aus, aber die Anbauten neben der Mühle sind wiederzuerkennen. Das Geländer ist neu, heute der Rhein auch relativ hoch.
Zu Hause überprüfte ich sämtliche Ansichten, das Familienfoto musste seitenverkehrt sein, aber was war mit den Knopfleisten? Da kam mir eine Idee – ich musste ein ein anderes Foto, auf dem die Kinder dieselben Mäntel trugen, im Familienarchiv finden, von dem ich wusste, dass es auf keinen Fall seitenverkehrt sein konnte. Ich wurde fündig. Auf einer Strasse in Düsseldorf-Flingern standen die Kinder mit den Großeltern – im Hintergrund las ich an einem Geschäft den Schriftzug Zigarren! Ich überprüfte die Knopfleisten der Kindermäntel und siehe da – sie waren anders, das heißt, diesmal richtig herum. So spiegelte ich das Bild vom Hochwasser horizontal und alles war wieder in Ordnung. (unten links)

August Sander, Mühle zu Kaiserswerth, 1934 © Die photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv Köln
Hochwasser am Rhein, Familienarchiv RW, Mitte 60er Jahre
Der Mühlenturm Kaiserswerth, Fotografie RW 2022

Epiphanias 22

Dieses Püppchen, erklärte die steinalte Sophia dem indischen Prinzen, wird nach alter Tradition in einen Kuchen eingebacken und dieser am Dreikönigstag auf einer festlichen Kaffeetafel den geladenen Freunden angeboten. Wer das Püppchen auf dem Teller oder auf der Zunge findet, bekommt eine Krone aus goldenem Papier aufgesetzt. Dann wird Champagner ausgeschenkt und aufs Neue Jahr, auf die Gesundheit und die Freundschaft angestoßen. Wie letztes Jahr fand also heute keine Dreikönigsfeier statt. Hätte Sophia nicht aber zehn dreifach Geimpfte und Getestete einladen können? Diese Frage stellte der Prinz ihr allerdings nicht, stattdessen ging er mit ihr durch ihre Mineraliensammlungen, schaute in Vitrinen, Kästen und Kasten und sie schwelgten zusammen in Erinnerungen an Reisen in ferne Länder. Dafür standen ja die drei Weisen, aus verschiedenen Erdteilen waren sie angereist, um das Neugeborene mit Gold, Weihrauch und Myrrhe zu ehren.

Dreikönigspüppchen am Dreikönigstag vor 12 Jahren, digital manipulierte Fotografie RW 2010

Das neue Buch

Der indische Prinz hatte zum neuen Jahr das Buch «Mineralien» geschenkt bekommen. Hierin fand er hunderte fein gezeichneter und kolorierter Kristalle, Steine und Stufen, alle aus der Sammlung des Illustrators. Viele Fundstellen der Mineralien kannte der indische Prinz nur zu gut, da er genau von diesen auch Exemplare besaß. Zum Vergleich suchte er die Stücke aus seiner Sammlung zusammen und legte sie auf die passenden Seiten im Buch. Er nahm sich vor, in diesem gerade begonnenen Jahr die Fundstellen noch einmal persönlich aufzusuchen. Der erste Kristall, den er auf die Buchseite legte, stammt aus der Schweiz. Er erinnerte sich genau an seine früheren Wanderungen auf den Oberalbpass, wo er gegen die Fellilücke reichlich Rauchquarze aus aufgelassenen Klüften geborgen hatte.
Der Stein auf der zweiten Seite stammt aus Sachsen. Allerdings wusste er, dass der Schneckenstein im Vogtland längst als Abbaustelle geschlossen war. August der Starke kaufte im 18. JH. den Felsen dem veramten Herrn von Trützschler in Falkenstein ab und ließ die weingelben Schneckentopase für seine Juwelengarnituren verabeiten. 1800 wurde die Fundstelle geschlossen, aber erst ab den späten 30er Jahren des 20. Jahrunderts war es verboten, dort zu sammeln. Das geschah immer noch illegal, bis 1973 die Anlage unter Naturschutz gestellt und umzäunt wurde. Der Felsen war inzwischen von einer Höhe von 36 Meter auf 23 Meter abgebaut worden. Der indische Prinz hatte einst seine Schneckensteinstufe schon als historisches Stück erworben. Zu gern wüsste er, wer sie wann abgeschlagen hatte.

Zwei Mineralien auf zwei Seiten aus: Martin Haubenreißer, Mineralien, Naturkunden, Matthes & Seitz, 2021, Fotografie RW, Januar 2022

PROSIT 1122


Prosit Neujahr!
Vor zwei Jahren feierte die steinalte Sophie zum Jahresanfang mit 23 Freunden und ahnte noch nichts von zukünftigen Einschränkungen und Ängsten. Fast wagt sie es heute nicht, Wünsche auszusprechen für 2022. Sie nahm sich daher vor: Lebe den Tag!

Fest mit Freunden Anfang Januar 2020, invertierte, digital manipulierte Fotografie RW am 1. Januar 2022

Das Horoskop der Schiffsnamen

Zwischen den Jahren dachte die steinalte Sophia über ihre Zukunft nach. Sie behauptete, nicht abergläubisch zu sein. Sie war allerdings süchtig nach den Zeichen der alltäglichen Geschehnisse, um sie regelmäßig für sich zu deuten.
Die heute an ihrem Rheinfenster vorbeifahrenden Schiffe trugen in chronologischer Reihenfolge die Namen:
DEO VOLUNTAS
EXPERTA
COLORADO
AVENTURA
CARACAS
GIGANTIC
AVALON
VOYAGER
NOORTSTROOM
LA PRIMAVERA
Sie nahm sich für das kommende Jahr vor, einige Reisen in alle Himmelsrichtungen zu unternehmen und zwar schon im Frühling. Sie studierte die sorgfältigen Notizen, die sie in ihren Reiseführern aus aller Welt verwahrt hatte. Voll Vertrauen wollte sie sich auf das Abenteuer einer langen Fahrt zu Meeren und Inseln einlassen.

Die Schwestern in den Ferien an der Ostsee, circa 1955, Archiv RW, 2021

Das Geschenk 23


Vor etlichen Jahren hatte der indische Prinz dreiundzwanzig natürliche Perlen aus den Ozeanen der Weltmeere in seine Sammlung aufgenommen. Ihre Farben changierten von Rosatönen über Silbergrau, Zahnschmelzweiß bis hin zu Champagnertönen. Sie waren nicht perfekt rund gewachsen, dadurch eben unverwechselbar. Er kaufte dann später noch eine fast perfekt runde, große Perle hinzu, mit einem cremeweißen Lüster. Diese hatte an ihrem Ende noch ein kleines Flügelchen angewachsen. Er legte alle zusammen sorgfältig in seine Vitrine, in die Nachbarschaft anderer ehemaliger Meeresbewohner wie die Seelilie oder die Koralle Hexagonaria, die zartweißen Meereschnecken und Muschelschalen. Nur die klaren Bergkristalle, der geschliffene Edelzirkon, der Mondstein und die mit Calcit überzogene hölzerne Zunge kamen tief aus dem Berg, was den Perlen aber sehr gut gefiel.

23 Perlen, Geschenk von Jan Kolata, Fotografie RW, 2021, Sammlung RW 2021

Die Uhr tickt

Im Nachmittagsdunkel höre ich das deutliche Ticken eines Uhrwerks. Ich habe sie nicht aufgezogen, die alte Tischuhr des verstorbenen Onkels. Sie steht in unmittelbarer Nachbarschaft des lachenden Buddha aus Keramik, wohl auch aus der Familie des Onkels, so genau weiß ich es nicht mehr. Die Uhr fing am späten Nachmittag einfach so an zu ticken, der Sekundenzeiger flitzt herum. An seinem Ende eine Mondsichel. Auf ihrem Ziffernblatt ist es halb eins. Als die Zeiger auf fünf vor eins standen, fotografierte ich die Uhr. Jetzt gehe ich noch einmal hin, um nachzusehen. Sie zeigt halb zwei. Der Buddha lacht aus vollem Hals.
In meiner Zeit ist es längst Abend und ich lese in Edmund de Waals neuem Buch Camondo, Eine Familiengeschichte in Briefen. Der Autor nähert sich in imaginären Briefen der Familie Camondo in Paris und damit auch der seiner Ahnen. Er erreicht das auch – durch die fast magische Befragung der Dinge, die er vor Ort aufsucht.
Im Bauch des Buddha befindet sich ein Geheimnis. Meine drei jüngeren Geschwister haben vor Jahrzehnten einen winzigen Zettel mit einer schriftlichen Botschaft durch seinen offenen Mund geschoben. Niemand kann sie mehr lesen, ohne den Buddha zu zerschlagen.
Die Uhr des Onkels gehörte schon seinen Vorfahren, schade, dass ich ihren Glockenschlag (nach ihrer Zeit – der vollen Stunde eins und zwei) eben nicht hören konnte. Das müsste ein erfahrener Uhrmacher richten.

Uhr und Buddhafigur der Vorfahren, Fotografie RW, Sammlung RW, 2021
Edmund de Waal, Camondo, Eine Familiengeschichte in Briefen, Paul Zsolnay Verlag, 2021. Dank an A.L., die mir das Buch vorweihnachtlich schenkte.

21 12 21

So ein sonniger tag war lang nicht mehr eiseskälte raureif aber das licht das licht kam morgens um acht uhr dreißig über den horizont ein gleißen das gesicht den ganzen tag ins licht halten und jetzt um fünf uhr ist die sonne schon seit einer halben stunde untergegangen immer noch ein unglaubliches glühen am himmel, eisblau grünlicht über dem orange des horizonts so wird er gefeiert der kürzeste tag des jahres die wintersonnenwende leuchten wir freude.

Sonnenaufgang am Rheinufer in Düsseldorf, 21. Dezember 2021