Was soll ich über diese Pfingstrose sagen? Das Geheimnis dieser Fotografie liegt in ihrem Alter, sie wurde wahrscheinlich im Jahr 1999 aufgenommen und zwar im Garten des Elternhauses. Obwohl die Original-Datei sich in einem Ordner mit dem Titel Malkasten befindet, vermute ich den elterlichen Garten als Aufnahmeort. Ich wüsste nicht, wo im Park des Düsseldorfer Künstlervereins Malkasten Pfingstrosen wachsen. Aber die Stelle, wo sie im elterlichen Garten wuchsen, kenne ich genau. Nun blühen alle Pfingstrosen im Juni des Jahres 2022 wieder auf. Der elterliche Garten existiert nicht mehr. Das Haus wurde verkauft und grundsätzlich umgebaut, Gewächse wurden abgeholzt und wohl Neues gepflanzt. Dies will ich aber alles gar nicht sehen und schaue auf das alte Bild. Nun entdecke ich, dass im Hintergrund links eine weitere Blüte wächst. Oder ist es der Kopf meines Vaters, den ich da sehe, wie er im Garten auf dem Liegestuhl ruhend, ein Nickerchen hält?
Beast Of Burden

Auf den Hornstein oder Feuerstein, reichlich oxidiert von eisenhaltigen Erden, den ich am Rande der riesigen Gruben des Tagebaus im rheinischen Braunkohlegebiet fand, setzte ich zwei kleine Kegel, wie kleine Goldhütchen. Und fesselte eine kostbare Rutilquarznadel, die aus Bahia in Brasilien stammt, mittels einer Uhrenkette auf die rechte Schulter der Knolle. Ich mag es sehr, wie die Goldquaste, (auch englisch tassel genannt, mein Lieblingswort) auf der Seite herunterhängt. Die Kette stammt aus dem Erbe des angeheirateten Onkels und den Rutilquarz verschenkte ich zum Geburtstag an meine Schwester.
Hornstein, Rutilquarz, Goldblech und Gold, Sammlung RW, Fotografie RW, Mai 2022
Metalle
Auf dem Schuttfeld unter der Rheinkniebrücke hebt die steinalte Sophia so manches Schrottteilchen auf, lässt es in der Manteltasche verschwinden und untersucht es zu Hause mit der Lupe. Neulich war ein silbern blinkendes Löffelstielchen dabei, auf dem sie schon mit bloßem Auge ein Monogram erkennen konnte. Nach der Reinigung erkannte sie, ein wenig enttäuscht, das Zeichen der Lufthansa. Welche Strecken war das Löffelchen schon geflogen, wo in aller Welt war es abgestürzt, mitgenommen worden von einem Passagier, lebte der noch, war es womöglich sein erster, sein letzter Flug, war er groß, klein, hell- oder dunkelhäutig, blond- oder schwarzhaarig, hatte er grüne oder blaue Augen? War es eine Frau? Kam sie aus New York, Nairobi, Peking, Moskau oder London? Wie gelangte das Löffelchen an den Rhein? Wie und wann wurde es zerbrochen? Die Münze, die die steinalte Sophia ebenso unter der Rheinkniebrücke gefunden hatte, wollte sie mal zu einem Münzhändler bringen, auf dass er sie reinige und begutachte… Sie hatte unter der Lupe schon ein paar verheißungsvolle Zahlen und Zeichen gesehen.
Metallfunde unter der Rheinbrücke, Sammlung RW, Fotografie RW 2022
Stille nach dem Verschwinden
Des Nachts kreiste ich mit schweren Gedanken. Da blieben mir folgende Worte im Sinn, die wollte ich mir für den nächsten Tag merken und schrieb sie kurz nach dem Erwachen auf.
– Ziehen Liebe – Verschwinden Stille –
Wieso finde ich solch eine Anhäufung des hellsten Vokals? Die vielen Ihs… Am hellichten Tag hat dies alles keinen Sinn mehr. Das unmittelbar drängende Gefühl der Zunneigung zu einem geliebten Menschen, ein fast körperlich spürbares Ziehen, kennen fast alle Menschen. Und die Stille am Grab haben unzählbar viele schmerzvoll erfahren.
«Korallenbaum», glasierte Keramik mit Korallen aus dem Mittelmeer, Sammlung RW, Fotografie RW 2021
Mise en scène
Fünf Theaterkorallen hatte der indische Prinz auf einem belgischen Flohmarkt endeckt. Sie waren aus Draht geformt, ummantelt mit Papiermaché und korallenrot angemalt. Er ordnete zwei von ihnen in den ägyptischen Parfümfläschchen an, stellte zwei weitere Fläschchen hinzu, versah das eine mit einem frühen Selbstporträt aus glasierter Keramik und das andere mit einem geschliffenen Prasiolith. Jetzt überleg mal, was das zu bedeuten hat, sagte er zu seiner Freundin, der steinalten Sophia, die ihn zum Wochenende besuchen kam.
Theaterspiel, Fotografie RW 21. 5. 22
Schneckenleben

So schnell wie sie nur kann, will die Schnecke den nassen Ort verlassen, die pralle Sonne mag sie aber ebenso wenig. Tief unten in der dunklen Feuchte der Friedhofspflanzen hatte sie mit drei Artgenossen die alten Primeln, die Bartnelken und die Hornveilchen angefressen. Der nasse Guss, der unerwartet von oben kam, ließ sie die Pflanzenstängel hochkriechen. Das Haus konnte sie nicht verlassen, aber sie kam soweit heraus, dass die Schwerkraft es rutschen ließ und ihre Hinterlassenschaften frei wurden, die verieten, dass sie sich am Grün satt gefressen hatte. Nun musste sie ein neues schattiges Plätzchen finden. Ich ließ sie gewähren, die beiden anderen hatte ich schon etwas unsanft aufs nächste Grab gesetzt.
Schnecke in der Pflanzschale, Fotografie RW 18. Mai 2022
Il Tempo e la Grotta della Vergine
Auf der byzantinischen Votivkrone von Leo dem VI steht ein geschnitzter Bergkristall aus römischer Zeit. Der Bergkristall weist architektonische Elemente auf, ähnlich einem Kapitell. Vorne ist er wie aufgebrochen, hat eine Öffnung. Darin steht eine Madonnenstatuette aus dem 13. Jahrhundert gleichsam in einer leuchtenden Grotte. Hat sie den Mund geöffnet, wie genau ist ihre Haltung? Sofort möchte ich nach Venedig fahren und in der Schatzkammer von San Marco mich von der Schönheit dieses Wunders überzeugen. Bei der Recherche fand ich heraus, dass ich die Schatzkammer virtuell betreten kann und siehe da, schon im ersten Raum steht die Grotta della Vergine im hinteren Teil einer großen Vitrine. Man kann sogar das Objekt nah heranzoomen. Hier konnte ich nicht nur die beiden schönen Vögel auf dem Kronenrand, die Emailmalerei, die Almandine und Perlen zwischen den runden Bildern genau studieren, sondern auch Marias Gesichtsausdruck und ihre Haltung sehen. Nein, sie hat den Mund nicht geöffnet und ihre Hände hat sie erhoben, um den Betrachter mit offenen Armen zu empfangen. Die Entstehungszeit von Quarzkristallen dauert unter Umständen 40.000 bis Millionen Jahre, wie klein scheint mir dann der Zeitraum, den die drei Bestandteile des Objektes umfassen. Die Abbildung der Grotta della Vergine fand ich im schönen Buch Anton Legners über den Bergkristall.
Anton Legner «Faszination Bergkristall», Greven Verlag 2021
http://www.meravigliedivenezia.it/de/venezia-media/VR/tesoro03/index.html
http://www.meravigliedivenezia.it/de/virtuelle-objekte/TSM_077.html
Wir sind treu
Heute sah ich den ersten Mauersegler des Jahres das Rheinfenster anfliegen. Ganz kurz davor hob er empor um die Lücke unter dem Dachvorsprung zu treffen. Er kam allein und wird sich jetzt von seiner langen Reise ausruhen. Das Gewitter von gestern Abend und den im Rheinland ersehnten Regen hat er abgewartet.
Im Morgengrauen singen die Vögel in den Gärten, aber es ist ein leises Konzert mit weniger Stimmen. Die Rosen in den Gärten und oberhalb des Rheindeichs blühen in einer frühen Pracht, als hätten sie dazu im Sommer keine Zeit mehr. Sie gönnen sich noch nicht einmal die Muße, ihre Blütenblätter ordentlich und nacheinander zu entfalten. Sie sind wahrlich explodiert und schauen erstaunt auf ihre Schwestern, die schon wieder welken wollen.




