
Die steinalte Sophia konnte von ihrem Bett aus eine Taube sehen, die sich auf einer kleinen waagerechten Astgabel des hohen Gartenbaumes niedergelassen hatte. Hier konnte der Vogel Gleichgewicht halten, wollte ein wenig schlafen, hielt die Augen geschlossen und schaukelte hin und her. Dann nach einer Weile, hob die Taube den Kopf, als hätte sie ihre Betrachterin bemerkt. Sie blickte mit einem Auge in die Richtung des offenen Fensters, hinter dem Sophia halb aufgerichtet lag. Ruckend bewegte der Vogel den Kopf – stör mich nicht, ich brauche Ruhe, lass mich hier in meinem Gleichgewicht. Die steinalte Sophia aber wandte ihren Blick nicht ab, da begann die Taube sich zu putzen. Zerstreifte ihr Gefieder, der Schnabel glitt über die Brust, blieb fast dort kleben – tat sie da etwas Feuchtigkeit aus dem Schnabel hinein? – Die Flügelfedern bekamen unschöne Riefen, sie sah auf einmal räudig aus. Das gefiel der steinalten Sophia nicht, sie wandte sich ab und überließ die Taube ihrem Schicksal.
Das schöne Taubenhaus im Klostergarten von Seligenstadt mit den 23 weißen Tauben kam ihr in den Sinn und sie bat Einardus, Petrus Martyr, Marcellinus und die 14 Nothelfer um eine rasche Genesung.
Korrespondenzen XLII – Abwehrbilder gegen die Trockenheit
Die steinalte Sophia war nach Seligenstadt gereist. Im Klostergarten der ehemaligen Benediktinerabtei sah sie das kräftige schattige Laub der Eichen und vom Mainufer aus den kühlen ruhigen Fluss. Wie wohl taten ihr Blau und Grün in diesem heißen und trockenen Sommer!
In Seligenstadt 20. August 2022, Fotografie RW![]()
Wie es ihm wohl gehen mag?
Als der indische Prinz die umfangreiche Sammlung betrachtete, wunderte er sich über die feinen Landschaften in Stein, die direkt vorne am Rand auf dem Planschrank lagen. Wie ist das gemacht, fragte er die Sammlerin, ist da hineingemalt worden? Nein, das hat die Natur geschaffen. Es sind metamorphe Kalksteine aus der Toscana, genannt «paesine», entgegnete sie, durch Druck und Verschiebungen im Berg mehrfach gebrochen und wieder verheilt, die feinen Verheilungen gefärbt durch Eisen- und Mangananteile. Horizontale und vertikale Verwerfungen bilden so die Landschaften. Bei Claude Boullé in Paris haben wir sie entdeckt und das Glück gehabt, mit ihm direkt zu sprechen. Er hat noch André Breton und Roger Callois kennengelernt im Umkreis der Surrealisten in Paris. Schon sie haben bei ihm gekauft. Gerade vor kurzem wurden aus dem Besitz von Karl Lagerfeld zwei «Paesiene» aus dem Nachlass angeboten – Schätzwert zwischen 400 und 600 Euro. Auch er hatte sie bei Claude Boullé erworben.
Sofort wollte der indische Prinz nach Paris reisen in die Rue Jacob 28, um solche magischen Bilder zu kaufen. Hoffentlich gab es den Laden noch und hoffentlich würde er Claude Boullé noch sprechen können. Wie alt ist er, fragte er die Sammlerin. Er ist Jahrgang 1934, in zwei Jahren wird er 90, sagte sie leise. Dann werde ich gleich nächste Wochen nach Paris fahren, so ein beeindruckender Mann! Und er hat die Steine selbst abgebaut, geschnitten und poliert? – Ja, man kann einen Youtube-Film von 2020 über ihn sehen, da erzählt er von den Steinen.
Der Besuch bei der Sammlerin, Fotografie M. Angermair, digital bearbeitet von RW, mehr über Claude Boullé https://www.youtube.com/watch?v=OEjMfSDXvyo
Jubiläum
Dieses Bild, aufgenommen am Vorabend des Geburtstags, mag zeigen, wie festlich mir heute zu Mute ist, zum Jubiläum des schönen Buches, das im August vor einem Jahr herauskam und mein wahrer Schatz ist. Die Lichter werden angezündet, der Mond bleibt noch ein wenig bei seiner Sichel, die blaue Stunde ist da und Blau war mir schon als kleines Kind Synonym für schön und ich höre doch tatsächlich einen Strauss-Walzer, von der schönen blauen Donau. Und blassblau ist der Umschlag des Buches, eine unbeschreiblich schöne Farbe, genauso blassblau wie der schöne Rhein, der unten in Königswinter ganz ruhig dahinfließt. Im Buch betrachte ich immer wieder das Kostbare und Seltene, amüsiere mich über meine kombinatorischen Erfindungen und nehme wahr, wie die Worte der Dichterin und des Dichters sich im Laufe des Jahres mit meinen Stücken verwoben haben und jetzt mit mir verwandt sind. Zur Krönung des Festtags kam heute das Geburtstagsgeschenk – der alte Märchenring – voll besetzt mit leuchtenden Diamanten und grünen Smaragden, so dass der indische Prinz ganz eifersüchtig war, die steinalte Sophia sich aber so herzlich mitfreuen konnte ob der ganzen Herrlichkeit. Das Rosé zwischen dem Blassblau und dem Orange des Himmels lasse ich jetzt zum Abschluss in den Champagnergläsern aufleuchten. Prosit, mein indischer Prinz und meine liebe Sophia!
Blick vom Petersberg auf den Rhein, 2. August 2022, Fotografie RW.
Das Buch «Kostbare Sockel für seltene Dinge» mit Beiträgen von Nora Gomringer, Steffen Popp und Gregor J. M. Weber, kann bei mir bestellt werden, oder im Salon Verlag Köln, oder der Buchhandlung Walther König.
https://www.salon-verlag.de/book/kostbare-sockel-fuer-seltene-dinge/
Der Besuch der Tauben

Da kommen mich auf dem Balkon immer wieder zwei Tauben besuchen, hörst du sie, sie rufen gerade? Ja, ich höre sie deutlich, das ist doch was – ich bin etwa 350 km weit von dir entfernt, aber kann deine Tauben hören. Ja, sie haben so schwarze Kräjelschen und bekommen bei mir Futter. Das sind wohl Türkentauben, sehr hübsche Vögel, zierlicher als übliche Tauben. Sind sie hell mit schwarzem Ringel um den Hals? Ja, sie haben so schwarze Kräjelschen. Und eins muss ich dir erzählen. Neulich saß ein ganz winziger Spatz auf dem Balkongeländer und dann kam eine der beiden Tauben, sie flog nicht, hüpfte nicht, nein, sie ging Schrittchen für Schrittchen über den schmalen, wie heißt das am Geländer? – Handlauf – auf das kleine Vögelchen zu und dann beugte sie sich zu ihm hinunter, das Spatzenkind sperrte den Schnabel auf und sie gab ihm etwas hinein, dann ging sie wieder zum Futterhäuschen, kam wieder zurück immer schön Schritt für Schritt und fütterte das Vogelkind. Das wiederholte sich achtmal. Das war so schön. Hoffentlich ist aus dem Jungen was geworden? Ich weiß nicht, das konnte ich dann nicht mehr verfolgen.
Als die 98-jährige Tante das Wort Kräjelschen mehrfach aussprach, sie in den rheinischen Dialekt ihrer Kindheit fiel, obwohl sie schon sehr lange in der Nähe von Heidelberg lebte, da war’s der steinalten Sophia zuviel. Sie konnte vor Rührung nicht weiter sprechen und verabschiedete sich mit rauer Stimme von der Tante.
Federwolke in Unkel am Rhein, Fotografie RW, 3. August 2022
Großmutters Blume
Die Passionsblume fotografierte ich vor zwei Jahren Anfang August in Walporzheim an der Ahr. Sie ist die Großmutter-Blume. Sie ist jetzt meine Blume, es ist mein Augusttag.
In Walporzheim sind durch die Flutkatastrophe vom Juli 2021 viele Gebäude, Straßen und Brücken zerstört worden, es hat Todesopfer gegeben, bis heute ist der Ort nicht wieder ganz aufgebaut.
Es ist wieder Augusttag, mein Tag. Ich denke an meine Großmutter, an meine Mutter. Heute nahezu 34 Grad am Rhein, in einem kühlen Raum 342 m hoch über dem Fluss kann ich mich jedoch erholen. Der Sommer im Siebengebirge ist jetzt so südlich, wie wir ihn aus Italien kannten, in den Jahren, als meine Großmutter noch lebte. Und als es ganz dunkel wird, beginnen die Grillen ihren Gesang, jedoch anders als die Zikaden des Südens.
Passionsblume in Walporzheim Fotografie RW 2020
Einfall und Ausfall
In der Nacht, halbwach liegend, fallen mir immer wieder, ohne dass ich es provoziere, Wörter ein, die seltsam bleiben, weil es sie nicht gibt.
– Gesamttitulierer – Kühlweide – Schneideweg – Großlatsche – Drohlage – Samtkulisse –
Ich kann keine Gesetzmäßigkeit erkennen.
Frau im Blumenkleid vor Wandbild, digital manipulierte Fotografie RW 24./29. Juli 2022
Sie weiß nicht
warum, aber diese Szene, die sie am Rande der großen Kirmes fotografierte, traf die steinalte Sophia sehr. Wer wartet hier? Wohin schauen sie? Was wird kommen? Mit wirren Gedanken ging sie wieder nach Hause, den schrillen Lärm, die schwindelerregende Schnelligkeit und das flackernde Grelle der Kirmes hinter sich lassend.
Stuhlreihen für die Betrachter des großen Feuerwerks auf der größten Kirmes am Rhein, Fotografie RW 22. Juli 22
23 vorbereiten
Fünfmal ließ der indische Prinz im Auftrag seiner Freundin die 23 in hochkarätigem Gold abgießen. Die Freundin hatte ihm die Zahlen dazu in Wachs modelliert. Nun sollten sie in das Korallenbäumchen gehängt werden. Zunächst wollte der indische Prinz aber noch eine neue Mitte für das Bäumchen finden. Er suchte den handtellergroßen Eisennagel heraus, den er am Rheinufer bei Xanten gefunden hatte. Offenbar handgeschmiedet war er ihm kostbar genug, die Mitte des Korallenbäumchens zu schmücken. Dann hängte er die fünf goldenen Zahlenpaare dazu, betrachtete alles lange und war nicht ganz zufrieden – er dachte an das kleine Andachtsbildchen von Petrus Christus mit den 15 goldenen Buchstaben 𝔄 um die Muttergottes, so fein war seine Bildidee nicht. Nun – bis zum Jahr 2023 ist es noch eine Weile hin, da konnte er noch etwas länger probieren. Vielleicht ließ er die Zahl 23 auf runde Messingtäfelchen prägen und zwar 23mal, das könnte gut passen für das neue Jahr.



