Lange Briefe aus Amerika

Ein Freund schrieb viele Briefe, auch einen langen Brief aus den USA und zwar genau an dem Tage, an welchem der erste Mensch den Mond betrat! 21-VII -1969. In diesem Jahr ist der Freund, kurz nach seinem Geburtstag, am Johannistag verstorben. Damals als ich die Briefe bekam, habe ich ihren Wert noch nicht erkannt. Immerhin habe ich sie alle aufgehoben und nun wieder gelesen. Aus Übersee schrieb er auf Luftpostbriefpapier, immer mehrseitig und eng beschrieben von seiner großen USA-Reise. Sein Bruder sagte mir auf der Beerdigung, das sei wahrscheinlich die schönste Zeit seines Lebens gewesen.
Der Lapislazuli ähnelt mit seinen silbergoldenen Pyriteinschlüssen im azurblauen Stein dem Kosmos und früher hießen die Streichhölzer Welthölzer. Das Stanniolpapier der Schokolade drehte ich beim Telefongespräch mit meiner Schwester zu Kügelchen, legte sie auf das Streichholzschächtelchen und dieses auf das Likörglas – die Farbe Blau hält alles festlich zusammen.

In Gedenken an den Briefschreiber, Lapislazuli, Stanniol, Streichholzschachtel und Likörglas, Kombination RW, Fotografie RW, im Juli 2023

Gefühlshaushalt


In der Wurzelgrube zwischen den Steinen liegen Schätze, die es zu finden und zu bewahren gilt. Da springt das Herz die Asttreppen hoch. Im grünen Laubdach will es schweifen und eine Weile ruhig liegen bleiben. Dann will es stürzen, die Sonnenflecken auf dem Boden treffen – sie zeigen den Weg und begleiten.

Im Wald bei Siegen, Fotografie RW, Juli 2023

Die Blaue Lampe


Die Ungeduld nimmt zu in der Sommerzeit. Nein falsch, die Angst vor der Zukunft lässt nach. Nein falsch, die Traurigkeit nimmt ab. Nein, ganz falsch, die Schmerzen lassen nach. Heute wanderte die steinalte Sophia durch den großen verwilderten Garten der Eltern. Alles war überwuchert und trotz der heißen Tage sehr grün. Sie nahm die große graue Gießkanne und füllte sie mit Wasser aus dem alten Hahn an der Terrassenmauer. Dann ging sie zu den blauen Rosen, die die Mutter vor 60 Jahren aus England mitgebracht hatte. Sie sah, dass der Stock keine Blüte trug, aber die Blätter waren dunkel und schön. Beim Gießen bemerkte sie ganz tief an einem der untersten Zweige drei Knospen. Nun werde ich jeden Tag herkommen, um die Sommerblüte zu erleben, versprach sie sich.

Blaue Lampe auf der Terrasse einer Kneipe in Düsseldorf Oberkassel, Fotografie RW 10. Juli 23

Ein Bild betrachten

2001 fotografierte Hans Peter Feldmann 101 Personen, von 0 bis hundert Jahren. Ich sah die 101 Fotografien (wieder einmal, wie schon vor Jahren an anderem Ort) in Düsseldorf in dem Büro des Deutschen Fotoinstitutes auf dem Eiskellerberg, gegenüber der Kunstakademie. Ich sah mitten im Raum den Blumenstrauß, den Hans Peter Feldmann zur Ausstellung festlegte, einfache Feldblumen sollten es sein, in der Nähe gepflückt, und während der Ausstellungsdauer sollten sie verwelken. Hier schöner tiefblauer Rittersporn – man sagte mir jedoch, man habe den Strauß auswechseln müssen, da der Gestank der welken Blumen zu unangenehm gewesen sei.
Ich fotografierte folgende Bilder ab. Das fünfjährige Mädchen, die 23-jährige, den 46-jährigen (den ich erkannte) und den 71-jährigen. Er schaut mich an, ernst, als könne er gleich lächeln. Was kann ich über ihn behaupten? Dass er Krüge sammelt, eine alte Enzyklopädie besitzt, auch moderne Kunst mag, in einem repräsentativen Wohnzimmer des Bildungsbürgertums sitzt. Sein Blick hat mich festgehalten, er saß da, als HPF ihn fotografierte, leicht schräg im Sessel, von schmaler Gestalt und mit geneigtem Kopf. Das Licht, das ihn einfing, ist noch da. Lebt er noch, hat er Krüge und Bücher verkauft? Heute wäre er 93.*
Und nun ist Hans Peter Feldmann, geboren 1941, am 26. Mai 2023 im Alter von 82 Jahren verstorben.

Hans Peter Feldmann, «Walter 71 Jahre», Fotografie aus der Arbeit «100 Jahre» ,
Mit freundlicher Unterstützung: Kulturamt der Landeshauptstadt Düsseldorf
Sammlung Philara, Düsseldorf
In Kooperation mit:
Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln
Projektbüro DFI e.V.
Eiskellerberg 1-3
40213 Düsseldorf
*Vielleicht ist der Abgebildete der Architekt Walter Brune, 1926 – 2021. Hans Peter Feldmann hat die Aufnahmen nicht alle 2001 gemacht, einige wohl schon in den späten 90er Jahren. Der 46-jährige ist der mir bekannte Künstler Martin Honert, Jahrgang 1953, 1999 war er 46 Jahre alt.

Dreiundzwanzig Schlüssel


Wir hängen im nächtlichen Baum
der steht hoch auf dem Hocker
wir sind ein Geschenk
und eine Erfindung
schwer ist unser Gewicht
wir sind aus Stahl
wir öffnen und schließen
wir sind dreiundzwanzig.

Korallenrot wird Chrysokollatürkis
Orangenrot wird Himmelblau
Flechtengrün wird Grauviolett
Weißgelb wird Schwarzbraun
Ganzhell wird Sehrdunkel
Silber bleibt Silber
aus Tag wird Nacht.

Vitrinenobjekt von RW in der Ausstellung ERNTE 23 im Düsseldorfer Künstlerverein Malkasten, 2023
invertierte Fotografie RW 23. 6. 23

Blick in die ferne Weite und auch zurück in das Nahe

das grün so üppig noch sehe ich nicht die trockenheit die luft ist frisch und das gras wächst bald verdorrt und die blume verwelkt –
Die Großeltern bekamen nach dem ersten Weltkrieg vier Töchter und am Anfang des zweiten Krieges einen Sohn. Er hatte braune Augen, er wurde von seiner Mutter geliebt, er schien sie nicht so sehr zu lieben, sie war ihm alt, der Vater streng. Der Sohn liebte die alte Musik und lernte ein Instrument.
nie werde ich die augen vergessen die musik liebte der – der da lag und die geschlossenen augen im tiefen gesicht.
Selig sind die Toten,
die in dem Herren sterben, von nun an.
Ja der Geist spricht:
Sie ruhen von ihrer Arbeit,
und ihre Werke folgen ihnen nach.

Sommer am Rhein in Kaiserswerth, Fotografie RW Juni 23,
Offenbarung Johannis 14, 13, vertont von Heinrich Schütz, 1648

Detail neu 23

«Von da an (seit dem Traum von 1986 mit der Zahl 23, Anmerkung RW) begegnet mir die Zahl 23 bis heute, ob ich will oder nicht. Ich begann, 23-Textfunde und 23-Ereignisse zu sammeln und zu ordnen. Bald stellte sich eine unheimliche Synchronizität ein. Meine Sammlung hat längst eine eigene Intelligenz erlangt, die Kausalität und Simultaneität da erzeugt, wo keine ist. Dinge, die nichts mit einander zu tun haben, aber zur gleichen Zeit passieren, werden magisch aufgeladen.
Auszug aus meiner Chronik der sonderbaren Ereignisse:
1991 Gründung des Projekts THE FAKE’S PROGRESS mit Louis Blank. Auch das Wort Fake hat die Quersumme 23.
1992 Kauf einer Alabasterbüste von Papst Johannes XXIII auf dem Friedhof San Michele in Venedig, die hier zu Hunderten angeboten wird.
1995 Entdeckung des folgenden Dialogs im Film »Singing in the rain« zwischen Gene Kelly und Donald O’Connor: »Welcher Tag ist heute?« »Der Dreiundzwanzigste!« »Das soll mein Glückstag sein!«
1997 Besuch der Ausstellung von On Kawara in St. Gallen, der 23 Datumsbilder ausstellt, nachdem er 23533 Tage gelebt hat. Danach Risotto im Ristorante da Franco in der Webergasse 23.
1998 Besuch der Premiere des Films »23 – Nichts ist so wie es scheint«. Fotografie während der Aufführung, signiertes Filmplakat und 23-T-Shirt.
2000 Entdeckung der Lottobesessenheit der Neapolitaner, im Zahlenbuch Smorfia Italiana steht unter der 23 das Wort Tessitore und das heißt Weber.
1998 Ecke Bonk, typosophic society, macht darauf aufmerksam, dass W der 23. Buchstabe des Alphabets ist.
2004 Besuch der Ausstellung 300 tons von Santiago Sierra im Kunsthaus Bregenz. Da Sierra im obersten Stockwerk des Hauses ca. 290 Tonnen Bausteine gestapelt hat, dürfen wegen Einsturzgefahr nur 100 Personen das Gebäude betreten. Jeder Besucher wird gezählt. Als ich das Haus betrete, leuchtet groß die 23 auf.
2011 Besuch des Rjiksmuseums in Amsterdam, genau an meinem Geburtstag. An der Garderobe gibt mir der Wärter die Marke mit der Nummer 23. Ich mache ein Beweisfoto.»

Heute, am 12. Juni 23 bemerke ich, als ich das Foto von Bregenz im Archiv von 2004/Bodensee finde, dass die Ausstellung 300 tons bis zum 23. 5 2004 ging. Und am 23. 5. 23 eröffnete ich meine Ausstellung ERNTE 23  im Düsseldorfer Künstlerverein Malkasten. Auf dem Zählkreuz für die Besucher des Museums in Bregrenz steht geschrieben: n > tree solutions, das gefällt mir sehr – n tree – ein Palindrom für ERNTE. Solutions mag ich sowieso.

Kunsthaus Bregenz, Eingang, Fotografie RW, um Ostern 2004,
Auszug aus einem Text von RW zu ERNTE 23, im Mai 23

Blumenteppiche gibt es kaum noch

In der Nacht zu Fronleichnam dachte ich an die Kindheit im dörflich geprägten Duisburger Süden. Ganz selbstverständlich ging man Sonntags zur Messe in die Kirche. Im Sommer gab es die Feiertage mit Prozession und Altären unter freiem Himmel. Wir Kinder gingen mit der Fronleichnams-Prozession in unseren weißen Kommunionkleidern. Die Familien hatten vor den Fenstern ihrer Häuser Blumenteppiche ausgelegt, ganze Wege geschmückt, am prächtigsten vor den Altären. Ich staunte als Kind über die Üppigkeit und Verschwendung der zahllosen Blütenblätter, in dichten Farbfeldern ausgelegt. Das Lamm Gottes, der Kelch, das Kreuz und zahlreiche Ornamente in Rot, Grün, Weiß, Violett und Gelb. Die Blumenteppiche wurden bis zum Zeitpunkt der Prozession mit Wasser besprengt. Dieser Duft von Blüten und staubig feuchtem Asphalt und dazu die warme Juniluft hat sich eingeprägt in mein Archiv – und gleichzeitig war da ein leichtes Schummrigwerden, da wir mit nüchternem Magen zu Messe und Prozession gingen. Vor den mit Fahnen geschmückten Haustüren standen die Leute oder lehnten sich aus den Fenstern und bekreuzigten sich, wenn der Pastor unter dem Brokat-Baldachin mit dem Allerheiligsten vorbeikam. Aus den schwingenden Fässern der Messdiener quoll der Weihrauch und mischte sich mit den Blumengerüchen.
Nachher – über die lange Landstraße zu Hause angekommen – waren wir ordentlich hungrig. Die Mutter hatte schon ein festliches Mittagessen bereitet. Vielleicht gab es Schwalbennester. Das waren in Kalbfleisch eingebackene Eier. Das Sonntagsgeschirr, feines Porzellan mit blaugraugoldenem Rand wurde gedeckt und alles hat so gut geschmeckt.

Kleine mineralische Andacht, Kombination mit Amethystdruse, Malachit, Messing und Koralle, Sammlung RW, Fronleichnam 8. Juni 2023

Glück im Mond

Nach der großen Ausstellungseröffnung machte sich die steinalte Sophia auf den Heimweg. Sie ging langsam vom Ehrenhof aus auf die Oberkasseler Brücke, um den Rhein zu überqueren. In Oberkassel angekommen, wich sie direkt ans Rheinufer aus, ging nicht geradeaus über die breite Luegallee nach Hause. Sie wollte unmittelbar über den Kies gehen, Schritt für Schritt, um sich zu beruhigen.
So viele Leute hatte sie getroffen, so vielen Freunden war sie wiederbegegnet und vor allem so viele Kunstwerke, eben meist von Freunden, hatte sie gesehen – leichte geheimnisvolle Tuschzeichnungen mit graugoldenem Fond an dunklen Wänden, winzige Gräser in Glaskästchen, aus Papier, aber auch von getrockneten Pflanzenteilen. Hier schwarzweiße, wandgroße Bilder mit Fratzengesichtern – da eine merkwürdige kleine Chimäre, grauviolett auf einem gelblich verblichenen Styroporblock hockend.
Mit angehaltenem Atem, den Blicken dem schüttenden Farbregen folgend, ließ sie sich in den Sog des haushohen Wandbildes des Malers ein, der den Kunstpreis der diesjährigen Ausstellung erhalten hatte.
Es wurde inzwischen empfindlich kühl am Rhein. Nach einer Weile des Weges hob sie den Kopf, weg vom fahl glänzenden Kies hinauf zum Himmel und da stand der volle Mond am Firmament, die Nacht war schon weit fortgeschritten.

Vollmond in Oberkassel am Rhein, Fotografie RW RW, 4. Juni 2023,
Die Grosse 2023, Kunstpalast und NRW-Forum Düsseldorf, Kunstpreis der Künstler an Jan Kolata