ERNTE 23

Die ERNTE ist eingefahren – die Broschüre zu meiner diesjährigen Ausstellung ERNTE 23 – Kostbarkeiten aus der Sammlung zur Zahl 23 ist erschienen! Die Ausstellung im Künstlerverein Malkasten Düsseldorf fotografierte Achim Kukulies und das Buch wurde von Anke Berßelis gestaltet. Darin auf 48 Seiten zahlreiche Abbildungen und ein Text zur Zahl 23 von mir. Gerade frisch erschienen im Verlag Kettler und kostet 23 €. Große Freude!

Der Schlaf

Das, was in den Träumen wirklich ist, kann die steinalte Sophia am Tage nicht aufrufen. Sie hat Einzelheiten und Verlauf am Morgen vergessen, aber es bleibt ihr das Wahrnehmen von Wirklichkeit in der Erinnerung. Wie oft sprach sie im Traum mit ihren Eltern, fotografierte oder wollte fotografieren, war auf großen Reisen, sah fremde Landschaften und doch waren die Bilder dunkel, ein ewiger Abend. Sie hatte meist keine Angst, bewegte sich frei von Szene zu Szene, Hindernisse, Abgründe und Stürme verschwanden ebenso schnell, wie sie erschienen. Sie war dankbar für den Reichtum, den die Träume ihr gaben, auch wenn nur das Empfinden blieb.

Im wiedereröffneten Kunstpalast Düsseldorf, vorne eine Arbeit von Hans Op de Beeck, an der Wand ein Gemälde von Karin Kneffel, Fotografie RW 19. November 2023

23-11-23 Zeit und Heilung

Der vorletzte Symmetrietag 23 des Jahres ist heute: 23-11-23. Es ist ein Donnerstag. Der 23. im Dezember wird ein Samstag sein. Die Zeit lässt sich nicht anhalten. Bald feiern wir Weihnachten und Neujahr. Ich mag nicht daran denken, dass dann das Jahr 2024 beginnt. Solch utopische Zahlen.
Der Spieler auf dem Bild ist verletzt. Das Ereignis auf dem Bild ist alt, aber für die 23-Sammlung wertvoll. Das Bild ist traurig, aber die Botschaft lese ich: ihm wird geholfen. Er wird gestützt. Man wird ihn heilen. Zwei Alte haben seine Arme um die Schultern gelegt, so verteilt sich die Schwere seines Körpers. Der Spieler hat für dieses Ereignis einen Gedächtnisverlust erlitten. Die Zeit wurde für ihn kurz angehalten, oder besser ausgeblendet.
Heute schaue ich auf das Bild, das für mich sammelwürdig ist. Hier hat die Zeit ein Loch und Hilfe kommt von zwei Seiten. Allerdings habe ich mir die »Verletzungshistorie« des Spielers angeschaut – er wird bis heute noch viele weitere Verwundungen erleiden.

Fotografie aus der Rheinischen Post zum Thema Gesundheit der Gelenke, RW Sammlung 23, digital bearbeitete Fotografie RW vom 23. 11. 23

Im Brauhaus


An einem regnerischen Abend im November gingen die Freunde in ein traditionelles Brauhaus. Fünfmal gerollte Bratwurst, dreimal mit Sauerkraut pur, zweimal mit Kohlrabi und Kartoffeln und einmal Muscheln rheinische Art. Dazu tranken sie Altbier vom Fass und zum Abschluss einen Samtkragen. Es war höllisch laut, die Kellner hatten ihre Freude daran, abgeräumte Teller und Gläser auf die Ablage zu knallen und frisch gespültes Besteck mit Karacho in die passenden Schubladen zu schmettern – nun, man saß in der Nähe der Essensausgabe – vielleicht war das der Fehler. Die Kellner in blauen Schürzen kebbelten sich, den Kollegen boxend und schubsend. Überhaupt herrschte ein reges Treiben, viele Japaner, Chinesen und Menschen anderer fremder Länder schoben sich am Tisch der Freunde vorbei. Die Asiaten bestellten sich meist Eisbein mit Sauerkraut oder die ofenfrische Schweinehaxe.
Das Brauhaus existiert schon seit 1838 in der Stadt am Rhein. In den holzgetäfelten Räumen hängen bis heute viele Gemälde der Düsseldorfer Malerschule – besonders eindrücklich das große Wandgemälde von Wilhelm Schreuer (1866 -1933) Im Jahr 1814 ziehen Russen in die Ratinger Straße.
Ich war dabei, als die Freunde zusammen aßen und tranken. Ich mag die Tradition in meiner Heimatstadt, fühle mich angezogen von dem Gedanken, dass Menschen gemeinsam Bier trinken und Bratwurst essen, so wie sie es schon vor 185 Jahren taten. Zu Haus bei mir hängt auch ein Bild von Schreuer – eine Dorfszene, die sich hier am Niederrhein zugetragen haben könnte. Man sieht zwei Mädchen, einen Pferdeknecht, einen kleinen Jungen, den Hund, das Pferd und ein paar niedrige Häuser. Das eine größere Mädchen mit hellem Haar und weißem Häubchen schaut sich unvermittelt zum Betrachter um. Ich hab mich in ihr schon früher immer wiedererkannt und wollte dieses Bild so gerne von meiner Tante erben. Und so kam es auch und ich bin ihr sehr dankbar.

Im Schumacher an der Ostraße, Fotografie RW November 2023

Roter Zauber

Rot Tor
Türme die Korallentiere.
Fünfmal Rot Karfunkelkopf.
Augen Apfel Zung verliere.
Blute eisenroter Topf
Hämatit, Rubinglas friere.

Steig dreimal hoch
auf mineralischen Leitern
in die Eisen des Mars,
Saturns rote Ringe zu weiten.

Rot glasierte Keramik auf rotem Kristallglas und Korallen, Fotografie RW, Sammlung RW 2023

Gesellig

Die steinalte Sophia hat ein Negativ gefunden. Sie erklärt mir dazu: »Damals saßen wir im Gasthaus Frau Holle, nicht unweit von der alten Jagdhütte. Nach langen Wanderungen im Reinhardswald bei Kassel freuten wir uns auf eine stärkende Mahlzeit. Zu zehn Freunden hatten wir uns getroffen, um nach den Spuren der frühen Waldgläsner zu suchen. Schon vor 500 Jahren wurde in diesem Gebiet, reich an Wasser und Wald, in kleinen Glashütten das grünliche Waldglas produziert. Tatsächlich fanden wir Tropfen, Kugeln und Nieren aus zartgrüngrauem Glas, die durch ihr langes Lagern im Boden irisierende Regenbogenüberzüge bekommen hatten. Nach den Farben der Glastropfen haben wir dann unsere Speisen und Getränke ausgesucht – einen hessischen Riesling, nein, keinen grünen Veltliner, obwohl er auch auf der Karte stand, dann gedünstete Forellen aus einer Fischzucht vom Edersee, dazu Rapunzelsalat mit hauchfein geschnittenen Schalotten.«
Ihre gefundenen schimmernden Glastropfen schenkte die steinalte Sophia später dem Freund, der nur einen einzigen grauen Glasklumpen im Wald gefunden hatte. Ihr waren die Funde nicht wichtig, vielmehr freute sie sich über die herzliche und lustige Runde bei Frau Holle und dachte an die vielen Märchen der Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm, in denen Freundschaften, Treue, Wanderungen und Geschwister vorkamen.
Die Geschwister in Rittersdorf, invertierte Fotografie RW, September 2023

 

23-10-23 Goldkopf

Heute zeige ich zu Ehren des Symmetrietages 23-10-23 einen Johannesteller «aus purem Gold». Das Motiv des abgeschlagenen Kopfes von Johannes dem Täufer fasziniert mich seit Jahrzehnten. Wieso ist gerade dieser «Ausschnitt» aus dem Leben des Täufers zu einer eigenen Kunstform, einem eigenen «Bildnis» geworden? Losgelöst von den biblischen Erzählungen über den Propheten –  die Taufe Jesu im Jordan, Herodes und seiner zweiten Frau Herodias, die der Täufer öffentlich gerügt hatte, der Tanz der Salome bei dem Festmahl, die Gefängnisstrafe, die Enthauptung selbst.
Teller und abgeschlagener Kopf haben sich verselbständigt, werden zum «reliquiaren» Gegenstand. Angeblich erheben vier Schädel-Reliqiare den Anspruch vom heiligen Johannes zu sein, einer davon im französichen Amiens wunderbar eingeschlagen in goldene Bänder auf goldenem Teller liegend. Die Ikonografie des Johannestellers vermischt sich manchmal auf seltsame Weise mit dem Gorgonenhaupt. In den Metamorphosen des Ovid finde ich die Medusa, deren Blut im Wasser zu roten Korallen erstarrt, nachdem Perseus ihr den Kopf abschlug. Ich denke an die berühmte Medusa von Caravaggio auf dem Tondo – das Spiegelbild auf dem Schild des Perseus? Ich kenne Johannesteller aus der alten Kunst, die ähnlich drastische, leidensverzerrte Gesichter und plastische Blutrinnsale (bei Medusa Blut und Schlangen) tragen.
Heute schmücke ich meine Arbeit mit zwei goldenen 23-Medaillen, die genau zum heutigen Datum 23-10-23 passen.

Rot glasierter Keramikkopf mit Pappmaché-Korallen auf einem alten roten Porzellanteller und zwei 23-Plaketten, digital veränderte Fotografie, RW 23.10. 2023

Die Jahresliste

Am Abend saßen drei Menschen am Rhein und betrachteten den Fluß. Jeder auf seiner eigenen Bank. Der Rhein hatte, wie in den letzten Jahren häufiger, Niedrigwasser. Die Böschung des gegenüberliegenden Ufers wirkte ungewöhnlich hoch. Gleich würde die Sonne ein wenig weiter westlich, etwa auf Höhe des Wasserturms untergehen. Unzählige feine Spinnfäden waren ins flache Gras gewebt worden, nur einer schwebte noch rechts wie ein isolierter Sonnenstrahl oder eine gerade gezogene Drachenschnur steil nach oben – das ist der Altweibersommer.
Die steinalte Sophia hatte eine Liste erstellt. Diese zeigte vierzehn Eintragungen. Die Jahreszahl 1992 stand oben, dann setzte sie mit 2018 eine zweite und eine dritte für 2021. Für 2022 setzte sie zwei und für 2023 neun, das letzte Datum war der 28. September. Das war die Liste der Toten, ihrer Bekannten und Freunde aus der Kunst. Nun es ist nichts Neues, dass die Menschen sterben. Es sterben sekündlich Tausende und es werden sekündlich Tausende geboren, schon allein in meinem Radius, sagte sie sich wie zur Beruhigung. Die Liste für 2023 war ihr jedoch schon zu lang. Wie kurz ist sie aber angesichts der Toten der aktuellen Kriege, von denen ich in den täglichen Nachrichten höre.

Abend am Rhein, Fotografie RW, 25. September 2023

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Die graue Jacke


Heute finde ich ein Foto von einem Sommer in der Schweiz. Meine Schwester fotografierte mich auf einem Balkon über dem Vierwaldstättersee bei Gersau. Ich betrachte mit der Zehnfach-Lupe Mineralien, die ich auf der Baustelle des Gotthard-Basistunnels – frisch aus dem Tunnel, vor dem haushohen Bohrkopf gerettet vom Strahler Peter Amacher selbst – gekauft hatte. Auch liegen noch Mineralien dabei aus der Gegend um Sedrun in Graubünden, wo es einen Zugang zur Baustelle des Tunnels gab. Bergkristalle, Quarzstufen mit Pyrit und Chlorit, Rauchquarz, eine Hämatitrose mit orientiert aufgewachsenem Rutil und Morion, der fast schwarze Quarz.
Bei Altdorf in Uri konnte man die Bausstelle der NEAT in diesem Sommer besichtigen. Meine Schwester und ich fuhren mit Bussen tief in den Bauch des Berges, gingen dann weiter zu Fuß bis zum Bohrkopf. Ich hob einen unspektakulären grauen Stein aus dem Berginnern am Rande des Weges auf, der hätte sonst nie das Licht der Welt gesehen – man sieht ihn vorne auf dem Tischchen liegen.
Die graue Jacke, die ich auf dem Foto trage, ist warm, vielleicht war es ein kühler Augustabend. Und, was soll ich sagen, dieselbe Jacke trage ich jetzt, auf dem Laptop schreibend mit Blick auf den Rhein, am heutigen Sonntag, den 8. Oktober 2023 … zwanzig Jahre nach der Aufnahme hat dieser banale Zufall mich schockiert. Ein punctum (im Sinne Roland Barthes‘)?
Hanns-Joseph Ortheil schreibt in seinem Buch KUNSTMOMENTE, das er mir freundlicherweise zuschickte, auf Seite 34: »Das »Studium« bleibt aber, Roland Barthes zufolge, beim Betrachten von Fotografien nicht allein. Oft gesellt sich vielmehr ein zweites Moment der Beobachtung oder des Blickes hinzu, das er »punctum« nennt: »»Das zweite Element, welches das studium aus dem Gleichgewicht bringt, möchte ich daher punctum nennen; denn punctum, das meint auch: Stich, kleines Loch, kleiner Fleck, kleiner Schnitt – und: Wurf der Würfel. Das punctum einer Photographie, das ist jenes Zufällige an ihr, das mich besticht (mich aber auch verwundet, trifft).««
Auch dafür habe ich Beispiele* gegeben: Der Sonnenhut meines Onkels, das Lächeln des Vaters, die Milchkanne und die bereitgehaltenen Tassen der Geschwisterrunde – sie nahm ich als einzelne Momente eines punctum wahr: bestechende, entwaffnende, sprachlos machende, wie ein Blitz erscheinende, höhere Zufälligkeit. Solche Momente entwerfen keine »Bedeutung«, sie sind keine Repräsentanzen eines möglicherweise »ländlichen Lebens« wie auf einem Gemälde.
Nein, sie erscheinen plötzlich, durchsetzen das nervöser und fiebriger werdende »Studium« und verankern im Betrachter die Gewissheit, von einem sehr direkten Impuls des »Lebens an sich« getroffen oder berührt worden zu sein.«
Ist die graue Jacke ein echtes punctum? Einem anderen Betrachter des Bildes wird sie nichts geben. Nur ich als wissende, vom Zufall der Ereignisse getroffene Archivsucherin kann hierin ein punctum sehen. Die Überlegungen Ortheils bestätigen mich darin – für mich ist sie eine Spur des Lebens.

*Ortheil bezieht sich hier auf Familienfotografien, RW
Zitat aus Hanns-Joseph Ortheil »KUNSTMOMENTE, Wie ich sehen lernte«, btb, 2023
Sommer in Gersau am Vierwaldstättersee, Schweiz, Fotografie Stefanie Weber, August 2003
 

Nebel in der Eifel und dann strahlend blauer Himmel

Auf dem Weg in das Großvaterdorf hing am Sonntagmorgen noch der Nebel auf der Anhöhe. Der Baum, der die Höhe markiert, war noch schöner als sonst. Traumverloren, mit diesem so bekannten Wort, benannte ich ihn. Ich saß nicht am Steuer meines Autos und konnte so seinen Gruß mit dem Smartphone festhalten. Hinter ihm hört die Welt auf, wie das der Nebel meist so vorgaukelt – und so spricht der Baum – sei bloß vorsichtig – pass auf – ich bin ein Trugbild.
Unten im Dorf scheint die Sonne vom ultrablauen Himmel auf das schöne alte Haus mit dem roten Sandsteinportal, der Wein hängt voller schwarzer Trauben und meine Geschwister lachen.

Nebel in der Eifel, am Sonntag den 24. September 2023 Fotografie RW 2023