Glückliche Farben

Die steinalte Sophia war auf der Straße gefallen, direkt auf das Gesicht. Mit den Händen hatte sie sich nicht abstützen können – es ging blitzschnell – sie sah die Bordsteinkante rasant auf sich zukommen und im selben Bruchteil des Moments dachte sie: Das wird schlimm. Aber sie hatte großes Glück, es war nichts gebrochen und es gab keine Blutungen im Gehirn. Die gute Nachricht hatte sie nach langen angsterfüllten Stunden mit zahlreichen Untersuchungen durch den Unfallchirurg erfahren. Die Marmorierungen im Gesicht, besonders die Monokelhämatome in allen Rot- Gelb- Blau- und Grüntönen sah sie selber nicht, nur der Spiegel berichtete ihr ab und zu noch von dem dramatischen Ereignis, das immer blasser wurde.

Doppelter Regenbogen am Rhein, Fotografie RW 16. März 2024

Parismonamour

Paris – die Seine ist über die Ufer getreten – das sah ich noch nie – auch Théodore Rousseau sah ich zum ersten Mal im Petit Palais – so üppige Baumzeichnungen – fusain en papier blanc – oh – zum ersten Mal dans le jardin du Palais – le ciel bleu – die japanischen Kirschen blühen am grün umstandenen Teich – goldene Figuren hoch auf den Portalen bekrönen das Bild.

An der Seine, Blick auf den Pont Royal bei Hochwasser, Fotografie RW, 7. März 2024

Erinnerst du dich? Ein lebendiger Gruß aus der anderen Welt.

Kann ich mich als Verstorbene an Momente erinnern, die ich als Lebende in die Liste des Erinnerungswürdigen aufgenommen hatte? So dachte ich, als ich heute auf dem Rhein das Schiff mit dem Namen ALTER EGO sah –  ein banaler, alltäglicher Moment, aber ein lebenswerter. Vermag ich auf dies alles zurückzublicken aus dem Totenreich? Auch das Rotkehlchen heute auf dem Friedhof – es kam in meine Nähe, schenkte mir auf dem noch kahlen, aber knospenden Ast einen kleinen Gesang. Ist dieser schöne Moment für mich als Tote wiedererlebbar? Zur mir kam auch ein Rotkäppchen (er konnte sich den Namen des Vogels nicht merken) durchs offene Fenster ins Atelier geflogen, sagt der gerade eintretende Freund. Es setzte sich ganz oben auf das hohe Wandregal mit den Arbeiten der verstorbenen Künstlerin – es war wie der Gruß aus einer anderen Welt.
Merkwürdig, wie ähnlich wir empfinden – das liegt wohl am Frühling.

Schädel, Arbeit von Katharina Fritsch in den historischen Räumen des Lenbachhauses in München, Fotografie RW, 29. 2. 2024

Zuviel des Guten am seltenen Tag

Dicke Blutstropfen, gemacht aus kostbaren Rubincabochons, quellen aus dem grünen Kopf und kleinere aus dem blassen Leib des Drachen, den der heilige Georg tötet. Das Untier liegt auf dem Rücken, sein Panzer, seine Krallen, sein Schweif sind mit Smaragden und grüner Emaille bedeckt. Aus der Halswunde perlen Blutströme von Rubinkristallen. Das Pferd des Ritters ist aus rosafarbenem Chalzedon geschnitzt, sein Harnisch weiß emailliert und über und über mit Rubinen und Diamanten geschmückt. Die Rüstung des Ritters ist blau emailliert, gerahmt in Gold und unzähligen Diamanten. Aus klarem Bergkristall glänzt das Schwert des Ritters. Die prachtvolle Gruppe thront auf einem ebenso üppig verzierten, goldenen Reliquiar.
Ich wusste in der Schatzkammer der Münchner Residenz nicht, wo ich meine Augen lassen sollte. Der Blick schmerzte ob der vielen kostbaren Wunderwerke. Die Diamanten funkelten bei jeder Bewegung des Auges. Die geschnittenen Achate, der durchscheinende Chalzedon, die Rubine, Saphire, Smaragde, das Gold, die feinen Emailarbeiten, die schimmernden Perlen und Muscheln, die Schnitzereien aus Elfenbein und Korallen wollten alle wahrgenommen werden. Wie konnte ich meinem Gehirn sagen, schau alles in Ruhe an, nacheinander, du musst nicht alles auf einmal erfassen. Es ging aber nicht so, wie ich es wollte. Alles schien nur für mich zu sein, Distanz war verschwunden, alles nur für mich. Und nicht nur, weil ich keine Zeit mehr hatte, von Vitrine zu Vitrine zu gehen – der Zug fuhr in zwei Stunden und ich musste noch von der Residenz zum Bahnhof gehen – auch in fünf Stunden hätte ich den Abstand nicht zurück gewonnen. Der Zähler des Smartphones kam an diesem seltenen Tag auf 18795 Schritte.

„Die Georgsstatuette wurde, wahrscheinlich nach Entwurf von Friedrich Sustris, als Reliquiar für eine Sankt Georgs-Reliquie geschaffen, die 1586 Erzbischof Ernst von Köln seinem Bruder Herzog Wilhelm V. nach München sandte. Im 17. Jahrhundert wurde die Statuette bei hohen Feiertagen auf dem Altar der Reichen Kapelle ausgestellt. Das bärtige, aus Buchsbaumholz geschnittene Gesicht des Heiligen hinter dem beweglichen Helmvisier trägt die Züge des Stifters, Herzog Wilhelms V.
Statuette des Ritters Sankt Georg (Gold, Email, vergoldetes Silber, Diamanten, Rubine, Smaragde, Opale, Achat, Chalzedon, Bergkristall und andere Edelsteine, Perlen; Höhe 50 cm) München, zwischen 1586 und 1597″

Zitat: https://www.residenz-muenchen.de/deutsch/skammer/bild08.htm
Fotografie RW vom 28. 2 2024, gewidmet dem 29. 2. 2024

Verlockende Falle

Er ist ein Dieb aus dem eigenen Hause, genannt Kurator, der nun doch wahrlich die Pflege des ihm Anvertrauten zur Aufgabe hat. Was macht er, er nimmt und steckt in die eigene Tasche. Er hat ja Zugang zu Kisten und Kästen, zu Regalen und Schubladen. Er ist es, der regristiert, ordnet, fotografiert – sämtliche Bestandteile der Sammlung, seien sie noch so winzig. So fällt keinem auf, was er genommen hat. Zu Hause betrachtet er die gestohlenen Gemmen, Kameen und goldenen Spangen in seinem Keller. Dann ruft er Quellen aus dem Darknet auf und verhökert die Sachen, bis sie im Kunstmarkt wieder auftauchen und ein sich wundernder Angestellter eines Auktionshauses alles meldet.
Der indische Prinz ist froh, dass er nicht selbst unbeschränkten Zugang zu wertvollen Sammlungen hat. Wie verlockend ist es wohl, sich in Kellern und Depots zu bereichern? Er setzt sich vor seinen schönen alten Schrank, der geöffnet alle Schätze preisgibt. Er betrachtet lange die glänzenden und leuchtenden Reihen, zählt noch einmal alle Ringe und ist zufrieden.

Das Britische Museum meldet gestohlene Objekte, Täter ist wohl ein Mitarbeiter. «Die Mehrzahl der betroffenen Gegenstände seien kleine Stücke gewesen, die in einem Lagerraum einer der Sammlungen des Museums aufbewahrt wurden. Unter anderem gehe es um Goldschmuck, Juwelen aus Halbedelsteinen und Glas – teilweise aus dem 15. Jahrhundert vor Christus bis zum 19. Jahrhundert nach Christus. Keines der Objekte sei in letzter Zeit in der Ausstellung gewesen, die Gegenstände seien vorrangig für Forschungszwecke aufbewahrt worden.» Quelle Tagesschau August 23
Zwei Köpfe aus Polymer-Clay auf antikem Rächergefäß aus China, Sockeobjekt RW, Sammlung RW, invertierte Fotografie RW, 24. 2. 24

 

Collector ingeniosus

Der collector ingeniosus ist ebenso ein amicus memoriae. Er will die Dinge bewahren, ordnen, präsentieren und betrachten. Er hält die Erinnerungen, die mit den Dingen untrennbar verhaftet sind, wach. Gleichzeitig ist er erfinderisch und baut Aufbewahrungsbehälter und Wandkonsolen für seine Dinge. So treten die gesammelten Artefakte und Naturdinge miteinander in Korrespondenz, befragen und befruchten sich gegenseitig. Der Mani-in-Fede-Ring von 1830, aus drei Goldlegierungen gefertigt und mit einem Geheimfach versehen, liegt auf einer rot schimmernden Opalnuss aus Äthiopien. Über das Lastentier aus zweifarbig glasierter Keramik, das die Nuss und den Ring trägt, ist eine sehr alte Uhrkette aus Tombak gelegt, die das Mani-in-Fede-Motiv mehrfach aufnimmt. Ein englisches Trauer-Medaillon komplettiert die Anordnung. Das Lastentier soll in Zukunft auf einem Podestchen an einer Präsentierungswand stehen, zusammen mit anderen Objekten, so wie es von musealen Sammlungen bekannt ist – in schönster symmetrischer Ordnung aufgebaut.

Kombination von altem Schmuck, Opalnuss und Keramik, Fotografie RW, Sammlung RW, 16. Februar 2024

Finderlohn

Zu Karneval fand ich auf den Straßen
– eine Goldmünze mit Adler und gekröntem Haupt, die hob ich auf
– ein Armband mit Goldperlen, zerissen, das ließ ich liegen
– einen schwarzen Handschuh, den ließ ich liegen
– ein Medaillon mit Diamanten und einem Mondsteincabochon, das hob ich auf
– eine Seidenblume, die ließ ich liegen

Blechmünze von der Straße, Fotografie RW, Karnevalssamstag 2024

Regen an Altweiber

So lebendig ist es in den Träumen. Ich bin alterslos, wechsle blitzschnell von Szene zu Szene. Ich wandere in Landschaften und finde Räume. Gehe meinen Leidenschaften nach. Sehe Farben und kostbare Dinge. Immer ist Wetter. Aber Gerüche nehme ich nie wahr. Geschwister oder Vater und Mutter sind in der Nähe und ich kann mit ihnen sprechen, soviel ich will.

Sorbet an Altweiber, invertierte Fotografie RW, 8. Februar 2024

Die junge Frau

Die steinalte Sophia war so glücklich, am Ufer des Rheins leben zu dürfen. Das wurde ihr heute morgen wieder bewusst, als sie von ihrer Küche aus durch die geöffneten Türen, in einer Flucht durch den Flur den vorbeifließenden Fluss sah. Sie setzte sich dann in der Bibliothek genau vor die Rheinfront, sortierte wie gestern weiter die alten Fotos aus ihrem Archiv und sah das Schiff INGE vorbeifahren. Sie dachte an ihre längst verstorbene Mutter, deren Freundin Inge im Rhein kurz nach dem Krieg ertrunken war.
Da hielt sie ein Foto einer ihrer Tanten in Händen. Anfang der 50er Jahre hatte die Schwester ihrer Mutter in einem Februar geheiratet, vielleicht ist jetzt Mai und eigentlich sollte die junge Frau sich doch freuen, ihre Mimik ist im Profil wohl nicht zu sehen. Sie wendet sie sich ab. Und ein Zweig berührt scheinbar ihren gesenkten Kopf. Dieser trägt Blätter, die anderen Zweige des Baumes nicht, jedenfalls soweit man es auf dem Foto sehen kann. Immerhin entdeckte die steinalte Sophia einen kleinen Blumenstrauß hinter der Windschutzscheibe. Zu ihrem Bedauern blieb die Tante kinderlos. Das Auto gehörte ihrem jungen Ehemann. Er hat das Foto wohl gemacht. Seine Kodak Retina, samt Objektiven, Filtern und Gebrauchsanweisungen liegen bis heute in Sophias Archiv. Das glänzende Auto mit dem Kennzeichen der britischen Besatzungsszone (?) ist wohl das eigentliche Motiv des Onkels. Hatten sie nicht beide, Onkel und Tante, bei dem von den Engländern verwalteten Düsseldorfer Flughafen gearbeitet?

Familienfoto der Tante L. um 1953, Archiv RW, 31. Januar 2024

Dürers Witz und ein profanes Detail


In der Holbein Ausstellung, die gerade im Städel in Frankfurt gezeigt wird, ist auch eine Kopie des  Altarbildes von Albrecht Dürer, genannt Das Rosenkranzfest, aus dem frühen 17. Jh. zu sehen. Das Original, das Dürer für die Kirche San Bartolomeo in Venedig malte, hängt in Prag. Dort sah ich es voller Erstaunen in den 80er Jahren und war erschrocken über seinen schlechten Zustand. Trotzdem erinnere ich mich, dass ich berührt war von der Andacht und Festlichkeit im Bild. Und erkannte die selbstbewusste Anwesenheit von Dürer, rechts im Bild an einem hohen Baume stehend, einen Zettel haltend, auf dem er sagt, dass er das Bild in nur fünf Monaten malte.
In Frankfurt sah ich auf der Wiener Kopie ein mir unbekanntes Detail, das es im Prager Bild nicht gibt. Eine große und detailgetreue Fliege auf dem Knie der Madonna. Aber – die Fliege sitzt eben nicht auf dem weißen Tuch auf Marias Schoß, sondern sie sitzt auf dem Bildgrund des Künstlers. Da die Fliege auch auf einer früheren Kopie, noch in Venedig gemalt, erscheint, ist es wohl sicher, dass Dürer sie in sein Bild malte, sie aber auf Grund von Beschädigungen und Restaurierungen des Gemäldes nicht mehr erhalten ist.
Die Fliege in Gemälden hat eine lange Tradition – musca depicta. Die Trompe-l’œil Fliege gehört zur Realität des malenden Künstlers und nicht zur Wirklichkeit des Abgebildeten. Sie sitzt auf weißen Hauben der Porträtierten, auf steinernen Brüstungen, auf gemalten Rahmen, auf Wänden – und immer ist sie zu groß als Beweis, dass sie nicht zu dem dargestellten Raum gehört. Etwas anderes ist die Fliege auf Obst- und Blumen-Stilleben, hier hat sie eine ikonografische Aufgabe, lehrt uns das Memento mori. Aber manchmal ist sie auch hier zu groß gemalt und ist wieder die Fliege aus dem Atelier des Künstlers, die die gemalten Früchte für wirklich hält.
Und als ich meine Fotografien vom Mueumsbesuch betrachte, leuchtet ein banales Detail auf fast jedem Foto auf – die sich im Schutzglas der Bilder reflektierenden Notausgangsschilder des Museums. Hier wie eine zweite Brosche am Ausschnitt der Madonna. Es ist die musca depicta des fotografisch-digitalen Zeitalters – sie schleicht sich in die Oberfläche der Fotografie ein, und bezeugt die Anwesenheit des Fotografierenden an jenem Tag im Museum.

«Holbein und die Renaissance im Norden» Städel Museum Frankfurt, noch bis zum 18. Februar 2024,
Detail auf der 1606 bis 1612 entstandenen Kopie des Bildes von Dürer im Kunsthistorischen Museum Wien. Das Rosenkranzfest, Albrecht Dürer, 1506, Öl auf Pappelholz, 162 × 194,5 cm, Nationalgalerie Prag, Fotografie RW, 23. 1. 24