
Das Betrachten von Gold und Edelsteinen schien ihm ein willkommener Ausflug in ein märchenhaftes Land der Sorglosigkeit. Der indische Prinz stand lange vor den Auslagen eines Antiquitätenhändlers in der Heimatstadt der steinalten Sophia. Lange schon hatte er sie nicht mehr besucht. Nun wollte er ihr zum Wiedersehen zu Pfingsten ein Geschenk mitbringen, ein Wiedersehen nach fast fünf Jahren. Er betrat den kleinen Laden und ließ sich einige Schmuckstücke zeigen. Beim Betrachten der edlen Metalle und kostbaren Steine verfiel er in eine Art Trance und begann in seinem Kopf einige Zahlenreihen aufzustellen. Ich besitze siebenundzwanzig Ringe mit dreihundertfünfundsiebzig Diamanten in verschiedenen Größen, neun Ringe mit achtundneunzig Rubinen (davon einer synthetisch), drei Ringe mit dreiundzwanzig Saphiren, vier Ringe mit zwölf Smaragden, zwei Ringe mit jeweils einem Aquamarin, einen Ring mit einem Opal, zwei Ringe mit jeweils einem Topas, einen Ring mit einem Granat, einen Ring mit Carneol, einen Ring mit einem Morganit, zwei Ringe mit Amethysten, zwei Ringe mit Rauchquarz, zwei Ringe mit jeweils einem Turmalin (einer davon wahrscheinlich synthetisch). Von diesen Ringen sind siebzehn Ringe aus Gelb- und Rotgold, vierzehn Ringe aus Weißgold, vier Ringe aus Platin, neun Ringe aus Silber und zwei aus Edelstahl. So rechnend überlegte der indische Prinz, der steinalten Sophia einen antiken Ring zu kaufen – aus Platin, besetzt mit einem blauen Saphir von etwa drei Karat, flankiert von zwei Diamanten im Altschliff, jeweils Halbkaräter. Diesen hatte er schon im Internet bei dem Goldhändler gesehen und nahm sich vor, ihn ordentlich herunterzuhandeln.
Storchenschnabelperspektive
Aus der Storchenschnabelperspektive in die Bresche springen,
im Überschall einen Kopfstand bewahren,
das Nocturnelied singen,
im kühlen Grund zur Neige gehen,
aus dem Lot geboren werden,
Bauchatmung und Hirnschwelle üben.
Abriss eines Bürogebäudes, Hoeherweg Düsseldorf, bearbeitete Fotografie RW, 10. Mai 2024, Worterinnerungen aus der Nacht zum 11. Mai 2024
Die Ankunft der Mauersegler
In Berlin gibt es zur Zeit eine Ausstellung mit dem Titel Ankunft der Mauersegler. Jochen Lempert heißt der Künstler. Beim Gallery Weekend Berlin zeigen Jörn Bötnagel and Yvonne Quirmbach, kurz BQ, seine ausgesprochen geheimnisvollen Fotografien. Seine Motive sind aus Flora und Fauna entnommen, oft haben die Tiere oder Pflanzen auf lichtempfindlichen Medien selbst eine Spur hinterlassen. Der studierte Biologe und Künstler arbeitet mit analogen Fototechniken. Das schwarzweiße Titelfoto der Ausstellung zeigt einen einzelnen Vogel im Flug vor grauem Himmel, ein sehr gekörnter Abzug, wie durch Nebel, der Vogel ein Schatten.
Ankunft der Mauersegler – für mich ein Berührungs-Poem.
Als wir am 1. Mai am späten Nachmittag aus München zurückkamen, setzten wir uns ans Rheinfenster, um die Zeitungen der letzten drei Tage zu lesen – und nur für einen kurzen Augenaufschlag sah ich den ersten Mauersegler. Dann kam der heftige Regen, lang anhaltendes Wetterleuchten, horizontale Blitze in schweren grauen Wolken. Das Unwetter dauerte fast zwei Tage. Immer wieder waren meine Gedanken bei den Heimkehrern aus Afrika. Hatten sie genug Insekten gefunden, um sich, von der langen Flugreise entkräftet, zu erholen? Ich wußte, dass ihre Jungen in eine Art Hungerstarre verfallen können, um magere Tage in Abwesenheit der Eltern zu überstehen. Aber soweit waren die Vögel noch nicht – und heute Morgen sausten schon vier oder fünf Tiere am Fenster vorbei. Nur am Abend – jetzt – seh ich keinen Vogel mehr. Aber wie zum Beweis, dass die Luft gefüllt ist mit Insekten, setzt sich ein Mückentier auf die Scheibe der Balkontür.
Schnittversuche mit bunten Papieren aus Verona, gekauft in München bei CARTA PURA, invertierte Fotografie RW, 4. Mai 2024
Nachleuchten am ersten Mai
Im Münchner Lenbachhaus sind die Tische gedeckt. 160 Personen aus Kultur und Kunst werden erwartet. Der Schirmer/Mosel Verlag feiert seinen 50. Geburtstag. Ich sehe viele bekannte Gesichter aus Düsseldorfer Akademiekreisen, viele internationale Fotokünstler und -Künstlerinnen, Maler und Malerinnen, Leute aus der Kunstgeschichte, der schreibenden Kunst, Galeristen und Galeristinnen, Mäzene, Museumsleute und Verleger. Die eingeladene Münchner Prominenz kenne ich nicht. Im schönen Garten des Museums trifft man sich zunächst bei einem Aperitif in Rosétönen, die Stimmung ist entsprechend festlich und freudig. Die Sonne hat den vorletzten Tag des April sehr aufgewärmt, manche Damen kommen schon ärmellos oder in hellen Sommerfarben. Eine lachsfarbene Plisseehose bleibt mir in Erinnerung, die sich in einem silberbeschichteten hauchdünnen Rock aus feinem Leder feurig spiegelt. Ich darf dieses Farbspektakel fotografieren. In der großen Eingangshalle des Museums begrüßt Herr Schirmer dann in einer herzlichen Ansprache seine Gäste. Auf den Verleger, Schriftsteller und Dichter Michael Krüger als besonderen Gratulanten habe ich mich sehr gefreut. Die lange Freundschaft mit Lothar Schirmer wird in seiner wunderbaren Rede elegant und poetisch veranschaulicht. Durch lustige Videobotschaften, groß projiziert, gratulieren Isabella Rosselini und Hanna Schygulla, jede auf ihre sehr spezifische Art.
Unseren Tisch finden wir nah beim Rednerpult und haben so sehr direkt Anteil am feierlichen Geschehen. Wir genießen das köstliche Menü… auch in frühlingshaften Farben und Genüssen mit Spargel, Loup de Mer in grünen Kräutern und Hummerbisque, zum Schluss Holunderblüte, Yoghurtmousse und Rhabarber-Sorbet. Über allem leuchtet und glitzert riesig das Wirbelwerk von Olafur Eliasson. Eine Treppe höher sind die Räume zur Ausstellung geöffnet – hier kann den ganzen Abend die Joseph Beuys-Sammlung von Schirmer besichtigt werden.
50 Jahre Schirmer/Mosel, festliches Abendessen im Lenbachhaus München, Fotografie RW, 29. April 2024
Eherne Kopfhandfußfübung
Eine freundschaftliche Übung zur konzentrierten Kopfarbeit. Handstand mit dem sonderbaren Stein, einer Limonitkugel, in Utah moquimarble genannt. 200 Millionen Jahre alt, Eisenausfällung in Urmeeren, unruhig in Wellengang und Gezeiten hin und her gerollt, in der Gischt so gut gerundet. Mit Sanden verbacken… Oolithisch. Von den indigenen Bewohnern und Findern verehrt. Von Esoterikern missverstanden.
Bronzefiguren mit Moquimarbles (Herkunft Utah, USA) auf bemalten Holzsockeln, Sammlung RW, Fotografie RW, April 2024
Aus dem Schattenreich
Als ich ihr zum ersten Mal begegnete, war direkt eine Verwandtschaft da. Sie sprach freundlich und hörte zu. Wir trafen uns im Freundeskreis nicht regelmäßig, aber doch so oft, dass die Vertrautheit blieb. Wir tauschten uns aus über Leben und Sterben. Freude hatten wir über einen gleichen Hausnamen in der nahen Familie. Sie liebte die Natur und war stark. Sie konnte Judo und war unglaublich fein. In den Künstlerateliers war sie ein willkommener Gast. War man bei ihr eingeladen, gab es Gutes zu essen und zu trinken.
Die Zeit ist kurz und ihre Stimme höre ich noch.
Atelierfest in Düsseldorf, invertierte Fotografie RW, September 2019
Frühlingsverwirren
Wenn ich aus dem Rheinfenster blicke, sehe ich an den beschnittenen Platanenkronen erste Triebe. Ein grünes Blattpärchen zittert und flackert wie ein Falter im Wind. Es ist heute stürmig, wieder sehr kalt und doch denke ich an die Mauersegler, die vielleicht schon, aus Afrika kommend, kurz vor den Alpen ihre hohen Flüge proben und auf wärmeres Wetter warten. Dann reisen sie bis zu mir an den Rhein. Den Nistplatz unter dem Dachvorsprung kennen sie ja.
Geburtstag der Freudin an einem sonnigen Apriltag. Fotografie RW, 14. April 2024
Historie und Jahrmillionen
Gestern Abend besuchte ich den neuen Standort meiner Arbeit Sternberger Kuchen mit Fluorit. Sie hat ihren Platz gefunden an einer großen Fensterfront, die das weite Atrium eines besonderen Hauses umschließt. Das einstöckige, von außen schlichte Haus wurde 1953 von dem Architekten Hans Schwippert (1899 – 1973) erbaut. Hier hatte der ehemalige Direktor der Kunstakademie Wohnung und Atelier. Im Atrium findet man noch die Original-Bodenfliesen mit zum Teil farbigem, floralen Dekor. Viele Details des Hauses sind erhalten – ungewöhnlich hohe, schmale Türen verbinden die um den Innenhof gelegenen Räume. Die Türklinken sind sehr niedrig angebracht. Auch die originalen Dreh- und Kippschalter für das Licht befinden sich knapp unter Hüfthöhe. Das Haus, das durch die Architektur des Bauhauses (Schwippert war mit Mies van der Rohe gut befreundet) geprägt ist, steht auf einem Eckgrundstück nahe des Rheins und hat zu den Straßenfronten nur kleine Fenster, währen die Fensterfront rund um das Atrium fast die volle Höhe des Hauses erreicht.
Wir waren eingeladen zum Abendessen, der Hausherr und Gartenfreund hatte bis kurz vor unserem Eintreffen noch im Vorgarten seine neuen, seltenen, englischen Rosen eingepflanzt. Die großen gelbroten Tulpen und weißen Narzissen im Innenhof, die er schon bei Einzug in hohe Töpfe gesetzt hatte, waren voll aufgeblüht – kurz vor dem Verblühen. Der Tag unseres Besuches war ungewöhnlich warm, so dass wir uns – sehr sommerlich – im Atrium zu einem Aperitif setzen konnten.
Nun schaut meine Arbeit in das Atrium und gleichzeitig in den Essraum auf die große Tafel. Darauf lagen zehn große Zitronen in langer Reihe in der Mitte des Tisches. Auf Mallorca selbst gepflückt und mitgebracht. Eine Tarte au Citron gab es dann folgerichtig zum Nachtisch.
Das ca. 23 Millionen Jahre alte Sandgestein mit den zahlreichen Fossilresten, bekrönt mit einem zitronengelben Fluorit, ist nicht mehr meins und behauptet sich jetzt in dem 50er-Jahre-Haus. Unsere Gastgeber sind noch dabei, ihren in Jahrzehnten gesammelten Kunstwerken geeignete Plätze zu geben, erst vor ein paar Monaten sind sie in das schöne Haus eingezogen. Das Holzrelief mit dem Fede-Motiv von Stephan Balkenhol, zwei ineinander greifende Hände, direkt an der Wand hinter dem Esstisch, kam mir gestern Abend vor wie ein Zeichen der Vergewisserung von Dauer und Treue, die über Millionen Jahre hält. Und – ich trug gestern Abend, ohne zu wissen, dass ich hier auf den Balkenhol treffen würde, meinen goldenen Ring von 1830, der das Fede-Motiv auf seinem Mittelstück trägt – darunter ein kleines Geheimfach.
«Sternberger Kuchen mit Fluorit» in neuer Umgebung, Fotografie RW, 6. April 2024
Die Arbeit ist auch abgebildet im Buch «Kostbare Sockel für seltene Dinge», Salon Verlag Köln 2021
Ostern
An Ostern kam der steinalten Sophia ein merkwürdiger Gedanke – der wievielte Frühling ist es, den ich erlebe? Im August bin ich geboren, ein Sommerkind, das den ersten Herbst und Winter erlebt und dann erst den Frühling. Schon oft hatte sie behauptet, dass der Herbst ihre liebste Jahreszeit sei, aber nun war es deutlicher als je zuvor – jetzt war es der Frühling. Begeistert nahm sie auf jedem Spaziergang die zarten Spieren und die Schneebälle der weißblühenden Büsche wahr. Die rosafarbenen Mandel- Pfirsich- und Kirschblüten waren dieses Jahr besonders üppig. Durch die noch unbelaubten Hecken eines Vorgartens am Rhein hatte sie einen dunkelroten Magnolienbaum neben lachsrosa Kamelienbüschen entdeckt. Narzissen, Tulpen, Hyazinthen, Löwenzahn, Gänseblümchen und Hornveilchen ordnete sie in ihrem Gedächntis nach Farben und Größen. Das war ihr ein willkommenes Training der Erinnerung. Dann ist es nun mein zweiundsiebzigstes Osterfest, wenn ich mich nicht vertan habe, dachte sie. So ein Wunder – ich werde älter und älter, aber die Knospen, Blüten und Blätter sind jedes Jahr einzigartig und frisch, alle sehe ich zum ersten Mal. Und jedes Jahr auf’s Neue.
Gedeckter Frühlingstisch für die Gäste, invertierte Fotografie RW, kurz vor Ostern 2024
Karwoche
Im Vorgarten eines unbewohnten, großen Hauses am Rhein entdeckte die steinalte Sophia mannshohe Buchsbaumbüsche. Der Zünsler war auch hier zu Gange und manches Blättchen hatte sich blassbraun verfärbt und weiße Spinnereien verklebten die Ästchen. Sophia suchte sich ein paar noch gesunde, sehr kleine Zweige heraus und riss sie ab. Dann ging sie zur nahen Kirche. Durch den Seiteneingang betrat sie das Gebäude. Hier war das Weihwasserbecken leer. Sie bekreuzigte sich und ging unter die Orgelempore. Von weitem schon sah sie, dass das große Weihwasserbecken gefüllt war. Sie tauchte die Fingerspitzen hinein und bekreuzigte sich zum zweiten Mal. Dann nahm sie die Buchsbaumzweige und ließ sie ganz ins Wasser hinab. Danach schwenkte sie die Zweige in einem dritten Kreuzzeichen über dem Becken – jedes geweihte Tröpfchen fiel zurück. In der Bank vor dem heiligen Antonius blieb sie noch eine Weile sitzen und freute sich, dass er ihr geholfen hatte, die Buchsbaumbüsche zu finden. Am Palmsonntag war sie nicht in der Kirche gewesen. Auf dem Heimweg am Rhein entlang entdeckte sie die blutroten Knospen der Zierquitte, zwischen den Blüten waren lange spitze Dornen.



