Highlands


Am frühen Morgen hatte es geschneit. Die Nacht in der Schutzhütte war kalt, aber ein sicherer Ort gewesen. Unseren Weg, der sich unweit des kleinen Bachlaufs befand, hatten wir schnell wieder gefunden. Das Ziel war der hohe Berg direkt vor uns, an dessen Fuß wir die Straße nach Inverness ausmachen konnten. Hier hatten wir unser Auto zurückgelassen.

Fotografie aus der Mitte der 70er Jahre von einer Reise in die schottischen Highlands

Die reiche Erbtante

Eine Schwester meiner Mutter, Frau Brauereidirektor Eleonore Pauline G. aus W. in unserem Wohnzimmer Anfang der 60er Jahre. Es wurde gemunkelt, dass sie reich sei. Genau wussten wir es nicht. Anlässlich der Erstkommunion meiner jüngeren Schwester wurde diese Aufnahme gemacht. Die Eltern hatten mit bescheidenen Mitteln begonnen, Antiquitäten zu kaufen. So konnte sie vor einer Truhe aus dem 18. Jahrhundert posieren. Ihre jugendliche Schönheit hab ich als Kind damals nicht bemerkt. Und das, was sie uns vererbt hat, können wir heute wertschätzen oder verkaufen.

THOR

THOR
MARE DULCE
DESCANSO
THARSIS
PIZ AMALIA
MASORA
KILIAN
EILTANK 5
FACTOFOUR
VOLENTA

Unruhe am Himmel über dem Rhein. Schwere Regenwolken und ein hektischer Vogelschwarm im Sonnenlicht. Der Rhein hat seinen Pegel normalisiert. Die Schiffe fahren wieder häufiger und mit voller Ladung.  Ich kann nicht anders, muss dann immer mit dem Fernrohr meines Großvaters die Schiffsnamen entziffern. Manche kann ich aber auch mit bloßem Auge lesen. Ausbeute innerhalb weniger Minuten von heute Morgen vor 9 Uhr und vorgestern Nachmittag. (Fotografie vom 9.12.18, 16.27 Uhr)

Gleichsam gefrorne Thränen

Judith Schalansky schreibt in der FAZ vom 8. Dezember. Es ist ihre Dankesrede anläßlich der Wilhelm Raabe Preisverleihung. Schon lange verfolge ich die von ihr herausgegebenen, ausgezeichnet gestalteten Bücher in den Naturkunden bei Matthes und Seitz. Als Autorin hatte ich sie bislang noch nicht berücksichtigt. Wie sehr verwandt allerdings unsere Vorlieben sind, wurde mir nun verblüffend klar, als ich diese Rede las. (Danke für den Hinweis, Klaus Seitz!) Sie beschreibt darin sorgfältig das Inventar eines Kunstkammerschranks aus Braunschweig und bei der Lektüre des Musaeum Clausum von Sir Thomas Browne, Arzt und Philosoph des 17. Jahrhunderts, ist sie auf abstruse Listen der seltsamsten Dinge gestoßen. Auch in Wilhelm Raabes Werken fand sie wunderliche Einzelheitenbeschreibungen. Hier trifft Judith Schalansky meine Vorliebe für die 23:
Der Magister Noah Buchius in Das Odfeld führt in seinem Kabinett unter Nro. 23. : Ein barbarisch Horn vom Urochsen, Bos primigenius, auch Wisent genannt. Ehedem von den Barden beim Gottesdienst und in der Bataille zum Tuten gebracht. Dieses hiervorhandene Exemplar soll sich im Kuhhirtenhause zu Lenne hinter dem Till vorgefunden haben. NB. mir von denen Herren Primanern zu meinem Geburtstage zugetragen und dediciret.
Ich habe sofort in meinem Buch von Umberto Eco Die unendliche Liste (2009) nachgeschaut, ob er auch das Musaeum Clausum von Browne oder Wilhelm Raabe erwähnt. Nein, das nicht –aber ähnliche Schätze – in diesem für Sammler und Archivierer so herrlichen Nachschlagewerk finden sich unter Wunderkammerinventaren auch Listen aus der Literatur und bildenden Kunst. Eco schreibt aber selbst im Vorwort, dass er nicht alles aufnehmen konnte, dass er seine Sammlung von Aufzählungen als Undsoweiter-Listen sieht.
Nun habe ich gesehen, dass Sir Thomas Browne an anderer Stelle wunderbare Steinbeschreibungen verfasst hat. In seiner Untersuchung Pseudodoxia Epidemica, beschreibt er unter anderem in sechs Büchern, was es an Irrthümern über Mineralien, Gewächse, Thiere, Menschen, Bilder und Gemälde, Welt= und Geschicht-Beschreibungen gibt. Übersetzung Christian Peganium (Ratner) 1680, Frankfurt und Leipzig, Christoff Riegeln Verlag. Daraus zitiere ich eine besonders schöne Stelle:
Der 173. Satz
Doch ist von den Edelgesteinen eine andere Meinung zu faßen: denn dieselben schöpfen ihre Formen aus den klaresten Quellen des Himmels und der Sonnen/ und ihre Körper sind die allersaubersten Tröpfflein des aufs höchste gereinigten/und mit himmlischen Einflüßen geschwängerten /Thaues/und gleichsam gefrorne Thränen des Himmels: daher sie sehr viel und hohe Tugenden in sich begreiffen.

Das Wort Kristall, aus dem Griechischen (κρύσταλλος) kommend, bedeutet bekanntermaßen Eis. Man glaubte, Bergkristall sei gefrorenes Eis, was in tiefsten Temperaturen entstanden, nicht mehr schmelzen könne. (auch darüber spricht Browne in seiner Abhandlung) Ganz so unrecht hatten die Alten nicht. Nur war auch Hitze im Spiel. Nach vulkanischen oder tektonischen Vorgängen kommt es durch die Abkühlung von hydrothermalen Lösungen zur Abscheidung von SiO2 an den Wänden von Klüften, Gängen oder in rundlichen Hohlräumen (Geoden) und es können sich bei genügend Raum sogar freistehende oder kopfüber wachsende Bergkristallnadeln mit schönen Spitzen bilden.

Quarz, Chlorit, Calcit, Länge des prominenten, wasserklaren Bergkristalls, circa 4,5 cm, Stufe aus der Tiefe des Berges, NEAT-Tunnel-Baustelle, Amsteg, 2003

Bilanz zum zweiten Advent

Ein Viertel-Riesenrad mit vier Speichen und acht Gondeln, mindestens achtzehn erleuchtete Fenster mit jeweils fünf Streben, drei dunkle Fenster, achtzehn Promenadenlaternen, mindestens neun Weihnachtsbuden, ein Karussell, dreißig Passanten, davon drei Kinder, mindestens sieben Lichterketten, eine leuchtender Eiskristall mit Weihnachtsdekor, zwei gewölbte Dächer, ein gleißendes Licht…

Als mein Bruder mir dieses Foto auf seinem Handy zeigte, bat ich ihn, es in meinem Blog am 2. Advent veröffentlichen zu dürfen. Es passt wunderbar zu meinem Eintrag vom 1. Advent mit dem selben Motiv aus einer anderen Perspektive.
Fotografie von G. J. M. Weber, Blick aus dem Fenster des Schlossturms in der Düsseldorfer Altstadt anlässlich eines festlichen Presse-Empfangs.

Lothar Baumgarten

Dass Lothar Baumgarten am letzten Sonntag gestorben ist, kann ich kaum glauben. In den siebziger Jahren erzählte er uns von seinen Film- und Fotoaufnahmen in den Rheinauen, als wär’s am Amazonas gewesen. Ich erinnere mich an Schwarzweiß-Aufnahmen mit nächtlichem Regen auf Wasserflächen, dicht besiedelt von quakenden Fröschen, deren Schallblasen eindrucksvoll an- und abschwollen.
Er hatte sich im selben Jahr wie ich um ein DAAD-Stipendium beworben. Ich für einen Studienaufenthalt in London bei Ronald Kitaj, er für ein Projekt am Amazonas. Er bekam das Stipendium und reiste 1978 nach Südamerika.

Nachtrag:
In der Dämmerung fuhr ein Schiff mit dem Namen NIRVANA an meinem Rheinfenster vorbei.

Alter, aufgelassener Steinbruch bei Lindlar, gesehen im April 2009

 

 

Nikolaus

Der Heilige Nikolaus ist auch Patron der Seefahrer, Binnenschiffer und Fischer. Seltsamerweise habe ich in meiner Sammlung von Schiffsnamen keinen NIKOLAUS, keinen KLAUS, keinen SINTERKLAAS, keinen SANTA CLAUS und keinen NIKO. Stattdessen fahren heute morgen LAURENZI, TESSA, UND NIVOMA vorbei, gestern abend DEO GRATIAS. Immerhin hat NIVOMA die zwei richtigen Anfangsbuchstaben. Der Name soll im Holländischen Nimmer volmaakt bedeuten. So viel wie nie vollkommen. Das passt doch gut…

Morgendlicher Blick auf den Rhein bei Düsseldorf im Dezember 2018

 

Hendrick Goltzius

Mein Bruder machte mich darauf aufmerksam, dass das Rijksmuseum unter anderem eine Darstellung des Salvator Mundi nach van Dyck besitzt und viele weitere Drucke zu diesem Motiv. Auf der schönen Website des Rijksmuseums kann man sich in dessen reiche Sammlung vertiefen. Der Salvator Mundi (1589) von Hendrick Goltzius hat es mir besonders angetan. Für mich ist ungewöhnlich, dass er im Profil dargestellt ist, vielleicht aber hat das etwas mit der Besonderheit dieser Variante des Welterlösers zu tun: Zu dem Blatt gehören noch weitere dreizehn mit Darstellungen der zwölf Jünger Jesu und dem heiligen Paulus. Die Apostel sind auch halbfigurig, aber eher frontal zu sehen und in den für Goltzius typischen Drehungen und Wendungen von Körper und Gestik.
Am Himmelfahrtstag spricht Christus zu den Jüngern: Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen… Unter dem Bild in lateinischer Sprache, zitiert nach Markus 16,15.
Das heißt, Christus wendet sich nicht nur den Jüngern zu, sondern ist hier vor allem der Auferstandene, der sich ihnen nach seinem Tode zeigt, verdeutlicht durch den Nimbus, dessen Strahlen über das ganze Blatt gehen. Er blickt den Betrachter nicht an. Nur der Daumen der segnenden Hand weist in unsere Richtung. Am merkwürdigsten ist aber die mit einem Kreuz bekrönte, durchsichtige Weltenkugel, die er in seiner linken Hand hält. Sie kippt, das Kreuz auf ihr neigt sich, perspektivisch verzerrt, in Richtung Betrachter. Wieder (siehe Beitrag von gestern) sehen wir eine Fensterkreuzspiegelung, die hier eine Beziehung zum Kreuz auf der Kugel provoziert, aber nicht sein Schatten, nicht seine Reflexion ist. Der Daumen der haltenden Hand wird gegenüber der Fensterkreuzspiegelung hell reflektiert. Die Kugel ist wie mit dem Zirkel in kreisrund laufenden Formlinien graviert, die an- und abschwellen, sich teils verdoppeln, so dass Licht, Schatten und Transparenz erzeugt werden. Für mich besitzt die Kugel fast hypnotische Kräfte.
Der Dargestellte erstrahlt in Haut, Haar und Gewand durch helles Licht von links vorne. Der gleißende Nimbus dagegen ist ein übernatürliches Licht, das Haar auf dem Hinterkopf des Erlösers bleibt dunkel.
Der kleine Kupferstich ist 149 mm hoch und 103 mm breit. Auf der Website des Rjiksmuseums kann man das Blatt derart heranzoomen, dass die sogar Papierfasern zu erkennen sind und erst recht die wunderbaren Linien.
http://hdl.handle.net/10934/RM0001.COLLECT.438157

Kugelwelt

Die Darstellung des Salvator Mundi in der Malerei hat mich von jeher fasziniert.
Hier abgebildet ist jeweils die Kugel als Sinnbild des Universums, die der Weltenretter in Händen hält, herausgenommen aus vier Gemälden.
Im Uhrzeigersinn: Joos van Cleve, Leonardo da Vinci, van Dyck, Tizian.
Vor ein paar Tagen gab es einen Beitrag der Filmemacherin und Autorin Hito Steyerl in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, in dem sie in einem kuriosen Rundumschlag auch den für 450 Millionen Dollar ersteigerten Salvator Mundi des Louvre Abu Dhabi, angeblich von Leonardo da Vinci gemalt, erwähnt. Insbesondere die durchsichtige Kugel, die er in seiner linken Hand hält, hat sie in ihren Überlegungen über Virtuelle Realität und andere Blasenwelten angesprochen. In dem Youtube-Film Bubble Vision kann man sehen, wie sie ihre Thesen ausführlicher vorträgt. Sie erzählt hier von 400 Jahre alten Gasblasen im Eis der Arktis, deren Inhalt in der Analyse genau zeigt, wie die Luftzusammensetzung zur Zeit ihrer Entstehung war. 2015 haben Forscher das Jahr 1610 als neueren Beginn des Anthropozäns eingestuft. Hier müssen sich durch die fatalen Folgen der Eroberung der neuen Kontinente die Kohlendioxidkonzentrationen massiv verändert haben. (Massensterben der indigenen Bevölkerung durch neue Krankheiten, Nachwachsen der Wälder auf unbearbeiteten Ackerflächen) Dies sei der Anfang der zerstörenden Einflussnahme des Menschen auf die Erde.
Ein anderes Phänomen zur Blase als fossiles Relikt kam mir da in den Sinn: tatsächlich gibt es beispielsweise in Quarz teils bewegliche, flüssige oder gasförmige Inklusionen, Libellen genannt, die aus der Entstehungzeit des Minerals in seinem Umgebungsgestein stammen, vor 10 bis 100 Millionen Jahren. Wahre Zeitzeugen, eingeschlossen in durchsichtigem Bergkristall, da war kein Mensch zugegen.
Christie’s hat zur Auktion des Salvator Mundi von Leonardo eine opulente Publikation herausgebracht, in der auch die Kunstwissenschaft zu Wort kommt, unter anderem der Leonardo-Experte Martin Kemp, der zur Kugel in Leonardos Bild geforscht hat. Ich frage mich: Warum hat Leonardo die Kugel nicht physikalisch getreu (mit Spiegelung oder Reflexion) gemalt? Weil er ein Reich darstellen wollte, das nicht von dieser Welt ist? Welches Material könnte bei der Kugel im Bild gemeint sein? Bergkristall (Inklusionen), Glas (Luftbläschen), Calcit (Doppelbrechung im Mineral oder Pentiment an der Handwurzel des Salvators)? Es gibt keine Reflexion der Umgebung in der Kugel, auch keine Weltlandschaft wie bei dem Salvator Mundi von Joos van Cleve. In seiner Darstellung sehen wir sogar die deutliche Spiegelung eines Fenster des Raumes, der dem Maler zuzuordnen ist, nicht dem Weltenretter. Das ist ein Rätsel. Der Erlöser im Atelier des Künstlers? Butzenscheiben am Himmel der Welt? Der Maler macht zweierlei: das Irdische virtuos abbilden und das Überirdische erfinden. Bei Leonardo jedoch wird in der Kugel kein Widerspiegeln des Irdischen gemalt, sondern eine Erfindung des Durchsichtigen, scheinbar physisch korrekt mit stofflichen Eigenarten und doch wieder nicht konsequent. Die Kugel hat immerhin drei mit Weiß gesetzte Lichtpunkte und rechts unten viele sorgfältig gemalte, bläschenartige Inklusionen. Mich erinnern sie an die Blasen in Glas, besonders in vulkanischem Glas, das im Erkaltungsprozess mit Gasresten erstarrt. In der Kugel finden wir ebenso ein wunderbares Licht, es fängt sich in ihrem unteren Bereich und erhellt die Fingerkuppen des Erlösers.
Bei Joos van Cleve gibt es in der Kugel nicht nur die geheimnisvolle, nächtliche Landschaft mit einem winzigen Feuer (Anwesenheit des Menschen) im Innern der Kugel, sondern auch die Reflexion des Fensters (Kreuz!) aus dem irdischen Raum des Ateliers und die Spiegelung der Hand des Erlösers, die auf der Kugel liegt. Zur Wesensart seiner Kugelerfindung gehören Drei: das Reflektieren, die Transparenz und – die Imagination.
Tizian malt in seiner Kugel ebenso das Spiegelbild des Fensters mit einer Wiederaufnahme etwas tiefer gegenüber, man glaubt zwei Schatten (von Anwesenden?) zu erkennen. Hier aber schauen wir mehr zur malerischen Erfindung, zu Licht, Farbe und Geste als zum Phänomen des Abbildens.
Bei Anthonis van Dyck scheint die Kugel nicht mehr ganz durchsichtig zu sein, eher translucent, sie wirkt wie vernebelt, in einem schönen Grau, Oliv und einem rötlichen Neapelgelb. Auch sie reflektiert ein Fensterlicht, dass sich im Innern der Kugel unten wiederholt. Die dunklen Schatten der aufliegenden Finger des Erlösers sind genau so berücksichtigt wie die helle Spiegelung seiner Handinnenfläche. Alles Malerei eben.

Salvator Mundi, Joos van Cleve, 1516-18, Louvre
Salvator Mundi, Leonardo da Vinci? und Werkstatt, um 1500, Louvre Abu Dhabi
Salvator Mundi, Anthonis van Dyck, um 1640,
Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg / Lindner, Daniel (2010) (CC BY-NC-SA)
Salvator Mundi, Tizian, um 1570, Eremitage, St. Petersburg
https://www.hermitagemuseum.org/wps/portal/hermitage/digital-collection/01.+Paintings/32188/

Zum Salvator Mundi von Leonardo da Vinci siehe auch den Artikel in der SZ vom 2. Dezember