Noch zweimal schlafen

Das waren Zeiten,
als noch wirkliche Kerzen am Baum brannten,
als der selbst gemachte Weihnachtsschmuck sparsam aufgehängt wurde,
als die Familien noch groß waren,
als die Kinder unter dem Tannenbaum musizierten,
als man eine Eisenbahn bekam,
als die große Schwester auf die kleine aufpasste,
als die Kinder auf Vater und Mutter hörten,
als sie aber trotzdem vom Blitzlicht irritiert waren,
als sie trotzdem die Stirn runzelten,
als sie trotzdem in eine andere Richtung schauen wollten,
als sie doch nach vorne ausbrechen wollten.

Weihnachten 1960 in Haus Dorgarten, Archiv RW

Glück

So dankbar bin ich seit vorgestern, Du weißt schon warum, mein lieber Freund! Welch ein Glück, dass ich auch noch diese kleinen Blüten sah. Der Strauch am Friedhofsrand hatte sich schon frühlingshaft verkleidet und das vier Tage vor Weihnachten.

Gelb blühender Strauch an einem Friedhof in Duisburg, invertierte Handy-Fotografie von LB, 19. Dezember 2018

Spanisch-Deutsch

In einem alten Langenscheidt Universal-Wörterbuch Spanisch-Deutsch, das mir beim Aufräumen der Bibliothek in die Hände fiel, fand ich eine klein gefaltete Kinderzeichnung. Zwei Gestalten, ein Mann (?) und eine Frau sind zu erkennen und der Name Carolina ist notiert worden. Fast zwischen jeder dritten Lexikonseite wurden Pflanzenblättchen gepresst. Ich glaube, sie stammen von einer ehemals magentafarbenen Bougainvillea, aber auch von anderen Pflanzen. Zwischen Maleficio und Gewissen überdauerten die Blättchen Jahrzehnte in ihren geheimen Fächern, verloren ihre strahlende Farbe und verwandelten sich in hauchdünne Seidenpapiere. Die Person, die diese Blätter presste, muss zum ersten Mal in ihrem Leben in Spanien gewesen sein, hat dort zum ersten Mal Bougainvillea gesehen und das vor der Reise gekaufte Wörterbuch wollte sie nicht mehr benutzen, sonst hätte sie es nicht zum Herbarium umgewidmet. Ganz hinten hatte sie mit Tesafilm noch einen Samen eingeklebt. Den würde sie zu Hause in ihrem Garten einpflanzen, um sich genau an die Exotik erinnern zu können. Dazu kam es nicht mehr.

Wärmezelle

Gestern morgen hatte es doch tatsächlich am Rhein geschneit, so viel wie auf diesem älteren Bild vom Burgplatz allerdings nicht. Der Platz in der Düsseldorfer Altstadt sieht inzwischen anders aus. Wer braucht denn noch Telefonzellen? Stimmt die Anzahl der Platanen noch? Bei den Gaslaternen bin ich sicher, sie gibt es bis heute. Eine Bürgerbewegung hat sich für ihren Erhalt eingesetzt.
Wird der einzelne Passant oben links, der so perfekt ins Bild gelaufen ist, telefonieren oder sich nur in der Telefonzelle aufwärmen wollen? Die Frage ist überhaupt, geht er oder kommt er? Ich glaube, er geht. Er hat längst mit seiner Freundin telefoniert und wird jetzt zu Fuß am Rhein entlang durch den Medienhafen bis Unterbilk nach Hause laufen. Den ganzen Tag hat er in der Kunstakademie geschuftet, da seine neuen Arbeiten dieses Jahr einen besonders guten Platz beim Winterrundgang haben sollen. Er hat sich für ein Auslandsstipendium beworben.

 
 
Blick aus einem Fenster von der Mühlenstraße aus auf den Burgplatz in Düsseldorf, später Nachmittag im Februar 2004


Vorfreude

Auf das Weihnachtsfest wie in Kindertagen freuen? Schon in den vergangenen Jahren war dieses Gefühl nur noch in seltenen Momenten zu spüren, aber immerhin – beim Hören adventlicher Musik, dem Zusammenstellen der Geschenke, angesichts der festlichen Lichter in den Straßen – war es da.
Der Abendhimmel über dem Rhein an einem Abend im Dezember vor vier Jahren gab alles: Aufbruch, Freude, Farbe, Licht. Das hilft uns dieses Jahr besonders!

 
 
Aus dem Rheinansichtenarchiv von RW, Abendhimmel im Dezember 2014 bei Düsseldorf


Highlands


Am frühen Morgen hatte es geschneit. Die Nacht in der Schutzhütte war kalt, aber ein sicherer Ort gewesen. Unseren Weg, der sich unweit des kleinen Bachlaufs befand, hatten wir schnell wieder gefunden. Das Ziel war der hohe Berg direkt vor uns, an dessen Fuß wir die Straße nach Inverness ausmachen konnten. Hier hatten wir unser Auto zurückgelassen.

Fotografie aus der Mitte der 70er Jahre von einer Reise in die schottischen Highlands

Die reiche Erbtante

Eine Schwester meiner Mutter, Frau Brauereidirektor Eleonore Pauline G. aus W. in unserem Wohnzimmer Anfang der 60er Jahre. Es wurde gemunkelt, dass sie reich sei. Genau wussten wir es nicht. Anlässlich der Erstkommunion meiner jüngeren Schwester wurde diese Aufnahme gemacht. Die Eltern hatten mit bescheidenen Mitteln begonnen, Antiquitäten zu kaufen. So konnte sie vor einer Truhe aus dem 18. Jahrhundert posieren. Ihre jugendliche Schönheit hab ich als Kind damals nicht bemerkt. Und das, was sie uns vererbt hat, können wir heute wertschätzen oder verkaufen.

THOR

THOR
MARE DULCE
DESCANSO
THARSIS
PIZ AMALIA
MASORA
KILIAN
EILTANK 5
FACTOFOUR
VOLENTA

Unruhe am Himmel über dem Rhein. Schwere Regenwolken und ein hektischer Vogelschwarm im Sonnenlicht. Der Rhein hat seinen Pegel normalisiert. Die Schiffe fahren wieder häufiger und mit voller Ladung.  Ich kann nicht anders, muss dann immer mit dem Fernrohr meines Großvaters die Schiffsnamen entziffern. Manche kann ich aber auch mit bloßem Auge lesen. Ausbeute innerhalb weniger Minuten von heute Morgen vor 9 Uhr und vorgestern Nachmittag. (Fotografie vom 9.12.18, 16.27 Uhr)