Truth

Lichtbild und dunkler Spiegel.
Vögel zeichnen Wellenkräusel
in den Wassergraben der Königsallee.
Acht wunderbare Stimmen
haben Palestrina gesungen
und Anima Nostra von
Claudio Merulo.
Einen Steinwurf weiter
in der Johanneskirche.

Wasserspiegelung an der Kö, Düsseldorf, Fotografie RW, 2019

Schiffsnamen


LAUS DEO fährt Richtung Basel.
Warum haben die Schiffe so fromme Namen?
Sicher, damit mir die richtige Antwort einfällt
im Gespräch mit der alten Tante,
die klagt: Ach, wär‘ alles schon vorbei!

MONDEO
LAUS DEO
CARITAS II
CURA DEI
DEO GRATIAS
IMMACULATA
DEO JUVANTE
PELEGRIM
VAYA CON DIOS
VERA CRUZ

Die Heiligen und Erzengel,
wie JACOBUS und RAFFAEL
lass‘ ich erst mal links liegen.

Schiffsnamen, beobachtet am Rhein, Kilometer 742
Siehe auch auf ruth23weber.de unter der Kategorie Wort, Wortsammlungen,
Rheinufer, Fotografie RW, 2018

Aschermittwoch

Niemand soll hier sitzen.
Der Platz ist sehr bewusst gewählt:
Zwischen zwei schlanken Säulen
gehalten im Labyrinth der Fliesen.
Nicht mit Blick zum Altar,
kein Kirchenmöbel für die Messe,
vielleicht der alte Schreibtischstuhl
des letzten Pastors.
Jemand hat ihn abgestellt
vor Backstein und blauem Kalk,
auf Viereck und Winkelmaß.

Onze-Lieve-Vrouwekerk, Lissewege, Belgien, Fotografie RW, 2012

Rosenmontag

MONDEO zieht flussabwärts.
Eine heftige Sturmbö im Morgengrauen
hat die Dachziegel
hochgehoben und abstürzen,
Blumentöpfe mit den Christrosen
durcheinander wirbeln lassen.
Der Karnevalszug wird um Stunden verschoben,
Pferde dürfen nicht mit.
Ein Dohlenschwarm tobt sich aus.
Die Krähe zeigt virtuos ihre Flugkünste:
Hoch,
anhalten,
absacken
und wieder hochsteigen ohne Müh’
im Bogen fliegen.
Ein einsamer Jeck geht vorbei
mit künstlichem Buckel im grauen Jogginganzug
und blonder Perücke.
Die weißgrauen Möwen können’s fast genauso so schön.
Im Wintergarten sind die Ziegel aufs Glasdach gestürzt
und haben ein Loch hinterlassen.
Der Rhein hat viele kleine graue Kräusel.

Sturm über dem Rhein, Fotografie RW, Januar 2018

Mantegnas Wolke

Warum lässt Mantegna einen Reiter in der Wolke über dem Heiligen Sebastian erscheinen? Der Artikel von Andreas Kilb in der heutigen FAS zur Berliner Ausstellung Mantegna und Bellini hat mich auf ein Lieblingsthema zurückgeführt: Das scheinbar wie von selbst, aus gefundenen Formen der Natur zufällig entstehende Bild.
Nun ist der Wolkenreiter aber eben kein Zufallsbild. Mantegna hat ihn ja aus Wolkenmasse geformt, so wie er auch im Pariser Bild der über die Laster siegenden Minerva zwei Profilgesichter aus Wolken formt. Er hat eben keinen Reiter als himmlische Erscheinung ins Bild gesetzt, versehen mit den zugehörigen Farben und Details. In diesem Fall würde ich ein ikonographisches Programm als Schlüssel für das Rätsel des Bildmotivs akzeptieren.
Die Diskussion um die Natur als Schöpferin, die selbst Bildnisse erzeugen kann, kennen wir schon aus der Antike. Der Betrachter der Natur (und der Kunst) muss allerdings mit seiner Einbildungskraft die Figurationen entdecken können. Und so ist Mantegnas Wolkenreiter für mich wie ein Zitat zu dieser Fähigkeit der Imagination, die dem Betrachter abverlangt wird.
Auch Achate, Marmore und andere bunt geäderte Gesteine sind mit einer Möglichkeit zur Bilder-Erfindung ausgestattet. Mantegna hat in seiner Malerei wunderbare Gesteine in Architekturelementen sehr getreu wiedergegeben, aber nie mit Figurerfindungen versehen. Die schöne Marmorsäule, an die der heilige Sebastian gefesselt ist, zeigt einen gelb geflammten Stein mit nach rechts aufstrebenden, brekzienartigen, grauen und hellen Einlagerungen, die von feinen Adern durchzogen sind. Da hat Mantegna sicher einen wirklichen Marmor vor sich gesehen und zeigt doch an ihm, wie frei sich Malerei gebärden kann.

Wolken, Fotografie RW, 2016
Ausschnitt aus Andrea Mantegna «Der Heilige Sebastian», etwa 1459/60, Kunsthistorisches Museum Wien, jetzt in der Ausstellung in Berlin

Der schöne weiße Esel

Da grast der Asino bianco seelenruhig in der Wintersonne. Ob er von der Isola Asinara, der unheimlichen Gefängnisinsel vor Sardinien stammt, ist ungewiss. Hier gibt es noch ein Vorkommen weißer Esel. Vielleicht ist er auch ein Österreicher, ein Verwandter des Albino-Barockesels aus dem Burgenland. Das würde ja passen, denn hier steht er auf Burg Schnellenberg, hoch über Attendorn im Sauerland. Der Esel gefällt mir gut. Er erinnert mich an die Märchen der Gebrüder Grimm. Bei den Bremer Stadtmusikanten ist der Esel der ideenreiche Wortführer und sagt zum Hahn: «Ei was, du Rothkopf, … zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musicieren, so muß es eine Art haben.»
Die vier alten, vom Menschen nicht mehr gewollten, unnützen Tiere machen sich zusammen auf den Weg und nur in der Gemeinschaft können sie sich in der Fremde ein neue Bleibe schaffen. Sie verjagen als Monstrum compositum aus Esel, Hund, Katze und Hahn ein paar üble Gesellen aus deren Unterkunft und machen es sich im Räuberhaus gemütlich. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Fotografie RW, Winter 2015, Attendorn, Burg Schnellenberg
http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/grimm_maerchen01_1843

Lenz, Spring, Primavera

Die neuen Tage lenzen.
Es sprießt und springt schon jetzt,
zu sonnig blau zu glänzen!
Der zweite Mond versetzt.
VERENA, SHAMROCK – fahr’n nach Osten,
dreh’n dann flußabwärts in den Westen.

Schneeglöckchen, gesehen gestern am Rhein, km742,
Zwei schöne Schiffsnamen von heute;

Die Fünf ist blau

Die Zahl 5 ist blau, die 2 ist grün und die 3 ist blassrosa.
Der Buchstabe A ist orangerot,  das B gelb und das R graurosa.
Die 1 ist grau, die 7 blaugrau, die 8 braunorange.
Das W ist grün, das U violettrosa, das T ist blau.

Was weiß ich denn von Synästhesie? Bei mir stellen sich die Farben beim Nennen von Zahlen und Buchstaben wie von selber ein. Nicht sehr leuchtend und auch bei manchen Zahlen schwächer und mit grau gemischt.

Das V ist lodengrün, das C weißgelb, das H wieder grün.

Wenn die Zahlen aus mehreren Ziffern bestehen, wird es schwierig, auch ganze Wörter können nicht wirklich farbig sein. Die 23 aber ist rosagrün.

Das Q ist gelbgrau, das E rosa, das P milchkaffeegraubraun.
Das N schilfgrün, das L metallischblaugrau, das K wieder stahlblau.
Das D weißgelb, das F schwarzweißgrün, wie auch der Name Fritz.

Kyanit oder Disthen, ein Aluminium-Silikat, Fundort Binntal, CH, Sammlung RW