Der Hund

Der Hund in einem Garten
ein Ast
der Sprung
die Wolken
im Sturm
die Mauer steht fest.

Bruno Goller (1901-1998), «Hund in einem Garten», Öl auf Leinwand, um 1929, Stadtmuseum Düsseldorf, Fotografie RW, 2020

Der Gürtel

Angelika Kauffmann malt 1787 ein Selbstbildnis für die Ehrengalerie der Florentiner Uffizien. Der Gürtel ihres antikisierenden Gewandes zeigt einen Kameo aus zweilagigem Onyx – mehrere Szenen sind in die schwarzweiße Chalcedonvarietät geschnitten – der Sieg Minervas über Neptun im Kampf um Attika. Mich erinnert dies an die Gemma Augustea (Kunsthistorisches Museum Wien), den berühmten antiken Kameo aus der Zeit des Augustus. Der Habsburger Kaiser Rudolf der II. erwarb ihn zu Beginn des 17. Jahrhunderts schließlich für seine Kunstkammer. Angelika Kauffmann wird sicher Abildungen von antiken Steinschnitzereien gekannt haben, oder solche in Italien, Wien oder am Bodensee (Onyx von Schaffhausen) im Original gesehen haben.

ANGELIKA KAUFFMANN. KÜNSTLERIN, POWERFRAU, INFLUENCERIN, eine Ausstellung im Kunstpalast Düsseldorf, 30.1. – 24.5.2020, Fotografie RW 2020

Das Messer

In einem Sommer des 20. Jahrhunderts findet ein Mann bei einem Tauchgang im Hallstätter See ein Messer. Es hat einen Griff aus Hirschhorn und eine scharfe Klinge. Es scheint sehr alt zu sein, die Klinge handgeschmiedet. Eine Frau entfernt nach Jahrzehnten den Rost von diesem Messer und stellt es zusammen mit einigen seltenen Mineralien in ihrer Kunstkammer aus. Die Geschichte des Messers vor dem Fund, die Geschehnisse, die es auf den Grund des Sees beförderten, will sie sich nicht vorstellen.

Abrahams Messer, Detail, Innenausstattung von St. Mariä Geburt in Kempen, Fotografie RW, 2014
Siehe auch meinen Blogbeitrag vom 24. Februar 2018

Vornehintengleich

Heute haben wir 02 02 2020, ein Palindromdatum. Mein alter immerwährender Kalender aus Italien hat nur 28 Tage für den Februar. Da hab ich ein gediegen Kupfer oben drauf gelegt, Cu hat die Ordnungszahl 29 im Periodensystem. So hat alles seine Richtigkeit für das Schaltjahr.

Kalender mit gediegen Kupfer, Fundort Michigan , USA, Fotografie RW 02.02.2020

Exide

Heute am Vormittag kam ein Schiff mit dem Namen BIG BEN an meinem Rheinfenster vorbei. Als wolle es einen spöttischen Abschiedsgruß zum BREXIT senden. 1970 flog ich zum ersten Mal in meinem Leben – nach London. Mit meiner sehr einfachen Kamera machte ich ein paar Aufnahmen am Trafalgar Square. Auf einem Gebäude hinten ist der Schriftzug EXIDE (batteries) zu sehen. Es ist eine Reklame für die amerikanische Firma Exide Technologies. Links am vom Bildrand angeschnittenen Gebäude sind noch die Buchsatben OVR von BOVRIL, einer Werbung für Fleischextrakt, zu lesen. Man kann im Internet historische Fotos finden, auf denen eine ähnliche Ansicht des Platzes zu sehen ist – Fotos vom Ende der 40er Jahre bis in die 70er Jahre. Hätte ich direkt in die Straßenschlucht von Whitehall zwischen BOVRIL und EXIDE fotografiert, wäre der Blick auf BIG BEN möglich gewesen.

Trafalgar Square, Fotografie RW, London 1970,
siehe auch meinen Blog-Eintrag vom 30. 12. 2018

Palimpsest

… All mankind is of one Author, and is one volume; when one man dies, one Chapter is not torn out of the book, but translated into a better language; and every Chapter must be so translated; God employs several translators; some pieces are translated by age, some by sickness, some by war, some by justice; but God’s hand is in every translation; and his hand shall bind up all our scattered leaves again, for that Library where every book shall lie open to one another. … John Donne (1572 – 1631)
Gefunden und zitiert von Helene Hanff, gespielt von Anne Bancroft in dem für Bibliophile so schönen Film 84 Charing Cross Road von 1987.

Detail aus dem Inneren von St. Rumold, Mecheln, Fotografie RW, 2009

Exercises

Neuerdings gefallen mir manche Schiffsnamen nicht mehr – AUTAN, was soll das? Oder TAZ. Wie kurios… OBSEDIAAN versöhnt mich wieder, weil ich das Vulkanglas so liebe. Und jetzt – als wollte man mich zum Narren halten: Es kommt ein Schiff mit dem Namen INVERSA vorbei, kurz darauf ein anderes mit ADVERSA.
Am späten Nachmittag, wenn es dunkel wird, bin ich erlöst. Dann lege ich eine Pause ein bis zum nächsten Morgen.
(Nachtrag: Mit AUTAN bin ich doch sehr einverstanden, weil sicher der Name des Windes in Frankreich gemeint ist…)

Blick auf den Düsseldorfer Medienhafen, Fotografie RW, 28. Januar 2020

23 Schiffsnamen

So viele Rheinschiffe habe ich seit 2012 in mein Schiffsnamenalphabet notiert, inzwischen sind es mehr als vierhundert. Bei weitem nicht alle hab ich auch fotografiert. Das Merkwürdige ist, dass einige der fotografierten Schiffe nicht im Alphabet auftauchen. Das ist noch einige Arbeit, alle Daten durchzuforsten und Ordnung zu schaffen. 2020 ist aber für mich eine so schöne Jahreszahl, dass ich jetzt eine Zäsur mache und mit der Registration neu beginne. Nur die durch Foto nachweislich als älter dokumentierten Schiffe dürfen noch in die erste Aufzählung. Ab Januar hab ich jetzt einige neue Schiffsnamen notiert – und was soll ich sagen – heute sind es 23.
AQUALINDA, ARIZONA, ARIZONA II, ASWINTHA, AVELINGEN, ESMALIJN, EXPERIENCE, FEROX, GOTT VERTRAUEN, INTENSITY, LUMINA, MART, METROPOLIS, MILLENIUM, MISSOURI, NATILIA, NEXUS, PRIMOS, QUEEROY, RAPIDO, RENOVATIE, SPERA, STOLTENHAGEN

Kohleschiff auf dem Rhein, Name nicht erfasst, Fotografie RW, Februar 2015

Der Radius des Rekonvaleszenten

Zum Rhein hinaus beobachte ich die Platanenschneider, zum Garten hinaus den Stieglitzschwarm. Mit dem Fernrohr erkenne ich ihre roten Masken auf schwarzweißem Kopf, ihren zimtfarbenen Rücken mit gelben Seiten. Es sind mindestens zehn oder mehr, unentwegt turnen sie in dem immergrünen Baum und versuchen an die kleinen Zapfen zu kommen, um mit spitzen Schnäbeln die Samen herauszuklauben. Für die akrobatischen Platanenschneider brauch ich kein Fernrohr, im Gegenteil, ich muss mich verstecken, damit sie mich nicht beim Fotografieren entdecken.

Baumschnitt am Rhein, Fotografie RW, Januar 2020