
Am vorigen Abend hatte die steinalte Sophia sich einen amerikanischen Film in der Originalversion angeschaut. Ghost hieß er. Ihr gefiel er nicht so sehr, bewegte sie nicht, sie schaute aber weiter, weil es um die Übergangswelt der Toten ging. Bei einer Szene musste sie dann doch urplötzlich weinen – als es dem verstorbenen, noch auf Erden wandelnden, jungen Mann gelang, durch ein Medium seine geliebte Frau zu berühren.
Ein fotografisches Tier

Der Graureiher kann lange regungslos verharren – auf einem schön geschwungenen Zweig. Irritiert schaue ich ihm eine Weile zu, wie er vortäuscht, schon längst eine Fotografie zu sein. Sein Spiegelbild im Wasser verrät durch ein leichtes Kräuseln, dass es noch nicht so weit ist.
Graureiher im Garten beim Stadtmuseum Düsseldorf, Fotografie RW 2020
Kein Katzengold

33.
Im winter ist mir ein kleiner stein
zugefallen zwischen dem schiefer
er sieht aus wie ein edelstein mit einem
stück gelb wie die blumen er gehört mir.
«Siebenunddreißig Stimmen», gefunden in «Schiefern» von Esther Kinsky, S. 62
Gedichte Suhrkamp 2020
Drei Goldnuggets auf Fossilkalkplatte des alten Likörtischchens, Fotografie RW 2020
Fotografie und Stein
5.
Jetzt steh ich zwischen allen in der fotografie
doch sehn wird man nur die die stillhalten
sagt der fotograf die anderen sind schatten
und sehn aus wie steine und keiner erkennt sie.
…
35.
Ich war bereits einmal auf einer fotografie
mit den männern vom steinbruch drüben
mein bruder war unter ihnen da lebte er
noch damals hat die sonne geschienen.
36.
Der fotograf hat nicht die wahrheit gesagt
wie ein stein sieht aus wer stillsitzt
und nicht wer sich bewegt ich sitze
still und will auch aussehn wie ein stein.
«Siebenunddreißig Stimmen», gefunden in «Schiefern» von Esther Kinsky, S. 48ff
Gedichte Suhrkamp 2020
Schiefersteinbruch mit Fossiliensuchern, Holzmaden,
Fotografie RW 2006, invertiert 2020
Kein wehender Vorhang
Das analoge Negativ veranschaulicht den Zusammenhang von Tod und Fotografie. Das Dunkle wird Licht. Das Lichte kehrt sich zum Dunkel. Die digitale Fotografie kennt kein Negativ, aber man kann es künstlich erzeugen.
Das von mir heute invertierte Farbdia ist aus den siebziger Jahren. Die Personen vor dem geschmückten Kirchenportal in Neapel sind längst nicht mehr da, ihre Schicksale ungewiss, vielleicht sind sie verstorben. Feierten sie eine Hochzeit oder Taufe? Sie tragen fröhliche Kleider, daher wird es keine Beerdigung gewesen sein.
Es ist die Eigenart der Fotografie, dass die Abgebildeten nicht mehr anwesend sein können, im Moment des Bildbetrachtens sind sie verschwunden. Dass auch der fotografierte Moment vergangen ist, ist eine Binsenweisheit. Das Foto ist nicht imstande Zeit anzuhalten. Es bildet von seinem Wesen her Vergänglichkeit ab.
Das Negativ hat etwas Unheimliches, wir entwickelten daraus das Positiv. Ich erinnere mich genau, wie ich vor Jahren in der Dunkelkammer fasziniert in die Entwicklerbäder schaute, wenn ein Gesicht, eine Person langsam auf der weißen Fläche des Fotopapiers erschien, immer deutlicher wurde, zum Leben erweckt wurde, wenn wir mit der Zange das Papier in der Wanne vorsichtig hin und her bewegten. Wir erschufen ein Bild der Person, sie hatte uns im Moment der Aufnahme angeschaut.
Kircheneingang in Neapel, Fotografie RW 1978, invertiert 2020
Zur Lektüre empfohlen: Roland Barthes, Die helle Kammer, deutsche Ausgabe 1985, Suhrkamp Verlag
Wehender Vorhang

Der wehende Vorhang gibt den Blick auf den Weinberg frei.
Das Wehen erzählt vom Verwehen.
Was sagen die Toten?
hört man ihre Stimmen?
Alte Fotografien,
soll man sie vernichten?
Sind darin nicht letzte Lichtpunkte,
Reflexionen der Abgebildeten,
längst Verstorbenen konserviert?
Fensterblick in Walporzheim, Fotografie RW, August 2020
Neun Ringe

Der indische Prinz legte den getupften Seidenhandschuh ab, reichte mir seine mit neun Ringen geschmückte Hand und sagte: «Diesmal darfst Du Dir kein Schmuckstück aussuchen. Merke Dir gut die in meinen Ringen verarbeiteten Edelsteine mit ihrem korrekten Namen, Schliffart und genauer Karatzahl. Wenn Du bei meinem nächsten Besuch dies wiedergeben kannst, schenke ich Dir einen Rubin von 23 Karat, der vor vielen Jahren in meiner Heimat gefunden wurde.»
Neun Ringe, invertierte Fotografie RW, 2020
Zahl im Stein

Auf dem Weg zurück von den Weinbergen der Ahr machten wir Rast in der Benediktinerabtei Maria Laach. Die romanische Basilika der Klosteranlage ist aus gelblichem Laacher Tuff, weißem Kalkstein aus Lothringen und rotem Sandstein des Kylltals erbaut. Hinzu kommt grauer Tuff aus Weibern und Basaltlava vom Veitskopf und aus Niedermendig. Alle Steine kommen also aus der Gegend rund um den Laacher See und der Eifel, bis auf die von Lothringen.
Das der Kirche vorgelagerte Paradies, eine offene Säulenvorhalle mit dem Löwenbrunnen, gehört zu meinen besonderen Studienobjekten. Schon oft habe ich die schönen Kapitellplastiken aus dem 13. Jahrhundert studiert.
An diesem Dienstag im August aber war das Klostergelände zu voll, allzu viele Menschen suchten die Kirche auf, liefen auf den vorgezeichneten Corona-Wegen durch die Kirche oder stellten sich vor ihr mit dem Handy auf, um ein Selbstbild festzuhalten.
So schaute ich diesmal eher da, wo keine Blicke mir folgten. Außen auf einem vorderen Sockel der Säulen des Paradieses fand ich eine eingemeißelte Zahl. Hatte ein Steinmetz um 1230 die Nummerierung der Bausteine festgehalten, oder war es ein später einmal ergänzter Stein? Die Zahl könnte 158 heißen, das wäre mir sehr lieb, denn in dieser Zahl finde ich Teile meiner Geburtsdaten wieder.
Zahl im Stein, Maria Laach, Fotografie RW, 4. August 2020
Feiertag am 1. August
Genau vor 18 Jahren bestieg ich mit meiner Schwester zum Nationalfeiertag der Schweiz den spektakulären Großen Mythen, eine 1898 m hohe Felsenpyramide, die begleitet vom kleinen Mythen im Schwyzer Talkessel hochragt. Die Felsen sind Überreste des Penninikums, welches über die helvetischen Decken geschoben wurde und im Tertiär fast vollständig erodiert wurde. Die beiden Klippen sind geprägt durch einen roten Kalkstein der Kreidezeit, den Couche rouge, ziemlich singulär in dieser Gegend. In der letzten Kaltzeit bedeckte dann der Muota-Reuss-Gletscher den Talkessel mit bis 800 Meter Mächtigkeit. Die beiden Pyramiden ragten noch heraus, deswegen findet man im unteren Teil der Mythen Relikte von Moränen, die abgerundeten Geschiebe der Nagelfluh. Ich habe natürlich von allem Gesteinsproben für mein Archiv mitgenommen.
Der eigentliche Aufstieg von der Holzegg aus ist gut gesichert, aber nicht ungefährlich, es geht in Serpentinen hoch, teils ziemlich steil und oft auf nur schulterbreiten Pfaden. Oben angelangt hat man bei gutem Wetter einen grandiosen Rundblick in die Glarner und Urner Alpen, zum Vierwaldstätter See und ins Unterland.
