Seit 2006 lädt die steinalte Sophia am 6. Januar zum Dreikönigstag Gäste ein. Jedesmal hatte sie einen traditionellen Dreikönigskuchen gebacken und andere Köstlichkeiten für ihre Freunde parat. Der Tisch war festlich geschmückt und der Weihnachtsbaum wurde ein letztes Mal angezündet. Jedes Jahr kamen andere Gäste, bis auf die treuen Stammgäste der ersten Jahre, die waren immer dabei. Letztes Jahr waren es 33 Freunde und Freundinnen, die sich um den langen Tisch versammelt hatten. In den Dreikönigskuchen war ein Figürchen eingebacken und wer dieses auf dem Teller oder in seinem Mund fand, bekam eine Krone aus goldenem Papier aufgesetzt. Dann wurde Champagner ausgeschenkt und aufs Neue Jahr, auf die Gesundheit und die Freundschaft angestoßen.
Nun, ganz so trauig war die steinalte Sophia nicht, dass heute nicht gefeiert werden konnte. Aber, dachte sie sich, ausgerechnet dieses Jahr, wo ich im Sommer einen runden Geburtstag feiern werde, kann ich meine schöne, alte Tradition nicht fortsetzen. Das wird kein böses Omen sein, denn ich bin voller Pläne und guter Zuversicht, dass mir schon im Frühjahr etwas gelingen wird. So legte sie drei ihrer schönsten, durchscheinenden, goldlichten Kristalle auf einen kostbaren Sockel und gedachte Caspar, Melchior und Balthasar, wie sie dem Stern gefolgt waren.
Künstliche Welt
Schon lange ist es eine Binsenweisheit, dass die Fotografie die Wirlichkeit nicht abbildet. Sie ist auch nicht mehr die Fotografie, die sie noch vor 30 Jahren war. Seit wir digital fotografieren und die Fotos digital bearbeiten, wird immer deutlicher, dass es sich um eine rein künstliche Welt handelt. Und doch hat jedes fotografische Bild, sei es digital oder analog entstanden, eine Referenz zu jener Wirklichkeit, die zumindest ein einzelner Mensch in einem Bruchteil einer Sekunde gesehen hat.
Straße in Düsseldorf-Oberkassel, invertierte Fotografie RW 2020
2.1.21
Überlegungen zum Blick auf eine Alte Fotografie am Zweiten Tag des Neuen Jahres.
Woran soll der Betrachter einer Fotografie erkennen, in welchem Jahr die Aufnahme gemacht wurde? Wie soll er wissen, um welche Person es sich handelt? Was weiß man über sie? Wie kann er herausfinden, an welchem Ort dieses Foto entstand? Aus welchem Anlass wurde die Aufnahme gemacht? Gibt es Zeitzeugen?
Vor der Person liegen aquarellierte Zeichnungen, das Papier deutlich vom Wasser gewellt, auf einem hölzernen Tisch. Nicht weit davon entfernt spiegelt sich ihre zierliche, vom Handgelenk abgestreifte, goldene Armbanduhr in der Oberfläche des Tisches. Im Vordergrund steht eine Tasse mit Untertasse und Kaffeelöffel, dahinter eine geöffneter Karton mit Vollmilch der Marke VITA. (Diese Marke gibt es heute nicht mehr, die Firmengruppe Milchversorgung Rheinland wechselte den Besitzer. Man findet im Internet eine Abbildung dieser Milch-Packung mit dem Vermerk Entwarnung der Zentralstelle Strahlenschutz. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl war im April 1986.) Im Hintergrund sieht man links einen Planschrank mit vielen Schubladen, ein Papierdrachen hängt an der Wand. Rechts neben der Person sieht man hohe Papierrollen, einen Schrank, einen Drahtkorb und ein Objekt, etwas wie einen Kopf, bemalt mit Blau und Orange. Ein großer Keilrahmen steht mit dem Gesicht zur Wand im Hintergrund ganz rechts. Die Frau mit dem ironisch mürrischen Gesichtsausdruck ist zwischen 20 und 30 Jahre alt, hat ihr Haar mit einem weißen Tuch aus dem Gesicht gebunden. Sie trägt eine schwarz-senf-farbene Strickjacke mit Rhomben-Karo, die nicht zur Massenkonfektion gehörte, vielleicht von Kenzo oder von Sonia Rykiel … Das Foto ist mit Blitz aufgenommen worden und ist in keinem Bereich wirklich scharf.
VOYAGE heißt das Schiff auf dem Rhein, das während der Überlegungen gerade vorbeifährt.
Künstlerin im Atelier, Fotografie aus dem Archiv RW, 1987
Letzter Tag des Jahres
Heute am letzten Tag des Jahres packt mich der dringliche Wunsch, etwas Wichtiges noch zu erledigen. Eine Besonderheit zu erleben. Das Ungewöhnliche zu entdecken. Die gerade vorbeifahrenden Schiffe auf dem Rhein heißen JUDITH CIRCLE SQUARE ARCTIC und RAFFAEL.
An meinem Geburtstag steht im Heiligenkalender Judith. Wäre auch ein schöner Name für mich. Dann werde ich den Kreis in ein Quadrat zwingen. Und der heilige Raffael, der treue Begleiter, wird mich auf meiner Reise – durch das hohe Gebirge zum Anfang der blauen Zone und weiter bis in den Polarkreis – behüten und beschützen.
Montserrat bei Barcelona, Fotografie RW, 2015
Augensicht
In der Nacht vor Silvester machte sich die steinalte Sophia Gedanken über das Sehen. Ich schaue direkt aus meinem Körper heraus – unbeschreibbar diese Erkenntnis. Um mich herum ist Hülle, ich schaue aus etwas Begrenztem. Rechts, links, oben und unten sind unsichtbare, aber gefühlt dunkle Bereiche, überhaupt ist es das Dunkle, was mich umgibt.
Da erinnerte sie sich an eine sehr eindrucksvolle Ansicht. Sie sah von der Wasseroberfläche aus tief hinunter durch klare Zonen bis hin zum blauhellen Meeresgrund, wo eine Gruppe Taucher in ihren dunklen Anzügen, ganz deutlich zu erkennen, aber unendlich klein, beieinander standen, als wär’s auf einem Marktplatz. Sie flog an der Oberfläche gleichsam über diese Szene hinweg.
Ein anderes Bild folgte dem Flug. In einer blaudunklen Grotte am Meer war sie untergetaucht und in ein paar Metern Tiefe, einem Licht folgend, durch einen Unterwasserzugang in eine nächste Höhle gelangt.
Baumwurzel mit Augenachat, Indien, auf Achatscheibe, Steinbruch Juchem, Sockelkombination und Fotografie RW 2020
Erinnerungen an Tauchgänge auf Sardinien und Kuba, 80er Jahre
Pakt mit dem Teufel

Der Winter hat die Buchenhecken auf dem neuen Terrassenbau neben dem Schauspielhaus braun gefärbt. Die Blätter bleiben wohl bis zum Frühling an den Ästen, fallen erst ab, wenn die neuen, grünen Knospen kommen. Das geschieht deswegen, weil ein armer Mann seine Seele an den Teufel verkauft hatte, auf dass er seine Not lindere. Die Seele gehöre aber erst endgültig dem Teufel, wenn alle Bäume ihre Blätter verloren hätten. Und so ließ der Herrgott, voller Miteid mit dem armen Verführten, Steineiche und Steinbuche erst mit den sprießenden Frühlingsblättern die alten braunen abwerfen.
Am Schauspielhaus in Düsseldorf, Fotografie RW, an St. Stefanus Dezember 2020
Besondere Weihnachten
Dieses Jahr ist Weihnachten besonders. Vor sechs Jahren war es schon sehr anders: zum ersten Mal ohne die Mutter. Vor zwei Jahren noch einmal erheblich anders: ohne Vater und Mutter. Und nun: ohne Besuche bei den Geschwistern und Freunden. Aber ein Glück, dass wir zu zweit allein sind. Ein hoffnungsfrohes Weihnachtsfest und ein glückliches, gesundes Neues Jahr!
Quarz mit Rutilstern aus Brasilien auf einem Glasschlackenstück vom Rheinufer, Fotografie RW, 24. 12. 2020
23 Materialmensch
Heute, am 23. Dezember, kommt ein schon von mir aufgenommenes Exemplar meiner Sammlung zur 23 erneut zum Vorschein: Und zwar springt mich bei der Zeitungslektüre die 23 regelrecht an. Auf Otto Griebels Bild, auch weil er das Bild 1923 malte. Die Zahl 1923 liebe ich, weil sie das Geburtsjahr meines Vaters nennt. Das reicht mir, mehr will ich heute nicht sagen.
Zeitungsausschnitt FAZ von heute, Fotografie RW, 23. Dezember 2020
Dunkeltag
Eigentlich liebe ich das Dunkle und Geheimnisvolle, dachte die steinalte Sophia. Heute ist der kürzeste Tag im Jahr, die Wintersonnenwende. Und ab Morgen werden die Tage wieder länger. Gestern Abend war sie noch auf den Balkon getreten und hatte den Mond betrachtet, der, als orientalisch liegende Sichel, tief über dem westlichen Horizont stand. Ein Stern dicht daneben. Gegenüber im Osten auch noch schräg der schöne Orion. Da war sie zuversichtlich. Heute aber am späten, wolkenverhangenen Nachmittag wollte sie gar nicht recht froh werden. Ich muss ein wenig Trübsal blasen sagte sie sich und dachte daran, dass sie übermorgen den Weihnachtsbaum mit hellen Lichtern schmücken wollte.
Glasierte Keramik mit großem Saphircabochon, Assemblage RW 2020, Fotografie RW 2020
Immer in der Wunderkammer

Wunderkammer, Kunstkammer, Naturalien-Kabinett, Museumsammlung, Raritäten-Sammlung, Kuriositäten-Kabinett, Vorratskammer – das ist es, woran ich seit den 80er Jahren arbeite. Zu inflationär wird der Begriff der Wunderkammer in den letzten Jahren geteilt. Modefirmen, Künstler, Interiordesigner, Museumsleute, Medienleute, alle haben die Wunderkammer für sich gepachtet. Heute, am 4. Adventsonntag, lese ich einen Artikel «Den Wundern des Lebens gewidmet» in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das im Artikel erwähnte Buch befindet sich natürlich schon in meinem Besitz. Vor ein paar Wochen hatte ich die zwei Diormodels, mit Glitzermaske versehen, auf eine Abbildung des Buches gelegt, auf eine Schneckensammlung des Benediktinerstifts Seitenstetten. Es sind übrigens überwiegend Exemplare der Kegelschnecke, Conidae, auf der Seite dieses Prachtbandes abgebildet und nur wenige Kaurischnecken. In der Bildunterschrift im Buch werden aber nur diese erwähnt, leider… Dabei zeichnete und radierte schon Rembrandt eine Kegelschnecke, Conus Marmoreus, ein Exemplar oben in der Mitte zwischen den beiden Models. Der linke Dior-Mann sitzt (scheinbar) auf einer Kaurischnecke…
Temporäre Collage mit zwei Cut-Outs einer Dior-Werbung auf einer Seite des Bildbandes Cabinet of Curiosities – Das Buch der Wunderkammern. Massimo Listri, Taschen Verlag, 2020, Collage RW 2020, Fotografie RW 2020

