Was sahst? Drei Steine aus der Erde.
Wer hörts? Kein Ohr.
Nun lache, lache! Hols Boot hervor!
Wo singst? Geh unters hohe Zelt.
Brenn Kupfer, Holz und Ton
zu Asche, Asche!
Drei Steine hoch geschnellt.
Neuerdings sind meine Träume intensiv und voll. Ich weiß es, kann mich aber an keine Einzelheiten erinnern. Dieses Gefühl, etwas erlebt zu haben mit Freunden und der Familie, ist derart stark, dass ich mich sehr müde fühle – wie nach einer langen Reise.
Heute bekam ich mein (vorläufig) letztes Geburtstagsgeschenk in diesem Jahr – ein Bändchen mit Gedichten von Clemens J. Setz. Eines davon werde ich in der Nacht aufsagen, wenn ich nicht schlafen kann.
Motte
Seit Tagen schon warte ich
dass sie zurückkehrt
aus der Flamme, geheilt
von ihrer gefährlichen Neigung.
Vorgestern hatte die steinalte Sophia die alten Kartons auf dem Speicher nach fünf Jahren zum ersten Mal geöffnet. Hier verwahrte sie die hastig zusammengepackten Dinge der verstorbenen Großtante. Nur kleine Dinge – Etuis aus weichem Leder, Fotografien, Briefe, auch Rechnungen. Und ein altes Kästchen mit Knöpfen und Garnrollen. Die Garnrollen trugen die Aufschrift Massard Frères St. Étienne. Die Großtante hatte eine Zeit lang in Lyon gelebt, daher das französiche Garn? Zwischen den Knöpfen lag ein glatt polierter, grauer Stein mit deutlicher Quarzäderung, fast wie auf einem Efeublatt. Sophia kam das Bild des heiligen Stephan in den Sinn, einen Stein in seinen Händen haltend – Zeichen dafür, dass man ihn für seinen Glauben steinigte. Ganz unten am Boden des Kästchens bemerkte sie ein dunkles Seidenband, wollte es hervorziehen, musste mehrmals ziehen – da öffnete sich ein mit grünem Samt ausgeschlagenes, verborgenes Fach. Darin lag ein silbergraues Kreuz mit schwach funkelnden Steinen besetzt. Wie schön, dachte Sophia, das gehörte vielleicht zu einem Rosenkranz. Sie nahm es vorsichtig auf und zeigte es am anderen Tag dem indischen Prinzen, der schon einen wertvollen Ring der Großtante hatte reinigen und umarbeiten lassen. Das ist ein goldenes Kreuz, mit Platin belegt und die Steine darauf sind Diamanten, erkannte der indische Prinz sofort, wer weiß, warum die Großtante es versteckt hielt. Mit der Lupe betrachtet, sah man den Schmutz der Zeit, der sich auf den Steinen und in den Tiefen der Rückseite festgesetzt hatte. Außerdem entdeckte der Prinz, dass drei winzige Diamanten fehlten. Einer oben über dem großen Mittelstein und zwei am Fuße. Drei, dachte die steinalte Sophia bei sich, das sind Glaube, Hoffnung und Liebe.

Die letzten zehn Ziffern von 62,8 Billionen Nachkommastellen der Zahl Pi sind von Schweizer Wissenschaftlern benannt worden. Es sei nicht wichtig, dass man jetzt die Nachkommastellen genau benennen könne, sondern dass man den Weg zur Errechnung der Ziffernfolge wisse. Die Bewältigung riesiger Datenmengen in der Forschung wird mit Hilfe von Mega-Computern erledigt, was noch vor Jahrzehnten nicht möglich war. 108 Tage hat es gedauert, bis man die letzten Ziffern hatte. 7 8 1 7 9 2 4 2 6 4 heißen sie. Das geht aber noch weiter, da die Zahl Pi, wie man heute weiß, unendlich ist. In der Medizinforschung, in der Astronomie und anderen Wissenschaften, wo Millionen Daten berechnet werden müssen, kann man nun erheblich schneller zu Ergebnissen gelangen.
Ich hab ein bisschen gezählt und gerechnet. Natürlich verbirgt sich die 23 in den hier im Text genannten Zahlen, aber nur fast. Zählt man die ersten 4 Ziffern der letzten zehn Nachkommastellen zusammen ergibt sich 23, zählt man die ersten 5 Zahlen zusammen, kommt man auf 32. Zählt man alle Zahlen zusammen, ist es die 50… die 5 ist die Quersumme von 23 und 32… ein bisschen gertrickstert klar. Aber das macht eben Freude.
Vor mehr als 20 Jahren hatte der indische Prinz verschiedene edle Steine mit der Herkunft Afghanistan gekauft – Aquamarin, Hiddenit, Kunzit, Hekmanit, Lapis Lazuli und Phlogopit. Ihre Fundorte heißen Badakhshan und Kunartal, Nuristan. Er legte die Steine heute vorsichtig auf seinen kostbaren Teppichen aus. Diese waren aus der Wolle der Ziegen geknüpft, fast alle tief dunkelrot mit feinen schwarzen, auch dunkelblauen und ockerfarbenen Mustern – aus Herat, Kabul, Kandahar. Von den Belutschen hatte er kurz nach dem 11. September 2001 einen sogenannten Kriegsteppich erworben, graublau, darauf in stilisierten Ornamenten Panzer, Flugzeuge, Maschinengewehre und zwei Türme.

Am Tag der kirchlichen Trauung ihrer Tochter trug die Mutter eine weiße Bluse. Sie hatte die goldene Königskette angelegt und eine lange Perlenkette dazu. Ich weiß, dass sie dieses lange Sautoir sehr mochte und es später nicht schön fand, dass die Perlen zu einer zweireihigen, engen Halskette umgearbeitet wurden, nur weil ein rubinbesetztes Kettenschloss übrig war. Am rechten Ringfinger kombinierte sie mit ihrem Ehering einen weißgoldenen Brillantring. Den Ring mit dem 0.42 Karäter hatte sie von ihrem Ehemann bekommen. Am Mittelfinger der linken Hand trug sie einen goldenen Ring mit 5 Brillanten (was mich wundert, war er ihr zu weit für den Ringfinger geworden? Überhaupt sieht sie auf diesem Foto sehr schmal aus) ebenfalls von ihrem Mann geschenkt, vielleicht aus Anlass der Geburt des fünften Kindes.
– Nun bin ich komplett verwirrt, die rechte Hand ist links und die linke rechts. Ist das Foto seitenverkehrt? Nein, das konnte ich anhand anderer Details überprüfen. Trug sie den Ehering links, weil ihr sämtliche Ringe zu weit geworden waren? Ich sehe auch eine Uhr unter ihrer Blusenmanschette hervorblitzen, die Uhr trägt man links. Außerdem hält sie ja mit rechts die Kuchengabel und sie war Rechtshänderin –
Die Mutter war vor dem Hochzeitstag beim dörflichen Friseur gewesen und hatte sich, was außerordentlich selten war, die Fingernägel lackiert. Für die Hochzeitsgäste hatte sie am Nachmittag kleine Kirschtörtchen vorbereitet.
– Weiß die Mutter, dass sie fotografiert wird ? Sie lächelt mit geschlossenem Mund. Sie blickt nicht auf, schaut auf ihren Kuchenbissen –
Aus ihrer feinen Miene, die ich ja sehr gut gekannt habe und die oft wie von innen kontrolliert wirkte, schließe ich, dass sie an diesem Tag doch sehr froh und stolz war.
Ein simpler Spiegel kann uns schon verstehen machen, dass die Welt nicht nur wirklich sein könnte, sondern auch zumindest in Teilen illusionär. Elon Musk glaubt, das las ich heute in der Zeitung, dass die Welt reine Simulation sei, gesteuert von einem gigantischen Rechner. Die rasante technische Entwicklung zur Generierung virtueller Welten in den letzten Jahren würde dies bestätigen. Verstanden hab ich’s nicht. Doch hört es sich für mich sehr traditionell an, ist dieser Rechner der Schöpfer oder/und füttert Er ihn mit Daten seit etwa 13,7 Milliarden Jahren?

Überkopf wurden die Bretter mit der Holzfototapete wiederholt, so dass sich zwei identische Motive treffen. Hat der Bodenverleger das Bild auch gesehen, dass ich auf dem Fußboden eines Eifeler Hotels fand? Dieses Bild – Abbild des blinden Sehers – wie für mich geschaffen. Lacht er mich aus oder in sich hinein? Ich erinnere mich sofort an Max Ernst, wie er in rheinischem Singsang von seiner Histoire Naturelle erzählt. 1925 in einem Hotel am Meer den Holzfußboden betrachtet, die besonderen Maserungen der Dielen mit dem Bleistift auf ein Stück Papier abfrottiert und ein Jahr später seine schönen Frottagen als Naturgeschichte herausbringt.