Traum, verrückt

Die steinalte Sophia war der festen Überzeugung, dass es unsichtbare, die ganze Welt umspannende Suchmaschinen gäbe, die alle Eingeweihten benutzen könnten. Man bräuchte nur mit dem Finger in der Luft eine Bewegung auszuführen, ähnlich wie das Drücken einer Taste. Als erstes Wort wollte sie Gnadenbrot eingeben.

Einkaufstüte und Regenschirm der 90er Jahre, Fotografie RW ca 1995, digital manipuliert 2022

Diskrepanz, Disparität, Dissonanz


Eine Hochschwangere mit Platzwunde am Kopf, unbedeckt auf einer Bahre, von vier Männern getragen, vor einem zerstörten Gebäude, Trümmer, aufsteigender Rauch, es schneit, 14 Tage Krieg. Mariupol, Ukraine.

Blühende Krokusse in Düsseldorf, Fotografie RW, 9. März 22

In die Zukunft schauen

Sorgfältig verteilte die steinalte Sophia die Rosenkohlblättchen auf der Tischplatte aus Eichenholz. Es waren die Kleinsten der Allerkleinsten. Durchgefallen durch das engmaschige Sieb. Sie wollte keine Sternenkonstellation nachbilden, eher es wie ein zufälliges Streubild aussehen lassen. Nach stundenlangem Hinundherschieben war sie mit dem Bild zufrieden. Es gelang ihr jedoch nicht, irgendeine Botschaft aus der Anordnung herauszulesen.

Hinterlassenschaften beim Rosenkohl-Putzen, Fotografie RW, Frühling 22

Krieg & Frieden

Dieselbe Sonne, die ich im Osten aufgehen sehe, steht auch über der Ukraine. Schreckliche Bilder, wie dort die Menschen durch Putins Krieg leiden, sind in allen Medien. Nicht nur in der westlichen internationalen Gemeinschaft, sondern auch in Russland gibt es Stimmen, die den Angriff scharf verurteilen und sich für einen sofortigen Frieden einsetzen. So haben russische Wissenschaftler einen mutigen, beeinduckenden Aufruf gegen Putin verfasst. Aber dass das Internationale Buchforum in Lwiw, Lemberg, und der ukrainische PEN die Welt auffordert, Bücher aus Russland pauschal zu boykottieren, finde ich fatal.
Der barbarische Überfall vom 24. Februar könnte als Putins Gescheiterter-8-Tage-Krieg in die Geschichte eingehen, wenn alle Verantwortlichen in diesem Konflikt sich heute noch an einen Tisch setzten und in kühlen Verhandlungen Lösungen für das sofortige Kriegsende ausarbeiten würden!
Ein Jammer, dass diese hilflosen Überlegungen aber auch gar nichts bringen.

Morgen am Rhein, Fotografie RW, Aschermittwoch 2022,
«Dieser Krieg ist ein zynischer Verrat» Aufruf der russischen Wissenschaftler, abgedruckt in der FAZ vom 26. Februar 2022

 

Gagat von der Krim

Die Farben Gelb und Blau sind in der Mineralienwelt bei Schwefel und Lapislazuli vertreten. Schwarz ist der Gagat. Versteinerte Holzkohle, Zeuge vergangener Wälder, auch Jett genannt und im 19. Jahrhundert sehr häufig zu Trauerschmuck verarbeitet. Dieser hier ist ein wunderschönes Stück von der Halbinsel Kertsch, die gleichnamige Stadt liegt auf der Krim, gegenüber von Mariupol an der Meerenge zwischen dem Schwarzen Meer und dem Asowschen Meer. Schwefel aus Bolivien und Lapislazuli aus Afghanistan habe ich heute als Begleiter gewählt. Gelb und Blau sind die Farben der Ukraine. Gestern überfällt Putin das Land mit seinen Armeen.

Gagat, Schwefel und Lapis auf ungebrannten Tonsockeln aus der Sammlung RW, Fotografie RW

1923

Heute am 23. Februar 2022 ordnete ich in vielen Kästen untergebrachte Fotografien, Briefe und Dokumente. Zwischen alten verblassten Bildern fand ich die Zahl 23, ausgeschnitten aus einem Werbeprospekt eines Fotoladens der 1980er Jahre. Der Schnipsel war hässlich in Rot und Hellblau gedruckt auf billigem Papier. Damit gab ich mich als 23er Fundstück nicht zufrieden. Im Nachlass der Tante gab es etwas Besseres, den Ausweis von Jean Houben, ausgestellt am 22. 8. 1923. So unruhig war die Zeit in Düsseldorf. Die Stadt und auch das gesamte Ruhrgebiet waren wegen der verspäteten Reparationszahlungen besetzt von Belgiern und Franzosen. Jeden Tag gab es Kämpfe und Ausschreitungen auf den Straßen. Verwaltungsbeamte, auch Polizeibeamte wurden verhaftet. Behörden, Firmen besetzt. Geld in Millardenhöhe beschlagnahmt, die dramatische Geldentwertung hatte begonnen. Schlageter wurde zum Tode verurteilt.
Ich kann das Geburtsdatum lesen, Jean Houben ist 1869 geboren, aber seine Staatsangehörigkeit kann ich nicht entziffern. Aber ich weiß aus einem anderen polizeilichen Ausweis, dass er Belgier war. Hier nennt er sich nicht Jean, sondern Johann. Sein Beruf gibt er mit Kutscher an, später ist er Besitzer einer Spedition und der Familie gehört das Haus an der Pfalzstrasse. Eine seiner Töchter bekommt 1927 einen Sohn, der wiederum 1954 meine Tante heiratet. Den ersten Kinderschuh des Onkels versah ich im Jahre 2020 mit einer dicken Bergkristallnadel aus Brasilien, wie ein Beinchen im Schuh stehend.
In einer ganz anderen Familie, aber auch in Düsseldorf, wird 1923 mein Vater geboren.

Ausweis von Jean Houben aus dem Jahre 1923, Fotografie RW 23. 2. 22

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Was man in der Morgendämmerung nicht fotografieren kann

Heute um 8.08 Uhr stand die steinalte Sophia am Rheinfenster, sah den abnehmenden Mond, dessen Licht sich so silbrig im Wasser des Flusses spiegelte. Dämmerungsblau und Silber – das muss ich betonen, dachte sie sich, denn das Licht der Laternen und Lampen wirft ein Gelb ins Wasser. Und wie das Mondlicht in der Bewegung der Wellen so diamanten glitzert! Sie trat auf den Balkon, um noch besser sehen zu können, atmete die kalte Morgenluft ein, vernahm das Rauschen eines Schiffes und das Surren und Scheppern der Kräne im Hafen gegenüber. Aus dem Garten hörte sie eine Amsel, die ein vorsichtiges Lied sang, so fremd, dass ihr das Märchen von der Chinesischen Nachtigall einfiel. So zauberhaft die künstliche Nachtigall, besetzt mit Diamanten, Rubinen und Saphiren, auch sang, nur die graue, wirkliche Nachtigall, die die Welt außerhalb des Palastes kannte, vermochte mit ihrem betörenden Gesang dem Kaiser das Leben zurückzugeben, obwohl der Tod schon schwer auf seiner Brust saß.
22.02.2022 – wie ein rhythmisches Lied klangen die Zahlen in Sophias Ohr. Gleich 6 Zweien heute, das gibt 12, rechnete sie, und um 8.08 sah ich den Mond, gibt 16, summa summarum 28, Quersumme 10, Quersumme 1. So bin ich wieder am Anfang – beim einen, einzigartigen Mond, dessen Licht sich im Wasser spiegelt. Nun verschwunden für immer und ewig, unmöglich festzuhalten, und schon gar nicht im fotografischen Bild.

Morgen mit abnehmendem Mond am 22. Februar 22, Fotografie RW

Was hat er gesehen?

Ist das junge Paar zufällig in das Familienarchiv geraten? Was hat den Fotografen etwa 1968 bewogen, diese Szenen festzuhalten? Der junge Mann auf dem ersten Bild nimmt seine Hand zum Kinn, schaut verlegen zur Seite, auch die junge Frau hat bemerkt, dass da jemand in ihre Richtung fotografiert. Sie ist modisch gekleidet, ihre weiße Hose hat eine auffällige schwarze Knopfleiste vorne und hinten eine Schnürung. Sehr elegant hat sie rechts über dem Unterarm ein winziges schwarzes Handtäschen, die Sonnenbrille in der Hand. Passend zu ihrem orange-grün-weiß-geringelten, ärmelosen Pulli schmücken sie grüne Kugel-Ohrringe. Ihr Freund trägt zu seinem weißen Poloshirt für heutige Verhältnisse sehr kurze und knappe, hellblaue Shorts. Die beiden erinnern an französische Filme aus der Zeit, vielleicht mit Romy Schneider und Alain Delon. Warme Sommertage voller Heiterkeit, aber auch dunkler Vorahnungen.

Sommerbilder Timmendorfer Strand, Ende der 1960er Jahre, Archiv RW