Die Reise

Das Bild wurde eingefangen am Zugfenster auf der Hohenzollernbrücke in Köln. Und das am Symmetrietag 24-1-24. Dieser Zug fuhr wohl am Streiktag 1 der Lokführergewerkschaft. Nur anders. Die Fahrt nach Frankfurt ist demnach gut gelungen. Die Holbein-Ausstellung wurde besichtigt, die Freunde getroffen, ein Ring gekauft. Der Wind weht nun stark, aber die Brücken halten und die Sonne sendet Strahlen.

Blick aus dem Zug am 24. Januar 2024

Helle Flecken

Auf dem Bild von Cornelius Völker sehe ich eine mit breiten Pinselstrichen gemalte Pinnwand, darauf eine Rechnung, Notizzettel, helle, gelbe und blaue Papiere, aber auch die Reproduktion eines Manets, die ich sofort als sein Porträt von Emile Zola erkenne. Dieses Gemälde von Manet gehört zu meinen absoluten Favoriten. Zola sitzt auch vor einer Pinnwand, da hängen ein japanischer Farbholzschnitt, eine Schwarzweiß-Reproduktion der Olympia von Manet und ein Druck der Los borrachos o el triunfo de Baco von Velázquez. Dieser sicherlich ein ganz Großer für beide, den Maler und den Schriftsteller. Und Zola schrieb über die Malerei von Manet.
Das Gemälde von Völker ist ein Lehrstückchen über Malerei, nicht nur dass er die Primärfarben ironisch in den Klebestreifen für seine Pinnwand-Zettel festhält, sondern auch dass genau das Thema der hellen Flecken ihn umtreibt. Betrachtet man die Olympia von Manet, dann ist ihr heller Körper auf weißen Bettüchern in malerischer Sicht ein heller Fleck. Auf dem Gemälde von Velázquez ist der Körper des jungen Bacchus ein ebenso schockierend heller Fleck inmitten der dunkleren Umgebungstöne, inklusive des Inkarnats der übrigen Trinker. Bemerkenswert, bei Völker ist das große Blatt der helle Fleck, dessen rechte untere Ecke genau auf Zolas Kopf trifft.

Gemälde von Cornelius Völker, gesehen im Kunstpalast Düsseldorf, Anfang Januar 2024

Frost


Die Eiskristalle sind über Nacht gewachsen, man sieht sie nun mit bloßem Auge. Sie verfolgen Grate, bilden kleine Sträuße in sechsstrahligen Richtungen, setzen sich zu Dendritenclustern zusammen. Sie färben sich blau im Gegenlichtschatten und golden mit der Sonne. Wir glauben, dass sie weiß sind, in Wirklichkeit aber sind sie transluzent.

Eiskristalle bei minus 6 Grad, Fotografie RW 20. 1. 2024

Schnee am Rhein

Am Rhein fällt Schnee. Das hat mich ziemlich aus dem Konzept gebracht. Bin zu nichts gekommen. Hab immer wieder hinsehen müssen. Bin in der Dämmerung noch hinaus gegangen, wie viele andere auch. Freude über die üppige Pracht, die schöne Stille, das deckende Weiß. Kinder mit Schlitten, die im Dunkeln noch die Abhänge hinuntersausen. Paare, die Arm in Arm auf dem Rheindeich spazieren gehen. Beleuchtete Hunde, teils von ihren Besitzern getragen, da Schneefall unbekannt, laufen durcheinander – und es hört nicht auf zu schneien und es ist weiter still, der Schnee schließt alles zuammen. Da hört man das Schaben der Hausbesitzer, die ihre Einfahrten freischaufeln. Die beleuchteten Fenster der Rheinbewohner sind heute besonders warm. In einem sehe ich sogar noch einen Weihnachtsbaum.

Schnee am Rhein, Fotografie RW 17. Januar 2023

Bella Bulla

Am 12. Tag im neuen Jahr legte ich die Funde von gestern auf die Fensterbank aus Muschelkalk. Ich fotografierte sie mit meinem Smartphone und zwar größer als in Wirklichkeit. Das kleine himmelblaue Glasstück ist winziger als eine Erbse. Und dass es etwas Besonderes ist, verrät es mir durch seine Inklusion. Eine wunderbar runde Luftblase hat sich in diesem Bruchstückchen erhalten. So als wollte das Stück sie präsentieren, sitzt die Blase auch genau mittig darin. Wieso in aller Welt habe ich gerade dieses Stückchen gefunden? Unter der Rheinbrücke in der großen Schotterfläche ist es doch eigentlich unauffindbar. Ich fokussiere meine Augen auf Blau – die Farbe unterscheidet sich vom Grau und Braun der Schlacke im Schotter. Außerdem schien gestern strahlend die Sonne am Rheinufer. Und so konnte ich unter der Brücke die blitzenden Glasreste um so besser entdecken. Ich war an den Rhein gegangen, um die gefrorenen Eisflächen des Hochwassers zu sehen. Die Eiskristalle auf dem nassen Schwemmholz funkelten, riesige Stämme trugen glitzernde Mäntel. Im Gegenlicht sah ich das Profil eines unbeweglichen Reihers zwischen den auffliegenden Gänsen. Die Türme und Bauten der Stadt in Richtung Osten waren durch das Licht der Morgensonne noch gelbgrau verblasst. Der Himmel gegenüber jedoch strahlte in winterlichem Blau, das so genau die Farbe meines gefundenen Glasstückchens hatte.

Fundstücke vom Rheinufer Düsseldorf im Schotter unter der Kniebrücke, Fotografie RW, 12. Januar 2014

Die Oper, die Musik, das Gehirn


Kann die Musik das Gehirn unmittelbar in Beschlag nehmen und dort etwas Merkwürdiges anrichten, fragte sich die steinalte Sophia gestern im Opernhaus. Bei der turbulenten Ouvertüre zum Rosenkavalier von Richard Strauss stellte sie sich vor, dass sich bei ihr im Kopf etwas schmerzhaft zusammenziehen und sich in heftigen Kopfbewegungen entladen könne. Dazu würde sie einen kurzen Laut kaum unterdrücken können. Man hätte ihn zwar überhaupt nicht gehört, so opulent, heftig und rauschhaft war die Musik. Sie saß sehr nah am Orchestergraben, sah den Kopf des Dirigenten und auch die Musiker. Dann öffnete sich der rote Vorhang. Als die Sängerinnen und Sänger ihre Stimmen ertönen ließen, wurde es der steinalten Sophia unheimlich – welche Kraft in ihnen lag! In der Pause nach dem ersten Akt verließ sie das Opernhaus und ging durch die winterliche Kälte nach Hause.

Vor der Aufführung in Düsseldorf, Fotografie RW am Dreikönigstag 2024

Der erste Tag im Neuen Jahr

Schon immer wollte ich ein geschmolzenes Glasstück am Rhein finden. Dieses fand ich am letzten Tag im Jahr 23 in unmittelbarer Nähe des Rheinufers. Am Abhang der Brückenauffahrt hatten die Kaninchen, wahrscheinlich auch durch die andauernden Regenfälle provoziert, ihre Bauten radikal ausgeräumt. Es waren große Löcher entstanden, davor lagen Scherben und Kiesel. Unter anderem dieser schöne wasserblaue Glasklumpen. Seine Oberfläche glänzt irisierend, weil er länger im Erdreich gelegen hatte. Etwas weiter vom Loch des Baues entfernt lag noch ein Stück sehr feines Glas, das eine wabenartige Oberfläche aufweist. Hoffentlich kein Golfball oder das Stück einer Plastikverpackung, dachte ich. Zu Hause gereinigt entpuppte es sich als eigenartig feines Glas, von einem Lampenschirm oder Flakon? Direkt unter der Auffahrt der Brücke war der Schotter durch den tagelangen Regen sehr sauber gespült worden. Dort fand ich ohne große Anstrengung, zwar mit durch den Wind tränenden Augen, gleich zwei schöne blaue Scherben – die eine aus Porzellan wie eine Illustration des Flusses mit Wellenlinien, die andere aus Steinzeug mit Beeren und Blättern bemalt. Frohes Neues Jahr 2024!

Funde von Silvester 2023, an und unter der Kniebrücke bei Düsseldorf.
Fotografie und Sammlung RW, 1. Januar 2024

Zwischen den Tagen

Wenn man das Weihnachtsbild von vorgestern einfach ins Negativ umgekehren würde, erhielte man ein lichtes Traumbild, das auf leichte und helle Tage verwiese, die in einem fernen Frühling leuchten könnten. Was also gleich geschehen wird, wie der Vater zu sagen pflegte.

Weihnachtsschmuck zu Hause, invertierte Fotografie RW 26. 12. 2023

23-12-23 Feuerwerk

Heute feiere ich ein vorweihnachtliches und vorneujährliches Fest – der letzte Zweimal-23-Tag ist angebrochen. Um 23 Uhr 23 werde ich auf meine Zahl mit Champagner anstoßen und für kurze Zeit Krieg, Krankheit und Katastrophen vergessen.
Allen eine frohe Weihnacht und ein gutes Neues Jahr mit der Hoffnung auf Frieden!

Keramikköpfchen, Korallen und ein Kupfernugget mit Wunderkerzen, Fotografie RW 23.12.23

Nachtschattengewächse

Nachtschattengewächse
Deine besten Gedichte erscheinen in der Nacht
zwischen zwei Träumen wie unverhoffter Besuch,
kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig, erklären sie
das Leben, die Liebe, die Lüge und reimen sich
ohne Gleichklang, dialektische Blitze wie sie
Walter Benjamin gefallen hätten, streng logisch
und voll metaphysischer Ticks, du memorierst Zeile
für Zeile, bist aber zu faul, das Licht anzuschalten,
um sie zu notieren, beim Erwachen, denkst du,
wirst du dich jeder Silbe erinnern und schläfst
wieder ein, am Morgen bleibt von ihnen nichts als
eine vage Erinnerung an einen glücklichen Augenblick,
den du bemerktest, aber nicht festhalten konntest.

Gedicht von Steffen Mensching in der FAZ vom 9. Dezember 2023
Dazu meine Arbeit von 2023: Drei Keramiken mit Pflanzenrest, Drahthaken vom Rheinufer Düsseldorf und Mandaringranat in Glimmer aus Äthiopien