Drei Schiffe

Am Sonntagmorgen kamen drei Schiffe
ALDABRAN – LEA – VERTIGO
an km 742 vorbei, in dieser Reihenfolge.

Das ALDABRAN Atoll ist eine Riffinsel
nördlich von Madagaskar in der Nähe der Seychellen.
Ich kenne die wunderbar türkisfarbenen Lagunen von La Digue,
die schönen, runden, verwitterten Granitfelsen,
die so besondere Kulissen in den Buchten bilden.
Weißer Sand aus Foraminiferen und Korallenresten.
Dazu das Grün von Mangrove und Palme.
War ich dort? Hab ich beim Tauchen die seltsamen Fische gesehen?

Als LÖWIN, im August geborene und geerdete,
könnte ich HÖHENANGST oder besser Flugangst entwickelt haben.

Ich war nicht im indischen Ozean.
Allerdings bin ich vor Jahrzehnten in der virtuellen Welt
eines Computerspiels durch die Mangrovewälder
bis in die Buchten ans blaue Meer vorgedrungen.
So täuschend ähnlich, dass ich begeistert
lange in den Schauplätzen verweilte,
um mir alles genau anzuschauen,
anstatt die nötigen Rätsel zu lösen,
um das nächste Level zu erreichen.

Ich könnte Millionen von Reiseberichten im Internet anschauen,
mit den spektakulärsten Drohnen- und Selfistick-Fotos.

Will ich aber nicht.
Man kann sie nicht übersteigen und übersteigern,
alles schon da gewesen, alles schon gesehen.

Blatt, gefunden im Naturschutzgebiet zwischen Anger und Bruchsgraben, Duisburg Huckingen, siehe auch die Beiträge vom 2. Januar 2019 und 22. Oktober 2018

Fieber

Wohlfühlen in der heißen
Höhle der Bettdecke.
Trockener Hals, schneller Puls.
Klopfen und Schwingen im Kopf.
Die Hitze wird die Störungen
schon reparieren.
Ursache unbekannt.
Ein Schluck Wasser.
Von Eis und Kälte
will man nichts hören.

Schneekristalle, Eifel, Fotografie vom 25. Januar 2005

Schnee und Frost

Heute Abend hat es angefangen zu schneien, der Frost hält sich allerdings schon Tage. Der Schnee fällt in sehr kleinen Flocken, wie Kristallstaub, fast trocken. Es dauert, bis eine Fläche ganz in Weiß gehüllt ist. Der Wind fegt diese auch schnell wieder auseinander, alles sehr leicht. Und bitterkalt. Wir hoffen, dass wir unsere Vorhaben zur geplanten Zeit ausführen können.

Rheinansicht an km 742 von 2010

Paris, Rue La Boétie 23

Es ist belegt, dass Picasso in diesem Haus um 1932 ein Atelier hatte. Ich kannte die Adresse von einer an ihn gerichteten Postkarte, ausgestellt im Musée national PicassoParis, und war neugierig, wie das Haus wohl heute aussieht. Die schönen Augenfenster im Portal müssen Picasso gefallen haben. Die Zahl 23 kommt gleich zweimal vor. Ein Motorrad mit Katzenaugen wird es damals allerdings nicht gegeben haben. Am Nachbarhaus berichtet die Inschrift auf einer Marmortafel: Ici, au 21 rue La Boétie, Paul Rosenberg installa sa galerie d’art entre 1910 et 1940. Il y exposa les plus grand peintres modernes dont ses amis Picasso, Braque, Matisse et Léger. L’immeuble fut réquisitionné par la Gestapo pour y installer l’Institut des Questions Juives (IEQJ) en 1941.
Eine böse Ironie der Geschichte ist, dass der führende Ideologe der Nationalsozialisten auch Rosenberg hieß, mit Vornamen Alfred. Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) war dafür verantwortlich, dass im besetzten Paris Kunstwerke aus bekannten Sammlungen und Galerien geraubt wurden. Paul Rosenberg konnte zwar nach New York auswandern, musste aber seine Kunstsammlungen zurücklassen. Mehr als dreihundert seiner Kunstwerke waren beschlagnahmt worden und von Paris aus verkauft, verteilt oder in das Deutsche Reich gebracht worden. Die Journalistin Anne Sinclair, eine Enkeltocher von Paul Rosenberg, hat über ihren Großvater recherchiert und 2012 ein Buch dazu veröffentlicht.

siehe auch den Blog-Beitrag vom 23. Oktober des letzten Jahres

I Fortunati

Gestern Abend hatte der Zufall, der Kairos oder sogar Fortuna wieder einmal etwas Wunderbares für uns bereitgestellt. In Paris erlebten wir eine Aufführung schönster Musik von Vivaldi und D‘all Oglio! Unser Freund, der Cellist Leonhard Bartussek, hatte uns zu seinem Konzert eingeladen. Wir sind wieder in Paris, weil heute Abend in der Galerie Le Feuvre und Roze neue Arbeiten von Jan Kolata gezeigt werden. Zu unserer Freude hatten wir dann erfahren, dass auch Leo wegen seines Konzerts in Paris ist. Im Maison de la Radio France, direkt an der Seine, spielte er an diesem Abend mit dem Ensemble Il Pomo d’Oro. Für mich war es ein außerordentliches Konzert: wie die Violonisten Dimitry Sinkovsky und Evgeny Sviridov sich zuspielten, voller Empathie, voller Zartheit und gegenseitiger Freude, das hatte ich noch nie so nah und lebendig erlebt. (Wie zum Beispiel bei diesem Stück: Concerto pour deux Violons en La mineur, RV 523) Was die Russen alles können! Die Kraft und die Schnelligkeit, die sie in ihr Spiel legen, ohne aber zu artistisch zu werden, ist sensationell. Die unterschiedlichsten Töne entlocken sie den Violinen! Und alle zwölf weiteren Musiker des Ensembles spielten hervorragend mit den beiden Solisten zusammen. Großer Applaus und drei Zugaben.

Nach dem Konzert beleuchtete der Eiffelturm unseren Rückweg.

Dada

Ein Traum, heute morgen zwischen vier und fünf Uhr.
Ich war in einer großen Gesellschaft.
Um uns Flure, Treppenhäuser, ein Auditorium.
Ich gehe eine Wendeltreppe hinunter,
wissend, dass ich einen Auftritt habe.
Ich singe schöne Töne mit tiefer oder hoher Stimme.
Dann lass‘ ich laut meine Atemgeräusche hören.
Unten angekommen trete ich vor das Publikum und sage:
«Ich bin die alte Tante Henry Nannen aus Hamburg
und das Beilagengericht passt nicht, wie Sie wohl gemerkt haben.»
Ein Mann aus der zweiten Reihe, sieht aus wie ein ehemaliger Bekannter,
muss heftig kichern, er hält die Hand vor sein Gesicht
und biegt sich vor Lachen zur Seite.

Mir war’s auch sehr lustig zumute…

Konzert auf dem Schiff von Kingston upon Hull nach Kiel,
invertierte Fotografie von 2008,
 

Stille

Die Stille ist das Erstaunlichste
am Grab der Verstorbenen.

Die Toten sprechen nicht mit uns,
Zeichen bilden wir uns ein.

Aufgezeichnetes Sprechen
im Film können wir
noch nicht ertragen.
Bilder können wir schon betrachten.

Die Archive arbeiten wir langsam auf.
Die Habseligkeiten der Toten
sprechen eine andere Sprache.

Precious Stones

Der indische Prinz trug an seinem Mittelfinger sieben Ringe, besetzt mit Diamanten, Smaragden, Rubinen und einem Morganit. Die Steine funkelten und blitzten, dass ich meine Augen nicht abwenden konnte. In ihren Schliffarten waren sie alle unterschiedlich: Die Diamanten im Brillant- und Altschliff, oder im Baguetteschliff. Ihr Weiß ging von einem hochfeinen River bis zu einem leicht getönten Crystal. Der große Smaragd im Emerald Cut, einem Treppenschliff, hatte schönste Einschlüsse in seinem wunderbaren Jardin. Der Morganit, ein rosafarbener Beryll, hob sich hervor durch seinen Triangelschliff. Alles war in 750er Weißgold gefasst. Der Prinz sah nicht nur meine Bewunderung, sondern auch die Fachkenntnis. Er sagte: «Weil ich Sie als Liebhaberin der Steine erkenne, schenke ich Ihnen einen von diesen Ringen. Wählen Sie aus!» Ich war sprachlos, aber ohne lange zu zögern, wählte ich den leicht gelblichen Diamanten in ovalem Altschliff und wie ich später herausfand, wiegt der Stein etwas über 1,2 Carat. Seine Reinheit ist fast makellos, das konnte ich mit meiner Lupe unter 10-facher Vergrößerung erkennen. Er hat ein ungewöhnliches Feuer, obwohl er unterhalb der Rundiste noch relativ tief ist und die Kalette unten abgeschnitten wurde. Dieser Stein wurde wohl gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschliffen. Ich werde den Ring in Ehren halten und schenkte dem Prinzen einen prächtigen Melaphyr-Mandelstein, den ich am Rheinufer gefunden hatte.

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