Ein kleiner, alter Schrein aus Kristallglas mit Messingmontierung, wohl französich,
als temporäres Behältnis für ehemalige Meeresbewohner:
ein seltenes Korallenästchen, Mittelmeer bei Italien,
oder
neun Belemniten aus Süd Limburg, Niederlande, Kreidezeit.
ein einzelnes leichtes
ein einzelnes leichtes steigt
vom grün des gartenbaums
in den wolkenhimmel
seltener falter
das fernglas zeigt
wie sie sich wiegt
die feder
grau weiß hinauf
in die farben des himmels
erbarme dich
singt eine schöne stimme
mein gott
die matthäus passion im november
passt nicht
am ende passt bach aber immer.
Fenster aus Alabaster in der Krypta des Augsburger Doms, Fotografie RW, 2019
Sichelmond

Mein Fenster zum Rhein.
Über dem Abendrot steht jetzt die Sichel des Mondes.
Das Bild von Lorenzo Lotto Ritratto di gentiluomo
hab ich in einer Suchmaske aufgerufen.
Vor Jahrzehnten sah ich es zum ersten Mal in Venedig.
Im Vollbildmodus verschluckt das Dämmerlicht den jungen Mann
bis auf Gesicht, Hände, Buch und Tisch. Ein Fenster leuchtet.
Unverwandt schaut er ins 21. Jahrhundert.
Die Eidechse auf dem Tisch verwühlt das wasserblaue Seidentuch.
Wie zufällig hineingestreut, etwa zwanzig rosa Blütenblätter.
In Brief und Buch wird festgehalten, was vergänglich ist.
Der Mond ist seit Jahrhunderten stets derselbe geblieben.
Lorenzo Lotto «Ritratto di gentiluomo», 1527 ca. Venezia, Gallerie dell’Accademia. Das Bild findet Erwähnung in Hanns-Josef Ortheils Roman, «Der von den Löwen träumte», Luchterhand, 2019
Bildschirm am Fenster zum Rhein, Fotografie RW, 31.10. 2019 um 17.23 Uhr
Sieben Raben
Gestern gingen wir durch den herbstlichen Wald. Tiefer hineinkommend sahen wir zwischen den Bäumen sieben Raben. Ein ungewohnter, unheimlicher Anblick. Das Grimmsche Märchen der sieben verzauberten Brüder kam mir in den Sinn. Ihr Vater hatte sie zu Raben verflucht, weil sie das Krüglein mit dem Taufwasser für die ersehnte Tochter zerbrachen. Ihre einzige Schwester wußte lange nichts von dem Schicksal der Brüder, bis sie, herangereift zu einer schönen jungen Frau, die Heimat verließ und in der ganzen Welt nach ihnen suchte. Endlich bei den Sternen findet sie Hilfe. Der Morgenstern gibt ihr den Schlüssel, ein Hinkelbeinchen, mit dem sie den Glasberg aufschließen kann, in dem sich die Brüder verbergen. Das Mädchen hat das Hinkelbeinchen aber verloren, statt dessen schneidet sie sich in ihrer Not ein Fingerchen ab. Das Schlüsselchen passt und die sieben Raben sind erlöst.
Raben im Wald bei Fischen im Allgäu, Fotografie RW, 2019
Sonne am 23. Oktober
Idylle mitten im Kommerz.
Feriengrüße aus Oberstdorf im Allgäu.
Distelfalter unscharf erwischt.
Am Rande der unzähligen Shops, Lokale, Cafés.
Selbst die Nordsee gibt‘s.
Strandkörbe sind aufgestellt.
Aber der Herrgottschnitzer lässt sich nicht unterkriegen
und mischt Jesuskinder aus Kunststoff
unter sein Angebot.
Oberstdorf, Fotografie RW, 23. 10. 2019
«Rheinblick» Kunstverein Xanten
Gruppen-Ausstellung «Rheinblick» im Kunstverein Xanten vom 20. Oktober bis zum 21. Dezember 2019, kuratiert von Peter Tedden.
Zwei Arbeiten von Ruth Weber:
«Schiffsnamen, gesammelt an Rhein-Kilometer 742 ab März 2012», Digitaldruck auf Munken-Papier, 88,6 x 34,6 cm Auflage 1/5, gerahmt, 2019
«Tisch für Rheingerölle»
Metalltisch, Andrees Allgemeiner Handatlas von 1899, Glasplatte, darauf drei Keramiken:
ohne Titel, 7 x 18 x 8 cm, Keramik, Rheingeröll Quarzit mit Kreuzbänderung, 2019
ohne Titel, 17,5 x 12,5 x 9 cm, Keramik, Rheingeröll Pferdezahn, 2019
ohne Titel, 20 x 9 x 7 cm, Keramik, Rheingeröll Limonit mit Turritella-Abdrücken, 2019
Betrachter vor «Tisch für Rheingerölle» von Ruth Weber, invertierte Fotografie RW, 2019
Ausgewogenheit 191019
Die Farbe des Feueropals gleicht der der Lampionblume. Der Prasiolith ist die lauchgrüne Varietät des Quarzes, durch Erhitzen des violetten Amethysts entstanden. Orange, Grün und Violett sind die Sekundärfarben im althergebrachten sechsteiligen Farbkreis.
Die Figur habe ich durch Kneten und Drücken des Tons mit zwei Händen geformt. Die Eingriffe verraten das plastische Vorgehen. Nach dem Trocknen kam sie in den Ofen zum Schrühen, dann wurde sie mit einer dunkelroten Masse eingestrichen, um durch den Glasurbrand bei 1050 Grad einen metallischen Glanz zu erhalten. Die Figur hat etwas Anthropomorphes, in der Armnische liegt der schön geschliffene Prasiolith, der runde, leuchtende Feueropal auf dem Gewand am Boden, das sich links davon noch hochwölbt.
Die drei Lampions hängen übereinander einmal nach links und zweimal nach rechts. Der Zweig neigt sich in sieben Abschnitten nach links, gerade, links, rechts, fast gerade, rechts, rechts.
Keramik mit zwei Edelsteinen und Lampionblume, 2019, Sammlung RW, Fotografie RW 2019
Verschwundene Dinge
Im Laufe der Jahre wird die Liste der spurlos verschwundenen Dinge immer länger. Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum und bei welcher Gelegenheit sie verschwanden. In Erinnerung sind sie jedoch geblieben:
Eine altertümliche weiße Bettjacke aus Leinen, mit Rüschen an Ärmeln und Kragen.
Eine kleine selbstgemachte Puppe mit schwarzem Haar, rotem Kleid und weißem Schürzchen.
Ein weißer Hermelinpelzkragen mit Kopf und Pfötchen.
Eine silberne Brosche in Form eines Schmetterlings mit Türkisen und Markasit besetzt.
Eine Mineralienlupe mit 10facher Vergrößerung.
Eine dunkelblaue Bluse mit weißen Tupfen.
Ein wasserdichter grauer Anorak.
Tanz im Atelier, Fotografie RW, 2019
Admiral
In der Herbstsonne Wärme tanken.
Am Rhein, harmloses Vergnügen.
Der Flügelschlag dieses Schmetterlings,
– schöner Admiral, Wanderer in Europa –
wird in den Krisenregionen der Welt
keine helfenden Stürme verursachen.
Inkonsequenz Ereignis Kausalkette Chaos



