Am nächsten Tag waren wir wieder im alten Eifeler Haus. Diesmal stieg ich bis in den Dachboden hoch. Hier lag noch das verbeulte Rumpfteil eines abgestürzten Flugzeuges, wohl aus dem zweiten Weltkrieg. Auf dem Boden des Speichers hatten die Elektriker einzelne Holzdielen aufgestemmt, um Leitungen zu verlegen. Vielleicht fand ich hier ja auch etwas kleines Kostbares.
Das blaue Auge sah ich in dem Sonnenstrahl, der durch die Dachluke fiel. Seltsam glimmernd, ein Papierchen, achtlos von den Arbeitern weggeworfen? Es veränderte je nach Blickwinkel die Farbe, mal matter, mal leuchtender. Wie ein kleines Feuerchen. Dann erinnerte ich mich an das schöne Tagpfauenauge, hatte dieser Schmetterling nicht auf dem unteren Flügelteil genau solche Augen? Hatte er sich oben verirrt, keinen Ausweg mehr gefunden, wurde von irgendeinem anderen Tier gefressen, bis auf das leuchtende Relikt? Ein wunderbarer, azurfarbener Gruß.
Reise in ein altes Haus
Auf einem Schutthaufen im Hof des alten Eifeler Hauses fand ich eine kleine flache Scheibe. Wir waren in der Dämmerung noch einmal zur Baustelle gegangen. Am nächsten Tag sollten die alten Ställe abgerissen werden. Über ihnen befand sich eine große Terrasse, dahinter ein Garten mit Flieder, Holunder und Buchsbaum. Man plante, den Gartenzugang wieder zu öffnen und wollte deshalb die Ställe und die Hälfte der Terrasse abreißen. Die flache Scheibe war hart, schien aus Metall zu sein, schimmerte grünlich. Später betrachtete ich sie unter der Lupe und entdeckte auf der einen Seite eine Krone, auf der anderen Buchstaben, REX CAROL …Ich hatte eine Münze gefunden, einen Liard, womöglich von 1700 … aus Brabant … und aus der Bauzeit des Hauses. Denn über dem barocken Sandsteinportal des Hause ist die Zahl 1737 eingemeißelt.
Der Münzfund, Fotografie RW, Bickendorf Eifel, Juni 2020
Flammenzungen
Frohe Pfingsten, Pinksteren, Paischten, Pingst, Pentecoste, Pentecôte, Pentecost, Pentecostés, Rusalii, Троицын день, Πεντηκοστή, 五旬节 …
Rhododendronblüte im Dickenbusch, Park Schloss Heltorf, Fotografie RW 29. Mai 2020 https://forst-graf-spee.de/schlosspark-heltorf/
Im Gehölz
Im Rhododendrongehölz wurde gerodet. Fast zweihundert Jahre alte Büsche mit dicken Stämmen und tausendfachen Verzweigungen gewähren uns einen Blick ins Dickicht. Eine schöne Höhle zum Sterben, meinte meine Schwester. Ich stellte mir ein greises Tier vor, das sich wissend zurückzieht.
Rhododendrongehölz im Dickenbusch, Park Schloss Heltorf, Fotografie RW 29. Mai 2020 https://forst-graf-spee.de/schlosspark-heltorf/

Zeter und Mordio
Neuerdings haben die schönen Eichelhäher meine Sympathie vollkommen verloren. Die Alarmrufe der Buchfinken, das Gezeter der Amseln und seltsame Flugattacken haben mich irritiert. In den Platanen am Rhein existieren wohl viele Brutstätten kleinerer Vögel. Die Eichelhäher kommen beobachtend näher, hüpfen von Ast zu Ast, um sich dann im Sturzflug direkt auf die Nester mit Jungvögeln zu katapultieren. Natürlich kenne ich die Regeln der Natur. Die einst scheuen Wächter des Waldes haben sich an das Stadtleben angepasst und finden bei anderen Stadtvögeln ausreichend Eiweißnahrung für ihre Jungen.
Jetzt ist wieder Ruhe und eine Amsel singt ein betörendes Mittagsliedchen.
Fulgurit auf Tonplastik, Fotografie RW, 2020
Fulgurit, Gesteinsglas, durch Blitzeinschlag im Sand der Wüste entstanden,
Fundort Rabianah-Sandsee, Südost-Libyen, Sammlung RW
Gebrannter Ton, ältere Arbeit RW aus den 90er Jahren
Reisen

Im Jahre 2000 war ich in London, um unsere Schweizer Freundin Pia Fries zu besuchen, die dort Artist in Residence war. In ihrem Atelier trafen wir auch weitere Freunde, zwei angehende Kunsthistorikerinnen und einen feinen älteren Herrn, der sich mit mir über meine Sammlung der Zahl 23 unterhielt. Er schickte mir später in einem schönen Brief vom 23. Oktober 2001 eine englische Münze aus dem Jahr 1923.
Ich habe in London natürlich auch das National History Museum besucht, um die wunderbare, altertümlich präsentierte Mineraliensammlung zu sehen. Dort fand ich auch Exemplare von Schweizer Mineralien unter anderem auch Rutilkristalle aus dem Binntal. Genau in diesem mineralisch so besonderen Tal, in der Nähe des Albrunpasses, unweit von der Binntalhütte entfernt, hatte ich ja vor 22 Jahren meinen Initialstein gefunden – eine schwarzrote, längs geriefte, etwa einen Zentimeter hohe, relativ dicke Rutilnadel.
Trafalgar Square, London, Fotografie RW 2000
siehe auch meinen Blog-Eintrag vom 1. Februar 2020
Nicht Maus, aber Hase

Die chinesischen Tierkreiszeichen sagen für das Jahr 2020 die Ratte oder Maus an. Es gibt zwölf verschiedene Tiere, die immer wiederkehren je nach Jahr. Nach meinem Geburtsjahr bin ich Hase. Meine Geschwister sind Tiger, Drache, Affe, Hahn und Schwein. Zum Zeichen Hase meines Jahrgangs gehören die Glückszahlen 2 und 3. Die Glücksfarben sind Blau, Golden und Grün. Als Kind schon hatte ich Blau als meine Lieblingsfarbe angesehen und setzte sie synonym für schön. Gold ist eines meiner Lieblingsmineralien, Grün ist die Mischung aus Blau und Gold. Die 23 ist meine Zahl. (siehe Ruth23weber.de)
Heute ist der 23. 5. 2020. Ein besonderer Tag, denn 5 ist die Quersumme von 23. Und morgen hat die Schwester mit dem Tierkreiszeichen Hahn Geburtstag. Ich besuche sie aber schon heute am 23. Mai.
Goldmünze Lunar III Maus 2020, Fotografie RW2020
Nähe

Vor dem leibhaftigen Farbkasten des genialen Malers Gustave Moreau stehend, frage ich mich, ob hier noch Spuren seines Lebens erhalten sind. Eine Wimper oder Hautschuppe des Künstlers. Oder noch winzigere DNA, für das menschliche Auge nicht sichtbar, nur mit dem Elektronenmikroskop erfassbar. Was könnte angesichts dieser Spuren erforscht werden, welche Gene der Maler hatte? Wo kam die Familie her, wer sind die Nachfahren, sind da auch Künstler dabei? Welche Farben benutzte er? Waren sie giftig? Welche Vorlieben bei der Ernährung hatte er, welche Krankheiten, wie war das Pariser Klima zu seiner Zeit? (Gustave Moreau – 6. April 1826 in Paris; † 18. April 1898 ebenda) Arbeitet die Gustave-Moreau-Forschung an solchen Themen? Ich denke bei meinem Empfinden angesicht des alten Farbkastens eher an die Rezeptionsforschung, insbesondere an das Stendhal-Syndom oder Florenz-Syndrom, wenn Kunst zu nah wird… Stendhal schreibt um 1817 «Ich befand mich bei dem Gedanken, in Florenz zu sein, und durch die Nähe der großen Männer, deren Gräber ich eben gesehen hatte, in einer Art Ekstase. […] Als ich Santa Croce verließ, hatte ich starkes Herzklopfen; in Berlin nennt man das einen Nervenanfall; ich war bis zum Äußersten erschöpft und fürchtete umzufallen.»*
In dem großen Atelier und ehemaligen Wohnhaus von Moreau in Paris atmet man heute noch den Geist des 19. Jahrhunderts und die Spuren der Vergänglichkeit sind zum Glück nicht beseitigt. Hoffentlich bleibt das so und das Museum wird nicht renoviert, mit Displays und anderem störenden Schnickschnack versehen. Hier kann man das umfängliche Konvolut von Malereien und Skizzen studieren, zum Teil in riesigen Planschränken gelagert. In einigen Räumen sind auch persönliche Dinge erhalten. Chinesisches Porzellan, eine Krügesammlung, Andenken von seinen Reisen nach Italien und Griechenland, ein großer Glassturz mit funkelnden exotischen Vögeln – Kolibris, Kleinspecht, Pitta und Gimpel auf mit Papierblüten und -blättchen bestückten Zweigen – so überladen und schillernd wie viele Gemälde des Künstlers.
Im Augenblick ist das Museum noch wegen Corona geschlossen.
Im Musée National Gustave Moreau Paris, Fotografie Jan Kolata 2017
* Stendhal: Rom, Neapel und Florenz In: Stendhal: Gesammelte Werke (Hrsg. Manfred Naumann). Rütten und Löning, Berlin 3. Auflage 1985, S. 229 f.
Blassblauviolett

Die Farbe der Feldblumen ist die Farbe der Dämmerung. Erneut zieht das Licht des Tages hinter den Horizont. Heute Mittag, als ich vom Friedhof zurückfuhr, sah ich das Nummernschild DU RW 2301. Ich nehme es als glückliche Anrede dieses einen Tages.


