Der Junihimmel am Abend gibt sich zuckersüß in Violett und Rosa über dem Medienhafen am Pier One. In den Königskindern, so heißen die zwei Türme mit den grünen Abschlüssen tatsächlich, wohnen reiche Leute, sicher von hohem Rang und altem Adel. Eine Tiefgarage kostet dort allein schon 65000 Euro. Einige Wohnungen in den Türmen gab es zu kaufen, andere möbliert zu mieten, eingerichtet mit den erwartbaren Produkten globalen Hochglanzdesigns. Ein Concierge sitzt vor schwarzgrünem Marmor in der Lobby und leitet unter Umständen den neugierigen Besucher zu dem großen Dachgarten mit großzügiger Outdoorküche und atemberaubenden Blick über Düsseldorf. In den Restaurants der Erdgeschosse, direkt am Wasser, wo die Rennboote mit hoher Bugwelle vorbeirauschen, kann der Bewohner Gleichgesinnte treffen, ohne zugeben zu müssen, dass er eine nur 75 qm große Wohnung angemietet hat – und das nur für einen Tag.
Im violetten Schein drehe ich voller Vorfreude am gegenüberliegenden Ufer des Rheins noch ein paar Runden in der Warteschleife, denn bald erscheint mein neues blassgrünes Buch, gefüllt mit solchen Schätzen und Kostbarkeiten, dass ich es kaum erwarten kann, sie in gedruckter Form zu betrachten. Und sicher bin ich mir, dass sie drüben davon in keiner Ecke und in keinem Winkel eine Ahnung haben.
23 kostbare Steine
Mit großer Freude traf sich der indische Prinz heute mit Freunden aus Seattle und München zu einem kleinen Spaziergang in seinem Stadtviertel, setzte sich danach mit ihnen zu einer Mahlzeit nieder – dies auf einem weiten Platz mit Häusern aus der Zeit um 1910 und großen, alten Kastanien am Rande zur Straße, darunter ein altes Fachwerkhäuschen, in dem man seit Generationen Blumen kaufen konnte. Der Prinz hatte hier ein Bouquet aus Hortensien bestellt, das den schön gedeckten Tisch schmücken sollte. Rosatöne, auch Weiß und Grün – die Farben leuchteten bei grauem Himmel besonders intensiv. Es war recht kühl, aber der Wein und die warmen Speisen halfen, die Temperatur von 17 Grad zu ertragen. Lange hatten die Freunde sich nicht gesehen, zuletzt im Januar des letzten Jahres. Ausgegangen zum Essen waren sie seit vielen Monaten nicht mehr, vielleicht im vergangenen Sommer einmal. Heute trugen den Mund-Nasen-Schutz nur noch die Kellner. Allerdings erinnerten die QR-Codes auf dem Tisch daran, dass man noch nicht in einer Post-Corona-Zeit angekommen war.
Der Prinz zeigte nach dem Essen eine Kollektion seiner neuen Steine, die er auf letzten Auktionen ersteigert hatte. Es waren genau 23 Stück, drei Diamanten in einem natürlichen Rosa, zehn Elbaite mit grünrosa Köpfen, fünf tiefgrüne Smaragde aus Russland und fünf Rubine aus Indien in hinreißendem Taubenblutrot. Die Freunde beglückwünschten den Prinzen zu seinen Steinen und bedankten sich bei ihm mit dem Versprechen, einige passende Entwürfe für ein besonderes Pektorale nach antikem Vorbild zu zeichnen, das all diese Steine in sich vereinen sollte.
Hortensien, vom letzten Jahr gerettet, blühen erst jetzt, Fotografie RW, 23. Juni 2021
Lange Tage, helle Nächte

Im Korallenwald suchte die steinalte Sophia das Gewitter, von dem sie sich Abkühlung versprach. Sie stieg über Jaspis, Achat und Rhyolith. Der Regen sollte die Farben der Steine zum Leuchten bringen, die Blitze das Blut in den Adern gefrieren lassen. Reckt euch, reckt euch, rief sie den roten Ästen zu, damit die Blitze euch treffen. Dann legte sie sich auf den schönsten Stein, der wie ein Lager geformt war. Weiße Quarzflüsse zogen über seine Oberfläche und trafen sich in ihrem Haar. Der Regen kam und sie sah deutlich die Bänder und Streifen der verborgenen Achate und die kleinen Nierenkurven der Chalcedone.
Fünf Korallenästchen auf Rheingeröllen, Fotografie RW, Sammlung RW 2021
1120
Gerade kann man den Platanen wieder beim Wachsen zusehen. Der Juni ist der Monat des grünen Auftritts. Die Triebe schießen aus den im Winter beschnittenen Armen und Köpfen, so dass sie die Rheinsicht mehr und mehr verbergen. So kann ich die Schiffsnamen von meinem Fenster aus nicht mehr leicht erkennen, sondern muss beim Vorbeifahren der Schiffe eine Lücke im Laub abwarten und dann schnell lesen. Heute morgen habe ich die auf der Fensterbank liegenden, verblichenen Listen des Winters und Frühlings weggeräumt und alle noch fehlenden Namen in meine Datenbank eingetragen. Es reicht eigentlich. 1120 Schiffsnamen sind es jetzt, unter anderem diese zufällig herausgesuchten Beispiele
ALTER EGO
HOOP OP ZEGEN
HELIODOR
So kann ich mir über drei Jahre lang einen Namen pro Tag aussuchen und daraus ein Motto für den Tag schreiben: 3 mal 365 ist 1095. Ich habe also noch 25 Namen extra. Für besondere Feiertage nehme ich dann eben zwei Schiffsnamen. An Weihnachten, Ostern Pfingsten, aber auch an Geburtstagen. Herrlich, da kann ich beruhigt in die nächsten drei Jahre schauen und schöne Sprüche erfinden.
Rheinufer mit Mauerseglern, Fotografie RW Juni 2021
Schale mit Krakelee
Gestern las ich im Magazin der FAZ von der Entdeckung der schönen grünblauen Pinselschale, einer seltenen Ru-Keramik der Nördlichen Song-Dynastie (960 – 1127). Die Wissenschaftlerin Regina Krahl war im Depot der Dresdner Staatlichen Kunstsammlungen auf die unscheinbare Schale, angeblich aus Korea stammend, aufmerksam geworden. Die renommierte Kennerin asiatischer Kunst konnte sie der Ru-Keramik zuordnen. Vor über 900 Jahren ist sie wohl exklusiv für den chinesischen Kaiserhof entstanden. Mitarbeiter des Pekinger Palastmuseums hatten schon früher die Vermutung, dass es sich um ein Ru-Stück handeln könnte – nun bekam es die Nr. 88 der weltweit raren Stücke. Die Song-Dynastie wurde damals durch Invasoren in südlichere Gebiete vertrieben und ihre kaiserliche Keramik zu mythisch aufgeladenen Erinnerungen an die einstige Zeit. 1927 war das Stück aus dem Besitz des Arztes Oscar Rücker-Embden für die Porzellansammlung angekauft worden. Die runde flache Schale hat einen Durchmesser von 13 cm und ist mit blaugrüner Glasur und einem zarten Krakelee versehen – ein wunderbarer Fund, so selten und kostbar.
Meine grünblaue Schale mit Krakelee ist wohl aus den 1950er Jahren und hat auf ihrem Boden eine Relief-Marke MW in einem Kreis. Wohl ein Werbegeschenk der nicht mehr existierenden Mannesmann-Werke. Ich habe sie 2018 aus dem Nachlass unserer Familie erhalten.
https://www.skd.museum/presse/2021/eine-echte-sensation-seltene-ru-keramik-aus-china-in-der-porzellansammlung-der-staatlichen-kunstsammlungen-dresden-skd-entdeckt/
Mannesmannschale, Fotografie RW 2021
Was mir einfällt II

Korbblütler, manipulierte Fotografie RW, 10. Juni 2021
Was mir einfällt
Luftwurzel des Baumfreundes vom Wintergarten mit langer Bergkristallnadel aus Brasilien
Invertierte Fotografie RW, 8. Juni 2021
Dringender Aufruf
Die Drossel singt als erste um 4.30 Uhr und jetzt um 18.43 eigentlich den ganzen Tag und bis tief in den Abend der Schall der Hinterhöfe und Gärten trägts weiter zu mir dringend rufend fordernd turn turn turn around wann ist dein Flehen erhört kannst du nicht schweigen die Nachtigall tut’s doch auch und singt nicht mehr in der Nacht wenn sie den Partner gefunden hat oder hast du noch keinen Partner gibt es ihn nicht für dich und bist du ein verrückter Vogel der sich spiegeln will in seinem Gesang immer und immer da seh ich dich wieder am Futterplatz weiß aber nicht ob du es bist du Sänger.
Perlenthron, Collage RW 2016, Fotografie RW 2021
Früher so, heute so
Heute war die steinalte Sophia schon vor acht Uhr im Freien. Sie ging über die Wiesen am Rhein. In der Sonne kündigte sich schon die Wärme eines Sommertages an. Trotzdem war in allem eine wunderbare Frische. Das hohe Gras noch feucht. Sie beobachtete die blühenden Büsche, Holunder, Heckenrosen, weiße Spieren, in denen Fliegen und Bienen summten. Flieder sah sie nicht. Dann entdeckte sie etwas verborgen einen Busch mit roten Rosen – alle jüngeren Blüten orangerot, die älteren magentafarben. So leuchtend waren die Farben, sie konnte ihren Blick kaum abwenden. Jetzt im Alter liebe ich den Morgen, dachte sie, früher, als junge Frau, war für mich der Abend die liebste Tageszeit und der Herbst meine bevorzugte Jahreszeit. Aber jetzt ist es der Morgen und der Frühling.

