Ein Teichhuhn hat sich in den Garten am Rhein verirrt und versucht doch tatsächlich durch hektisches Flattern mit zu kleinen Flügeln und zu großen Füßen etwas von den hoch hängenden Futterbällen zu ergattern. Früher sah ich die Eichhörnchen bei dem Vorhaben, das Futter von weitem anzuspringen – sehr erfolgreich – dann die Amsel, sie hat gelernt, zumindest durch einen kurzen Kontakt im Anflattern von unten etwas vom Ballen abzuspleißen. Aber das Teichhuhn? Aussichtslos. Der aufkommende Sturm bläst fester und fester, so dass sich das Huhn unter die Büsche zurückziehen muss.
Zeiträtsel
Endlich, endlich kam dem indischen Prinzen die Erleuchtung und zwar des Nachts im Anschluss an einen Traum: Das Sammeln ist der Versuch, das Rätsel der Zeit zu lösen. Ich sammle, um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verstehen. Indem ich die gesammelten Dinge betrachte, erforsche ich ihre Geschichte, Zusammensetzung und Herkunft. Indem ich sie besitze, stehen sie mir jederzeit zu neuerlichem Staunen gegenüber. Sehr bald aber stellen sie mir weitere Fragen und der Wunsch nach neuen, die Sammlung ergänzenden Dingen will erfüllt werden.
Ringsammlung (v. l. Amethyst, synthetischer Rubin und Markasit, roter Turmalin und Diamant, Diamant und Rubin) auf Keramiksockel, Detail, Fotografie RW 5. April 2022
Ein Sonntag
Von Tadao Ando stammt das Museumsgebäude der Langen Foundation auf der Raketenstation Hombroich. Besonders schön ist es, sich im Kirschblüten-Frühling dem Haus zu nähern, vorbei an den Wasserflächen, in der gerade eine Skulptur von Sean Scully steht. Heute wurde die große Show von Scully’s Werken eröffnet. Hunderte Menschen strömten durch die Ausstellungshallen und trafen sich danach im Freien auf dem umgebenden Grün. Man konnte ein Getränk zu sich nehmen und Kleinigkeiten essen. Ein so ungewohnter Anblick, ein lange nicht mehr erlebtes Ereignis, wie die vielen Menschen in der Sonne standen und hier jemandem zuwinkten, andere umarmten, um sich schließlich angeregt zu unterhalten. In der benachbarten Skulpturenhalle der Thomas Schütte Stiftung sah man die Werke des vor 30 Jahren jung verstorbenen Künstlers Bertram Jesdinsky. Dreimal hatte ich mit ihm in Gruppenausstellungen der 80er Jahre ausgestellt. Seine Arbeiten wirken heute nicht alt und wie gern hätte ich seine Weiterentwicklung miterlebt.
Langen Foundation im Frühling, Fotografie RW 3. 4. 2022
Eine schöne Korrespondenz
Eine Amsel sang am späten Nachmittag. Ich hörte sie vom Rheinfenster aus – während eines Telefonats. Da antwortete nicht nur die vertraute Stimme im Telefon, sondern auch ein Amselruf aus dem sieben Kilometer weit enfernten Garten des Ateliers.
Regentropfen auf Lindenblüten, Fotografie RW 31. 3. 2022
Kleiner Fuchs

Ein wenig ruppig sah der kleine Fuchs aus, der sich auf den Rheinwiesen auf einem Hahnenfuß niederließ. Da hab ich aber schon üppigere Exemplare gesehen, meinte die steinalte Sophia zu sich. Sie freute sich trotzdem sehr über diese Begegnung mit dem Falter – ein kleines Zeichen von Seele und Auferstehung. Auf Grabsteinen des alten Golzheimer Friedhofs hatte sie das Motiv des Schmetterlings schon häufiger in Stein gemeißelt gesehen.
Nach langer Zeit war sie zum ersten Mal wieder am Ufer des Rheins unter der Kniebrücke, um bei Niedrigwasser nach Steinen und Scherben zu suchen. Schon bald fand sie in den riesigen Kiesterrassen eine ungewöhnliche Oberflächenzeichnung, keinen Kiesel, sondern eine graue Steinzeugscherbe mit einem dickreliefierten Weinblatt und kleinen eingestochenen Pünktchen als Dekor. Vielleicht von einem Westerwälder Krug, dachte sie, wie alt das Stück wohl ist, wer hat es gemacht, wer daraus getrunken, wie kam es zu Bruch? Nun wollte sie dazu eine kleine Geschichte schreiben, gerade heute, am Todestag des Vaters.
Kleiner Fuchs am Rhein, Fotografie RW, 25. März 22
Verwundbar
Seit vielen 100000 Jahren sind zwei Mücken und ein Wasserfloh im Copal gefangen. Dieses fossile Harz aus Madagaskar ist nicht so alt wie der Baltische Bernstein, hat aber sehr häufig Insekteninklusen. Leider ist mir das lange harte Stück heute auf den Steinfußboden gefallen und in sechs Stücke zerbrochen. Ich stellte die Bruchstücke auf einen von mir gefertigten Keramiksockel, nahm die alte Uhrenkette mit dem Hand-in-Hand-Motiv und wickelte sie um die Einzelteile. Das schien mir ein schönes Bild des Heilens.
Sockelmotiv mit Uhrenkette und Copal, Fotografie RW 24. März 2022
Paris, Nachlese
Der Wind weht in Paris, der Abendhimmel nähert sich einem hellen Ultramarin, die Sonne will im Rücken des Eiffelturms untergehen. Vorher taucht sie die Tuilerien, das großzügige Entrée des Louvre, die eleganten Hotelfassaden, die Place Vendôme in italienische Apricottöne, die ich nur von Abenden in Rom kenne. Danach entzünden sich soviele Laternen und Fenster, als wolle die gesamte Stadt zum Ball gehen.
Place Vendôme, Fotografie RW, 18. März 22
Finderlohn

In Paris trug der indische Prinz zur Eröffnung der Kunstausstellung an der Rue du Faubourg Saint–Honoré eine kleine Brosche am Kragen seines Samtmantels. Auch am nächsten Tag zum Besuch des Musée Nissim de Camondo schmückte sie sein Revers. Am Morgen des dritten Tages jedoch erinnerte er sich nicht mehr, ob er sie am Vorabend wie gewöhnlich vom Mantel abgenommen und wieder in den Hotel-Tresor gelegt hatte. Voller Sorge suchte er das Zimmer ab, schaute unter das Bett, in die Schränke, ins Bad – die nur 2cm große Edelsteinfliege war verschwunden. Dann er ging die Wege ab, fragte den Rezeptionisten des Hotels, beschrieb die Brosche in der Galerie, im Museum und in dem koreanischen Restaurant, wo er mit Freunden noch tief bis in die Nacht getafelt hatte. Die kleine Fliege blieb verschwunden. Vielleicht muss ich sie aufgeben, dachte er, was ist all der Tand wert. Je älter ich werde, um so mehr wird mir bewusst, wie endlich alles ist. Wertvoll ist doch nur die Tatsache, dass ich hier in der großen Stadt nach langer Entbehrung so viele Dinge mit allen Sinnen erleben durfte. Abends im Hotel, als er die neuesten Nachrichten über den Krieg in der Ukraine sah, dachte er an die Stadt Odessa. Noch 2019 war er dorthin gereist, um im berühmten Opernhaus eine Aufführung des Don Quichotte von Jules Massenet zu sehen. Die Sorgen um die Zukunft der Ukraine ließen ihn seinen winzigen Verlust vergessen. Am nächsten Morgen packte er seine Koffer, wollte noch kurz etwas auf dem Hotelnotizblock festhalten, nahm den Hotelbleistift und siehe da: unter dem Stift, in einem Spalt zwischen Glasabdeckung und Holzvertäfelung glitzerte etwas in der Morgensonne. Die Fliege hatte zu ihm zurückgefunden. Dankbar fuhr er seinen Weg nach Hause.
Edelsteinbrosche, Fotografie RW, 19. März 2022, Sammlung RW 2020
Gruß aus Paris
Die Wolken hingen gestern noch schwer über Paris, der Saharasand ist allerdings schon abgeregnet, überall gelbbraun geronnene Tropfen auf den glänzenden Oberflächen. Im 7. Bezirk putzt ein Chinese die Fassade seines winzigen Restaurants. Heute ist der Himmel blau und klar, die Wetter-App besteht noch auf: Luftqualität eher schlecht. Wir machen uns auf den Weg ins Musée Nissim de Camondo, angeregt durch das letzte Buch von Edmund de Waal (Letters to Camondo. Chatto & Windus, London 2021)

