Der böse Blick

Die Schlange spricht:
Ich komme aus dem Land der hohen Karstberge, mein Name ist Tianmenshan, gleichlautend wie der Berg in der Provinz Hunan. Einst kroch ich durch Höhlen und Spalten, bis mich ein Schlangenzüchter fing und in seine Farm brachte. Da er von mir nicht das bekam, was er erhoffte, wurde ich kurzerhand getötet und präpariert, so dass er mich in den 30er Jahren an einen europäischen Reisenden verkaufte.
Mit ihm ging ich auf große Fahrt – hinaus aus den Bergen, über Länder und Meere nach Europa und schließlich ins Rheinland. In den Koffern des Reisenden lag ich zwischen einem bunten Rauchverzehrer aus Porzellan und einer mit den fünf Unsterblichen reich dekorierten japanischen Vase.
Der Reisende hatte Freunde unter den Landschaftsmalern der Kunstakademie in Düsseldorf. Im alten «Brands Jupp», direkt am Rhein, trafen sie sich, um von der Chinareise zu hören.
Als Exot war ich in der Runde willkommen, zusammen mit den Porzellanen wurde ich bei Bier und Braten herumgereicht.
Jahre später wurde ich vom Reisenden verschenkt an den ältesten Maler Max, der Stammgast im Hause war und jeden Sonntag seinen Senfrostbraten aß, aber kurz vor St. Nikolaus seine Zeche nicht zahlen konnte. Der klamme Alte ließ mich im Hause „Brands Jupp“ als Pfand zurück, worauf ich über Jahrzehnte in einer Vitrine der dunkel getäfelten Stube vergessen wurde.
Bis zum heutigen Tag, als die 80jährige Wirtin das Haus mit gesamtem Inventar verkaufte. Ich gelangte in die Hände der steinalten Sophia, die schon als Kind mit den Eltern zu Gast am Rhein gewesen war und unbedingt ein Souvenir aus dem Traditionslokal besitzen wollte. Aus einer Mischung aus Ekel und Sentimentalität kaufte sie mich. Sie brachte mich in ihren Wintergarten, behängte mich mit Korallen, auf dass diese den bösen Blick abwenden und jedes kommende Unheil bezwingen mögen.

Schlange aus dem Inventar des Brands Jupp in Wittlaer, bestückt mit Korallen aus dem Mittelmeer und einem Kopf aus Polymerclay, Sammlung RW, Fotografie RW, 6. 10. 2026