Vom Werden und Vergehen

Als die steinalte Sophia zuletzt das Vaterunser beten will, fällt ihr nichts ein, kein einziges Wort. Stattdessen formuliert sie:
Vom Erscheinen und Verschwinden
Vom Kommen und Gehen
Vom Sein und Werden
Vom Gehen und Sterben
Das gefällt ihr nicht, die beiden ersten Zeilen sind ein Auf- und Abschwellen, die dritte Zeile zeigt Entwicklung. Die letzte Zeile spricht vom Abschied. Sophia aber will, dass alle Zeilen den ersten gleichen. Sie beginnt erneut:
Vom Erscheinen und Verschwinden
Vom Kommen und Gehen
Vom Gedeihen und Verderben
Vom Steigen und Fallen
So geht’s uns allen.
Nun fällt ihr das Vaterunser wieder ein und sie betet es dreimal hintereinander.

Gemmen und Bergkristall auf zwei Büchern zu Johann Wolfgang von Goethe, Sammlung RW, Fotografie RW, 22. 10. 2026