The Heart of a Witch

Schon über eine Woche liegt der zierliche, fein gezeichnete Falter auf den Fliesen des Wintergartens, ganz nah bei der blattgroßen Monstera, die so alt ist, dass ihr Alter nur geschätzt werden kann. Weit über 40 Jahre steckt sie schon in einem hohen Terracotta-Topf mit Löwenhauptgriffen, der eigens aus Italien von einer Reise mitgebracht wurde. Die Luftwurzeln der alten Pflanze breiten sich aus bis auf den Boden, sie kriechen über die Fliesen, vorbei an dem Falter, erreichen schließlich die feuchten Wände und saugen sich hier in die Kalkritzen und Fugen. Der Falter lebte nur etwas mehr als eine Woche, es ist ein Buchsbaumzünsler, der sich in den Wintergarten verirrt hat und keinen Ausweg mehr fand. Die steinalte Sophia lässt ihn liegen, bei Betreten des Raumes umgeht sie jeden Tag das schöne Bild mit vorsichtigen Schritten.
Bald aber holt sich die steinalte Sophia aus dem Schmuckkasten der Erbtante das goldene Medaillon mit dem kleinen Schlüsselchen. Hängt es an eine getrocknete Mohnkapsel, steckt diese fest zwischen eine Glasscherbe aus dem Rhein und einem Holz aus dem Muotathal und legt schließlich den Falter oben auf.
Das englische Medaillon ist sehr alt, vielleicht schon von 1840. Die Herzform schwingt unten nach rechts aus, es ist ein Witch‘s Heart, ein Hexenherz, als Abwehr- oder Liebeszauber gedacht. Drinnen trägt es unter Glas ein Bild von einem Schmetterling. Die Tante hat bei der Übergabe des Medaillons Sophia die Geschichte von Amor und Psyche erzählt.
Stunden, Tage, Jahre vergehen – Tempus fugit Amor manet, sagt die steinalte Sophia zu sich und vergräbt den Zünsler im Erdreich der Monstera.

Neue Kombination von antikem Goldherz, Holzfundstück, Mohnkapsel und Falter, Sammlung RW, Fotografie RW, in Vorfreude auf den 18. September, 16. 09. 2026