Korrespondenzen XXVII

 

 

 

Licht in der dunklen Jahreszeit
Die Musik an Bord ist laut,
die Farben grell,
das Ereignis klein.
Auf dem Friedhof
werden Lichter aufgestellt.
Das hat nichts Frommes,
man trifft sich, lautes Gerede,
Eventkultur.
Die alten Lieder,
das Segnen
nimmt man billigend in Kauf.

Partyschiff auf dem Rhein bei Düsseldorf,
Allerheiligen auf einem Friedhof in Duisburg

Das Vergehen und das Werden


Herzmuschel mit Vivianit, einem Phosphatmineral, das in fossilen Muscheln, Knochen und Zähnen schöne schwarzblaue Kristalle, aber auch erdig-pulvrige Aggregate bilden kann, Fundort Halbinsel Kola, Russland.
Honigcalcit in der fossilen Muschel Mercenaria permagna, Fundort Rucks’ Pit, Florida, USA.
Beide Exemplare aus der Sammlung von RW

Mein Lieblings-Reclam-Exemplar

Ein Reclambändchen, das ich liebe. Von A wie Abaculus bis Z wie Zyklopenmauerwerk. Die Auskünfte, die es gibt, verstehe ich lediglich als Hinweise und Erinnerung. Danach beginnt meist erst die wirkliche Recherche. Besonders schön ist auch, dass es einen Anhang mit altgriechischen Fachwörtern gibt.
Am 24. Oktober 2018 wurde in Leipzig ein Reclam-Museum eröffnet, dessen Träger der gemeinnützige Verein «Literarisches Museum e.V» ist. Dort ist die Sammlung des  Reclam-Sammlers Hans-Jochen Marquardt ausgestellt. Man sieht unter anderem einen wunderbaren Original-Reclam-Schrank, wie ein mannshohes Triptychon mit beidseitig beschickbaren Seitenflügeln aufgebaut, der alle Bändchen bis 1945 enthält.
Einen Mangel hat allerdings mein Lieblings-Reclam-Bändchen. Von Edelsteinkunde und Mineralogie versteht es nicht soviel. Manche Steine werden nur ungenau oder gar falsch beschrieben: Unter dem Stichwort Chrysopras wird behauptet, dass dieser Schmuckstein eine Abart des Beryllus sei. Chrysopras ist allerdings die lauchgrüne Varietät des Chalcedon. Zur Familie der Berylle gehören unter anderem der Smaragd und der Aquamarin. Vielleicht wurde hier der Chrysopras mit dem Chrysoberyll, dem Goldberyll, auch Heliodor genannt, verwechselt. Schon in der Bibel wird der Chrysopras in der Offenbarung des Johannes erwähnt. Die 12 Edelsteine an den Stadtmauern des himmmlischen Jesuralems (Offb, 21,16ff) sind Jaspis, Saphir (hier ist aber der Lapislazuli gemeint), Chalcedon, Smaragd, Sardonyx, Sarder, Chrysolith (ein anderer Name für den grünen Peridot), Beryll, Topas, Chrysopras, Hyazinth und Amethyst.

 

 

 

Futur II

Irritierend auf diesem Foto aus dem Jahre 1969 ist, dass alles offenbar nur vorgetäuscht wird. Die Frau schaut ihren Gesprächspartner gar nicht an. Auch scheint die Perspektive im Fernsehbild nicht zu stimmen. Das kann Gründe im Motiv haben, sicher wollte der Fotograf die junge Dame nicht als Rückenfigur abbilden, sondern im attraktiveren Profil.
Wie immens die Fortentwicklung bis heute sein würde, hat sich wohl keiner damals vorstellen können.

Abbildung aus einem Begleit-Band des Schulfunks/NDR, Beitrag «Technik im Alltag» vom 8. 12. 1969

Dreiundzwanzig

Vorgestern Nacht im Traum wünschte
mir mein Vater ein «Frohes Neues Jahr»
und das, obwohl
wir erst Oktober haben.
Täusche ich mich,
oder werden die Sonnenuntergänge
in diesem trockenen Jahr
immer farbenreicher, intensiver, länger?
Seit Mai hat es kaum geregnet
und heute ist der 23. Oktober.
Könnte es sein, dass die Luft
von Staubpartikelchen so angereichert ist,
dass deren Reflektionen die schönsten Bilder erzeugen?

 

Neujahrskarte aus Eritrea von Michel Leiris für Pablo Picasso, gesehen im Musée Picasso Paris, schönes Exemplar für die Sammlung 23 von RW und LB

Regen

Diese Perlenfeder hält die Regentropfen lange rund. Dank des von der Taube wohl sorgfältig eingefetteten Gefieders. Auf nassem, braunem Laub leuchtet sie wie eine kostbare Brosche. Das kleine Geranium ist dazu ein äußerst dekorativer Begleiter.

Heute morgen gesehen auf einem Friedhof am Niederrhein

Sturm und Drang

Ein Bild für meine zweitjüngste Schwester und meinen Bruder. Genau vor acht Jahren auf den Tag genau und etwa zur gleichen Uhrzeit trafen wir uns an der Nordsee. Der Wind warf die Wellen hoch auf und die heranrollende Brandung lärmte ungeheuer. Wie Fehlfarben schien das Abendrot nur hier und da durch die tief hängende Wolkendecke. Wir fuhren später vier Kilometer landeinwärts nach Bergen und tranken in den «Pilaren» noch ein paar Glas Wein. Ich erinnere mich, dass wir drei wie eine ausgelassene Bande nicht mehr aus Lachen herauskamen.

 

Agricolas Irrtum

Georgius Agricola bezeichnet um 1546 in seinem Buch De Natura Fossilium den Lapislazuli als Saphir, dies war wohl in alter Zeit ein Synonym für «blauer Stein». Jedenfalls kann er nicht die durchsichtige blaue Varietät des Korunds meinen, den wir bis heute Saphir nennen, da er von den goldenen Pünktchen spricht, die sich in seiner blauen Matrix befinden. Wie in einem alten Ring meines Vaters mit Lapislazuli und Pyriteinschlüssen, die wie Sternbilder im Himmel leuchten. Der Pyrit wurde nicht als Unreinheit des Lapis gesehen, sondern im Gegenteil als Echtheitsbeweis gegenüber gefälschten Steinen und gefärbten Imitaten.
Das betreffende Zitat habe ich in meiner Ausgabe von De Natura Fossilium gefunden: Von blauer Farbe ist der Saphir und der Kyanos, der daher seinen Namen bekommen hat. Der Saphir strahlt außerdem mit goldenen Punkten. Beide ähneln dem heiteren Himmel, doch der Saphir wegen der goldenen Punkte dem Himmel im Sternenschmuck.
Übersetzung Georg Fraustadt, hrsg. von Fritz Krafft, Marixverlag, 2006

In einer englischen Übersetzung nach Agricola von Thomas Nichols
A Lapidary, or, The History of precious stones, Camebridge 1652, wird dieser Irrtum auch schon berichtigt.
Sapphirus (lapis-lazuli) and cyanus (sapphire) are dark blue, hence the name of the latter gem. (…) Lapis-lazuli is enlivened by small golden points. Both gems are blue as the heavens but lapis-lazuli especially resembles the heavens because of golden points which represent the stars.
Da mir das Wort Sternenschmuck in der Übersetzung von Fraustadt gefiel und ich die englische Wortwahl so versachlicht fand, wollte ich wissen, wie Agricola es selbst formuliert hatte und war fasziniert, als ich die lateinische Fassung auf der Seite der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek gefunden hatte.
Caeruleum colorem esse in sapphiro & cyano. CAP. XVII
Caerulei autem coloris est sapphirus, & cyanos, quae inde nomen traxit: sed sapphirus insuper aureis punctis collucet, … similis est coelo sereno: verus sapphirus, propter aurea puncta, stellis ornato.
Georgius Agricola,  De Natura Fossilium, Liber VI, Ausgabe von 1612, Wittebergae

Lateinischer Text:  http://digital.slub-dresden.de
Deutscher Text: aus meiner oben zitierten Agricola-Ausgabe
Englischer Text: gefunden bei der Lektüre des wundervollen Buches von Karin Leonhard, Bildfelder, Stilleben und Naturstücke des 17. Jahrhunderts, S. 244, Akademieverlag, 2013