Jeder winzige Kiesel

Beim Besuch des großartigen Anwesens mit prächtiger Villa und weitläufigem Park nahmen die Sohlen meiner Schuhe winzige Steinchen der Kieswege auf. Weiß waren sie allesamt. Und ich formulierte am Morgen des folgenden Tages den Satz – Jeder winzige Kiesel ist richtig an seinem Platz. Das war mir ein tröstlicher Spruch, den ich mir fortan merken werde als Wertschätzung einer jeden Sekunde meines Lebens.

Am Rheinufer gefundene Scherben aus Keramik, Glas und Porzellan auf Florentiner Papier, gekauft in München bei CARTA PURA. Fotografie RW, Mai 2024

Gefährliches Monster

Es gibt wohl Menschen, die in Träumen Dinge voraussehen, beziehungsweise zeitgleich zu Ereignissen von ähnlichen Dingen träumen. Ich erlebe oft Ereignisse, die sich mit anderen folgenden wunderbar zusammenfügen. Habe ich an jemanden gedacht, so finde ich in nächsten Momenten einen längst vergessenen Gegenstand dieser Person. Das Kurioseste aber ist, dass ich einen Traum hatte, der wie ein Beispieltraum für alles steht – vier Momente in einem Traum.
Da war das Finden und Aufsammeln großer wunderbarer Kristalle, hell und in zarten Farben, aus dem Erdreich an Böschungen und Abhängen.
Da waren die Begegnungen, das Feiern und Sich-Umarmen auf großen Festen, so dass ich im Traum zu einem Freund sagte, das ist ja wie früher.
Da war ein indisches Kind in Landestracht, dem ich sagte, ich bin doch auch ein Kind, um ihm die Angst vor der fremden Person zu nehmen und ein lustiges Gespräch mit ihm führen zu können.
Aber dann war plötzlich auch ein Blick aus dem Fenster. Wir hörten die Tiere rufen, es sagte jemand, die Tiere schreien schon, bevor die Katastrophe beginnt und ich sah draußen im dunklen Sturm die Berge wanken.
Dann bin ich aufgewacht.

Neozoen, große Schildkröte am Niederrhein, Fotografie RW 20. Mai 24

Die Reise

Von hier aus sieht man die 23 Zumba-Tänzer kaum, die auf dem anderen Mainufer hin und her springen. Es regnet nicht mehr. Das Städel wirbt mit seinem neuen Roof-Top. Wir gehen den Weg zum Bahnhof zu Fuß und da wir noch Zeit haben am Ufer des Mains entlang. Wir sehen eine große alte Rotbuche, Kastanien mit verblühten Fruchtständen, eine amerikanische Eiche mit schönen Fingerblättern, so frisch und so leicht. Sie kann dem ungewöhnlich großen Gingko-Baumpaar mit den Herzhandblättern Konkurrenz machen. Dazwischen ehrwürdige Nadelbäume aus dem nahen Osten, die sich ihre graugrünen Triebe auf die Zweigenden gestickt haben. Ein so schöner Ufergarten – dem etwas in die Jahre gekommenen Hochhaushotel ist das alles gleich – es blickt gelassen über den die Mainufer verbindenden Holbeinsteg, der im Vergleich zu ihm etwa dreißig Jahre jünger ist.

Unter dem Holbeinsteg in Frankfurt, Fotografie RW, 18. Mai 2024

Das Konzert

Die acht Sängerinnen und Sänger von VOCES8 sangen Orlando Gibbons (1583-1625), Thomas Tallis (1505-1585), Avo Pärt (*1935), John Sheppard (1515-1558), Gustav Holst (1884-1934), Charles Villiers Stanford (1852-1924), Arthur Sullivan (1842-1900), Sergei Rachmaninoff ( 1873-1943), Jake Runestad (*1986), Ola Gjeilo (*1978), Gregorio Allegri (1582-1652).
– Miserere Mei, Deus – Ubi Caritas – O Nata Lux – Libera Nos – The Deer‘s Cry – Te Lucis Ante Terminum – Drop, Drop, Slow Tears – Nunc Dimittis – The Long Day Closes …

Applaus für VOCES8. Nach dem Konzert im Frankfurter Kaiserdom, Fotografie RW 17. März 2024

Aufpassen

Wir wollen schön aufpassen. Hochstand, Hocken, Parallelsitz. Unsere Augen sehen die rechte Seite und die linke Seite, aber niemals frontal. Wir wissen nicht, was noch kommen wird, wir wissen nicht was war. Ein Zeitraum von zehn Jahren erscheint uns unwahrscheinlich. Aber wir sind viele, daher fürchten wir uns nicht.

Kaninchen am Rhein, Fotografie RW, Mai 2024

Meditation


Das Betrachten von Gold und Edelsteinen schien ihm ein willkommener Ausflug in ein märchenhaftes Land der Sorglosigkeit. Der indische Prinz stand lange vor den Auslagen eines Antiquitätenhändlers in der Heimatstadt der steinalten Sophia. Lange schon hatte er sie nicht mehr besucht. Nun wollte er ihr zum Wiedersehen zu Pfingsten ein Geschenk mitbringen, ein Wiedersehen nach fast fünf Jahren. Er betrat den kleinen Laden und ließ sich einige Schmuckstücke zeigen. Beim Betrachten der edlen Metalle und kostbaren Steine verfiel er in eine Art Trance und begann in seinem Kopf einige Zahlenreihen aufzustellen. Ich besitze siebenundzwanzig Ringe mit dreihundertfünfundsiebzig Diamanten in verschiedenen Größen, neun Ringe mit achtundneunzig Rubinen (davon einer synthetisch), drei Ringe mit dreiundzwanzig Saphiren, vier Ringe mit zwölf Smaragden, zwei Ringe mit jeweils einem Aquamarin, einen Ring mit einem Opal, zwei Ringe mit jeweils einem Topas, einen Ring mit einem Granat, einen Ring mit Carneol, einen Ring mit einem Morganit, zwei Ringe mit Amethysten, zwei Ringe mit Rauchquarz, zwei Ringe mit jeweils einem Turmalin (einer davon wahrscheinlich synthetisch). Von diesen Ringen sind siebzehn Ringe aus Gelb- und Rotgold, vierzehn Ringe aus Weißgold, vier Ringe aus Platin, neun Ringe aus Silber und zwei aus Edelstahl. So rechnend überlegte der indische Prinz, der steinalten Sophia einen antiken Ring zu kaufen – aus Platin, besetzt mit einem blauen Saphir von etwa drei Karat, flankiert von zwei Diamanten im Altschliff, jeweils Halbkaräter. Diesen hatte er schon im Internet bei dem Goldhändler gesehen und nahm sich vor, ihn ordentlich herunterzuhandeln.

Schaufenster-Auslage mit Ringen, invertierte Fotografie RW, 13. Mai 2024

Storchenschnabelperspektive

Aus der Storchenschnabelperspektive in die Bresche springen,
im Überschall einen Kopfstand bewahren,
das Nocturnelied singen,
im kühlen Grund zur Neige gehen,
aus dem Lot geboren werden,
Bauchatmung und Hirnschwelle üben.

Abriss eines Bürogebäudes, Hoeherweg Düsseldorf, bearbeitete Fotografie RW, 10. Mai 2024, Worterinnerungen aus der Nacht zum 11. Mai 2024

Die Ankunft der Mauersegler

In Berlin gibt es zur Zeit eine Ausstellung mit dem Titel Ankunft der Mauersegler. Jochen Lempert heißt der Künstler. Beim Gallery Weekend Berlin zeigen Jörn Bötnagel and Yvonne Quirmbach, kurz BQ, seine ausgesprochen geheimnisvollen Fotografien. Seine Motive sind aus Flora und Fauna entnommen, oft haben die Tiere oder Pflanzen auf lichtempfindlichen Medien selbst eine Spur hinterlassen. Der studierte Biologe und Künstler arbeitet mit analogen Fototechniken. Das schwarzweiße Titelfoto der Ausstellung zeigt einen einzelnen Vogel im Flug vor grauem Himmel, ein sehr gekörnter Abzug, wie durch Nebel, der Vogel ein Schatten.
Ankunft der Mauersegler – für mich ein Berührungs-Poem.
Als wir am 1. Mai am späten Nachmittag aus München zurückkamen, setzten wir uns ans Rheinfenster, um die Zeitungen der letzten drei Tage zu lesen – und nur für einen kurzen Augenaufschlag sah ich den ersten Mauersegler. Dann kam der heftige Regen, lang anhaltendes Wetterleuchten, horizontale Blitze in schweren grauen Wolken. Das Unwetter dauerte fast zwei Tage. Immer wieder waren meine Gedanken bei den Heimkehrern aus Afrika. Hatten sie genug Insekten gefunden, um sich, von der langen Flugreise entkräftet, zu erholen? Ich wußte, dass ihre Jungen in eine Art Hungerstarre verfallen können, um magere Tage in Abwesenheit der Eltern zu überstehen. Aber soweit waren die Vögel noch nicht – und heute Morgen sausten schon vier oder fünf Tiere am Fenster vorbei. Nur am Abend  – jetzt – seh ich keinen Vogel mehr. Aber wie zum Beweis, dass die Luft gefüllt ist mit Insekten, setzt sich ein Mückentier auf die Scheibe der Balkontür.

Schnittversuche mit bunten Papieren aus Verona, gekauft in München bei CARTA PURA, invertierte Fotografie RW, 4. Mai 2024

Nachleuchten am ersten Mai

Im Münchner Lenbachhaus sind die Tische gedeckt. 160 Personen aus Kultur und Kunst werden erwartet. Der Schirmer/Mosel Verlag feiert seinen 50. Geburtstag. Ich sehe viele bekannte Gesichter aus Düsseldorfer Akademiekreisen, viele internationale Fotokünstler und -Künstlerinnen, Maler und Malerinnen, Leute aus der Kunstgeschichte, der schreibenden Kunst, Galeristen und Galeristinnen, Mäzene, Museumsleute und Verleger. Die eingeladene Münchner Prominenz kenne ich nicht. Im schönen Garten des Museums trifft man sich zunächst bei einem Aperitif in Rosétönen, die Stimmung ist entsprechend festlich und freudig. Die Sonne hat den vorletzten Tag des April sehr aufgewärmt, manche Damen kommen schon ärmellos oder in hellen Sommerfarben. Eine lachsfarbene Plisseehose bleibt mir in Erinnerung, die sich in einem silberbeschichteten hauchdünnen Rock aus feinem Leder feurig spiegelt. Ich darf dieses Farbspektakel fotografieren. In der großen Eingangshalle des Museums begrüßt Herr Schirmer dann in einer herzlichen Ansprache seine Gäste. Auf den Verleger, Schriftsteller und Dichter Michael Krüger als besonderen Gratulanten habe ich mich sehr gefreut. Die lange Freundschaft mit Lothar Schirmer wird in seiner wunderbaren Rede elegant und poetisch veranschaulicht. Durch lustige Videobotschaften, groß projiziert, gratulieren Isabella Rosselini und Hanna Schygulla, jede auf ihre sehr spezifische Art.
Unseren Tisch finden wir nah beim Rednerpult und haben so sehr direkt Anteil am feierlichen Geschehen. Wir genießen das köstliche Menü… auch in frühlingshaften Farben und Genüssen mit Spargel, Loup de Mer in grünen Kräutern und Hummerbisque, zum Schluss Holunderblüte, Yoghurtmousse und Rhabarber-Sorbet. Über allem leuchtet und glitzert riesig das Wirbelwerk von Olafur Eliasson. Eine Treppe höher sind die Räume zur Ausstellung geöffnet – hier kann den ganzen Abend die Joseph Beuys-Sammlung von Schirmer besichtigt werden.

50 Jahre Schirmer/Mosel, festliches Abendessen im Lenbachhaus München, Fotografie RW, 29. April 2024

Eherne Kopfhandfußfübung

Eine freundschaftliche Übung zur konzentrierten Kopfarbeit. Handstand mit dem sonderbaren Stein, einer Limonitkugel, in Utah moquimarble genannt. 200 Millionen Jahre alt, Eisenausfällung in Urmeeren, unruhig in Wellengang und Gezeiten hin und her gerollt, in der Gischt so gut gerundet. Mit Sanden verbacken… Oolithisch. Von den indigenen Bewohnern und Findern verehrt. Von Esoterikern missverstanden.

Bronzefiguren mit Moquimarbles (Herkunft Utah, USA) auf bemalten Holzsockeln, Sammlung RW, Fotografie RW, April 2024