Vermessung am Dreiundzwanzigsten

Norbert Schwontkowski (1949-2013): Wohin ich … (in der Kunstgeschichte) … auch schaute, sah ich Bilder der Extase, ich aber wollte die Starre, die Lähmung, die einen befällt, wenn man in Kontakt mit dem Übernatürlichen gerät.

Kunstmuseum Bonn, NORBERT SCHWONTKOWSKI, SOME OF MY SECRETS –
noch bis zum 16.02.2020

Natura naturans

Wie gediegen Silber – Argentum – bildet auch das Wasser – H2O – manchmal federartige Kristalldendriten. Ich selbst besitze so eine kleine Silberfeder in meiner Mineraliensammlung. Und heute sah ich auf den dritten Blick dieses schöne Exemplar aus Eis, schon ein wenig angetaut in der Mittagssonne. Den ganzen Vormittag war es hier schattig gewesen, nahe Null Grad.

Eiskristalle auf dem Friedhof in Duisburg, Fotografie RW, 21. Januar 2020

Korrespondenzen XXXIV

Der Rhein ist heute bis Mittag noch immer verschwunden, weder das gegenüberliegende Ufer noch Schiffe sind sichtbar. Der Nebel verschluckt nicht nur die Sicht sondern auch die Geräusche des Stroms. Mein Schiffsnamenalphabet kann aber ergänzt werden, da ich mir in den letzten Tagen drei Namen gemerkt habe.
CARITAS II
RISIKO
SPERA

Nebel am Rhein, Fotografie RW, 20. Januar 2020, Detail aus einem Landschaftsstein aus China, gekauft bei Claude Boullé, Paris, Sammlung RW, Fotografie RW

Wirklichkeit


Ein Mann stapft durch den Schnee zu seinem Auto. Direkt hinter dem Bahnhof steigen die bewaldeten Berge an. Einige Leute schippen Schnee vor den Häusern. Im Vordergarten steht ein Schneemann. Auf dem schönen roten Haus wirft der Heilige Nikolaus etwas in den Kamin. Kinder rodeln in der Nähe der Eisenbahnbrücke. Auf der Brücke stehen zwei Streckenwärter. Oben kurz vor dem Eingang des Bergtunnels begegnen sich zwei Lastwagen. Im Wald legt ein Jäger an auf ein Reh. Oder ist es der Vater, der den Weihnachtsbaum fällt?
An diesem Bahnhof hält der einrollende ICE nicht. Auf dem Bahndamm haben einige Wintersportler ihre Ski geschultert. Ein Kalb soll auch verladen werden. Der Zug mit den gelben Tankwagen ist eben vorbeigefahren. Drei Wagons der Firma Puppenkönig Bonn stehen auf einem Abstellgleis. Dort ist ein Bahnwärterhäuschen warm erleuchtet. Zwei Männer tragen ein großes Paket ins Innere.

Schaufenster mit winterlicher Modelleisenbahnanlage in Bonn, Fotografie RW, Januar 2020

Beteigeuze

Mein Lieblings-Sternbild Orion soll sich verändert haben? So wird berichtet, dass der linke helle Schulterstern, die Betelgeuse, arabisch Ibt al Gausa, nicht mehr so stark leuchtet wie eh und je. Das könnte ein Anzeichen für eine zukünftige, gewaltige Explosion sein, eine Supernova. Morgen oder in Millionen von Jahren. Nur noch ein schwarzes Loch am Schulterstück? Ich will mir nicht vorstellen, dass es zu meinen Lebzeiten passiert. Der Orion ist mir der Wächter und Trost am Himmel in sternklaren Nächten. Meine Mutter hat ihn mir einst gezeigt und erklärt. Es ist seine Treue, die mich so beeindruckt, zuverlässlich steht er jeden Winter im Süden über dem Rhein.

Makroaufnahme eines Rutilsterns mit Hämatith-Zentrum in Bergkristall,
Fotografie RW, iPhone mit Lupenaufsatz, 2020, Sammlung RW

FAZ vom 12. Januar 20, «Warten auf den großen Knall»
https://www.swr.de/wissen/Wird-Beteigeuze-bald-zur-Supernova,stern-beteigeuze-kann-explodieren-100.html
siehe auch meinen Blog-Beitrag vom 1. Februar 2018

Festgehaltene Blicke


Drei Schwestern treffen sich hinter dem alten Fachwerkhaus am Holzschuppen. Sie sind von der Küche aus direkt in den Garten gegangen, um sich auf der verborgenen Terasse niederzulassen. Es ist ein erhöhter Platz, wo die Frühlingsonne noch länger scheint als unten. Mit einem Cremant aus dem Elsass wird auf den Geburtstag angestoßen. Ein Fell, auf dem Boden ausgebreitet, schützt vor der aufziehenden Kälte. Die eine Schwester hat ihren Fotoapparat aufgestellt, den Selbstauslöser betätigt und sich schnell wieder zur Gruppe dazu gesetzt.

Drei Schwestern W., Fotografie RW, 1998 bei Kassel

Auf ein Neues

Wir haben gefeiert, gelacht, getrunken und gegessen mit der Familie und den Freunden – an Weihnachten, Neujahr und am Fest der Heiligen Drei Könige. Sollte ab jetzt eine Umkehr stattfinden, die Ernüchterung kommen? Schmalhans Küchenmeister sein? Der Gürtel enger geschnallt werden? Verzicht geübt werden? Nein, das alles sind nicht unsere Themen! Was wir jetzt vorhaben, wird Folgendes sein: Wir widmen uns wieder mit Feuereifer unseren Leidenschaften – der Arbeit an der Kunst, der Mineralogie, Paläontologie und Archäologie. Glück auf!

Weihnachtsessen, invertierte Fotografie Ruth Weber, 25. Dezember 2019

Alles Gute zum Neuen Jahr

Um kurz vor Mitternacht gingen wir auf den Balkon zur Rheinseite. Eiskalt war’s, der Himmel wunderbar klar. Die schöne Mondsichel war zu sehen, das Sternbild Orion hoch aufgerichtet. Am Flussufer hatten sich einige Leute versammelt und ließen krachend die Böller sausen, Fontänen spritzen, Lichtblumen platzen. Wir tranken unseren Champagner und gingen, als es zu kalt wurde, wieder hinein, um mit Grace Kelly und Cary Grant das Feuerwerk über Nizza anzuschauen, wohl wissend, dass es in dieser Szene von Hitchcocks To catch a Thief um mehr geht als um bloßes Feuerwerk.

Feuerwerk in der Silvesternacht, Fotografie Ruth Weber, 2020

Aberglaube

Meine Großmutter pflegte einen soliden Aberglauben. Man solle über den Jahreswechsel nur ja keine Wäsche auf der Leine hängen lassen. Sonst hätten wir im Neuen Jahr einen Todesfall in der Familie. Ihre Tochter, meine Mutter, übernahm sehr treu diese Regel und ich kann nicht anders, ich habe heute noch schnell die Wäsche vom Trockner genommen, gefaltet und in die Schränke geräumt.

Silvesterfeier am Laacher See, Fotografie Ruth Weber, 2003

Aberwitz

Gestern morgen um Viertel vor Neun schaute ich aus meinem Rheinfenster gen Osten. Die Sonne war gerade aufgegangen und welch ein schönes Zusammentreffen – das Schiff, das gerade ins Bild fuhr, hieß SUNRISE 100. Glaube ich an eine Vorhersehung oder freue ich mich über glückliche Zufälle. Ich muss zugeben, dass ich einen Hang zum Deuten alltäglicher Geschehnisse habe. Bei der Zahl Sechs denke ich an unsere Geschwisterzahl. Sehe ich nun sechs Bäume in einer Gruppe, schaue ich, wie sie gewachsen sind. Hat der eine nicht einen zu dicken Stamm, ist das Laub des anderen nicht ein bisschen karg? Und dieser nicht zu wild gewachsen? Und wie herrlich jener proportioniert ist! Die Übertragungen sollte ich dann lieber für mich behalten, weil ich weiß, dass mindestens eine Schwester ähnlich gestrickt ist.
Oder sehe ich an der roten Ampel das Nummernschild des Vordermanns, rechne ich sofort – ist die Quersumme dreiundzwanzig? Oder sogar mein Sterbejahr dort festgeschrieben?
Das Schiff, das jetzt im Moment des Schreibens vorbeifährt, heißt MEDIATION. (Ich schreibe mit dem Blick zum Rhein.) Welche Konflikte soll ich denn lösen? Googlen wir doch das Wort MEDIATION. Eine Heilpraktikerin für Psychotherapie wirbt im Netz mit folgendem Slogan: Mediation – wenn das Schiff der Kommunikation unterzugehen droht…
Ist das nicht alles zum Haareraufen komisch? Das Schiff, das jetzt vorbeifährt, heißt BOLERO. Den tanz ich jetzt.

Morgens am Rhein, Fotografie Ruth Weber, Dezember 2019