Daisy and Pansy

Tiefrote Granate habe ich hier, schwankend zwischen Pyrop, Almandin und Rhodolith, je nach mineralischer Zusammensetzung blutrot, bis braunrot, dann aber auch purpurot bis violettrot, je nach Eisen- oder Mangnesiumgehalt. Hier sind sie in altertümlichen Schmuckstücken verbaut, es sei böhmischer Granat, sagte der Antiquitätenhändler. Auf unedlem Metall montiert, genannt Tombak, eine Kupfer-Zinklegierung, manchmal vergoldet. Das Stiefmütterchen hat es mir angetan. Und dazu kam noch die Blüte mit sechs petals, ungewöhnlich, die allermeisten Blüten haben fünf Blätter. Und ich nenne sie Pansy und Daisy. Ich verbaue sie in meinen Arbeiten. Gerade modelliere ich mit Ton – drei oder vier Köpfe hab ich schon fertig… und einen Bären mit ausgebreiteten Armen, ebenso einen Zottelgeist ohne Arme aber mit fächerartigen Auswüchsen auf Taillenhöhe. Darauf lege ich Korallen, Perlen oder schöne durchsichtige Kristalle. Gestern formte ich drei winzige Köpfchen, einen davon will ich in Silber abgießen lassen und heute wurde ein ein Eulenkopf fertig und zum Schluss ein Dreibein mit sehr runden Augenhöhlen. Einige Tonfiguren kratzte ich mit einem Krallen-Werkzeug, so entsteht Fell oder Feder auf ihrer Oberfläche. Ob ich sie alle braun glasiere? Ein Braun wie ein dunkles Zucker-Karamel. Karfunkel, carbunculus, glühende Kohlenfunken, Stiefmütterchen und Butterblume, Viola, Gänseblümchen, Heckenrose, Hagebutte, Granatapfel.

Zwei alte Granatschmuckstücke, Fotografie RW, 13. Februar 2025

Frost und Maulwurf


Die Erde auf dem Friedhof von Kloster Knechtsteden ist gefroren. Die Maulwürfe haben trotzdem fast vor jedem kleinen Grabstein der verstorbenen Mönche und Kriegstoten einen respektablen Haufen aufgeworfen. Unter der Erde ist es wohl wärmer. Die Hügel wirken so frisch, sie sind jedoch steinhart und fest gefroren – ich konnte nichts losklauben.
Es kommt so manches an die Oberfläche und leuchtet dann auf, da es lange verborgen war. Seltene oder gewöhnliche Steine, kleine Fragmente von Knochen, ein Ring, ein Knopf, eine kleine Perle von einem Rosenkranz, ein Abzeichen aus Metall, eine Scherbe aus Porzellan, ein Henkel aus Blech und ein Stück Horn von einem Messergriff.
Heute weiß ich, dass ich Dinge liebe, besonders die sehr alten, die schon durch so viele Hände und Jahre gewandert sind. Sie sprechen zu mir und ich nehme sie mit nach Hause, wasche sie, betrachte sie unter der Lupe und bereite ihnen einen würdigen Platz auf einem Sockel, den ich eigens für sie bauen werde.

Friedhofserde von Kloster Knechtsteden, Fotografie RW, 2. Februar 2025

Warten auf den Auftritt, oder war es schon danach?

Ich erinnere mich genau, dass die Zwillinge uns ärgerten. Sie zogen meiner Freundin an den langen Haaren. Der hinten stehende Junge hat seine Flöte schon ausgepackt, der andere hat sie im Etui gelassen und geschultert. Er schaut genau wie ich mit großen Augen in Richtung des Fotografen. Beim Konzert hatte ich den Anschluss bei den Noten verpasst und tat beim Flöten nur so als ob. Ich hatte eine dunkle Blockflöte und ich weiß, dass immer zuviel Spucke im Spiel war. Singen tat ich lieber und gern hätte ich mehr von der Musik gelernt. Den schauenden Jungen hab ich letztes Jahr bei der Beerdigung seines älteren Bruders wieder gesehen. In unserer alten Dorf-Kirche St. Peter und Paul. Mindestens zwei Peter hatten wir in der Klasse, die Mädchen hießen Carla, Evi und Angelika. Meine Klassenkameradinnen trugen damals fast alle winzige Ohringe, ich nicht, das galt als gewöhnlich. Mit einem Mädchen tauschte ich einen silbernen Freundschaftsring, das war aber schnell vorbei und ich mochte sie nicht mehr.

Volksschulkinder vor dem Weihnachts-Konzert, vielleicht Winter 1959, Familienarchiv RW, 31. Januar 2025

Halt die Welt an, ich möchte aussteigen.

Diesmal werde ich die neuen Köpfe nach dem Brennen braun glasieren, so etwa in der Farbe, die in den 70ern des 20. Jahrhunderts für Keramikgeschirr modern war. Wir hatten so eine Schale für Mixed Pickles, wenn ich mich richtig erinnere, oder waren es Kompottschalen? Dann setz‘ ich die Köpfe auf geschnitzte, dunkel gebeizte Holzvasen, schaurig schön mit Weinlaub und Trauben dekoriert. Ich erhielt diese unterschiedlich hohen Gefäße von meiner Schwester, die sie bei einer Haushaltauflösung in einem Wohnzimmerschrank gefunden hat. Das werden meine neuen Kanopen.
Bei dem Begräbniskult der alten Ägypter werden auf die vier Kanopen als Behältnis für die Eingeweide des Verstorbenen die Köpfe der vier Horussöhne gesetzt:
Amset, Duamutef, Kebehsenuef und Hapi –
Mensch, Schakal, Falke, Affe  –
Leber, Magen, Darm, Lunge –
Süden, Osten, Westen, Norden.

«Halt die Welt an, ich möchte aussteigen.» Diesen Satz schrieb ich 1986 nach dem Supergau in Tschernobyl in mein Notizbuch. Neue Köpfe aus Ton, noch trocknend. Fotografie RW, 24. Januar 2025

Eintritt in die Zahlenwelt

Denken und Rechnen zwischen drei und vier Uhr nachts:
Wenn ich die 23 verdopple, erhalte ich 46, verdopple ich wieder, erhalte ich 92 und so weiter. Bis 5888 kann ich es noch im Kopf rechnen. Es macht mir ziemlich Mühe, eigentlich sollte ich schlafen, an nichts denken: aber Nichts, Nichts, Nichts zu denken, fällt auch schwer. Jetzt interessieren mich die Quersummen meiner gewonnenen Zahlen. Die Quersumme von 23 ist 5, von 46 ist sie 10, bzw. 1, usw. Plötzliche merke ich, dass sich die Quersummen ähneln. Das ist verblüffend: wiederholen sich die Quersummen, wenn ich von 23 ausgehend immer wieder verdoppele?
23 46 92 184 368 736 1472 2944 5888 11776
5 1 2 4 8 7 5 1 2 4
JA! Die Quersumme der Gruppe ist 9.
Wenn man die 27 verdoppelt, kommt immer die 9 als Quersumme.
27 54 108 216
9 9 9 9
Wenn man die 21 verdoppelt, kommt immer 3 und 6 als Wiederholung.
21 42 84 168 336
3 6 3 6 3
Ich bin so erstaunt über meine nächtlichen Entdeckungen, dass ich sie notiere und in den nächsten Tagen darüber schreiben will. Da suche ich heute ein passendes Beitragsbild nach dem Nadel-im-Heuhaufen-Prinzip, es hilft der Zufall und ich lande durch planloses Scrollen und Klicken in einem Archiv des Jahres 2009. Das Foto habe ich im Oktober 2009 in Schottland aufgenommen. In der Gemäldesammlung eines alten Schlosses, das als Jugendherberge diente. Ein schlafender Amor mit der Inventarnummer 23.

Schlafender Amor, Gemälde 23 in der Sammlung von Carbisdale Castle, Schottland, invertierte Fotografie, RW, Oktober 2009

CARPE VESPERUM

Nachtrag zur Schiffsnamensammlung. Es ist sechs Minuten vor Fünf am Nachmittag und ich sehe am fünften Tag des Jahres das Schiff mit dem Namen CARPE VESPERUM vorbeifahren. Der Tanker fährt unter der Flagge von Luxemburg, fährt rheinaufwärts Richtung Basel in den Süden. Wir machen uns auf zu einem Abendspaziergang. Draußen ist es dunkel. Und kalt.
Es gibt auch einen Merlot mit dem Namen CARPE VESPERUM, wie ich im Internet erfahre. «Rubinrot» soll er sein, «balsamische und krautige Noten» haben. Er ist recht teuer, kostet über 150 € und ist vom Weingut Madonnina in der Toscana. La Madonnina – da denke ich aber an Milano, an die goldene Madonnenfigur hoch auf dem Mailänder Dom. Auf dessen Dach untersuchte ich vor Jahren in gleißendem Licht die Steinmetzarbeiten aus hellem Marmor. Die Madonnina auf der höchsten Spitze des Doms trägt um den Kopf einen Kranz aus vielen Sternen. Auf dem Etikett des Weines sehe ich ein Sternbild: wie das Kreuz des Südens, hat aber in der Mitte noch einen zusätzlichen Stern, also fünf Sterne. Das Kreuz des Südens sah ich noch nie in meinem Leben, muss dazu reisen auf die südliche Halbkugel weit unter den Äquator.
Der Abend – der Rubin – die Fünf – die Sterne – der Süden – Balsam und Fluss. Das Schweifen und Fliegen in alle Himmelsrichtungen gefällt mir. Heute ist schon der siebte Tag und die Heiligen Drei Könige kamen gestern am sechsten Tag. Wieder ist Abend am siebten Tag.

Aufbruch zum abendlichen Spaziergang, invertierte Fotografie RW , 7. Januar 2025

MI VIDA

CARISMA, FELIX, VITESSE, MI VIDA, so hießen die Rheinschiffe, die im Neuen Jahr 2025 als erste vorbeifuhren. Und zwar in dieser Reihenfolge. Das ist unintended poetry – für mich geschenkt – ich danke. Die Bäume sind geschnitten, der Rhein fließt wieder gefühlt durch den Wohnraum, und ich kann nicht anders, ich muss jeden Schiffsnamen mit dem Fernglas überprüfen, wenn ich ihn nicht mit bloßem Auge erkennen kann. Das Fernglas des Großvaters, der mit mir einst – als ich 2 Jahre alt war – an dieser Stelle auf einer Bank am Rhein saß.

Ausblick auf den Rhein mit dem Fernglas, Fotografie Jan Kolata, 3. Januar 2025

24-12-24


Nun, heute ist ein Symmetrietag: 24-12-24 und zweimal 12 ist 24. Und ich kann mich auch alleine freuen und ich schaue gern auf das festliche Licht des Weihnachtsfotos von 2020… das war das erste Jahr der Pandemie. Schon fast vergessen. Will mal schauen, was ich vor vier Jahren schrieb:
Dieses Jahr ist Weihnachten besonders. Vor sechs Jahren war es schon sehr anders: zum ersten Mal ohne die Mutter. Vor zwei Jahren noch einmal erheblich anders: ohne Vater und Mutter. Und nun: ohne Besuche bei den Geschwistern und Freunden. Aber ein Glück, dass wir zu zweit allein sind.
Draußen hinter dem Rheinfenster ist es heute an Heiligabend grau, kalt und nass. Habe wohl alle Vorbereitungen fertig. In den Ohren vernehme ich wie immer bei Stille ein helles Sirren. Der Nacken schmerzt ein wenig. Aber ich freue mich, ich freue mich, ich freue mich. Heut ist doch kein Tag wie jeder andere. Es ist schon Nachmittag, aber ich bin nicht ungeduldig. Da höre ich von der Küche her das Geschafteln zur Vorbereitung eines selbstgemachten Kartoffelsalats. Also nicht ganz allein, sondern zu zwein. Der Zweig, den ich gegen 12 Uhr in die Bodenvase stellte, ist ein Kümmerling mit dünner Benadelung, aber er duftet nach Fichte. So verdient er es geschmückt zu werden. Das habe ich gemacht mit zwei Glasvögelchen, wenigen kleinen Kügelchen und einer Lichterkette mit winzigen Lämpchen. Weil der Zweig die Spitze senkte, habe ich zu seiner Aufrichtung die Drähte der Lichterkette bis hinter die hohe Vitrinentüre geklemmt. Nun ist auch Licht bei meinen Figuren aus Bronze, Keramik und Wachs. Morgen werden wir die Schwester und ihre Söhne besuchen.

Weihnachtsbaum im ersten Pandemiejahr, Fotografie RW 24. 12 2020

Für das Neue Jahr


Da ist sie nun in der Bar des Hotels am Dom gelandet – die steinalte Sophia. In Billerbeck bestellt sie kein Pils. Sie hat ein vorweihnachtliches Konzert im Ludgerus-Dom erlebt, genau gegenüber. «Wachet auf, ruft uns die Stimme » klingt ihr noch im Ohr, die wunderbare Kantate von Johann Sebastian Bach. (BWV 140) Leider kann sie diese nicht mehr singen: sie hat es probiert: die Stimme versagt, nicht nur wegen des Alters, sondern auch wegen der Rührung, die sie sofort überkommt.
Jetzt kurz vor Weihnachten will sie Bilanz halten. Sie mag 2023, sie mag 2024, aber 2025 mag sie nicht. Obwohl auch die 5 ihre Lieblingszahl ist. Sie beginnt zu rechnen, Quersumme 9. Auch die gefällt ihr nicht.
Was bringt ihre Gedanken zur Ruhe? Sie will sich konzentrieren, inne halten: die Bilanz von 2023 fiel außerordentlich gut aus, die Bilanz von 2024 ist auch hervorragend.
Da bestellt die steinalte Sophia ein Glas Champagner, um das Folgende zu feiern: ihre große Dankbarkeit für alles, was sie in ihrem Leben gestalten und mitgestalten durfte – für jedes Jahr Weihnachten, das sie über 60 mal mit ihren Eltern und Geschwistern zusammen feierte, für die kindliche Freude auf das Fest, die ihr erhalten blieb und für die Zuversicht, die sie nun spürt, und sie nimmt sich vor, mit dieser in das Neue Jahr zu gehen.
Frohe Weihnachten und eine glückliches, friedvolles Neues Jahr 2025!

Silvester in Billerbeck, Fotografie RW, 31.12.2016,
Fotografie gefunden im Archiv RW, am  4. Advent 2024

Gematrie

Angeregt durch einen Artikel in der FAZ über Forschungen zu Bachs Gematrie habe ich Folgendes angestellt:
Zählt man von MEINER ZAHL 23 von der 2 eins ab und zur 3 eins dazu, kommt man auf die 14 und das ist die Zahl von Johann Sebastian Bach B = 2 A = 1 C = 3 H = 8 QS: 14, zählt man noch J und S dazu, erreicht man 41. Eine Spiegelung in seinem Namen.
I = 9 S =18  B = 2 A = 1 C = 3 H = 8 QS: 41 (In Bachs Alphabet stand I und J auf demselben Platz)
14 und 41 haben beide die Quersumme 5.
IDEE = 23 QS: 5
FAKE = 23 QS: 5
Die 5 ist blau und neben der 23 meine weitere Lieblingszahl, nach anderen Deutungen eine Zahl des Bösen, und des Teufels, da sie über die 4 Buchstaben Gottes hinausgeht: JHWH. Der Drudenfuß, der fünfzackige Stern steht auch für den Menschen, siehe Vorläufer von Leonardos berühmter Zeichnung des Menschen im Pentagram: Nun – der Mensch kann zwischen Böse und Gut wählen: die Freiheit wurde uns gegeben. Die 5 ist die Freiheit.

The Fake’s Progress gründete ich in den 90er Jahren mit Louis Blank, meinem Alter Ego.
So habe ich den Buchstabenwortwert von Ruth Weber und Louis Blank ermittelt:
Ruth 18, 21, 20, 8 (= 67) QS: 13, QS1: 4
Weber 23, 5, 2, 5, 18 (= 53) QS: 8
Louis 12, 15, 21, 9, 19 (= 76) QS: 13 QS: 4
Blank 2, 12,1,14, 11 (= 40) QS: 4
Ruth und Louis sind spiegelverkehrt verwandt: 67 und 76 beide Quersumme 4
67 + 76 = 143, QS: 8
Ziemlich viele 4en und 8en… Die 8 steht quergelegt für die Unendlichkeit.
Schluss mit dem HokusPokus! Das Foto oben sieht aus wie ein Still aus einem Horrorfilm.  Ich stehe bei meinen Rheinfunden in der Ausstellung in Reuschenberg, halte einen Quarzit hoch mit gekreuzten (!) Quarzadern und beginne gleich alle Steine und Scherben zu zählen. So dass ich eine Litanei aller ausgestellten Dinge aufsagen kann.

RW bei den Tischgestellen mit Rheinfunden in der Ausstellung bei Schloss Reuschenberg (zusammen mit Jan Kolata), Fotografie Myriam Thyes, invertiert von RW, im Dezember 2024