Das Glück im Frühling

Da zeigte mir mein Freund auf der Strasse einen Fund. Schau mal, die sechs Augen. Auf dem grauen Pflaster lag ein kleiner, weißer Würfel mit der Sechs auf der Oberfläche! Ich fotografierte ihn dreimal. Von weitem, von näher und von ganz nah.
Am Tag danach fuhren wir nach Köln, wollten uns Ausstellungen von Freunden anschauen. Die Autofahrt verursachte Stress, warum auch gerade an einem Samstagnachmitag auf die Autobahn, ärgerten wir uns und gerieten in sehr schlechte Laune. Als wir schließlich durch das Tor der Galerie gingen, begegneten wir der Malerin – wir hatten uns nicht verabredet. Das war ein Glück und wir freuten uns ob dieses zufälligen Zusammentreffens. Sie hatte eine Journalistin im Schlepptau, die mir am Tag zuvor auf die mailbox gesprochen hatte, ob sie zu mir ins Atelier kommen dürfe mit mehreren Personen. Danach hörte ich aber nichts mehr. Nun war die Journalistin also stattdessen nach Köln zu unserer Malerin gefahren mit drei weiteren Kunstinteressierten. Wir lachten alle und machten Beweisfotos. In der hellen Galerie sahen wir die schönen Gemälde von Geröll, Steinen, Wasser, Licht und Schatten.
Später besuchten wir die Betonkirche St. Gertrud von Gottfried Böhm. Darin hatte eine Künstlerin fahrbare Gestelle mit geheimnisvollen, merkwürdigen Aufbauten installiert. Sehr beeindruckend nehmen diese die Architektur von Gewölben und Fenstern bis zu den Beichtstühlen auf. Dort trafen wir einen weiteren Künstlerfreund mit seiner Familie, der zufällig da war, weil sein Vater in der Nähe der Kirche wohnt. Und – als wir uns verabschiedeten, sprang eine junge Frau auf meinen Freund zu Sie kennen mich wohl nicht mehr? Es war eine ehemalige Studentin der Malerei, die sehr große Stücke auf meinen Freund als Lehrer hielt.
Mit gutem Gefühl und ziemlichem Hunger fuhren wir anschließend nach Zons in unser Lieblingslokal direkt am Stadttor und aßen den ersten Spargel des Jahres. Vom Frühlingsspaziergang nach dem Essen, rund um das Städtchen, stammt das Foto oben mit den schön gebogenen Schatten der Lindenbäume im Graben vor den Stadtmauern.

Zons im Frühling, Fotografie RW 5. April 2025

Gediegen Silber an einem besonderen Symmetrietag

Gediegen Silber in größeren Klumpen kommt in der Natur eher selten vor. Meist ist es eher eingewachsen in Erzgestein, aus dem es dann gewonnen werden muss. Elementares Silber findet man jedoch auch als kleine Körner und in Form von zierlichen Ästchen oder Drähtchen, dendritisch gewachsenen Kristallen. Der indische Prinz besitzt solch ein Stück, ausgeformt wie eine winzige graue Feder, gefunden in Batopilas, Chihuahua, Mexiko. Es ist berechnet worden, dass das globale Silbervorkommen in etwa 25 Jahren abgebaut sein wird. Allerdings wird das schon in Technik und Industrie verarbeitete Silber auch recycelt, so dass die natürlichen Vorkommen geschont werden könnten.
Bei zwei jungen Goldschmiedinnen hat der indische Prinz alte Silberteile einschmelzen lassen und erhielt einen Klumpen von 57,93 Gramm. Die Form des schweren und großen Nuggets wurde durch die Mulde des Kohlebeckens und den Zufall des Schmelzvorgangs geprägt. Anschließend wurde der Klumpen anpoliert. Obwohl ein ganz wenig Gold und Kupfer in den Stücken vorhanden gewesen war, die der Prinz zum Schmelzen ausgewählt hatte, glänzt das gewonnene Stück nun wunderbar silbrig hell und wenn man es im richtigen Winkel betrachtet, kann man ein Mondgesicht erkennen.

Großes Silbernugget auf gebrannter, aber unglasierte Keramik, mit kleinem Ästchen und einem himmelblauen Glasklumpen, Sammlung RW, Fotografie RW am Symmetrietag 25. 3. 25

Die Zeit ist kürzer als früher


Wie schön sind die roten Lederschuhe der Käthe-Kruse-Puppe, meine Schwester nannte sie Gisela. Hat unsere Mutter ihr Kleidchen genäht, vielleicht den Mantel auch? Die Söckchen sind wohl verloren gegangen. Die kostbaren Puppen haben uns in der Kindheit begleitet, seit dem wir vier und fünf Jahre alt waren. Wir bekamen sie von einem Geschäftsfreund des Vaters geschenkt. Zunächst wurden sie auf den Schrank gestellt und ganz selten durften wir mit ihnen spielen. Einige wurden von der Schwester aufbewahrt und bei unserem Besuch im Jahr 2021 zeigte sie uns Puppen und Stofftiere. Meine Puppe hieß Claudia und die der jüngeren Schwester Hans. Hans kam aber erst viel später dazu, als wir schon in ein kleines Häuschen umgezogen waren und der Bruder geboren wurde. Meine Puppe existiert nur noch als Kopf mit Schildkrötleib und kann nicht mehr stehen. Ich hatte ihr auch die Augenbrauen und den Mund nachgemalt, die Haare verschnitten.
Wenn ich abends zu Bett gehe, habe ich das Gefühl, als wäre der Tag, obwohl angehäuft mit Ereignissen,  wie jeder andere gewesen. Die Tage, die Abende vergehen, ihr Wechsel wird immer schneller. Jede Nacht ruft der Eulenvogel ein regelmäßiges huh und huh, worüber ich mich freue, wenn ich im Dunkeln liege. Es ist eine Verlässlichkeit im Ablauf der Ereignisse, erschreckend und tröstlich zugleich. Jetzt knospen die Bäume wieder und es ist schon hell, wenn ich morgens das Bett verlasse. Eben sah ich eine riesige Pollenwolke vom blühenden, alten Walnussbaum abheben. Zwei Tauben sitzen auf seinen Ästen in der Sonne. Was soll ich nur mit den vielen gespeicherten Bildern machen?

Puppe Gisela in Reptich, Fotografie RW, 2021

Diana


Der indische Prinz hat seine Vorliebe für Glypten entdeckt. Jetzt besitzt er drei geschnittene Objekte, einen goldenen Ring mit einer Flora, rund herum besetzt mit Diamanten, eine Brosche mit einem kleinen Amor, an einen Stein gekettet, gerahmt in filigranen Goldblüten und seit neuestem eine Diana, umgeben von Gold und Perlen. Flora und Amor sind antike Muschelgemmen – wobei der Begriff Muschel hier falsch ist und er wird immer falsch angegeben, selbst in Museen: sie sind zwar aus Molluskelschalen, Weichtierschalen, aber es ist das Haus einer Meeresschnecke, woraus geschnitten wird – zum Beispiel die Eustrombus gigas (große Fechterschnecke) oder die Cypraea, (Kaurischnecke). Man sieht es den Gemmen an, wenn sie aus Molluskelschalen geschnitten wurden, auf Grund der deutlichen Wölbung des dünneren, rotorange- braunorangefarbenen Untergrunds und darauf dick und weiß die erhabenen Motive.
Der indische Prinz hat beim Juwelier sofort erkannt, dass die Diana eine Kamee aus Lagenstein ist, eben aus Achat gefertigt wurde. Der dunkelbraune Untergrund ist glatt poliert, auch durchscheinend wie die Schneckenschale. Mit der 10-fach-Lupe konnte er feine rote Pünktchen im Braun sehen, wie er sie von Achaten kennt. Nun fragt er sich, wie der Steinschneider dazu kommt, die Mondsichel in der anderen Steinfarbe, wie der des Rosenquarzes, zuzulassen. Er weiß, dass es tatsächlich Kameen gibt, die aus mehreren Steinen geklebt werden. Oft wird das weiße Motiv auf schwarz gefärbtem Chalzedon fixiert, dann Onyx genannt. Man müsste jetzt unter dem Mikroskop prüfen, ob die kleine rosa Mondsichel aufgeklebt wurde oder aus der dritten Lage des Achats geschnitten wurde, überlegt sich der indische Prinz. Unter dem Mikroskop sieht er zu Hause dann deutlich, dass die rosa Schicht direkt aus dem Weiß des Halbprofils folgt und sich fein rosa ausbreitet. Er freut sich sehr, denn diese Idee des Steinschneiders, die rosa Schicht als Motiv für den Mond der Diana zu verwerten, findet er genial. Er freut sich auch über das fein herausgeschnittene, schöne Gesicht der Göttin mit dem griechischen Profil (nach Winckelmann). Und er sich freut, dass die Juwelenhändler weniger Ahnung haben als er, die sich bei dem Stück nicht sicher waren, ob aus es Muschel oder Stein gefertigt und die rosa Mondsichel geklebt sei….

Gemme in drei Lagen aus Achat geschnitzt, Motiv der Diana, mit Goldrand und Perlen gefasst, Sammlung RW, Fotografie RW, Februar 2025

Wohin geht die Reise?

Heute ist der 23. Tag des zweiten Monats im Neuen Jahr. Das erste Schiff, das ich heute morgen vorbeifahren sehe, heißt Renate. Das ist die Wiedergeborene. Ein Name, der in den Nachkriegsjahren noch beliebt war und heute selten geworden ist. Das Schiff, das etwas weiter rheinaufwärts bei Bad Godesberg vorbeifuhr, es war am 9. Februar, heißt Inge, ein altmodischer Klang. «Inge muß in die Welt – Erlebnisse eines jungen Mädchens unter den Eingeborenen der Sundainseln» dieses Buch haben wir als Kinder mit Schaudern gelesen. Darin war noch von Menschenfressern die Rede. Erstausgabe von 1928.
Der Fernsehabend heute am Wahltag ist voll von Hochrechnungen, Statements und Statistiken. In Sachsen haben über 40% die AFD gewählt.

Schiffe auf dem Rhein, Fotografie RW 23. 2. 2025 und 9. 2. 2025

Daisy and Pansy

Tiefrote Granate habe ich hier, schwankend zwischen Pyrop, Almandin und Rhodolith, je nach mineralischer Zusammensetzung blutrot, bis braunrot, dann aber auch purpurot bis violettrot, je nach Eisen- oder Mangnesiumgehalt. Hier sind sie in altertümlichen Schmuckstücken verbaut, es sei böhmischer Granat, sagte der Antiquitätenhändler. Auf unedlem Metall montiert, genannt Tombak, eine Kupfer-Zinklegierung, manchmal vergoldet. Das Stiefmütterchen hat es mir angetan. Und dazu kam noch die Blüte mit sechs petals, ungewöhnlich, die allermeisten Blüten haben fünf Blätter. Und ich nenne sie Pansy und Daisy. Ich verbaue sie in meinen Arbeiten. Gerade modelliere ich mit Ton – drei oder vier Köpfe hab ich schon fertig… und einen Bären mit ausgebreiteten Armen, ebenso einen Zottelgeist ohne Arme aber mit fächerartigen Auswüchsen auf Taillenhöhe. Darauf lege ich Korallen, Perlen oder schöne durchsichtige Kristalle. Gestern formte ich drei winzige Köpfchen, einen davon will ich in Silber abgießen lassen und heute wurde ein ein Eulenkopf fertig und zum Schluss ein Dreibein mit sehr runden Augenhöhlen. Einige Tonfiguren kratzte ich mit einem Krallen-Werkzeug, so entsteht Fell oder Feder auf ihrer Oberfläche. Ob ich sie alle braun glasiere? Ein Braun wie ein dunkles Zucker-Karamel. Karfunkel, carbunculus, glühende Kohlenfunken, Stiefmütterchen und Butterblume, Viola, Gänseblümchen, Heckenrose, Hagebutte, Granatapfel.

Zwei alte Granatschmuckstücke, Fotografie RW, 13. Februar 2025

Frost und Maulwurf


Die Erde auf dem Friedhof von Kloster Knechtsteden ist gefroren. Die Maulwürfe haben trotzdem fast vor jedem kleinen Grabstein der verstorbenen Mönche und Kriegstoten einen respektablen Haufen aufgeworfen. Unter der Erde ist es wohl wärmer. Die Hügel wirken so frisch, sie sind jedoch steinhart und fest gefroren – ich konnte nichts losklauben.
Es kommt so manches an die Oberfläche und leuchtet dann auf, da es lange verborgen war. Seltene oder gewöhnliche Steine, kleine Fragmente von Knochen, ein Ring, ein Knopf, eine kleine Perle von einem Rosenkranz, ein Abzeichen aus Metall, eine Scherbe aus Porzellan, ein Henkel aus Blech und ein Stück Horn von einem Messergriff.
Heute weiß ich, dass ich Dinge liebe, besonders die sehr alten, die schon durch so viele Hände und Jahre gewandert sind. Sie sprechen zu mir und ich nehme sie mit nach Hause, wasche sie, betrachte sie unter der Lupe und bereite ihnen einen würdigen Platz auf einem Sockel, den ich eigens für sie bauen werde.

Friedhofserde von Kloster Knechtsteden, Fotografie RW, 2. Februar 2025

Warten auf den Auftritt, oder war es schon danach?

Ich erinnere mich genau, dass die Zwillinge uns ärgerten. Sie zogen meiner Freundin an den langen Haaren. Der hinten stehende Junge hat seine Flöte schon ausgepackt, der andere hat sie im Etui gelassen und geschultert. Er schaut genau wie ich mit großen Augen in Richtung des Fotografen. Beim Konzert hatte ich den Anschluss bei den Noten verpasst und tat beim Flöten nur so als ob. Ich hatte eine dunkle Blockflöte und ich weiß, dass immer zuviel Spucke im Spiel war. Singen tat ich lieber und gern hätte ich mehr von der Musik gelernt. Den schauenden Jungen hab ich letztes Jahr bei der Beerdigung seines älteren Bruders wieder gesehen. In unserer alten Dorf-Kirche St. Peter und Paul. Mindestens zwei Peter hatten wir in der Klasse, die Mädchen hießen Carla, Evi und Angelika. Meine Klassenkameradinnen trugen damals fast alle winzige Ohringe, ich nicht, das galt als gewöhnlich. Mit einem Mädchen tauschte ich einen silbernen Freundschaftsring, das war aber schnell vorbei und ich mochte sie nicht mehr.

Volksschulkinder vor dem Weihnachts-Konzert, vielleicht Winter 1959, Familienarchiv RW, 31. Januar 2025

Halt die Welt an, ich möchte aussteigen.

Diesmal werde ich die neuen Köpfe nach dem Brennen braun glasieren, so etwa in der Farbe, die in den 70ern des 20. Jahrhunderts für Keramikgeschirr modern war. Wir hatten so eine Schale für Mixed Pickles, wenn ich mich richtig erinnere, oder waren es Kompottschalen? Dann setz‘ ich die Köpfe auf geschnitzte, dunkel gebeizte Holzvasen, schaurig schön mit Weinlaub und Trauben dekoriert. Ich erhielt diese unterschiedlich hohen Gefäße von meiner Schwester, die sie bei einer Haushaltauflösung in einem Wohnzimmerschrank gefunden hat. Das werden meine neuen Kanopen.
Bei dem Begräbniskult der alten Ägypter werden auf die vier Kanopen als Behältnis für die Eingeweide des Verstorbenen die Köpfe der vier Horussöhne gesetzt:
Amset, Duamutef, Kebehsenuef und Hapi –
Mensch, Schakal, Falke, Affe  –
Leber, Magen, Darm, Lunge –
Süden, Osten, Westen, Norden.

«Halt die Welt an, ich möchte aussteigen.» Diesen Satz schrieb ich 1986 nach dem Supergau in Tschernobyl in mein Notizbuch. Neue Köpfe aus Ton, noch trocknend. Fotografie RW, 24. Januar 2025

Eintritt in die Zahlenwelt

Denken und Rechnen zwischen drei und vier Uhr nachts:
Wenn ich die 23 verdopple, erhalte ich 46, verdopple ich wieder, erhalte ich 92 und so weiter. Bis 5888 kann ich es noch im Kopf rechnen. Es macht mir ziemlich Mühe, eigentlich sollte ich schlafen, an nichts denken: aber Nichts, Nichts, Nichts zu denken, fällt auch schwer. Jetzt interessieren mich die Quersummen meiner gewonnenen Zahlen. Die Quersumme von 23 ist 5, von 46 ist sie 10, bzw. 1, usw. Plötzliche merke ich, dass sich die Quersummen ähneln. Das ist verblüffend: wiederholen sich die Quersummen, wenn ich von 23 ausgehend immer wieder verdoppele?
23 46 92 184 368 736 1472 2944 5888 11776
5 1 2 4 8 7 5 1 2 4
JA! Die Quersumme der Gruppe ist 9.
Wenn man die 27 verdoppelt, kommt immer die 9 als Quersumme.
27 54 108 216
9 9 9 9
Wenn man die 21 verdoppelt, kommt immer 3 und 6 als Wiederholung.
21 42 84 168 336
3 6 3 6 3
Ich bin so erstaunt über meine nächtlichen Entdeckungen, dass ich sie notiere und in den nächsten Tagen darüber schreiben will. Da suche ich heute ein passendes Beitragsbild nach dem Nadel-im-Heuhaufen-Prinzip, es hilft der Zufall und ich lande durch planloses Scrollen und Klicken in einem Archiv des Jahres 2009. Das Foto habe ich im Oktober 2009 in Schottland aufgenommen. In der Gemäldesammlung eines alten Schlosses, das als Jugendherberge diente. Ein schlafender Amor mit der Inventarnummer 23.

Schlafender Amor, Gemälde 23 in der Sammlung von Carbisdale Castle, Schottland, invertierte Fotografie, RW, Oktober 2009