Der indische Prinz besitzt bereits mehrere Kameen mit fein geschnitzten Köpfen aus der griechischen Mythologie, geschnitten aus der roten Helmschnecke oder aus Lagenstein. Nun wünscht er sich unbedingt eine Kamee mit einer vielfigurigen Szene, am liebsten aus dem Leben der Götter.
Zahlreiche Kameen wurden im 18. Jahrhundert für die Reisenden der Grand Tour geschaffen. Als Material dienten exotische Meeresschnecken, die im Zuge des weltweit florierenden Seehandels der vorangegangenen Jahrhunderte aus fernen Ländern nach Europa gelangt waren. Die Antikenbegeisterung des 18. Jahrhunderts löste einen regelrechten Boom aus: Wer die frisch ausgegrabenen Meisterwerke der Antike bewunderte, wollte deren Motive auch in kleinem Format als Erinnerungsstück mit nach Hause nehmen.
Schließlich wird der Prinz bei einem Juwelier in der Nähe von Aachen fündig. Dieser hat eine Gemmensammlung aus dem Ruhrgebiet angekauft, weiß jedoch weder Näheres über deren Herkunft noch über die dargestellten Motive. Unter den vor ihm ausgebreiteten Stücken entdeckt der indische Prinz das Urteil des Paris, Diana mit ihren Gefährtinnen, Venus mit Gespielinnen neben einer Herme und einem Opferaltar, Aurora auf ihrem von Pferden gezogenen Wagen sowie weitere mythologische Darstellungen. Sogar ein geflügelter Saturn mit Sense ist darunter.
Viele der Gemmen erweisen sich als typische Touristenware – schlicht oder stereotyp gearbeitet. Doch eine besonders fein geschnittene Kamee im Querformat mit vier Figuren zieht sofort seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie ist offenbar in der Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Gemmenschneider in Torre del Greco bei Neapel gefertigt worden. Ihr Alter lässt sich an der einfachen Nadel mit C-Haken auf der Rückseite erkennen. Die Kamee ist in einen querovalen, vergoldeten Blechrahmen gefasst.
Bei genauerem Betrachten entfaltet sich die Szene: Vulkan steht an seiner Schmiede und bearbeitet mit dem Hammer einen Pfeil. Neben ihm sitzt seine Gemahlin Venus und taucht ihren Pfeil mit der Spitze in eine Schale – ein Liebeszauber? Unter ihrem Stuhl zwei Turteltauben als Sinnbild der Liebe. Amor und Mars, der Geliebte von Venus, der ebenfalls einen Pfeil in der Hand hält, vervollständigen die Darstellung. Die Ausführung ist von schöner Feinheit – selbst die Befiederung der Pfeile ist deutlich zu erkennen. Die Oberfläche ist allerdings etwas abgetragen, besonders das Gesicht der Venus ist verflacht.
Der indische Prinz erkennt sofort, dass das Vorbild für diese vielfigurige Komposition von dem dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen (1770-1844) stammt. Doch wie gelangte dieses Motiv in die Werkstatt eines neapolitanischen Gemmenschneiders des 19. Jahrhunderts?
Die Erklärung liegt in der außerordentlichen Popularität Thorvaldsens. Seine Kunstwerke wurden schon zu seinen Lebzeiten in Kupferstiche und andere grafische Reproduktionen übertragen, in hohen Auflagen gedruckt und in ganz Europa verbreitet. Gerade im Mittelmeerraum, wo sich die Werkstätten der Kameenschneider befanden und die Reisenden der Grand Tour ihre Erinnerungsstücke erwarben, dienten diese Druckgrafiken häufig als Vorlagen.
Der indische Prinz kauft die Kamee für wenig Geld und zeigt sie am nächsten Tag der steinalten Sophia, die seine Begeisterung zwar teilt, aber lieber über seine Edelsteine sprechen will, in der Hoffnung, dass er ihr bald einen kostbaren Ring schenken wird.

