Heiße Quellen und Höllenvulkan

1786 beginnt Goethe von Karlsbad aus seine Italienreise. Im böhmischen Kurort hat er gerade seinen 37. Geburtstag gefeiert und bricht am 3. September um drei Uhr morgens heimlich auf, um weiteren Verbindlichkeiten zu entgehen. Karlsbad besucht er insgesamt dreizehn Mal. Als Geologe und Mineraloge legt er sich eine Sammlung von ortstypischen Mineralien an. Besonders begeistert ist er von der Aragonit-Varietät, dem Sprudelstein, einem Kalksinter, der oft sehr schön gebändert ist. Im Goethe Museum Düsseldorf gibt es ein kleines altertümliches Kästchen darinnen eine Sprudelsteinsammlung von 1832, mit einer Einführung von Goethe.
Heute heißt das seit Jahrhunderten berühmte böhmische Karlsbad Karlovy Vary und gehört zu Tschechien. Meine kleine Brosche aus Karlsbad könnte noch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Die weiße Farbe in dem Schriftzug ist herausgewittert. Die Brosche ist eine sehr schlichte Pietra-Dura-Arbeit aus Sprudelstein und Malachit. In einer dekorativen Kupferblechfassung wurde sie als Andenken aus dem Heilbad mitgebracht, landete in Berlin und dort erwarb ich sie zusammen mit der Vesuvbrosche für wenig Geld.

Im Februar 1787 hat Goethe Neapel erreicht. Bald fährt er mit der Kutsche Richtung Vesuv, auf einem Maultier reitet er hinauf, das letzte Stück bis an den Kraterrand zu Fuß. Dreimal besucht er den Krater, erlebt dichte Rauchschwaden und Ausbrüche glühender Lava. Er sammelt Lavabrocken und anderes vulkanisches Gestein. Ich besitze einen Vesuvian mit gelblich grünlichen Kristallen auf rötlicher Lava. Der Geologe Abraham Gottlob Werner, den Goethe wohl auch des Öfteren traf, erkennt 1795 Vesuvian als eigenes Mineral. Ich habe den Vesuv auch bestiegen und in den beißenden Krater geblickt. Ebenso war ich bei den Phlegräischen Feldern und habe dort aus den rauchenden Erdlöchern Proben von Schwefel entnommen. Außerdem konnte ich nicht an den lustigen Touristen-Gesteinssammlungen in schrill bunten Kästen vorbeigehen und habe zwei gekauft, unter anderem mit Pioggia di Cenere (Ascheregen) in einem Glasröhrchen.
Vom Maler und Italien-Begleiter Goethes Christoph Heinrich Kniep ist eine aquarellierte Federzeichnung Die Bucht von Neapel mit Blick auf den Vesuv erhalten. Diese Ansicht zeigt auch die kleine Kamee mit der Darstellung des Golfs von Neapel. Sehr einfach geschnitzt aus der Schale einer Meeresschnecke. Deutlich sieht man die beiden Gipfel des Vesuvs, des 79 nach Christus auseinandergebrochenen Monte Somma. Der Vesuv raucht – sehr schön hat der Schnitzer die violette Schicht der Schnecke für die Rauchwolke genutzt. Darunter erkennt man in der weißen Schicht des Schalenaufbaus noch eine Dreiecksform. Ist damit ein Segelboot gemeint oder das Castel dell’Ovo? Ich habe alte Darstellungen der Bucht von Neapel verglichen und tatsächlich gibt es auch Ansichten, näher am Castel aufgenommen, auf denen die massige Burg fast wie ein dreieckiges Gebirge aus dem Wasser ragt.
Es kostet mich große Mühe, heute, gestern und vorgestern diesen Text zu schreiben. Die Konzentration fällt schwer, es passieren Fehler. Schweiß tropft vom Gesicht. Draußen sind es über 37 Grad, drinnen gefühlt dreißig. Wir haben alles verdunkelt, die Ventilatoren laufen den ganzen Tag. Das Gefühl eingesperrt zu sein macht sich breit. Wir trinken viel, viel Wasser.

Zwei antike Schmuckstücke auf dem Buch «Goethe Italienische Reise», Sammlung RW, Fotografie RW, 25. 26. und 27. Juni 2026