Der indische Prinz erzählt von seinem Urgroßonkel, der bis 1947 Herrscher über eines der vielen Fürstentümer Indiens war. Die Familie bewohnte ein kleines Schloss im Punjab und er behauptete immer, dass er ein Gupta sei und nannte sich Bhanugupta. Der indische Prinz weiß, dass das nicht der wahren Historie entspricht. Soweit er sich erinnern kann, hieß der Onkel Raj Amit Singh. Nun, viel ist nicht überliefert. Aber ein paar Anekdoten weiß der indische Prinz noch genau, weil sie in der Familie so oft erzählt wurden. In den 1920er Jahres reist Raj Amit Singh immer wieder nach Paris, lebt dort sogar einen ganzen Frühling und befreundet sich mit der Familie eines stadtbekannten Juweliers von der Place Vendôme an. Dort gibt er zahlreiche Schmuckstücke in Auftrag, so auch eine Turban-Agraffe mit einem großen Smaragd von sicher 46 Carat. Die Edelsteine für diese Schmuckstücke stammen allesamt aus Indien, aber die Fertigungen, Rahmungen und Fassungen aus Paris. Nach seinem Tod zerstreuen sich die kostbaren Stücke, werden verkauft, versteigert, verschenkt. Der indische Prinz erhält aus diesem Schatz schon als Fünfjähriger einen Ring mit dem Namen Auge des Maharadscha. Seine Mutter verwahrt den Ring 13 Jahre bis zu seinem 18. Geburtstag. Als sie ihn überreichen will, ist er nicht am gewohnten Ort. Eine große Suche beginnt im ganzen Haus. Nichts findet sich.
Eine alte Rechnung bringt Gewissheit – sie hat den Ring in den Nachkriegsjahren in einem Pfandhaus beliehen und nicht wieder ausgelöst. Schweren Herzens lässt sie für ihren Sohn das Schmuckstück in Paris nachbauen. Beschreibungen und sogar eine alte Fotografie bezeugen sein Aussehen. Der Ring gehörte zu den ärmeren Juwelen aus dem Erbe, denn der Stein ist ein als Cabochon geschliffener tiefschwarzer Onyx, genannt Sugarloaf-Schliff, da hoch aufragend. Der Stein ist eine häufige Quarzvarietät, auch in Indien nicht so kostbar. Aber die 16 Brillanten, die ihn umgeben und fast zwei Carat wiegen sind wertvoll, dafür musste die Mutter schon tief in die Tasche greifen. Gefasst sind die Steine in einer Weißgoldschiene, die wie ein filigraner Korb alles hält. Der indische Prinz trägt die Kopie des Rings seitdem am kleinen Finger der linken Hand und hat seiner Mutter längst verziehen.
