Wer ist es?

Der indische Prinz sucht im Familienarchiv nach den Buchstaben A, J und G. Diese hat er auf einem alten, sehr großen Silbermedaillon gefunden, fest montiert an einer langen Rundpanzerkette, die mit der Zahl 84 punziert ist. Das Medaillon kommt ihm in einem Holzkasten entgegen, den er für besondere Briefe umwidmen wollte. Unter Samtbändern, Stickproben und Garnrollen scheppert es hervor, er öffnet es – leer. Nun will er es füllen und tragen, wem will er es widmen? Im Archiv findet er das Foto von Anne datiert mit 24. Mai 1945, sie trägt eine Bluse, deren Stickerei an die Russenkittel genannten Kinderhemden erinnert, die er von Erzählungen der steinalten Sophia kennt. Der Krieg ist gerade vorbei, Anne ist 23 Jahre alt und weiß nicht, was alles noch kommen wird.
Die Punzierung an der Kette des Medaillons weist auf 84 Zolotniki hin, eine russische Stempelung bis 1917, die auf 875er Silber hinweist. Wie kommt ein russisches Medaillon in die Holzkiste? 
Die Mutter von Anne hieß Johanna. Ein A und ein J ist also schon gefunden. Da sieht der Prinz ein briefmarkengroßes Stoffstückchen zwischen weißen, gebügelten Spitzentaschentüchern. Es ist oval mit Schwüngen ausgestattet wie ein Wappen und von winziger Lochstickerei umsäumt. Darauf ein J in einem W verschlungen, aufwändig gestickt. Johannas Mädchenname beginnt mit einem W. Das kleine Pröbchen legt der Prinz behutsam in das Silbermedaillon. Noch etwas muss hinein. Zwischen alten Postkarten, Fotos und Rechnungen findet er einen Bankbeleg. 1961 wurde Annes Vater dieses schmale Papier über einen Kauf von sechs 10-Golddollar-Münzen aus den USA überreicht, genau in der Bank, in der er selbst als Beamter arbeitete. Der Kurs lag bei 86, 5. Er zahlte 519 Deutsche Mark für alle sechs. Heute ist die Münze um 1800 € wert und der Vater hätte 10800 € zahlen müssen. So nimmt der indische Prinz das G für Geld und Gold, das Papier kommt ins russische Silber. Verrückt, wie ich’s gedreht habe, bei der ersten Betrachtung kamen mir die drei Buchstaben auf dem Medaillon sehr christlich vor: Das A für ein Ave, das J für Jesus und das G für Gott. Nun, gerade deswegen faltet der indische Prinz den Beleg sorgfältig, steckt ihn ins Medaillon und es scheppert nicht mehr, sondern lässt sich lautlos tragen.

Silbermedaillon auf Archivunterlagen, teil-invertierte Fotografie RW, 7. August 2026