Regen zum ersten Advent

Immer noch hat der Rhein Niedrigwasser, hier bei Düsseldorf von der Oberkasseler Brücke aus gesehen. Ganz links der leicht verdrehte Turm von St. Lambertus, vor dem Riesenrad der Schlossturm mit dem Schifffahrtsmuseum, ein Rest-Solitär des ehemaligen Düsseldorfer Residenzschlosses, ganz rechts das ehemalige Mannesmann-Hochhaus. In der Adventszeit wurden seine Fenster in Form eines riesigen Weihnachtsbaums erleuchtet. Auf den Sandbänken des Oberkasseler Ufers haben Spaßvögel die Basaltbrocken der trocken liegenden Buhnen zu Liebes-Botschaften umgelegt. Die Schiffe dürfen zur Zeit nur mit kleiner Ladung fahren. Ich höre jetzt wieder öfter die tuckernden Schiffsmotoren der alten, kleineren Lastkähne. Vielleicht wird der anhaltende Regen von heute Nacht die Pegel wieder steigen lassen. Nach dem Blätterverlust der Uferplatanen kann ich die Schiffsnamen von meinem Rheinfenster aus wieder gut lesen. TEMPTATION, PRIMO INITIO und MATURA.

Rechts und links, oben und unten, vorne und hinten

Neueres Überlegen und Ordnen ist zur Zeit nötig.
Das eigene Archiv ist meine Fundgrube.
Dazu kommen tagesaktuelle Themen aus den Medien,
jahreszeitliche Beobachtungen aus der Natur,
Dinge des unmittelbaren Lebens.
Kunst, Natur, Geschichte, Kultur
sind die Schlüssel.

Das oben abgebildete Foto stammt aus dem Familienarchiv.
Man sieht unter den vielen Menschen überwiegend Männer, manche mit weißem Helm, andere mit Hüten. Viele haben eine Kamera dabei. Eine der wenigen Frauen, mit braunem Rock rechts im Bild, trägt ihren Fotoapparat an einem Riemen um den Hals. Eine Bergmannskapelle wartet auf ihren Einsatz. Vorne links im Bild schauen einige mit offenem Mund in die Luft. Warum? Alle warten hinter einer Absperrung, schauen nach rechts und nach links. Ein einziger, großer junger Mann in blauer Kluft scheint den Fotografen (meinen Vater) zu fixieren. Auf dem Dach des Gebäudes arbeitet ein Filmteam. Im Hintergrund sieht man den Rhein. Eine deutsche und eine englische Flagge hängen etwas schlaff an zwei Masten. Unter dem vorkragenden Dach des Gebäudes scheint eine Delegation von höher gestellten Personen zu warten.
Dieses Dia wurde von meinem Vater 1965 aufgenommen, als die englische Königin auf ihrer Deutschlandreise Duisburg besuchte, auch die Hüttenwerke von Mannesmann in Huckingen, wo mein Vater arbeitete. Die Menschen warten auf den Auto-Konvoi  mit der Queen im offenen Wagen, sie wird hier aussteigen und von einer Delegation der Mannesmann AG und Politikern empfangen. Sie trägt einen blauen Mantel mit passendem Hut. Meine Mutter, die meinen Vater bei diesem Empfang begleitete, hat zu dem Anlass ein himmelblaues Kostüm mit hellem Nerzkragen getragen.

Weihnachtsplunder

Mir geht es dieses Jahr alles zu schnell. Will ich Tannenzweige kaufen? Über Geschenke nachdenken? Am Sonntag ist der erste Advent. Allerdings liegt der Weihnachtsplunder schon seit Wochen in den Geschäften. Und das Weiße Haus hat ihn bis zum Fürchten aufgetürmt.
Immerhin war ich gestern am Grab meiner Eltern und habe dann doch Tannenzweige mit roten Beeren und Kiefernzapfen aufgestellt. Ein wenig adventlich sieht’s schon aus. Und zu Hause hab ich drei schöne Amaryllis in eine Vase ans Rheinfenster gestellt.
Es kommt mir vor, als hätte ich mein Vertrauen in die Sicherheiten des Alltags verloren. Hasenfuß ist mein Name. Und zu nah am Wasser gebaut, so nennen wir das.

 

Weihnachts-Dekoration von Melania Trump im White House, von RW und LB verändertes Foto, faz.net

Hasenfuß

Am ganzen Leib zittert der kleine Hund und wagt es den ganzen Abend nicht, unter dem Tisch hervorzukommen. Oben auf dem Tisch sitzt der Hase aufrecht im Dekor des alten Likörglases und nimmt die Witterung des Hündchens auf. Was für eine konstruierte Geschichte, aber heute Abend gefällt sie mir.

Das Hündchen trafen wir am Samstagabend bei einem schönen Familientreffen am Niederrhein und kombinierten es heute abend mit einem alten Glas aus unserer Sammlung

Korrespondenzen XXVIII



Spes blickt zum Himmel,
lässt gleich den Falken frei,
der Anker zu ihren Füßen.
Tief im Berg wird ein Bild geformt,
verborgen in einer Druse.
Gefunden und aufgeschlagen
wird es angeschaut.

Glasfenster mit der Allegorie der Hoffnung, gesehen in het Limburgs Museum, Venlo
Druse gefüllt mit Amethyst und orangefarbenem Calcit, Baumholder,
aus der Sammlung von RW

Ein Fest zum Dreiundzwanzigsten: Die Farben des Turmalin


Das Rote bleibt innen,
wenn der Turmalin aus dem Quarz heraussteigt,
wird er mit Grünblautürkis gekrönt.
Rubellit, Verdelith, Indigolith,
Elbait, farblich zoniert.
Das Grün ist ein Mantel
und das Herz ist rot, aber im Innern der Stufe
ist der Mantel dünn oder ganz verschwunden.
Der Quarz übernimmt wohl die Umkleidung.
Wassermelonenturmalin, ein profanes Wortbild
für eine viel festlichere Erscheinung.

Zweifarbiger Turmalin in Quarz, gesehen 2016 im Senckenberg Naturmuseum, Frankfurt

Wintergeist

Knorriges Wurzelwerk aus einem Gemälde von Thomas Gainsborough,
das alte Pelzfutter eines warmen Mantels,
die Laute mit Kopf aus einem Gemälde von Orazio Gentileschi,
der Heliodor aus einem Mineralienbuch
– eisiger Wintergeist –

 

Detail aus einer Materialcollage von RW und LB, invertierte Fotografie, November 2018

Melancholia animalis

Heute Nacht um 4.14 Uhr hörte ich
einen leisen, hellen, rufenden Ton,
wiederholt in gleichmäßigem Rhythmus.
Ich hielt die Luft an.
Aber der Ruf ertönte weiter,
mit den Geräuschen unseres Atmens im Zimmer
hatte er nichts zu tun.
Er kam aus der Winternacht draußen.
Das Klagen eines Vogels?
Das Fiepen eines Nagers?
Nach einer Weile verstummte der Laut.
Später träumte ich den Namen
Franziskus von Hochfeld.

Ausgestopfter Vogel, gesehen 2015 im Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main

Urban knowledge

Wir waren zurückgekehrt in die Großstadt am Rhein. Winterliche Kälte empfing uns am Abend. Der Mond hatte gehörig zugenommen und beleuchtete den Turm am Ende der Königsallee. In der von uns besuchten Ausstellung hatte das Partyvolk nicht nur die Lichtregie übernommen, sondern wie mir schien, auch die Auswahl der Arbeiten. Die Musik übertönte all unsere Gespräche. Wir hatten schnell erkannt, dass das Hinsehen sich bei den meisten Werken nicht lohnte. In der hintersten Ecke des Raumes blickte ich aus dem Fenster und erholte mich bei der Frage, wer draußen all diese Geraden, Flächen und Körper zusammengestellt hatte.

Der junge Brahms


Der Blick des jungen Brahms zielt auf mich.
Schon seit Jahren hab ich diese Fotografie gespeichert.
Seine Züge sind mir verwandt,
er sieht aus wie ein möglicher Bruder, Onkel, Neffe.
Zur Zeit der Aufnahme, in der Mitte des 19. Jahrhunderts,
war er in seinen 20ern und weilte sogar in Düsseldorf.
Bei Robert und Clara Schumann ging er ein und aus.
«Lieben Sie Brahms?»
Aber ja, selbstverständlich, wie viele besonders
die Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90.
Clara Schumann sah dazu einen
«geheimnisvollen Zauber des Waldlebens.»
«Es ist lauter Liebe und das Herz geht einem dabei auf»
kommentierte Dvorak, dessen Musik mir ebenfalls sehr nah ist.

Brahms war um die 50, als er diese Sinfonie komponierte,
und erst in den 30ern, als er Ein deutsches Requiem schrieb,
das ich zur Zeit leider nicht im Stande bin zu hören.

 

https://www.swr.de/swr2/musik/musikstueck/brahms-johannes-sinfonie-nr-3-f-dur-op-90
https://www1.wdr.de/radio/wdr3/musik/wdr3-werkbetrachtungen/brahms-dritte-sinfonie