Anrufung

Zweimal hörte ich in zwei Nächten ganz deutlich meinen Namen rufen. Die Stimme war männlich, aber hell. Ich richtete mich ruckartig auf und antwortete Ja? Nichts. Ein Fehler der Wahrnehmung? Eine Interpretation eines Geräuschs durch das Gehirn?
Im Konzert konnte ich mein Gehirn, mein Bewußtsein, meine Wahrnehmung derart beinflussen, dass ich nicht auffällig wurde durch einen Laut, durch das Aufreißen des Mundes, durch eine plötzliche Wendung meines Kopfes. Ich richtete mich auf, nahm das Gesicht hoch und ließ die Musik in mein Gehör, weiter in meinen Kopf, ja durch meinen ganzen Körper strömen. Ich war gefasst.
Vor mir nahm ich eine Frau wahr, die ihren Kopf entschieden rhythmisch bewegte. Auf dem Rang rechts sah ich einen Mann, sein helles Gesicht von dunklen Locken umrahmt, der mit geschlossenen Augen lauschte. Ich sah die junge Violonistin, die in der Einsatzpause der Geigen als einzige lächelte, dem Gesang der über hundert Stimmen des großen Chors aufmerksam zuhörend.
Der Bariton schaute mich direkt an, nachdem er gesungen hatte: Siehe, ich sage euch ein Geheimnis… Er stand weit weg von meinem Platz, hinter dem Orchester, unter dem Chor –  gemeint waren alle, die imstande waren zu hören.

Vor dem Konzert: Ein deutsches Requiem, Johannes Brahms, Aufführung in der Tonhalle Düsseldorf,
Fotografie RW, 22. November 24.

Verheißungen

Die steinalte Sophia hat sich vorgenommen, die Tage mit Ereignissen anzufüllen. Heute freut sie sich, sie ist mit dem Auto in die frühere Heimat gefahren, nicht über die Autobahn, sondern über die alte Landstraße, die beide Städte verbindet – ihren heutigen Wohnort und die Gegend ihrer Jugend. Mitten in der inzwischen verkommenen Stadt, in der Nähe des Bahnhofs, aber auch nicht unweit vom Museum, findet sie das Pfandleihhaus, dessen Adresse sie vorher im Web recherchiert hat. Sie betritt es durch die offene Tür, hört wie Geld gezählt wird – 1000, 1100, 1200… Eine Dame tritt an den Schalter und die steinalte Sophia trägt ihr Anliegen vor: Ich suche einen 4fach-Dukaten in 986er Goldlegierung, Durchmesser 39,50 mm, Gewicht 13,96 g, mit der Jahreszahl 1915 und Kaiser Franz Joseph recto und verso der Doppeladler. Die Dame verschwindet und kommt mit einem Exemplar wieder, das allerdings mit einem goldenen Rahmen und einer Anhängeröse versehen ist. So kann ich ihn sogar an einem Band tragen, freut sich Sophia und zeigt der Angestellten ihren Ring mit dem einfachen Dukaten, den sie am Finger trägt. Sie handelt den Verkaufspreis für den großen Dukaten noch ein wenig herunter, lässt sich Expertise und Rechnung aushändigen und geht am Park vorbei zurück zu ihrem Auto. Am Museum leuchten und laufen überlebensgroß die Projektionen mit den Runners von Julian Opie, ein seltsamer Kontrast zu den Typen, die im Park auf den Bänken sitzen und den Passanten, die zur Bushaltestelle eilen. Die steinalte Sophia schaut zum Himmel, wo zwischen schweren Regenwolken blaue Himmelspartien und Sonnenstrahlen hervorblitzen. Sie beschließt zurückzufahren in die reichere Stadt, aber wieder auf der alten Landstraße. Sie sieht die stillgelegten Straßenbahnschienen, erinnert sich, wie sie als 16jährige zur Tanzstunde fuhr. Sie sieht die wenigen schöneren Häuser, von denen es immer geheißen hat, es seien Fabrikantenvillen der Stahlindustrie. Sie sieht das Gebäude der Bowlingbahn, in das sie zum Kindergeburtstag eingeladen war. Sie denkt dankbar an ihren Vater, dankbar eine Kindheit erlebt zu haben – mit unerfüllten Sehnsüchten voller Hoffnung auf Kommendes.
Zurück in ihrer Wohnung setzt sie sich ans Rheinfenster und betrachtet den 4fach-Dukaten im Restlicht des Abendrots. Verheißungsvoll schimmert er es im Dunkeln zurück.

Abendhimmel an der Rheinallee, Fotografie RW, November 2024

Tag, Nacht, Zeit und ein Pferd

Der Himmel ist schwer von Schnee, die Dächer weiß, die Straße nicht. Schnurgerade geht sie in die Ferne und glitzert golden durch Elektrizität oder fahles Sonnenlicht. Im heiligen Tempel leuchtet es hinter den vier dorischen Säulen, als lade man zum Gottesdienst ein und vorne auf der Straße scheint die Treppe aufwärts zu führen, aber das ist ein perspektivischer Spuk. Oben rechts nah bei meinem Fenster wirft ein Balkongitter, gerade noch erkennbar, ein Herz. Ein Wintertag in Paris.
In Wirklichkeit ist es Nacht und es gibt keinen Schnee. Die festlichen Lichter der Straße führen das Auge tief bis zum dunklen Himmel über dem Horizont. Der Zebrastreifen glänzt wie eine goldene Treppe. Auf dem Dach der Kirche das hell erleuchtete Kreuz. Ich weiß, dass im Tympanon die Religion thront mit ihren Attributen Kelch und Kreuz. Darunter erkenne ich geschrieben D.O.M.SUB.INVOC.SANCTI.PHILIPPI.APOSTOLI. Einem der zwölf Apostel, Philippus, dem Pferdefreund, ist die Kirche geweiht. Ich denke an ein Gemälde von Camille Pissaro – glitzernde nasse Rue Saint-Honoré, fluchtende Straße mit vielen schwarz gekleideten Menschen, Pferdekutschen und ganz vorne beim Café mit den rotweißen Markisen sehe ich das Pferd vor seiner Droschke, es senkt den Kopf, eine Futtersack kann ich nicht erkennen. Gern nehm ich alle verstorbenen Tiere in mein Allerheiligen auf.

Paris 2024, Blick aus dem Hotel-Fenster auf die Eglise ST PHILIPPE DU ROULE und die RUE DU FAUBOURG ST HONORÉ, Fotografie RW, einmal invertiert, Februar 2024, Allerheiligen 2024

Vollmond

Am Föhntag setzt der Mond ein Großes I. Versehen mit einem runden Schleier. Das gibt eine Wetteränderung und so hängen am nächsten Tag die Wolken tief auf 800 Metern. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch bei 90 Prozent. Die Menschen atmen schwer und schwitzen schon beim Betrachten der Auslagen des Herrgottschnitzers. Auf eine Wanderung wird verzichtet, stattdessen fährt die Kabinenbahn auf kleinen Rollen und dünnen Seilen hoch auf das große Horn. Dort warten Beton und Felsen. Die Schneeplacken sind geschmolzen, Speck und Enzian auf dem Holzbrett stehen bereit.

Vollmond in Oberstdorf, Fotografie RW, 17.10.2024

Zbigniew Herbert

Kiesel
Der kiesel ist als geschöpf
vollkommen
sich selber gleich
auf seine grenzen bedacht
genau erfüllt
vom steinernen sinn
mit einem geruch der an nichts erinnert
nichts verscheucht keinen wunsch erweckt
sein eifer und seine kühle
sind richtig und voller würde
ich spür einen schweren vorwurf
halt ich ihn in der hand
weil dann seinen edlen leib
die falsche wärme durchdringt –
kiesel lassen sich nicht zähmen
sie betrachten uns bis zum schluss
mit ruhigem sehr klarem auge

Gedicht von Zbigniew Herbert (1924-1998), gefunden in Michael Krüger: „Meteorologie des Herzens: Über meinen Großvater, Zbigniew Herbert, Petrarca und mich“ Berenberg Verlag GmbH, 23. 02. 2021
Meine Kiesel: Maaseier aus dem Rhein in der aktuellen Ausstellung in Schloss Reuschenberg, Kunstinitiative Wurzeln und Flügel, bis zum 22. Dezember 2024, Fotografie RW, Oktober 2024

 

Vom großen Glück

Der indische Prinz ist am Sonntag zur Vernissage einer Kunstausstellung eingeladen. Ein wenig hat er die Ausstellung mitkonzipiert. Im Vorfeld hat er der Künstlerin folgende Edelsteine und Mineralien für ihre Arbeit geschenkt: eine alte Miniatur-Snuffbottle aus violett, blau und rot schimmerndem Edelopal, geschnitzt von einem chinesischen Edelsteinschneider; eine antike, kleine, goldene Brosche aus England mit Rubin, Opal und Diamanten in Form einer Fliege; einen Augenachat; einen stalaktitisch gewachsenen Amethyst mit Augenanschnitt und einen großen violetten Fluoritkristall. Die Künstlerin kombiniert die Steine mit ihren Arbeiten, so dass etwas völlig Neues entsteht. Snuffbottle, Fluorit und Augenamethyst finden sich im Silberwald wieder – unter einer Glasglocke stehen drei silbern glasierte Keramikbäume, auf einem der geschnitzte Opal, dazwischen schimmern violett Amethyst und Fluorit. Die Künstlerin hat als Dank das Porträtfoto eines Vorfahren des indischen Prinzen in einer Collage verarbeitet – diese hängt nun in der Ausstellung in unmittelbarer Nähe des Silberwaldes auf der Rückseite der blauen Wand. Die Vorderseite ist mit zehn weißen Wandkonsolen bestückt, worauf die Künstlerin blauweiße Vasen gestellt hat, die jeweils Mineralien, Korallen oder Keramikköpfe tragen. Die Idee kam ihr nach einem Besuch im Rijksmuseum, wo es eine Wand mit symmetrisch angeordnetem, kostbaren, chinesischen Porzellan gibt, nach den Zeichnungen und Stichen des Architekten und Kupferstechers Daniel Marot (1661-1752) aufgebaut. (Dank an G. J. M. Weber für den Hinweis)
Die kleine Edelsteinfliege findet der indische Prinz im ersten Stock des großen Ausstellungsraumes ebenfalls unter einer Glasglocke. Ein goldener Ast mit vielen aus Papier geschnittenen Augen ragt darunter auf und zu seinen Füßen neben einer Citrinstufe liegt der Augenachat. Der Prinz ist so glücklich, als er all diese Dinge erblickt, eine Euphorie erfüllt ihn, die er nur aus Kindertagen von hohen Festtagen kennt. Er schweift mit den Augen umher und sieht magische Korrespondenzen zwischen den Farben der großen abstrakten Gemälde an den Wänden. Diese stammen von dem mit der Künstlerin ausstellenden Maler. Viele der über zweihundert Besucher der Vernissage beglückwünschen die beiden, die mit ihrer Freude alle anstecken, da ihre sehr unterschiedlichen Arbeiten in so gute Beziehungen miteinander kommen.
Draußen leuchtet die Herbssonne auf das Schloss Reuschenberg mitten im schönen Park, umgeben von der braun fließenden Erft. Ein kleiner, grauer Flußkrebs hat sich auf dem Weg zwischen Schloss und Ausstellungsräumen verirrt. Als der Prinz ihn packen will, um ihn in das Flüsschen zurückzugeben, stellt er drohend seine beiden Scheren auf. Der Prinz nimmt zwei große Blätter der Kastanien vom Boden auf, greift das Tier behutsam an den Seiten und kann ihn unversehrt ins Wasser zurückbringen.

«Indischer Prinz auf der blauen Wand», Collage von RW, Ausstellung von Ruth Weber und Jan Kolata am Schloss Reuschenberg in den Räumen der Kunstinitiative Wurzeln und Flügel, bis 22. Dezember 2024, Neuss, Gerhard-Hoehme-Allee 1

Der Gemütswandel

Auf den alten Schränken in einem großen Archiv lagern die Gipse der Affenköpfe. Es sind allesamt Porträts. Die Tiere haben einst gelebt im Zoo der Großstadt und als sie gestorben waren, nahm ein bekannter Tierbildhauer von ihnen Gipsabdrücke. Mit ernsten Mienen schauen sie über mich hinweg und wissen, wie es im Schattenreich aussieht. Ab und zu summen die Affen Melodien, die an die Musik von Ennio Morricone erinnern – das behaupte ich jetzt einfach so, weil ich gestern auf einer Autofahrt eine mir unbekannte Musik des Filmkomponisten hörte und von einem heftigen Gemütswandel überfallen wurde.

Gipssammlung des Aquzoos Düsseldorf, invertierte Fotografie RW 2023

Geheimnisvolle Korrespondenzen

So ist das also, überlege ich – Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin, veröffentlicht schon seit langem Fensterausblicke mit dem Hashtag window23 – das wusste ich nicht, bis es mir auf Instagram heute auffällt und ich seine Aktivität in meine 23-Sammlung aufnehme. Ich mache ein paar Bildschirmfotos von seinen Instagramveröffentlichungen und sehe, dass er dieses Hashtag schon seit mindestens 2017 bedient. Ich entdecke ein häufig wiederkehrendes Fenstermotiv (in New York?) und sehe das Datum vom 23. Dezember 2017. Ich frage mich, was ich an diesem Tag so kurz vor Weihnachten wohl gemacht habe. Und siehe da, es war ein für mich denkwürdiger Tag –ich hatte es im Kalender notiert. Um 15.23 Uhr ging an diesem 23. Dezember 2017 meine Website Ruth23Weber.de online. Ich bin Klaus Biesenbach dankbar für die window23-Serie und freue mich, dass er genau an diesem Tag sein #Window23 postete.

Bildschirmfoto von Instagram, 7. September 2024 RW, Sammlung 23 RW

Falsche Nachricht am Namenstag


Ein hochberühmter Ausstellungsmacher und Kurator, Direktor einer noch berühmteren Galerie in einer Millionenstadt im englischsprachigen Ausland, schreibt einer Künstlerin eine Mail und lobt darin ihre Arbeit. Die Künstlerin misstraut der Mail und glaubt an einen Irrtum, eine Täuschung, eine pishing mail, durch die ein Betrüger mit Hilfe des bekannten Namens an ihre persönliche Daten kommen will. Sie fragt den indischen Prinzen und die steinalte Sophie, die sich in der internationalen Kunstwelt auskennen, nach deren Meinung. Die beiden fackeln nicht lange und geben sofort zu, dass sie diese Mail verschickt haben, um sich einen Spaß mit der Künstlerin zu machen. Dieser Spaß ist für mich kein Unglück, antwortet die Künstlerin, im Gegenteil – damit habt ihr mir einen Gefallen getan, denn so kann ich Irrtum zu Fehler, Fake zu Fälschung, Truth zu Tatsache, Ordnung zu Erdung legen und alles in die dafür vorgesehene Kammer sperren.

Familie, Keramik-Köpfe auf Vasen unter Glassturz, Sammlung RW, digital bearbeitete Fotografie RW, am 1. September 2024, dem Namenstag von RW

Eisberg A23a

Heute, am 23. August, will ich an den Riesen-Tafel-Eisberg denken, der gerade auf der Stelle rotiert, vielleicht viele Jahre lang. Sein schöner Name ist A23a. Er ist auf seiner Reise Richtung Norden in den Zirkumpolarstrom mit seinen Wirbeln geraten. 4000 Quadratkilometer Eisfläche, die sich vor über 30 Jahren vom Schelfeis der Antarktis löste, dreht sich nun seit April über einem Unterwasservulkan, der die Wirbel mit verursacht. Forscher wollen errechnen, wann der A23a weiterdriften wird. Er schmilzt bei seiner Reise, bis in 230 (oder?) Jahren all seine Eisteilchen und Mineralienstäube im Wasser gelöst sind.

Gesichtsstein vom Kindli-Ufer am Vierwaldstättersee auf rotglasierter Keramik, Fotografie RW, Sammlung RW, 23. August 2024