Le Dauphin et le Pêcheur

Gestern bekam der indische Prinz eine Gravure attribuée à Nicolas II de Larmessin geschenkt. Der Schenkende hatte sie selbst mit Aquarellfarben koloriert, dabei aber auch Gold- und Silberfarben für die Fische verwendet. Die Druckwerkstatt des Larmessin befand sich Mitte des 17. Jahrhunderts in Paris auf der Rue St Jacques in der Nähe der Kirche St. Severin. Der Schenkende erzählte, dass er den Druck in Lissabon erworben hatte, zusammen mit weiteren Blättern aus der Reihe Les Costumes grotesques et les métiers. Da gibt es den Optiker, den Stellmacher, den Bäcker, den Musiker, den Maler, den Mediziner, den Letternmacher, den Kerzenmacher etc.. Der Laden in Lissabon muss nach den Schilderungen des Schenkenden sehr kurios gewesen sein. Der Antiquar haust dort inmitten von hunderttausend Dingen zusammen mit seiner alten Mutter. Ein eigenartiger Geruch füllt den verstiegenen Raum, und so hat der Schenkende die Blätter erst in einem zweiten Anlauf erworben.
Das vorliegende Blatt gefällt dem indischen Prinzen sehr, alle Meerestiere sind mit Namen beschriftet, meist kennt er diese aus der französischen Küche: die Haare des eleganten Fischers bestehen aus kleinen, sich kringelnden Aalen und Neunaugen, ein Delphin muss als Hut herhalten. Barsch, Meeräsche und Schleie bilden seine Weste, ein langer Stör zeigt eine Knopfleiste an. Am Aal-Gürtel hat er Dorsch, Hecht und Seelöwe hängen – wobei der Seelöwe wie ein Fisch aussieht – vielleicht ist der Loup de mer gemeint. Auf Kniehöhe trägt der Pescheur einen Taschenkrebs. Die gesamte Figur, im raffinierten Kontrapost am Meeresstrand stehend, erinnert an die höfische, französische Mode zur Zeit Ludwigs XIV. Zumal das französische Wort für Delfin Dauphin ja auch einen Prinzen meint – Louis de Bourbon (1661–1711), Dauphin von Frankreich und Sohn Ludwigs XIV hat Larmessin 1680 in einer Gravur verewigt. Fast sieht es so aus, als wäre dieser Fischer ein Porträt des Dauphin, die vielen Locken, das Gesicht – eine verblüffende Ähnlichkeit.
Der Graveur Larmessin hat bekanntlich viele Porträts königlicher Familien gestochen. Der indische Prinz erfuhr zu seiner großen Freude, dass dabei ein eindrucksvolles Bildnis des indischen Mogul-Kaisers Aurangzeb ist, über den und dessen Familie John Dryden 1675 ein tragisches Drama schrieb. Der Prinz wusste, dass er in dreiundzwanzigster Linie mit dem Mogul verwandt war. Zum Abschluss seiner Betrachtungen hörte er sich gleich Henry Purcells Musik zu diesem Drama an.

Handkolorierte Gravure (von Carl Friedrich Schröer) des «Habit de Pescheur» von Nicolas II de Larmessin, geschenkt an RW, 30. Juni 2025

 

Treffen im Zeit- und Raumkontinuum

Echte Brillantaugen, also Milliarden, Millionen Jahre alte Kohlenstoffkristalle, geschliffen, setze ich dem Keramikkopf ein, heb ihn auf ein grünes Glasväschen und stecke noch Stöpsel von Glasflakons aus Ägypten oder Marokko in die Öffnungen. Der linke Augen-Brillant hat einen  schwarzen Einschluss, mit der Lupe, fast schon mit dem bloßen Auge, sichtbar. Ein Kohlerelikt aus seiner Entstehungszeit? Der Juwelier würde die Reinheit mit Piqué II bezeichnen. Jeder Diamant ist ein einzigartiges Individuum, ich habe große Ehrfurcht vor den Kristallen.
Der älteste datierte Diamant hat ein Alter von circa 4,25 Mrd. Jahren, erfahre ich im Netz. Diamant ist reiner Kohlenstoff (C), eins der wichtigsten chemischen Elemente, das zur Entstehung von Leben notwendig ist. Im menschlichen Körper ist Kohlenstoff in den Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten enthalten. Gibt es in meinem Körper noch identische Kohlenstoffelemente, die ich von meinen Eltern und Vorfahren erhalten habe?
In SWR Wissen höre ich von Claudia Neumeier: Warum besteht das Leben aus Kohlenstoff?
Es gibt 118 chemische Elemente im Periodensystem. Von diesen 118 Elementen gehören nur 6 zu den Bausteinen, aus denen sich Lebewesen zusammensetzen: Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Phosphor und Schwefel. Kohlenstoff ist mit Abstand der wichtigste dieser Bausteine. Zwar besteht der menschliche Körper zu etwa 60 Prozent aus Wasser, aber beim eigentlichen organischen Material, bei den Zellen, den Proteinen, der DNA spielen Kohlenstoffverbindungen die Hauptrolle. Sie bilden das Gerüst, das alles zusammenhält…
Ich habe gelernt: Bei der menschlichen Fortpflanzung geben beide Elternteile in den meisten Fällen je 23 Chromosomen an das Kind weiter. Desoxyribonukleinsäure, kurz DNA, besteht, vereinfacht gesagt, aus Zucker, Phosphat und Basen. Desoxyribose ist ein einfacher, aus fünf Kohlenstoff-Atomen (!) bestehender Zucker, der das Rückgrat des DNA-Strangs bildet. Also gaben mir meine Eltern ihren Kohlenstoff mit.
Ich rechne mein Alter in die Mit-Eltern- und Elternlose-Zeit. Ich durfte die Mit-Eltern-Zeit fast siebenundsechzig Jahre leben. Eltern erscheinen des Nachts in den Träumen und sind so auch nach ihrem Tod anwesend. Also ist die Traumzeit noch eine andere Zeitdimension. Eine zusätzlich geschenkte Zeit, in der die Erinnerungen gespeichert werden und nach geheimnisvollen Gesetzen neu kombiniert werden.

Neue Kombination aus grünglasierter Keramik mit Brillantaugen auf grünem Glas, Sammlung RW, Fotografie RW am Sommersonnenwendetag 21. Juni 2025

Das Meer im Stein

In den Morgenstunden träumte ich vom Meer – mit einer anderen Person, die mir vertraut war, beobachtete ich die blaugraue See. Mehrere Boote und Schiffe waren unterwegs. Wir standen sehr nah auf dem gemauerten Kai. Die Wellen wurden heftiger. Ein langes Schiff wie eine Fähre, gefüllt mit Personen und Fahrzeugen – rot, rot war es – schob sich durch das Wasser. Dann wurde der Sturm so stark, dass es heftig auf und nieder tanzte in den steigenden Wogen bis sie gewaltig über das ganze Schiff klappten und es verschwand. Kurz zuvor hatte ich noch einen laufenden, dunklen, sehr großen Menschen an Deck gesehen.
Am Frühstückstisch las ich in der FAZ ein fragmentarisches Gedicht von Thomas Mann.

Ich bin ein Bergmann

Ich bin ein Bergmann in der Seele Schacht
Und steige still und furchtlos dunkelwärts
Und seh‘ des Leidens kostbar Edelerz
Mit scheuem Schimmer leuchten durch die Nacht …

Diese Zeilen erscheinen im 23. Kapitel seines «wildesten Romans», dem Doktor Faustus von 1947 schreibt Mathias Mayer in der Frankfurter Anthologie der FAZ. Sofort funkelt bei mir die Verbindung mit der 23, und weiter auch meine Steine, die aus den Tiefen der Berge stammen. Das Edelerz, Silber und Gold schimmern in meinen Kästen und in der Nacht und im Dunkeln leuchtet das Leiden und im Traum wird es wahr und der Träumende wird stets gerettet, darf furchtloser Betrachter sein. Ich finde mein stürmisches Meer abgebildet im Stein aus der Tiefe und füge alles zusammen.

Achat, wohl aus Brasilien mit Feder- oder Wellenfiguren, Sammlung RW, Fotografie RW, 7. 6. 25

Zeit

Ein Steinschneider hat dieses Bildnis einst aus einem Lagenstein geschnitzt. Ein Goldschmied hat es in den Rahmen gesetzt, verziert mit einer Schleife und 38 Naturperlchen im Verlauf. Auf der Rückseite hat das Medaillon noch ein Fach, aber die Glasscheibe fehlt, so dass keine Haarlocke, kein Stückchen Stoff, kein Zähnchen untergebracht werden kann. Die Abgebildete ist sicher nicht als Porträt einer wirklichen Frau gedacht, sondern als Sinnbild für Anmut, Schönheit und Jugend. Der indische Prinz empfindet das Bild als sentimental, aber merkwürdigerweise hat es für ihn nichts Klischeehaftes, sondern das Mädchen scheint, obwohl im Profil, wirklich zu schauen. Sein Ausdruck ist lebensnah. Der indische Prinz hat es wegen der Perlen Margarete genannt, wie aus einem alten Märchen entstammend.
Der Lagenachat wurde gefärbt, so dass die untere Schicht tiefschwarz erscheint und die weiße Schicht etwas grünlich gräulich, nicht kaltweiß. Die Kamée ist schwer, auch das Gold wiegt schwer. Ein kostbares Stück, meint der indische Prinz, aber teuer war es nicht. Oben an der Haube des Mädchens scheint ein kleines Stück der Schleife abgebrochen zu sein, das fällt aber kaum auf. Am unteren Rand des Rahmens ist noch eine alte Abhängung vorhanden, wahrscheinlich hing dort eine größere Perle. Der indische Prinz hat die Kamée im Hunsrück bei einem Antiquitätenhändler gekauft. Dieser konnte aber nichts zu ihrer Herkunft und Entstehung sagen. Wahrscheinlich wurde sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Idar Oberstein geschnitten, dann nach Frankreich importiert, um in Rouen oder Paris gerahmt zu werden. Der indische Prinz dachte an den berühmten Goldschmied Alexandre-Gabriel Lemonnier, der an der Place Vendome sein Geschäft hatte und Hoflieferant Napoleons III. war. Er gab zu – ein bisschen sehr hochgegriffen – aber französisch kam ihm das Schmuckstück schon vor, er hatte ein Vergleichstück bei einer Pariser Schmuckhändlerin gesehen, natürlich viermal so teuer.

Gemme in Lagenachat mit Goldrand und Perlen auf Travertin, Sammlung RW, Fotografie RW, 1. Juni 2025

Der alte Travertino

Einen Stein habe ich mir gesichert aus dem alten Haus Dorgarten. Es ist ein Kalksinter, vielleicht ein Travertin aus Tivoli, den ich von Bauwerken in Rom kenne, seine Herkunft werde ich noch genauer erforschen. Ein Calciumcarbonat, das aus Süßwasserquellen als Quellkalk ausgefällt wird. Ein recht junges Sediment-Gestein aus dem Quartär, also höchstens 2,6 Millionen Jahre alt. Oft bilden sich bei der Ausfällung Pflanzenstrukturen ab. So haben wir als Kinder die Steine auf der unteren Terrasse in Haus Dorgarten nicht nur betrachtet, sondern auch mit unseren Händen befühlt und gespürt, dass manche kühl, andere eher warm waren. Den Travertin nannten wir versteinertes Stroh und hatten damit gar nicht so unrecht. Viele Halme sind an der Oberfläche meines Steines zu sehen. Der Stein war, als wir im Winter 1958 mit der fast achtköpfigen Familie (das sechste Geschwisterchen war unterwegs) in das große Haus zogen, hell, frisch und graugelblich. In den Wänden der Terrasse verbaut mit anderen wunderbaren Steinen, allesamt als quergelagerte längliche Quader in schöner Abwechslung. Ich erinnere mich an rote und grüne Sandsteine, fossilienreiche graue Kalke, sehr weiße Kreidesteine, aber auch an dunkelgrauen Balsalt. Als wir in diesem Frühling uns alle sechs trafen, kamen wir auch an dem lange verlassenen, großen Haus vorbei und sahen, dass dort jemand auf der oberen Terrasse herumging. Es war der Abrissunternehmer, der uns zum letzten Mal ins Haus ließ – und wir baten ihn, uns einige Steine zu retten. Erzählten ihm, dass ein Steinmetz das Haus hatte bauen lassen – eine Schwester behauptete, das sei in den 20er, 30er Jahren gewesen. Wir wissen es nicht, das Internet gibt nichts preis. Hatte unser Vater nicht erzählt, dass die ehemaligen Bewohner des Hauses in den 60er Jahren einmal am Gartenzaun standen und sehen wollten, wer denn die neuen Bewohner seien? Nun, als wir zwei lange Quader Travertin vor dem Zermahlen gerettet hatten, brachten wir sie zu einem Steinmetz und ließen sie in sechs Schnittlinge sägen. Die Oberfläche der Steine war voller Hochofenruss und Industriestaub schmutzig und dunkel geworden. Wie oft war der Himmel im Westen hinter dem Haus zum Hütten-Abstich rot aufgeflammt und der Russ lag im Herbst auf den reifen Früchten der Pflaumen- und Apfelbäume des großen Gartens… Der Steinmetz hat den Stein nicht nur geschnitten, sondern auch gereinigt, so dass nun die hellen Farben wieder zum Vorschein kommen. Ich setze heute sechs meiner neuen grünglasierten Keramiken auf den alten Stein und lasse sie im Chor etwas singen.

Grünglasierte Keramik auf Travertin, Sammlung RW, Fotografie RW, 28. Mai 2025

Wohin

Sollte ich auf Reisen meine Gewohnheiten ablegen? Den Tag anders einteilen als in vertrauter Umgebung? Muss ich jeden Tag zum Meer hinuntergehen, durch die Dünen streifen? Die Böen des Winds erzählen mir etwas anderes: Bleib im gemieteten Haus, leg dich ins Bett auf die zu weichen Matratzen, oder aufs Sofa mit den albernen Kissen. Vergiss die Aufgeregtheit in der Brust und höre die Spatzen schimpfen, die Möwen lachen und beobachte ihren Flug durchs offene Fenster. Und stell dir vor –  dann wirst du bald und zwar in südlicher Richtung an der letzten Treppe zum Strand eine Nachtigall hören, die schon am Mittag zwischen Krüppelkiefern und Heckenrosen singen wird.

Mokkalöffelsammlung im Museum in Bergen Noord-Holland, Fotografie RW, 21. Mai 2025

Der Blick aus dem Fenster

Ein Fenster im zweiten Stock des Goethe Museums zu Düsseldorf ist vor der Lesung von Hanns Joseph Ortheil geöffnet. Als ich den großen Raum mit der Porzellansammlung, wo man Stuhlreihen aufgestellt hat, betrete, zieht  mich das Fenster mit der unbekannten Perspektive sofort an und ich halte es fest mit einem Foto. Am späten Nachmittag scheint die Sonne direkt aus Richtung Südwest hinein. Draußen flanieren Paare auf der Seufzer-Allee im nahen Hofgarten, das intensive Maigrün der Lindenbäume möchte nach draußen zum Spaziergang locken. Genau mit diesem Anreiz beginnt Ortheil seine Lesung, warum man denn nicht draußen sei im Grünen, das hätte man sich nun selbst eingebrockt, dasss man hier sitze und ihm zuhören müsse. Er liest aus seinem Buch «Nach allen Regel der Kunst – Schreiben lernen und lehren». Was ich mir für mich allein während der Lesung merke: zur Arbeit am Text – sprich nicht mit einem Geschmacksurteil darüber, das hast du jetzt aber schön oder besonders innig gesagt, eine gute Atmosphäre beschrieben – sondern befrage unmittelbar die Gestalt des Textes, wie könnte das Geschriebene noch anders lauten, welche Worte kann ich ändern, Satzteile umstellen. Mal sehen, was passiert, wenn ich ein und dasselbe Motiv mehrmals niederschreibe.
Das Bild vom Fenster, an dem Goethe in Rom steht, gezeichnet von seinem Künstler-Nachbar Tischbein, ist ein intensiver Anreger. Goethe blickt hinunter auf den Corso. Draußen findet das Leben statt. Wir sehen es nicht. Er sieht es und wird darüber schreiben. Als Rückenfigur schlank und lässig, steht er im Kontrapost, stützt sich auf. Den Kopf leicht nach links gewandt, schaut er nach unten. Dieses Beobachten, das Schauen ist das Größte – Ortheil nimmt diese wunderbare Zeichnung in sein Buch auf und bietet sie uns im Goethe Museum als ein Juwel – der Blick aus dem Fenster – was kann da alles noch erscheinen, was mag kommen. Ortheil ist dies seit Kindertagen nah. Er beschreibt oft, wie er als kleiner stummer Junge, stundenlang am Fenster stand in der Kölner Wohnung aus Kindheitstagen. Allein ist er – draußen spielen Kinder, gehen Leute einkaufen, fahren zur Arbeit. Ich kenne das Fenstergefühl sehr gut. In meiner Jugend stand ich mit meinen Geschwistern so oft am Südfenster des großen Hauses an der Landstraße. Wir warteten angstvoll auf die Rückkehr des Vaters oder schauten voller Verlangen die Straße entlang, was sich in der großen Ferne wohl alles noch ereignen mag.

Fensterblick, Goethe Museum Düsseldorf, Fotografie RW, 9. Mai 2025
Johann Wolfgang von Goethe am Fenster in Rom, Aquarellzeichnung des deutschen Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein aus dem Jahr 1786/7, Frankfurt

Ankunft der Mauersegler


Du musst doch nicht weinen, nur weil die Mauersegler endlich wieder da sind, heute ausgerechnet am Walpurgistag ankommen! sagt sich die steinalte Sophia und geht vom Balkon aus in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Bevor sie trinkt, schaut sie in die Tasse und die Crema schenkt ihr ein Lächeln, da hat sie schnell ihre Rührung vergessen. Wie treu doch die Natur ist – jedes Jahr kommen nicht nur die Blüten und Blätter, sondern auch die weitgereisten Mauersegler wieder. Erst drei hat sie heute gesehen. Gestern hörte sie schon einmal ihr langgezogenes, typisches Ziepen. Was sie aber ärgert, sind die Krähen, die seit vorigem Jahr auch dieselbe Stelle am Dach anfliegen, an der die Mauersegler ihren Unterschlupf auskleiden wollen. Die Krähen aber fliegen weiter, noch über den First. Es ärgert mich trotzdem, ihre viel größeren Schwingen könnten bald die ersten Flugversuche der Jungen stören.

Kaffeetasse mit Crema-Smilie und Selbstporträt im Kaffeelöffel, Ankunft der Mauersegler am Rhein mit Krähe, Fotografien RW, 30. April 2025

Der indische Ring

Zu fünft haben wir alles gewogen. Den Durchmesser der Steine erfasst. Sorgfältig haben wir notiert, wie der gestiegene Goldpreis sich auf jedes Schmuckstück auswirkt. Wir betrachten Ringe, Armbänder und Ketten aus dem Erbe. Der indische Prinz hat einen goldenen Ring mit hoher Legierung ins Spiel gebracht. Er hat ihn von einem unbekannten Großonkel aus Mumbay. Er soll aus den 1960er Jahren stammen, obwohl der indische Prinz in ihm die traditionelle orientalische Ringform sieht, die über Jahrhunderte schon in seinem Heimatland existiert und bei Hochzeiten getragen wird. Die Zahl 800 ist außen auf der breiten Schiene punziert und die Buchstaben AW. Der indische Prinz sagt zur steinalten Sophia: Ein AllerWertester Freund soll der Ring mir sein. Drei Rubine, zwei Opale, zwei Turmaline und ein Saphir gruppieren sich um einen großen Diamanten. Dieser hat eine Scharte unter einer Krappe, er ist leider beschädigt. Trotzdem leuchtet er in der Mitte, ein Anderthalbkaräter von schönem Weiß und siehst du, wie er im Sonnenlicht funkelt? Ich weiß, dass der Onkel ihn aus einem Nachlass geschenkt bekam. Woher kommt er ursprünglich, wer hat ihn in Auftrag gegeben, war es ein Kaufmann aus Jaipur, oder ein Gelehrter aus Kolkata? Die goldene Ringschiene ist ein so schöner Blattträger, ein goldener Bogen, auf dem alle Steine Indiens versammelt sind, um den Diamanten wie in einer Krone zu tragen. Sophia meint: Oder anders – sie drehen sich wie die acht Planeten um ihn als Sonne. Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun und der Sonnen-Diamant ist mit acht Krappen gefasst.
Eine Freundin von Sophia mochte das Schwärmen um den Ring nicht. Der Gedanke, wie viele Menschen ihn schon getragen haben könnten, in welchen Situationen und bei welchen Ereignissen, ekelte sie geradezu. Sie dachte an die Briten, die als Kolonialmacht seit dem 18. Jahrhundert mit den Edelsteinvorkommen Indiens handelten. Die größten indischen Diamanten und Edelsteine zieren bis heute britische Kronen und Diademe. Eine andere Freudin aber behauptet: Der Ring hat rein gar nichts mit Indien zu tun, selbst wenn er einst dort verschenkt wurde. Dafür spricht die Punzierung 800 – im Ausland muss stattdessen 20 oder 22 Karat auf der Schiene stehen. Und AW ist das Kürzel von Albert Weißhaupt, einem bekannten Goldschmied aus Idar-Oberstein. Die Kordelverzierungen und auch die breite Schiene zeugen deutlich von einem Entwurf aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Wahrscheinlich hat man einen großen, antiken Diamanten, der beim Ausfassen aus altem Zusammenhang beschädigt wurde in diesem Ring verbaut und das in der Wirtschaftwunderzeit, in der das Protzen wieder erlaubt war. Das einzig Seltsame ist aber, dass die Punzierung außen auf der Ringschiene sitzt.

Goldring mit Edelsteinen auf dem Foto der Königskrone von Ludwig XV. mit dem großen Regent-Diamanten aus Indien. Fotografie RW, Sammlung RW, 25. April 2025

Der Heilige Hieronymus sieht das Kreuz

Im Museum Küppersmühle in Duisburg sind sehr viele Zeichnungen des Malers Siegfried Anzinger ausgestellt, alle aus dem letzten und vorletzten Jahr. So blitzen mir auf fast allen Zeichnungen meine Zahlen 23 und 24 entgegen und immer verbunden mit dem A. Der Löwe, fast auf jedem Blatt, (auch mein Sternzeichentier) ist das ikonografische Tier des Heiligen. So sagt die Legende, das der Heilige dem Löwen einen Dorn aus dem Fuß entfernte, worauf das wilde Tier sein zahmer Begleiter wurde. Ich bin sofort sehr angezogen von den vielen Zeichnungen, freue mich darüber, dass Anzinger dem Löwen eine hinreißende Mimik gegeben hat, als wenn er die verschiedenen Tätigkeiten und Verfassungen des Heiligen kommentieren wolle. Aus über 600 Arbeiten von Anzinger zum Heiligen Hieronymus sind 104 Zeichnungen auf Papier und 18 auf Leinwänden, die auch blasse Farben tragen, ausgesucht worden für diese Ausstellung. Mir scheint, dass Anzinger den Heiligen nicht nur als Gelehrten, Asketen sondern auch als Künstler sieht, fast immer hat er Papier und Stift dabei, sicher um zu schreiben, aber vielleicht auch um zu zeichnen. Und manchmal verlässt der Heilige die Askese und trinkt Wein, auf einer Zeichnung liegt vor ihm die leere Flasche. Hieronymus begegnet auch Christus als Person, der am Fensterkreuz (!) hinter ihm stehend die Wundmale zeigt, der Heilige sieht ihn nicht, bleibt über seinen Studien, seine Bücher auf einem Totenkopf aufgelegt. Auf einem anderen Bild geht Hieronymus lesend hinter einer Mauer entlang, im Vordergrund ein Garten, in dem Christus der Frau am Brunnen erscheint. Der Auferstandene hebt seine fast brennende Hand gegen die Verschleierte – Noli me tangere. Im Blatt oben sind Löwe und Heiliger im Wald und entdecken erschrocken das kleine Kruzifix zwischen den Ästen. Wie die Erscheinung des heiligen Hubertus, der das Kreuz im Geweih des Hirschen sieht.

Geronimo, Siegfried Anzinger, Musum Küppersmühle Duisburg, bis 4. Mai 2025, Fotografie RW April 2025