Der indische Prinz ist verliebt. Und zwar in einen Nachfahren des Alchemisten und Glasmachers Johann Kunckel. »Die Wahrheit ist mein Ziel, die guten Künst‘ mein Spiel.« ist dessen Wahlspruch, er ist Verfasser der Schriften zur Glasmacherkunst »Ars Vitraria Experimentalis« von 1679 und Entwickler eines verbesserten Goldrubinglases. Der Nachfahre heißt allerdings Jan Kunkeln, aber immerhin, der Name seines berühmten Vorfahren aus dem 17. Jahrhundert ist noch zu erkennen. Jan Kunkeln ist Künstler, kein Bildhauer im üblichen Sinne, sondern ein Rätselsteller. Er baut aus Glas, Porzellan und Steinzeug Figuren, die gut in ein Kabinett seltener und kostbarer Dinge passen. Mal ähneln sie Naturdingen, mal technischen Objekten. Seine letzte Arbeit ist eine Kuppa aus Goldrubinglas, auf einem kupfernen Sockel angebracht, der einem Wurzelstück ähnlich sieht. Aus der Kuppa ragen metallene Bögen hervor, diesmal aber aus glänzendem Messing, die wiederum in Glasaugen enden. Der indische Prinz kritisiert das Objekt, es sei zu nah am Kitsch der Wunderkammerdekoration, die man heute, besonders in den Niederlanden, in zahlreichen Style-und-Living-Deco-Stores findet. Wütend und verunsichert schlägt Jan Kunkeln das Objekt im Beisein des Prinzen mit einem Krummhorn entzwei. Das Krummhorn bricht, die Glasaugen splittern. Der indische Prinz ist entsetzt, aber nicht über die zerstörten Dinge, sondern über die Reaktion seines Freundes. Jetzt kannst du das schöne alte Krummhorn nicht mehr spielen, sehr schade, unwiederbringlich zerstört. Wortlos verlässt Jan Kunkeln den Raum, sein Haus und die Straße. Am Rhein versucht er sich zu beruhigen. Als er wiederzurückkehrt, ist der indische Prinz nicht mehr da. Nach drei Tagen bekommt der Künstler ein kleines Paket. Darin findet er ein Briefchen vom indischen Prinz und einen Silberring mit den Initialen JK. An der Schiene hat der Jugendstil-Ring auf beiden Seiten eine plastische Verzierung in Form von Ginkgo-Blättern und -Früchten, ist signiert mit dem Juwelierszeichen von Gustav Hauber. Jan Kunkeln freut sich nur bedingt über den Ring, er trägt keinen Schmuck, ihn stört das bei der Arbeit. Nach einer Weile kehrt er zu seinem Arbeitstisch zurück und steckt die am Rhein gefundenen Holzstücke in die Rubinglas-Kuppa, schneidet aus einer Illustrierten viele Augen aus, die er auf die Äste klebt. Jetzt ist er zufrieden und will bald dem indischen Prinzen die neue Version seiner Arbeit zeigen. Den Ring schenkt er seiner Freundin Klara Jenner, auf dass sie ewig an ihn denke.
