Nicht nur ein Jahrhundert, sondern auch ein Jahrtausend

In der Nacht fällt der steinalten Sophia ein: Ich habe in meinem Leben nicht nur schon eine Jahrhundertwende erlebt, sondern auch eine Jahrtausendwende. Das ist doch ein bedeutendes Ereignis für einen Menschen. Seit der Wende vom Jahre 999 zu 1000 ist dies nur einmal geschehen. Alle bedeutenden und unbedeutenden Menschen, die in der Mitte eines Jahrhunderts geboren wurden, haben vielleicht eine Jahrhundertwende erlebt. Jemand der 1900 geboren und biblisch alt wurde, also etwa 1999 starb, hat weder eine Jahrhundertwende erlebt und schon gar nicht eine Jahrtausendwende. Da habe ich nun ein Mehr zu verbuchen als Goethe, Schiller, Bach, Händel, Mozart, Beethoven, Leibniz, Kant, Dürer, Holbein, Rembrandt, Vermeer, Picasso, Manet, meine Großväter und Großmütter und als alle Menschen, die zwischen 1000 und 1900 lebten.
Ende des Jahres 999 n. Chr. habe die Menschheit Angst vor dem Weltuntergang und dem Jüngsten Gericht gehabt. «So wusste der burgundische Mönch Rodulfus Glaber vom Jahr 999 Schreckliches zu berichten: Die Angst der Menschen war so groß wie nie zuvor. Blutrote Kometen drohten am Himmel … Manch einer glaubte, Heere von Teufeln in den Wolken zu erspähen. Weil sich zu dieser Zeit die Geburt unseres Herrn Jesus Christus zum tausendsten Male gejährt hatte, wurden all diese Erscheinungen als Zeichen für den nahen Untergang der Welt genommen. Überall füllten verstörte Christen die Kirchen, verkauften ihr Hab und Gut, bereuten ihre Sünden.»
«Zitterte die Christenheit an der Jahrtausendwende 999/1000 wirklich vor dem Weltuntergang? Ein schöner Mythos. Denn die meisten Menschen wussten gar nichts von diesem besonderen Jahreswechsel.» Nur in Gelehrtenkreisen wurde die Zeitrechnung seit Jahrhunderten erforscht und immer wieder neu berechnet. Zu diesen Gelehrten gehörten zur Jahrtausendwende der aus Frankreich stammende Papst Silvester II., Astronom, Philosoph, Mathematiker und Dichter und der römisch-deutsche Kaiser Otto III. Sie waren zwei bedeutende Menschen, die um 1000 «an der Spitze der Christenheit standen» und an einer «Erneuerung des gesamteuropäischen Christentums» arbeiteten.
Ich finde meine eigene Zeit für ein ganz persönliches Jüngstes Gericht und eine eigene Seelenwaagerei mit dem heiligen Erzengel Michael, sagt die steinalte Sophia, denn im Matthäus Evangelium steht geschrieben: «Seid also wachsam! Denn ihr wisset weder Tag noch Stunde, in welcher des Menschen Sohn kommen wird.» (Matthäus, 25,13)

Baum mit sieben Kreuzen, glasierte Keramik mit Schmuckkreuzen und metallischen Rheinfunden, Sammlung RW, Fotografie RW, 5. September 2026
Zitate aus JAHRESWECHSEL 999/1000 „Die Angst der Menschen war so groß wie nie zuvor“ Von Jan von Flocken, Veröffentlicht in der WELT, 30.12.2015